In der Bibliothek des Ausdrucks

David Foster Wallace stellt seiner Rede vor der Abschlussklasse des Kenyon College eine Parabel voran: Zwei junge Fische treffen einen älteren Fisch, der sagt: „Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die jungen Fische erwidern nichts, schwimmen weiter. Schließlich fragt der eine den anderen: „Was ist Wasser?“
Wollte man nun das Wort „Wasser“ gegen „Klang“ tauschen, landete man bei Musik. Klang scheint immer da zu sein, ohne dass man nach seinem Wesen fragt. Dennoch – fragen muss man.
Also: Was ist Klang?

Zehn Jahre sind seit ECMs und Jon ­Hassells Album „Last Night the Moon Came Dropping Its Clothes in the Street“ vergangen. Die Aufnahme „Lost River“ (ECM), die du im Trio mit dem Gitarristen und Elektroniker Eivind Aarset sowie Gianluca Petrella an der Posaune eingespielt hast und die Hassells Stimmungen evoziert, ist eher, um es zeitgeistig zu fassen, eine entschleunigende Aufnahme. Alle Stücke sind zudem mit Titeln versehen, die allesamt was mit Wasser zu tun haben.
Das war Eivind Aarsets Idee, obwohl es ­eigentlich ein gemeinsames Projekt von Eivind und mir ist. Wir haben Manfred ­Eicher diese Aufnahme vorgeschlagen. Der wiederum schlug vor, noch einen Gast dazuzunehmen: Zur Gitarre und Percussion passe doch noch ein Melodieinstrument … So brachte er Gianluca Petrella ins Spiel, mit dem ich aber auch schon länger zusammenspiele. Eivind hat die Aufnahmen durchgehört und schickte mir eines Tages eine E-Mail: „Mich erinnert das an Wasser.“ Und dann hat er sich Titel der einzelnen Stücke überlegt.

Mit welchem Ansatz seid ihr an die Sessions herangegangen?
Wir haben im Laufe der Zeit eine gemeinsame Duo-Sprache entwickelt. Ich benutze viel Elektronik und Eivind ja auch. Wir gestalten die unterschiedlichen Timbres aus, arbeiten mit ganz verschiedenem Material. Als wir ins Studio kamen, haben wir uns zu fokussieren versucht, da wir nur zwei Aufnahmetage hatten. So ist der Großteil der Stücke improvisert. Die Platte besteht aber auch aus Kompositionen und Vorab-Ideen. Ein Stück hat Eivind mitgebracht, eins ich, und eines haben wir gemeinsam komponiert. Alles Übrige ist frei improvisiert. Wir fingen mit einer Idee an, einer rhythmischen oder thematischen, haben aufgenommen und geschaut, was weiter. Manfred hat uns natürlich mit seinem unglaublichen Wissen über Musik und Raum sehr geholfen. Für mich ist er ein Mitglied der Gruppe, genauso wie unser Toningenieur Stefano Amerio. Wir arbeiten ja hauptsächlich mit Klängen. Wenn wir also einen guten Sound im Studio oder auf den Kopfhörern haben, ändert sich vieles sofort. Eigentlich sind wir also eine Art Quintett. (Lacht.)

Wie muss man sich die Arbeit an den spontan kreierten Stücken denn konkret vorstellen?
Die entstanden aus dem Moment heraus. Wir haben Ideen hin und her gewendet, uns dann gesagt: Hey, hiermit sollten wir jetzt weiterarbeiten. Aus manchen Stücken haben wir am Ende vier oder fünf Minuten herausgeschnitten, die uns am spannendsten erschienen.

Gab es auch Overdubs, nachträgliche Bearbeitungen?
85 Prozent dessen, was auf der Platte landete, wurde live eingespielt. Wir haben wenig verändert, lediglich ein paar zusätzliche Sounds dazu getan, waren immer alle gemeinsam im Studio, hatten dort unseren Spaß. Live können wir den Charakter der Musik viel mehr variieren. So kann es mal eher eine Rock-Nacht werden, dann auch wieder ein Ambient-Abend. Ideen können da noch spontaner ausgelotet werden. Es gibt aber auch Abende, da ist alles komplett frei improvisiert.

Wie hast du Eivind Aarset kennengelernt?
Zum ersten Mal traf ich auf ihn, als er im Trio mit Paolo Fresu und Dhafer Youssef auftrat. Das war auf einem Konzert in Rom, vor vielen Jahren. Ich habe mich sofort in seinen Sound verliebt (lacht). Ihn auch gleich gefragt, ob er für einen Gig verfügbar wäre. Er war. Und seitdem haben wir viele Gelegenheiten gehabt, gemeinsam in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen zu spielen. Mittlerweile gehören wir beide etlichen Gruppen an, zum Beispiel Unbroken mit Jan Bang und einem Streichtrio.

Was genau ließ dich in Eivinds Sound verlieben?
Er hat seine eigene Stimme. Ich fühle sofort eine Verbindung Musikern gegenüber, die ihre eigene Stimme gefunden haben. Beim ersten Mal war er ganz in seiner eigenen Welt. Er hat ein Gefühl für den richtigen Sound und kann enorm warm spielen, im nächsten Moment aber ist alles verzerrt und überdreht. Dass er das alles zusammenbringt, gefällt mir wahnsinnig gut. Er lässt keine Grenzen zu. Als Mensch ist er sowieso ein Engel. (Lacht.)
Mit Gianluca Petrella hast du vorher gearbeitet. Was machte ihn zum richtigen Partner in diesem Kontext?
Für mich ist Gianluca einer der interessantesten Musiker meines Landes. Er ist sehr offen, spielt einerseits Jazz, wie mit Enrico Rava, hat andererseits aber auch einen Zugang zu DJ-Produktionen und ähnlichem. Er arbeitet sich immer in die Musik hinein. Sein Ansatz an der Posaune ist sehr speziell. Erst mit ihm wurde dieses Projekt zu einem Trio. Dies ist ja nicht mein Projekt, es ist unser Projekt. Gianluca passt perfekt dazu, weil er wirklich zuzuhören versteht. Bei uns gibt es keine Egotrips. Zum Glück! Keiner von uns musste lange reden, wir haben einfach gespielt. Eivind und ich nutzen die Möglichkeiten sowohl elektronisch als auch akustisch zu spielen aus, die Posaune rundet alles ab. Mir hat besonders die Idee gefallen, dass die Posaune Melodielinien spielt, aber auch mit unseren Soundtexturen interagiert.

Manchmal erinnert Petrellas Sound an eine Trompete oder ein Flügelhorn. Er hat ein ungemein breites Spektrum an Klangfarben.
Genau. Er setzt die Elektronik anders ein als Eivind und ich, viel weiter gefächert. Eivind arbeitet viel mit Pedalen und seinem Computer. Gianluca hat da eher einen Vintage-Geschmack für Sounds. Es sind Sounds, die aus der vordigitalen Ära kommen. So passt das fantastisch. Wir bespielen nicht alle dasselbe Feld.

Wie kamst du als Schlagzeuger zur Verwendung von Elektronik?
Dazu muss ich erst einmal sagen, dass ich mich nicht als Schlagzeuger verstehe (lacht). Ich habe mich nie sehr tiefgehend mit dem Schlagzeug als Instrument beschäftigt, eher als Klangerzeuger. Zuhause nehme ich manchmal mit Gitarre auf, benutze manchmal nur ein einziges Becken. Ich versuche, die Lücken mit Sounds zu füllen. Die Elektronik erweitert in gewisser Weise meinen eigenen Sound. Dafür verwende ich die Drums oder irgendwelche metallenen Objekte, Felle oder eine table guitar. Ich arbeite auch mit analogen oder modularen Synthesizern, was Sounds zu entdecken hilft. Ich benutze auch Computer. Aber am Besten gefällt es mir, wenn ich auf die Bühne komme und mit dem, was sich dort befindet, in Aktion trete. Wenn es nicht gerade Tanzmusik ist, gehe ich nicht gerne auf Konzerte, wo vorne nur zwei Leute mit ihren Laptops stehen, aus denen dann auf Tastendruck die ganze Musik kommt. Da fehlt mir die Interaktion, die Emotionen, das Persönliche. Ich arbeite sehr viel mit Theatern und Tänzern zusammen. Da geht es um Ausdruck. Ausdruck ist auch immer Klang. Und dieser Klang kann auf anderes übertragen werden. Aber der Ausdruck ist der Kern von allem.

Wie bist du zu dieser Denkweise gelangt?
Es ging recht konventionell los. Ich habe klassisches Schlagwerk studiert. Mein Bruder hatte aber eine Band, in der ich gespielt habe. Alles also nicht spektakulär. Dann sind zwei Dinge geschehen: Das eine war, dass ich ein Trompetensolo von Miles Davis gehört habe. Ich weiß nicht mehr, bei welchem Stück, doch er hat nur mit zwei Noten improvisiert. Zwei sehr lange Noten von Miles. Und der Sound war… Es war der Sound (lacht). Da hab ich mir gedacht: Mann, dieser Typ spielt nur zwei Noten und sagt damit alles! Spannung, Musik, Farbe, alles war da. Das war mein erster Ansatz für Klang, zu sagen: Mit wenig kann man viel mehr erreichen. Dann habe ich Musiker wie Nana Vasconcelos, Don Cherry, Paul Motion, Tony Oxley, Cecil Taylor gehört, die viel mit Sounds gearbeitet haben. So habe ich versucht eine Art Klangbibliothek zu schaffen, auf die ich zurückgreifen kann.

Die elektronische Musik hat sich seit den Siebzigern weiter entwickelt …
Ich hab mit Elektronik sehr spät angefangen. Wie bei allem wollte ich ganz bei dem Instrument sein, mit dem ich mich beschäftigte. Als ich mit Schlagzeug angefangen habe, faszinierten mich nicht die Kraftmeier. Ich wollte zu den Wurzeln. So habe ich Baby Dodds, Papa Joe Jones, Zutty Singleton, Gene Krupa und all die anderen, mit denen es begonnen hat, studiert. Dort habe ich echte Kreativität vorgefunden. Dadurch war ich aber auch nicht auf dem aktuellen Stand. Immer habe ich mich mehr in das vertieft, was vor meiner Zeit war. Mit elektronischer Musik war es genauso. Am Anfang habe ich die Pioniere studiert, Pauline Oliveiros, Xenakis oder Varese, Luciano Berio, Pierre Schaeffer. Zeitgenössische Musik. Heute gefallen mir Musiker wie Alva Noto, Byetone, ErikM, Robert Lippok, Kyoka, Franck Vigroux. Aber ich muss immer bei den Wurzeln anfangen und mich dann vorarbeiten. Heute benutzen viele Leute Elektronik. Als ich begann, war das nicht so. Es war schwer, spannende Ideen zu finden. Damals haben nicht viele Leute live mit akustischen und elektronischen Instrumenten gleichzeitig gearbeitet. Als ich dann vor zehn Jahren Eivind begegnete, war ich nicht vorbereitet auf das, was er machte: Plötzlich einen Gitarristen mit all diesen Pedalen und Computern vor sich zu haben! Das hat mich gepackt.

ECM hat in den vergangenen Jahren Produktionen mit eurer Art von Soundansatz verstärkt ins Portfolio aufgenommen. Seht ihr euch da als Teil einer neuen Strömung?
Die Idee ist mir noch nicht gekommen (lacht). Letztlich bin ich nur jemand, der was versucht, und ich bin sehr froh, dass Manfred uns dafür die Tür geöffnet hat. Nicht nur uns, sondern allen, die diese Art von Musik machen. Ich hoffe, dass die Tür offen bleibt, denn durch offene Türen, und das ist ECM ja immer schon gelungen, ist man seiner Zeit voraus. Man darf nicht ängstlich sein. Und Manfred ist angstfrei•