„Spielen als ob es das letzte Mal wäre“

Cecil Taylor

Der innovative Pianist, der Pionier des Free Jazz, eine der eigenwilligsten, kreativsten Persönlichkeiten des Jazz lebt nicht mehr. Aus diesem Anlass blenden wir auf zwei Interviews zurück, die Cecil Taylor 1966 in New York auf der Lower East Side in New York bzw.1984 im Hause der Tourneeveranstalterin Gaby Kleinschmidt in Durchhausen gab. Diese Ausschnitte sagen viel über den Jazz-Giganten aus, der wohlüberlegte Antworten auf Fragen gab, recht gesellschaftskritisch war und unbeirrt bis zuletzt seinen künstlerischen Weg ging.

1966, New York

Cecil Taylor wovon leben Sie eigentlich? Können Sie von der Musik, die Sie machen, Ihren Lebensunterhalt bestreiten?

Offen gestanden war es bisher immer ein Problem. Ich stand oft vor der Frage, entweder aufzuhören oder mir einen Job zu suchen, der es mir erlaubt, weiter zu machen. Erst in jüngster Zeit ist es mir gelungen, von meiner Musik leben zu können, ohne von meiner Familie oder von irgendwelchen Mäzenen unterstützt zu werden. Ich bin sehr glücklich darüber.

In Clubs haben Sie aber in letzter Zeit nicht mehr gespielt. Woran liegt das? Ist das Publikum desinteressiert?

Nein, im Gegenteil, das Publikum hörte meiner Musik immer sehr aufmerksam zu, die Reaktion war gut; nur schlug sich das auf den Umsatz in den Clubs nieder, das heißt die Clubgäste konzentrierten sich mehr auf die Musik als auf den Alkohol. Und das ist nicht im Interesse der Clubbesitzer.

Von Konzerten allein werden Sie aber nicht leben können?

Nein, soweit sind wir noch nicht. Aber ich konnte einen günstigen Plattenvertrag abschließen, der mir den finanziellen Rückhalt gibt, um die Musik machen zu können, die ich machen will – das erste Mal in meinem Leben.

Hoffentlich werden Sie auch nach Europa kommen.

Aber ja, denn die Platten werden überall erhältlich sein. Übrigens habe ich vor, noch in diesem Jahr selbst nach Europa zu reisen. Aber ich möchte meine eigene Gruppe mitbringen, um mich mit der Musik vorstellen zu können, die für uns wirklich repräsentativ ist. Wenn man einen Solisten mit eigenem Profil in meine Band hineinstellt, dann wird das Resultat eines solchen Unternehmens einfach nicht mehr für meine Musik stehen. Und auch nicht für die des Gastsolisten. Ich glaube auch, dass das Publikum, das wirklich anspruchsvoll ist, die Musik hören will, mit der sich der Musiker identifiziert. Ich finde, dass es eine Zumutung ist und nicht von musikalischem Fingerspitzengefühl zeugt, wenn Veranstalter oder Produzenten irgendwelche Musiker zusammenbringen wollen, die ihrer Ansicht nach für das Publikum attraktiv sind.

Wie würden Sie Ihre Musik umreißen?

Es ist bewusst organisiertes musikalisches Material. Musik muss logisch aufgebaut sein, und das ist in Bezug auf Struktur und verschiedene Gestaltungsformen bei uns der Fall.

Sie werden aber doch neben Ornette Coleman als Initiator der Entwicklung, die zum sogenannten Free Jazz führte, bezeichnet.

Man könnte meine erste Platte, die 1957 herauskam, etwa als einen solchen Anfang ansehen. Es hat sich wohl auch herumgesprochen, dass ich für die neue Musikrichtung mitverantwortlich zeichne. Ich möchte mich aber nicht mit der Meinung jener identifizierten, die unter dem Begriff Free Jazz unorganisierte Musik verstehen. Die Musik, die von mir ausgeht, unterliegt ganz bestimmten musikalischen Gesetzen.

Wie würden Sie die neue Musik definieren?

Ich würde nicht versuchen, die Musik von irgendjemandem zu definieren. Ich kann höchstens meine Ansicht darüber sagen, was vor sich geht. Bei der neuen Musik liegt das Gewicht nicht so sehr auf Akkorden und Tonarten, sie ist vielmehr auf tonale Zentren konzentriert, wobei die 32-taktige Liedform, wie man sie in der gängigen Musik kennt, völlig negiert wird. Zunehmendes Interesse an Klangvorstellungen, an einem reinen Sound ist kennzeichnend. Unter Free Jazz kann ich mir überhaupt nichts vorstellen. Je mehr man in die Musik eindringt, desto mehr spürt man, dass man eigentlich nichts Besseres tun kann, als sich an der Musik, die man macht, zu freuen. Andernfalls wird sie zur Arbeit. Das Definieren könnte man den Kritikern überlassen, aber die scheinen sich um die exakte Definition dieser Musik auch wenig Gedanken zu machen.

Sie haben Aufnahmen mit Steve Lacy, John Coltrane, Ted Curson, Archie Shepp gemacht. Wie wichtig sind Ihnen Plattenaufnahmen?

Man sollte das Aufnehmen von Platten nicht so wichtig nehmen. Wenn junge Musiker behaupten, das sei eine Chance gehört zu werden, sollte man ihnen als verantwortungsvoller Kollege sagen, dass es wertvoller sei, ihnen moralische Unterstützung zu geben, ihnen einen Platz in der Gemeinschaft zu schaffen und sie zum Weitermachen zu ermutigen trotz dieser vorwiegend feindlichen Umwelt. Ich bin nicht der Ansicht, dass 20-jährige Musiker unbedingt auf Platten herausgestellt werden müssen. In diesem Alter beginnt man erst wirklich mit der Musik, fängt erst an, eine eigene Stimme im Musikgeschehen zu finden.

Wie erklären Sie sich, dass Ihre schwarzen Landsleute so wenig Interesse an der Musik eines Ornette Coleman, Archie Shepp oder auch an Ihrer Musik zeigen? Als Zuhörer treten doch meistens Weiße in Erscheinung. Und warum hatte etwa demgegenüber ein Louis Jordan oder heute ein James Brown unter der schwarzen Bevölkerung so viele Anhänger?

Das liegt einfach daran, dass die einfachen Leute auf die Musik reagieren, die ihrem Leben entspricht. Und wie sieht dieses Leben aus? Sie hausen in Ghettos, haben eine schlechtere Schulausbildung, werden schlechter bezahlt. Sie wollen all das vergessen, wollen auch mal fröhlich sein und sind besonders empfänglich für eine Musik, die ihre Sinne anspricht. Unter anderen Lebensbedingungen würden sie sich auch für eine andere Art Musik interessieren.

Und was erwarten Sie von Ihrem Publikum?

Es soll vor allem zuhören. Und dann hofft man natürlich, dass das Publikum die Musik genauso empfindet, wie man sie selbst fühlt. Dabei ist es nicht so wichtig, dass die Zuhörer genau über die Struktur der Musik im Bilde sind. Entscheidend scheint mir dagegen zu sein, dass sie von der Musik bewegt werden. Ich möchte, dass sie ein Erlebnis haben, das ihnen bisher in der Art und Intensität unbekannt war.

1984, Durchhausen

In früheren Jahren litten Sie sehr viel stärker unter dem doch zumeist feindseligen Umfeld. Sie spürten wohl, dass eine ebenso feindselige, heftige Reaktion Ihre Energien beeinträchtigte. Aus dieser Erkenntnis heraus versuchten Sie mehr Gelassenheit zu erreichen.

Kein Wunder, wenn man die Gesellschaft betrachtet, zu der wir gehören, zumindest aus der wir entstammen. Wenn man etwa die merkwürdigen Widersprüche in ihr erkennt, die Verfahrensweisen der Kirche, der Rechtsprechung ermittelt, dann weiß man, dass sie auch nur Theorie sind und die Anwendung dieser Theorien lassen mehr als zu wünschen übrig. Mit zunehmendem Alter kommt auch die Erkenntnis, dass die Verantwortlichkeit, Freude zu geben, das Vergnügen des Einzelnen ist, niemand verlangt von jemandem das zu tun.

Sie sehen darin jedoch Ihre Lebensaufgabe?

Es wird zu einer persönlichen Angelegenheit, doch glücklicherweise gibt es mehr Musiker in Amerika und in Europa, die an der Ästhetik, die wir zusammenschmelzen und auszuweiten suchen, Interesse haben. Die derzeitige Phase erscheint mir auch die lohnendste in meinem bisherigen musikalischen Leben und zugleich die harmonischste, denn ich sehe eine Möglichkeit, in dieser Richtung weiterzumachen bis ich 90 bin und das wird dann meine absolut machtvollste Zeit sein. Ich bereite mich vor, um eine höhere Stufe des musikalischen, persönlichen, menschlichen Bewusstseins zu erreichen. Bei einem Menschen meines Temperamentes ist es ungeheuer wichtig, gelassen zu sein, denn in der Besonnenheit kann sich erst die Tiefe des wirklichen Wesens eines Menschen manifestieren – und daran gilt es zu arbeiten. Ich bin einer Gruppe von Musikern verbunden, deren Anliegen es ist, Musik zu machen, Musik von höchstem Rang, die beste Musik, die sie spielen können und jedes Mal, wenn du spielst, dann kann es das letzte Mal sein, somit gibst du alles.

Sie haben mit 16 Jahren das erste Mal Oscar Peterson gehört, und erkannten dabei, dass sie hart an sich arbeiten müssten. Jüngst gaben Sie mit Peterson ein Doppelkonzert in der New Yorker Carnegie Hall. Konnten Sie mit ihm ein paar Worte wechseln?

Ich hatte keine Zeit und Gelegenheit dazu, ich sah ihn nur kurz, aber ich hatte jemanden, der ihn beobachtete, als er mich spielen hörte. Offensichtlich verstand er nicht, was ich spielte, zumindest fand er kein Verhältnis dazu. Es ist wie überall in der New Yorker Carnegie Hall neulich: Die meisten Leute, die wegen Peterson gekommen waren, gerieten, als ich spielte, in Rage und verließen demonstrativ den Saal innerhalb der ersten Viertelstunde. Aber es blieben auch viele Leute sitzen und hörten zu. Und die sind es, die zählen.

Sicherlich sehen Sie sich als Glied einer Kette in der Tradition der Jazz-Piano-Spielweise. Insofern müssten doch auch Leute, die kommen, um Peterson zu hören, irgendwann einmal zu ihrem Spiel Zugang finden.

Sie können nicht hören. Und oftmals bedeutet die Anerkennung eines Künstlers seinen Tod. Wie überraschend, schockierend, stimulierend ist so mancher in seinen Jugendjahren und danach kann man fast alles, was dieser Musiker noch spielt, voraussagen. Aber jedes Mal, wenn er auftritt, hat er Riesenerfolge, was immer man auch darunter verstehen mag.

Wenn Sie nach all den Jahren harter Arbeit jetzt auch diesen äußeren Erfolg hätten, viel Geld mit Ihrer Musik verdienen würden, dann würden Sie doch trotzdem Ihre Konzeption nicht verändern, auch nicht auf der Stelle treten, sondern Ihre Ziele weiter verfolgen.

Ja und die Richtung geht in punkto Konzentration der spirituellen Energie, und sie bestimmt den schöpferischen Akt, den du vollbringst, der in Beziehung steht zu dir selbst als Mensch, zur Musik, die du spielst, und zu dem, was du erwählt hast, um dein Leben zu bereichern.

Und wie gelingt es Ihnen, die äußere und innere erstaunliche Kondition zu bewahren?

Wenn du einen bestimmten Punkt erreichst, dann fließt philosophisch und spirituell alles zusammen, so dass auch die Frage des Alters relativ wird im Hinblick darauf, wo deine schöpferisch treibenden Kräfte sind. Es hat sich auch in unserer Musik gezeigt, dass gewisse Musiker jenseits der 30 eigentlich so gut wie nichts mehr von Bedeutung spielen.

Oftmals wird aber so argumentiert, dieser oder jener Musiker würde sich zwar nicht mehr formal weiterentwickeln, doch habe das nicht unbedingt etwas mit der Substanz der Musik zu tun.

Die Weiterentwicklung sollte sich aber im Spiel zeigen. Ellington schien mir – und er erwies sich auch als diejenige Persönlichkeit – die großartigste Vorstellungskraft zu besitzen. Ich meine nicht, dass das generell erkannt wurde, aber es gab dafür zumindest immer wieder Anzeichen. Solange die Leute jene Musik mit dem Begriff „Jazz“ belegen, erweist sich das als Handikap. Wird damit eine innere Haltung, ein sozialer oder politischer Begriff impliziert? Es hat jedenfalls nichts mit den methodischen Verfahrensweisen zu tun, die diese Musik gewiss zum kraftvollsten Repräsentanten des kulturellen Klangs, den Amerika hervorbrachte, machte. Ob es nun bewusst oder unbewusst getan wird, fest steht, dass durch die Anwendung dieses verschwommenen Begriffs unserer Musik viel Kraft geraubt wird.

Für mich und für viele andere sind Sie der geborene Piano-Solist. In jeder Gruppe sind Sie die treibende Kraft, aus Ihnen brechen fortwährend so viele Komplexe Ideen hervor, dass Sie gewiss nicht auf Partner angewiesen sind.

Doch, was die Musik Ellingtons lehrt und was auch aus der afrikanischen Musik zu erkennen ist, ist, dass wenn du selbst die Quelle bist, du davon geben musst und wenn du das wahrhaftig machst, dann eröffnet sich als Belohnung dafür eine weitere kreative Welt, womit du auf weitere Weise Ideen spenden kannst. Das Zusammenspiel mit anderen Musikern erfahre ich immer wieder als etwas Wunderbares, wegen des Prozesses der Speisung mit Ideen und dem Interplay. Die Erfahrungen, die ich mit dem Solospiel gemacht habe, sind ebenfalls reine Freude. Aber dabei gilt es, dich selbst zu speisen und du musst das Material so vorbereiten, dass du davon musikalisch genährt wirst.

Wenn Sie allein spielen, ist dann viel der Musik zuvor erarbeitet?

Nein, der Prozess des Musikmachens ist der gleiche, jedoch muss ich mich mehr auf meine eigenen geistigen Kräfte verlassen und das kann ebenso zu einer herrlichen Erfahrung werden. Wenn du alleine spielst, dann weißt du, es bist du, es bist nur du, oder zumindest ein Teil von dir und es ist ein Stück des Weges zum Spirituellen.

Meinen Sie, dass Ellington in seinen letzten Lebensjahren mit seiner „sacred music“ jenes Stadium erreichte, das Sie in Ihrer Musik, die von spirituellen Kräften gesteuert wird, anstreben?

Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass Ellington mehr über die mystischen und magischen Elemente der Musik wusste, als alle anderen Menschen. Und er wurde zusehends weiser. Ich bin der Ansicht, dass Ellington noch immer nicht als der überragende Pianist erkannt wurde, der er zweifellos war. Doch man kann die Menschen nicht dazu zwingen, sich für magische Momente in der Musik zu interessieren.

Interviews: Gudrun Endress
Fotos: Karl-Heinz Bechholz

CD: Cecil Taylor „Conversations With Tony Oxley“, jazzwerkstatt JW 138