Jazz-Experimente und Orangenhonig

Tamara Lukasheva und Vadim Neselovskyi

Tamara Lukasheva: „Beim Musizieren geben wir Musiker alles und es wäre für mich eine Lüge zu sagen, dass mir die Reaktion des Publikums egal ist. Wir müssen verstehen, dass es unterschiedliche Temperamente, Mentalitäten, Traditionen, Konzertsituationen usw. gibt. Es gibt aber auch sehr unterschiedliche Musik, die wiederum einen auf sehr unterschiedliche Art und Weise berührt und anspricht. Daher ist es mir letztendlich wichtig, was mein inneres Gefühl ist und ob ich selber die Musik, die ich gerade spüre und die ich in diesem Augenblick mache, genieße“

Vadim Neselovskyi: „Beeinflusst bin ich natürlich von vielen Klassikern oder eben von Jazz-Größen. Und wenn das alles zusammentrifft, kommt es hoffentlich dann auch zu meiner eigenen Musik, die sehr persönlich ist und die einfach wie meine Musik klingt, obwohl all die Einflüsse zu hören sind“

Die aus der Ukraine stammende Sängerin Tamara Lukasheva und der Pianist Vadim Neselovskyi sind in der Jazzszene längst angekommen. Gekonnt und sicher jazzen sie auf den Bühnen der Welt, gewinnen wichtige Preise und genießen zunehmend größere Anerkennung. Ihre Kompositionen überzeugen sowohl durch Freiheit und Perfektion als auch durch die Vielfalt der Klangfarben und die Tiefe des Ausdrucks. Ihr Jazz schöpft von der Klassik wie von Folk und gewinnt an besonderer Eleganz. Durch ihre Musik erzählen sie ihre persönlichen Geschichten durch Klänge und sprechen damit breite Kreise der Hörer an, die weit über ein Jazz-Publikum hinausgehen. In Mai konzertierten sie zum ersten Mal gemeinsam als Lukasheva-Neselovskyi Duo. In einem Gespräch verrieten die beiden, wer ihre Liebe zum Jazz entfachte und was sie in der Musik für wichtig halten.

Tamara und Vadim, Sie beide sind schon seit langem befreundet. Nun treten Sie zusammen als Lukasheva-Neselovskyi Duo auf. Womit hat eigentlich alles angefangen? Wo haben Sie sich kennengelernt?

Lukasheva: Alles hat vor zehn Jahren in Odessa begonnen. Vadim kam 2007 aus Amerika und gab eine Meisterklasse an unserer Musikfachschule. Dort haben wir uns kennengelernt. Seitdem sind wir auch befreundet. So dachten wir, dass nun die Zeit reif ist, ein gemeinsames Projekt zu starten.

All Ihre Fans wissen, dass Sie beide in Odessa in der Ukraine geboren und aufgewachsen sind. Nur wenige sind aber damit vertraut, dass es eine Schlüsselpersönlichkeit gibt, die Sie beide zum Jazz brachte, und zwar der hervorragende Jazzpianist Jurij Kusnezow. Welche Rolle spielte er in Ihrem künstlerischen Leben?

Lukasheva: Jurij Kusnezow hat mich in gewissem Sinne entdeckt. Davor habe ich bereits Musik studiert und bin viel aufgetreten. Ich werde aber nie unseren Auftritt in Varna beim Jazz Summer Festival vergessen. Das war eine absolute Freiheit auf der Bühne, die Musik, die wirklich hier und jetzt passierte, frei und schön. Dieser Auftritt hat mich verändert. Danach musizierten wir oft zusammen als Duo. Unsere letzte Idee war es, seine Filmmusik für Orchester zu arrangieren und aufzuführen. Dieses Projekt konnte ich zusammen mit dem Odessa Symphonie Orchester leider erst nach seinem Tod realisieren.

Neselovskyi: Ich habe Jurij Kusnezow im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal gehört und dieses Konzert werde ich nie in meinem Leben vergessen. Das war eine unglaubliche Mischung aus freier Improvisation, Jazz, Klassik, Weltmusik. Zum ersten Mal habe ich erlebt, wie kreativ ein improvisierender Künstler sein kann und was er alles machen kann. Etwas später hatte ich die Chance, ein paar Lektionen mit Jurij Kusnezow zu erleben. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Jurij mich mit dem Jazz-Virus infiziert hat. So bin ich auch Jazzmusiker geworden. Was Jurij für mich bedeutet, lässt sich nicht in Worte fassen. Sein früher Tod letztes Jahr war sehr schmerzhaft für mich.

Wie läuft Ihre Zusammenarbeit? Sie beide arbeiten ständig in unterschiedlichen Jazz-Formationen und Sie haben große Erfahrung im Umgang mit den verschiedensten Menschen und Persönlichkeiten. Wie also funktioniert das Neselovskyi-Lukasheva Duo?

Neselovskyi: Wir haben sehr viel gemeinsam. Für mich ist es interessant mit solchen Menschen zusammen zu arbeiten, die aus einer ganz anderen Welt, ja, von einem anderen Planeten kommen. Oder aber umgekehrt, wie z. B. meine langjährige Zusammenarbeit mit Arkady Shilkloper, bei der wir uns in einem gemeinsamen kulturellen Raum befinden. Das ist die Luft, die wir gemeinsam einatmen oder irgendwelche kleinsten Teilchen, die uns verbinden. Deswegen habe ich gespürt, dass auch die Zusammenarbeit mit Tamara gelingen wird, denn wir haben sehr viel gemeinsam. Was uns – abgesehen von unseren kulturellen Gemeinsamkeiten – noch verbindet, ist die Tatsache, dass wir unsere Arbeit sehr ernst nehmen. Wir beide sind sehr viel unterwegs und deswegen ist es nicht so einfach, Zeitlücken für Proben zu finden. Und obwohl wir wussten, dass wir gemeinsam nur zwei Konzerte spielen werden, haben wir jede Gelegenheit genutzt, um zusammen zu proben. Uns beiden geht es um die Qualität dessen, was wir tun. Wir lieben unsere Hörer und machen alles, was für uns möglich ist, um ein wirklich hochqualitatives und starkes Programm abzuliefern.
Wie stellen Sie Ihr Konzert-Programm zusammen? Besteht es ausschließlich aus neuen Stücke oder arrangieren Sie auch Ihre früheren Kompositionen für diese Duo-Besetzung? „Alles fängt mit der Liebe an“ von Gennadi Roschdestwenski in der Interpretation von Tamara z. B. habe ich bereits gehört.

Lukasheva: Das stimmt, aber Sie haben dieses Lied in meiner deutschen Übersetzung gehört. Das war eine ganz andere Version und auch eine ganz andere Musik. Nur die Grundlage war die gleiche. In der letzten Zeit experimentiere ich viel auf diese Weise. Ich nehme mir einen Text, übersetze ihn in unterschiedliche Sprachen und vertone ihn dann. Und jedes Mal ist die Musik ganz anders. Von der Sprache hängt in Wirklichkeit so viel ab. Manche Inhalte können einfach nicht in andere Sprachen übersetzt werden. So verfasse ich für die übersetzte Variante immer ein anderes musikalisches Arrangement. Unser heutiges Programm besteht jeweils zur Hälfte aus Kompositionen von Vadim und mir. Diese Stücke haben wir selbstverständlich in anderen Jazz-Formationen bereits gespielt, aber in Duo-Besetzung mit Stimme und Klavier wurden sie noch nie präsentiert. Vadim hat manche Kompositionen mit Arkady Shilkloper gespielt, trotzdem ist unsere Interpretation eine ganz andere. Arkady spielt Horn und das ist nun mal ein ganz anderes Instrument als die Stimme. Jedes Instrument ist sehr individuell und hat seine eigenen Besonderheiten. Ich kann nicht so agieren, wie ein Instrumentalist, der nur wissen muss, wo er drücken soll, um den gewünschten Ton zu bekommen. Die Stimme funktioniert anders. Deshalb muss ich all die gewünschten Töne und Klänge suchen und das ist ein sehr spannender Prozess.

In Ihrem Konzertprogramm steht, dass in Ihrer Musik die neue und die alte Heimat aufeinandertreffen und auf diese Weise eine „neue gemeinsame Heimat“ entsteht. Wie ist sie, diese „neue gemeinsame Heimat“?

Lukasheva: Ich kann das folgendermaßen erläutern. Es gibt das „Moscow Art Trio“. Ihre Art, zu musizieren, bezeichnen sie als Fantasiefolklore. Das ist also eine Folklore, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sie haben sie in gewissem Maße erfunden. Das ist eine sehr einflussstarke Musikwelt, die sehr viele Menschen beeinflusst hat. Für mich ist es das Beste, was ich von der eigenen Heimat und von der Gegend, wo ich auf­gewachsen bin, mitnehmen kann. Und dann entsteht etwas Ideelles, das mit anderen darauffolgenden Einflüssen zusammengebracht wird. Auf diese Weise wird etwas ganz Neues geschaffen. Denn Musik, wie die meine, wird in der Ukraine nicht gespielt. Es gibt sie dort nicht.

Neselovskyi: Meine Meinung ist ähnlich. In letzter Zeit gefällt mir eine Metapher. Ich habe sie bei Schwanezkij gehört (Michail Schwanezkij ist ein in Odessa geborener russischer Schriftsteller, Komiker und Performer – M. K.). Es geht um die Bienen und um die Frage, woher kommt der Honig? Der Honig ist ein Produkt, das aus der Tätigkeit und aus der – ich scheue mich nicht, das wörtlich zu benennen – Verdauung einer Biene entsteht. Wenn ihr einen Orangenhonig haben möchtet, sollte die Biene auf die Orangenblüten fliegen. Wenn ihr aber einen Kamillenhonig haben möchtet, soll sie doch aus den Kamillenblüten saugen. Ein echter Künstler soll nicht den Markt mit dem füllen, was von ihm erwartet wird, um viel Geld zu verdienen, sondern er soll es wagen, seine geistige Arbeit mit dem Hörer zu teilen. Und das ist das, was hier passiert und was aus dem Herzen kommt. Das ist vergleichbar mit den Bienen. Nehmen wir so einen Menschen, wie Tamara. Sie ist in Odessa aufgewachsen. Dort machte sie bestimmte Erfahrungen, die man sonst mit nichts anderem vergleichen kann. Ich meine hiermit bestimmte kulturelle Erfahrungen wie Folklore, geistliche Musik – orthodoxe oder jüdische. Dann kam sie in die europäische Szene hinein, wo ein ganz anderes Klima herrscht. Folglich wird sie selbstverständlich den Honig produzieren, den sie „auf all diesen Blumen“ gesammelt hat. Mit mir ist es genauso. Alles, was mit mir geschieht, hat einen Einfluss auf mich. Wenn es aber keinen Einfluss auf mich hat, dann belüge ich mich selbst. Denn das bedeutet, dass ich nur wie ein Automat funktioniere. Wenn ich aber in mich hinein höre, dann merke ich, dass jedes neue Stück immer mit einer neuen Stadt oder mit einer neuen Erfahrung zusammenhängt. Seit fünfzehn Jahren lebe ich in Amerika und dieser Einfluss ist für mich ebenso bedeutend. Ich glaube nicht, dass Sie beim Hören meiner Musik denken könnten: „Oh! Diese Stelle klingt nach Amerika.“. Denn das, was ich mache, ist weit von Amerika entfernt. Trotzdem fließen all die Erfahrungen, die ich in diesem Land gemacht habe, in meine Musik ein. Ich weiß aber nicht, woran man das erkennen kann – am Rhythmus, an der Dynamik? Man spürt das einfach. Und das ist DAS Amerika, das nur MIR und keinem anderen gehört.

Vadim, in Ihrer Kindheit mussten Sie sich zwischen Musik und Physik entscheiden. Hat die Physik heute noch Einfluss auf Ihre Musik?

Neselovskyi: Mit der Wissenschaft habe ich mich lang genug beschäftigt und brauche sie heute nicht mehr. Ich möchte, dass die Kunst von Herz zu Herz gereicht wird, wie es einst Rachmaninow gesagt hat. In meiner Kindheit habe ich mich intensiv und lange genug mit Physik beschäftigt. Deswegen versuche ich nicht, diese Wissenschaft in die Musik einfließen zu lassen. Abgesehen von diesen Überlegungen helfen mir meine Erfahrungen in der Wissenschaft, die musikalischen Lösungen zu finden. Wenn z. B. mir beim Komponieren ein Klang nicht gefällt, suche ich nach weiteren musikalischen Lösungen. In solchen Momenten erkenne ich in mir den Schüler, der so experimentierfreudig war: Was passiert, wenn ich dieses mit jenem verbinde? Der Wunsch, zu experimentieren, hängt in meinem persönlichen Fall damit zusammen, dass ich es früher wagte, nach Lösungen für die mathematischen Aufgaben zu suchen oder irgendeinen Versuch durchzuführen.

Ihre musikalischen Experimente sind sehr mutig. Wie riskant ist es, neue Wege zu gehen und wer entscheidet, was legitim ist? Spielt das Publikum dabei noch eine Rolle?

Neselovskyi: Es gibt eine Sache, die ich einmal erkannte. Sie hat mir das Leben erleichtert. Die Sache ist die: Der Erfolg eines Werkes an dem ausgiebigen Applaus zu messen, ist nicht richtig. In einem Moment habe ich es begriffen, dass, wenn ich persönlich wirklich von der Musik beeindruckt bin, dann möchte ich überhaupt nicht applaudieren. Wenn ein Stück mit einer großartigen Passage endet und es zum stürmischen Applaus kommt, dann ist es selbstverständlich. Mich persönlich begeistern diese schnellen Passagen absolut nicht – na und? Wenn ich wirklich gerührt bin, dann sitze ich meistens mit sehr weit geöffneten Augen und halboffenem Mund da. Ich habe gerade DAS gehört. Wie kann ich überhaupt irgendwelche Bewegungen machen? Ich muss dieses Ereignis zunächst verinnerlichen und verarbeiten. Gerade einen solchen Effekt möchte ich mit meinen langsamen Kompositionen und mit meinen lyrischen Stücken erreichen. Es ist sogar normal, wenn die Menschen zunächst kühl darauf reagieren. Ich habe unterschiedliche Erfahrungen in meinem Konzertleben gemacht. Manchmal spiele ich und das Publikum reagiert überhaupt nicht. Die Hörer geben einfach gar keine Energie zurück. Ich gehe in die Pause mit dem Gedanken: „So ein Pech!“ Nach der Pause sehe ich aber, dass alle meine CDs ausverkauft sind. Dann denke ich: „Nein-nein-nein! Es hat doch funktioniert!“

Lukasheva: Das Publikum reagiert von Ort zu Ort wirklich sehr unterschiedlich und es ist nicht immer einfach, sich von der Atmosphäre im Saal zu abstrahieren. Beim Musizieren geben wir Musiker alles und es wäre für mich eine Lüge zu sagen, dass mir die Reaktion des Publikums egal ist. Wir müssen verstehen, dass es unterschiedliche Temperamente, Mentalitäten, Traditionen, Konzertsituationen usw. gibt. Es gibt aber auch sehr unterschiedliche Musik, die wiederum einen auf sehr unterschiedliche Art und Weise berührt und anspricht. Daher ist es mir letztendlich wichtig, was mein inneres Gefühl ist und ob ich selber die Musik, die ich gerade spüre und die ich in diesem Augenblick mache, genieße.

Vadim, wann gab es bei Ihnen das letzte Mal so einen „Wow-Effekt“, den Sie oben beschrieben haben, beim Musikhören?
Neselovskyi: Meine Freundin ist Bratschistin. Und mit ihr entdecke ich viele geniale klassische Werke, die ich, aus welchem Grund auch immer, noch nicht kannte, obwohl ich dachte, dass ich sehr viel Musik kenne. Sie hat mich auf ein unglaublich geniales Lied von Gabriel Fauré – einen Komponisten, den ich sehr schätze und für einen Besonderen halte – aufmerksam gemacht. Es war sein „Après un rêve“. Wir hörten das Stück in der Interpretation eines Geigers der älteren Generation, Ivry Gitlis. Und ich saß einfach da und… Ich war danach mehrere Wochen wie benommen. Ich hörte das Stück in unterschiedlichen Interpretationen und Arrangements immer und immer wieder. Und ich zeige es jeden Tag auch allen meinen Studenten. Ich werde jede Chance nutzen, um in dieses Meisterwerk einfach „einzutauchen“. Und es freut mich sehr, dass ich solche Situationen immer noch erlebe: „Hör mal, das ist genial.“

Tamara, von welchen Musikwerken sind Sie ergriffen? Welche Musik hat auf Sie eine besonders starke Wirkung?

Lukasheva: Das ist immer sehr unterschiedlich. Es hängt eher damit zusammen, wie es mir grade geht, es hat nichts mit Stilistik oder Ähnlichem zu tun. Mich kann heute „Dido’s lament“ von Henry Purcell total mitnehmen und morgen höre ich mir gerne Alternative Rock an. Was ich gerade sehr spannend finde, ist die Film- und Animationsmusik. Auch das, was Studio Ghibli oder Bones macht, finde ich richtig gut. Das ist so ausdrucksstark, zieht dabei aber nicht die komplette Aufmerksamkeit auf sich.

Vadim, Sie widmen sich sehr intensiv der pädagogischen Tätigkeit. Außer der Professur am Berklee College of Music in Boston geben Sie regelmäßig Meisterklassen in unterschiedlichsten Ländern der Welt. Ist das Unterrichten nicht zeitraubend für einen erfolgreich konzertierenden Musiker, wie Sie?

Neselovskyi: Beim Unterrichten geht es mir nicht nur darum, den jungen Künstlern etwas Neues zu lehren, sondern gleichzeitig auch von ihnen zu lernen. Das ist ein schöner lebendiger Austausch. Diesen Sommer beispielsweise habe ich nicht unterrichtet und merke jetzt, wie sehr ich das gerade vermisse. Ich freue mich auf das neue Semester in Berklee, wo ich ganz viele neue Musiker kennenlernen werde und sie befragen werde, welche Musik sie hören. Vielleicht gibt es irgendwelche neuen Künstler, die ich noch nicht kenne. Das ist immer ein sehr interessanter Prozess, der meine Musik tief beeinflusst. Deswegen geht das Unterrichten für mich Hand-in-Hand mit dem Konzertieren und Komponieren. Ich versuche aber die gesunde Balance zwischen allen diesen Aktivitäten zu halten.

Planen auch Sie, Tamara, später Ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen oder konzentrieren Sie sich lieber auf das Komponieren und Konzertieren?

Lukasheva: Auch ich unterrichte ab und zu und teile immer wieder sehr gerne meine Erfahrung mit anderen. Ich freue mich sehr, wenn ich wirklich helfen kann. Das mache ich aber tatsächlich nur nebenbei.

Trotz eines sehr intensiven Konzertlebens geben Sie beide regelmäßig Konzerte in Ihrer Heimat, in der Ukraine. Auch dieses Jahr konzertierten Sie beide dort. Vadim war mit dem Orchester INSO Lviv und Laura Marti im Osten des Landes unterwegs, während das Tamara Lukasheva Quartett beim Alfa Jazz Festival im westukrainischen Lviv gastierte. Wie geht es der ukrainischen Jazzszene und wie wichtig sind diese Projekte für Sie heute?

Lukasheva: Das, was das Alfa Jazz Fest für die ukrainische Jazzszene bewirkt, ist wirklich großartig! Es kommen Jazz-Legenden nach Lviv, um ein Konzert zu spielen. Für mich war es ohne Zweifel eine Ehre, dort aufzutreten. Was die ukrainische Jazzszene angeht… Sagen wir mal so: Man muss richtig mutig sein, um als Jazzmusiker in der Ukraine überleben zu wollen. Nichts desto trotz gibt es wirklich schöne Projekte und man lernt immer wieder sehr talentierte Musiker dort kennen. Schade, dass viele von ihnen weggehen. Ich gehöre auch dazu. Umso mehr empfinde ich es als meine Pflicht, immer wieder in meiner Heimat aufzutreten und spannende Musiker mitzubringen.

Neselovskyi: Jeder Mensch hat nur ein Land, wo er geboren ist. In meinem Fall und im Fall von Tamara ist das auch das Land, wo wir aufgewachsen sind. Obwohl ich mich sehr wohl in anderen Ländern fühle, wie in den USA, wo ich lebe, und Deutschland, wo meine Eltern wohnen, bleibt die Ukraine immer noch mein Heimatland. Das ist das Land, wo ich aufgewachsen bin, dessen Sprache ich spreche und wo ich wirklich tiefe kulturelle Wurzeln habe. In meiner Heimat zu spielen und meine Musik mit meinen Landsleuten zu teilen, hat deswegen eine besondere Bedeutung für mich. Ich habe ein tiefes Bedürfnis danach, in meiner Heimat zu konzertieren, aber auch einfach nur dort zu sein, mein Land zu fühlen und durch die Straßen zu gehen, um ein bisschen die Energie meiner Heimat in mir aufzuladen. Danach kann ich weiter durch die Welt ziehen und recherchieren, reisen und komponieren. Für meine Musik sind die Begegnungen mit der Ukraine ganz wichtig und inspirierend.

Mit der neuen CD „Bleib ein Mensch“ geht eine starke Botschaft in die Welt. Auch musikalisch präsentieren die Kusimanten von der Besetzung bis zu non-verbalen Kompositionen sehr ernste raffinierte Stücke. Wird mit Tamara Lukasheva alles zum Jazz? Und wieso haben Sie gerade diesen Titel – „Bleib ein Mensch“ – für die CD gewählt?
Lukasheva: Es ist schwer zu sagen, ob die Musik, die ich mache, wirklich als Jazz bezeichnet werden kann. Meine Musik entsteht intuitiv. Sie ist so, wie es gerade am besten zur Stimmung des Stückes passt. Die Komposition „Bleib ein Mensch“ ist mein erster Versuch, einen Text auf Deutsch zu schreiben. Zur Zeit der Entstehung des Projektes waren meine beiden Mitmusikerinnen schwanger. So fühlte sich der Gedanke darüber, dass man unter jeden Umständen ein Mensch bleiben soll, wie eine lang ersehnte Message für die Seele an.

Das erfolgreiche Album „Get Up And Go“ des Vadim Neselovskyi Trios liefert hoch konzentrierte virtuose Jazzmusik oft mit spürbaren Elementen aus der Klassik. Gibt es einen Komponisten, den Sie am meisten zitieren? Wieso wirkt diese musikalische Mischung aus Jazz und Klassik heute so stark?

Neselovskyi: Ich denke nicht, dass ich irgendwelche klassische Komponisten zitiere. Beeinflusst bin ich natürlich von vielen Klassikern wie Bach, Schumann, Beethoven, Prokofjew, Rachmaninow, Debussy, Fauré, Schostakowitsch, Mahler, Bruckner oder eben von Jazz-Größen wie Keith Jarrett, Michel Petrucciani, Ralph Towner, Egberto Gismonti. Selbstverständlich gibt es ganz viele unterschiedliche Einflüsse auf mich. Und wenn das alles zusammentrifft, kommt es hoffentlich dann auch zu meiner eigenen Musik, die sehr persönlich ist und die einfach wie meine Musik klingt, obwohl all die Einflüsse zu hören sind. Was die Mischung aus Jazz und Klassik angeht, möchte ich sagen, dass es für mich eigentlich eine künstliche Formulierung ist. Meiner Meinung nach gibt es keine Mischung aus Jazz und Klassik. Es gibt einfach schlechte Musik und gute Musik. Die Musik kennt keine Grenzen. Die Begriffe wie „Jazz“, „Klassik“, „Pop“ oder „Rock“ wurden von den Menschen formuliert, die die Musik verkaufen und nicht von denen, die Musik kreieren. Ein Komponist denkt nie „Oh, jetzt mache ich ein Jazz-Stück“. Für mich ist es ein Ausdruck des tiefen Gefühls. Das ist das, was tief in meinem Inneren steckt. Und das, was herauskommt, wird sicherlich viele Einflüsse aufweisen. Aber ob das Jazz oder Klassik ist, ist mir eigentlich egal. Für mich ist das einfach meine Musik, ohne jegliche Bezeichnung einer Stilrichtung. Vielleicht erinnert diese Musik an irgendwelche klassische Kompositionen, vielleicht sind dort Jazz-Elemente zu finden. Mir persönlich geht es aber nicht um Stil, sondern um einen persönlichen Klang. Denn ich möchte eine persönliche Geschichte durch Klänge erzählen.

Wie sehen Ihre Pläne in der nächsten Zukunft aus und wann gibt es Neues vom Lukasheva-Neselovskyi Duo zu hören?

Lukasheva: Wir möchten weiterhin viel musizieren und die Welt durch unsere Musik verzaubern…

Neselovskyi: …und hoffen, dass wir bald eine neue CD-Produktion vorstellen können. Wann genau, wissen wir noch nicht.

Interview: Maryia Kautz
Foto: Taisija Tschernyschewa