Virtuosität, Komplexität, Ideenreichtum und intensive Emotionen

Shai Maestro

Bei dem 1987 geborenen Pianisten Shai Maestro paaren sich Virtuosität, Komplexität und Flexibilität mit Ideenreichtum und intensiven Emotionen. Er ist wie viele seiner Musikerkollegen aus Israel ein Intellektueller mit kritischem Geist, stark in der Tradition der klassischen Musik sowie der Jazzmusik verwurzelt, aber zugleich voll begeisternder Visionen. Seine Auftritte, ob als Solopianist, in Triobesetzung, im Duo mit Chris Potter oder mit weiteren Partnern, schlagen sofort in Bann. Doch das Staunen über seine enorme Spieltechnik geht schnell über in die Wertschätzung seines hochemotionalen Spiels, das berührt, ja nachdrücklich bewegt und das den Hörer in eine Welt voll Schönheit zu katapultieren imstande ist. Eines ist gewiss: Shai Maestro hat eine glänzende Zukunft auf der internationalen Jazz-Szene vor sich.

Shai Maestro, Sie werden mit ganz vielen Musikfreunden übereinstimmen, dass Musik, speziell auch Ihre Musik den Menschen Schönheit vermittelt, sie ausgeglichener, friedlicher macht, Harmonie und Freude ausstrahlt.

Das ist genau das, was ich mit meiner Musik bezwecken möchte.

Normalerweise kommt bei jungen Menschen, die Musik lieben lernten und ein Instrument spielen lernen dürfen, der Wunsch auf, bekannt und berühmt zu werden. Erst später machen sich wohl MusikerInnen klar, dass sie mit ihrer Musik anderen menschlichen Wesen sehr viel zu geben vermögen. Wann hatten Sie diese Erkenntnis?

Die ersten Platten, die ich aufnahm, waren auf das Ziel ausgerichtet, Erfolg zu haben, bekannt zu werden. Damals war ich noch sehr jung. Wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, dann sehe ich mich als Kind, als Jugendlicher mit unheimlich viel Leidenschaft spielen. Aber irgendwann erkannte ich dann, dass hinter dem Musizieren eine wichtigere Bedeutung stand. Wenn du spielst und wahrhaftige, reine Musik machst, dann kommen nach deinen Auftritten Menschen zu dir, die praktisch ihr Herz in der Hand halten, und Worte des Dankes an dich richten. Dann weißt du, dass für sie diese Momente die besten ihres Tages waren. Ich merkte, dass ich dieses Privileg habe und es mir gelingt, mit meiner Musik in diese verrückte Welt etwas Positives zu tragen.

Schon früher sagten einige Jazzmusiker, dass wenn man anstellte von Diplomaten, Politikern Musiker in alle Welt schicken würde, dann gäbe es wohl mehr Verständnis füreinander. Sie stammen aus Israel, Ihre Eltern, Großeltern kommen jedoch aus den verschiedensten Ländern.

Ja, mein Großvater wurde in Sarajewo geboren, meine Mutter in Rumänien, mein Vater ist polnischer Herkunft. Sie zogen alle nach Israel. Ich bezeichne das als eine Art kulturellen Salatmix. Und das bewirkte bei mir, dass ich ziemlich schnell ein universales Verständnis entwickelte, erkannte, dass alle Menschen gleich sind.

Sie wurden in Israel geboren, fanden aber längst eine andere Heimat…

…ja, ich lebe in Brooklyn, New York, schon seit fast 9 Jahren.

Bei Ihrem beeindruckenden Duo-Auftritt mit Chris Potter beim Festival „Au Grès du Jazz“ in Frankreich äußerten Sie sich über die missliche Situation zwischen Ihrem Heimatland Israel und Palästina. Stimmt Sie das immer wieder traurig?

Ja sicher, ich wurde schon in diese Realität hineingeboren, wie wir alle in Israel und in Palästina. Das ist eine schreckliche Wirklichkeit, die sich ständig wiederholt. Die Verhältnisse eskalieren immer mehr! Ein Freund von mir kam beim Zweiten Libanonkrieg ums Leben. Und ständig kommen auch Palästinenser um. Wir sollten alle offen darüber sprechen. Als Künstler hast du die Verpflichtung offen darüber zu sprechen, dass wir alle in Frieden leben könnten. Ich glaube daran. Ich meine, dass der Grund für diesen anhaltenden Krieg der ist, dass viele Leute daran verdienen oder politisch an Einfluss gewinnen wollen. Das ist unbestritten eine schwere Last, die auf unseren Schultern ruht.

Sie empfinden diesen sinnlosen Krieg genau so intensiv wie viele schwarze US-Amerikaner, die seit vielen Jahrzehnten unter dem Rassismus leiden. Das ist auch eine Art Krieg ohne Ende.

Ich glaube, dass auch dieser Krieg zu Ende gehen kann. Wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dann wäre ich nicht mehr aktiv. Haben Sie meine aktuelle Platte „Dream Thief“ gehört? Ich kämpfe etwa für die Abschaffung von Waffen, den Rassismus, der in den USA sehr stark vorhanden ist. Wir müssen darum kämpfen. Sie erwähnten den Kampf zwischen Schwarz und Weiss, ich bin der Ansicht, dass privilegierte Weiße die Verpflichtung haben von Gleichheit zu sprechen.

In den Jahren 2006-2011, in denen Sie Mitglied der Gruppe des Bassisten Avishai Cohen waren, da spielten Sie in Triobesetzung eine Musik, in der es eine Menge vorher fixierter Elemente und Absprachen gab. Als Sie Ihr eigenes Trio formierten, da setzten Sie wahrscheinlich zuerst auf Nummer Sicher und arrangierten Verschiedenes. Erst mit der Zeit wurde die Musik freier, immer stärker aus dem Moment heraus geboren. Jetzt ist die Musik gelöster, erreicht eine größere Tiefe. Wie ging dieser Prozess voran?

Es ist ein Prozess sich selbst akzeptieren zu lernen. Aber nicht in dem Sinne, dass man sich für den besten Pianisten hält, sondern mehr sich selbst zu sein. Das ist für jeden Menschen auf dieser Welt positiv, wenn er sich selbst so zeigt, wie er ist. Das ist eigentlich ein ganz einfacher Prozess, aber es kostete mich einige Jahre, bis ich mir sagte: „Du bist okay.“ Ich beschäftigte mich mit Meditation, mit Yoga, mit Atemtechniken, Übungen, die Hand in Hand mit dem ­musikalischen Wachstum gingen. Und dadurch verstand ich es endlich, dass es keinen ersichtlichen Grund gibt, gegen sich selbst zu kämpfen. Es gibt auch keine Notwendigkeit mit Virtuosität die Menschen zu erobern, alles nur Mögliche zu tun, dass die Zuhörer dir am Ende eines Konzertes applaudieren, sondern es ist das Wichtigste, du selbst zu sein, dich quasi ganz nackt und ungeschützt zu zeigen. Lass die Hörer einen Blick in deine Seele werfen und wenn du das auf ehrliche Weise machst, dann gibt es ihnen etwas, zu dem sie einen Bezug finden. Du solltest dich nicht so präsentieren, dass du den Gewohnheiten folgst, der Erwartungshaltung Genüge tust. Ich glaube, dass Menschen sehr erfreuliche Momente miteinander verbringen können, so wie wir jetzt im Gespräch. Ich habe keine Antworten auf Ihre Fragen vorbereitet. Es ist für mich das Wunderbarste, wenn ich mich so zeigen kann, wie ich bin.

Sie erwähnten, dass Sie sich im Spiel ganz nackt zeigen, das ist wahrscheinlich viel stärker der Fall, wenn Sie solo spielen als in eine Formation eingegliedert sind.

Möglicherweise ja, wenn du alleine bist, ist das Format ist sehr viel karger. Aber wenn du mit den richtigen Leuten zusammen bist, dann kannst du zusammen mit ihnen spirituell wirken. Wenn wir uns alle auf dieselben Vibrationen einpendeln, dann können wir unsere Botschaft voll Energie herüberbringen. Also unsere Mission auf der Bühne mitteilen. In einer solchen Gemeinschaft kann ebenso das Gefühl der Fragilität, der Verletzlichkeit entstehen, wie beim Solospiel.

Auf Ihrem aktuellen Album „The Dream Thief“ spielen Sie das Stück „My second childhood“ des israelischen Musikers und Songwriters Matti Caspi. Bereits als Zwölfjähriger haben Sie bei ihm Unterricht gehabt, also noch in Ihrer Kindheit. In diesem Stück geht es darum, das Leben aus dem Blickwinkel eines Kindes zu sehen. Auch dabei zeigt sich, dass Melodie für Sie eine ganz wichtige Komponente ist.

Normalerweise ja. Ich hörte von einem anderen Künstler, der auch bei ECM unter Vertrag ist, Aaron Parks, in einem Interview etwas das in mir große Resonanz erzeugte. Er meinte, dass der Rhythmus mit dem Körper korrespondiert, die Harmonie mit dem Geist und die Melodie mit dem Herzen. Diese Aussage war mir bekannt, sie ist sehr treffend. Doch als ich sie aus seinem Munde hörte, legte ich wieder mehr Gewicht auf die Ausarbeitung der Melodie, denn sie berührt das Herz ganz direkt. Auch wenn ein Stück sehr komplex ist, so wie der zweite Titel auf „The Dream Thief“: „The forgotten village“. Ihm liegt ein komplexes Metrum zugrunde, ebenso dem Titelstück. Ich entschied mich dafür, die Rhythmen jedoch nicht besonders hervor zu heben, sondern ich wollte meinen Zuhörern die Melodie aus meinem Herzen heraus zu Gehör bringen. Also nicht Komplexität als solche vorführen. Ich verwende Komplexität als eine Art Handwerkszeug für mich, mit dem ich aber Emotionen vermitteln möchte.

Also Komplexität und Virtuosität mit dem Ziel den Hörer zu bewegen. Sie schätzen Wayne Shorter und seine philosophischen Gedanken sehr. So verglich er einmal den Prozess der Improvisation mit den Wolkenformationen am Himmel, die immer wieder anders sind.

Ja, so kann man es sehen. Genau das trifft auch auf unsere Eigenständigkeit zu, auf den konstanten Wechsel. Wir bleiben niemals der gleiche Mensch, wir verändern uns ununterbrochen. Das ist auch ein Prozess sich selbst zu akzeptieren, und ständig neue Formen und Inhalte wie die Wolken am Himmel zeigen – um mit Wayne Shorters Worten zu sprechen. Wir sollten die Veränderung willkommen heißen, denn jedes Mal, wenn wir einen Song spielen, ist er anders. Wenn du das akzeptierst, dann fällt es dir leicht ehrlich zu sein Dann kann auch die Schönheit zum Tragen kommen. Und Schönheit kann in den verschiedensten Gestalten auftreten. Es muss nicht immer rein und ästhetisch sein, was wir als schön empfinden. Auch in der Häßlichkeit und in der Rohheit kann man Schönheit sehen. Nicht zuletzt auch im Chaos.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es so treffend. Sie liegt aber auch im Ohr des Hörers.

Absolut richtig!

Wann haben Sie Ihre Identität gefunden?

Ich meine, auch das ist ein kontinuierlicher Prozess. Ich bin an Philosophie, Literatur, Buddhismus und Yoga interessiert. Ich kann kein genaues Jahr festlegen, in dem ich mit Sicherheit gespürt hätte, dass ich jetzt meine Identität gefunden hätte. Es ist vielmehr ein endloser Wandel und ich freue mich, dass ich auf diesem Weg weitergehen kann.

Sie sind klassisch geschult, vertraut mit Bach und Beethoven, ebenso mit amerikanischem Jazz und verschiedenen Weltmusiken, Sie verschmelzen in Ihrem Spiel Elemente all dieser Genres.

Genau das hat mich zu dem Musiker gemacht, der ich bin und das eröffnet mir immer weitere Veränderungen. All diese Musikarten leben in meinem Inneren. Und ich habe all das so stark verinnerlicht, dass es recht unbewusst immer wieder in meiner Musik zum Vorschein kommt. Ich gehe also nicht her und nehme mir vor ein Stück wie eine Fuge oder ein Präludium zu schreiben oder ein Flamenco-Stück oder ein kubanisches Thema. Das würde bestimmt allzu konstruiert klingen, alles andere als wahrhaftig. Da ich mich selbst annehmen gelernt habe, kann ich auch all diese Musikarten annehmen. Gewiss kann mal der Hörer hier oder dort einen Flamenco-Akkord ausmachen oder eine Akkord-Progression aus Wayne Shorters Musik oder etwas von Bach, aber das tue ich nicht absichtlich, vielmehr versuche ich auch aus dem Herzen heraus zu komponieren.

Wenn Sie ein Stück schreiben, was haben Sie dann zuerst im Kopf? Eine melodische Idee, eine bestimmte Harmoniefolge, einen speziellen Rhythmus?

Ich gehe bei jedem Aspekt der Musik sehr methodisch vor, nur nicht bei meinen Kompositionen. Das ist der einzige Aspekt, der schwer fassbar ist, ja abstrakt und man kann es nicht richtig deuten. Ich habe für meine Kompositionen keine Formeln erarbeitet, manchmal steht eine Melodie am Anfang, dann wieder ein Rhythmus, eine Klangfarbe, eine Textur. Es ist vergleichbar mit dem Holzschnitzen. Wenn du einen Holzklotz bearbeitest, dann nimmst du immer Weiteres weg, wirfst die Teile, die du nicht brauchst, fort. Das ist ein sehr abstrakter Prozess, aber es hat dann eine Stimmung als ob du mit deinen Freunden um ein Lagerfeuer herum sitzt. Wenn ich mir eine solche Atmosphäre vorstelle, in der ich noch Gitarre spiele – was ich nicht wirklich beherrsche, ich habe da meine Grenzen – aber wenn ich in dieser imaginären Szenerie etwas singe, dann kann es funktionieren. Die simple DNA dieses Songs könnte mich tragen. Es kann also der Ausgangspunkt ein ganz simples Gitarrenspiel sein oder sehr komplexes Komponieren für ein Orchester mit kunstvollen Arrangements und Jazzverwurzelung. Entscheidend ist, dass die DNA vorhanden ist. Denken Sie an das prägnante, kurze Motiv von Beethovens fünfter Sinfonie, ausgehend von einer solchen kleinen Phrase, baut er geradezu klingende Phantasiewelten. Eine solche DNA funktioniert bestens. Das ist für mich ein Musterbeispiel.

Kann man Ihren wunderbaren Anschlag darauf zurückführen, dass Sie eine klassische Klavierausbildung erhielten?

Das überlasse ich Ihnen, wie Sie sich das erklären. Ich habe jedoch eine bewusste Anstrengung in diese Richtung gemacht. Ich erinnere mich, dass ich als Kind zuhause an unserem Steinway Flügel saß und dort tagelang nur eine einzige Note anschlug und sie mit Arthur Rubinsteins Version eines Chopin-Präludiums verglich. Ich war fasziniert von dieser einen Note. Ich war wohl ein recht komisches Kind. Und ich wollte herausfinden wie er die Töne auf dem Klavier anschlug, woher dieses Gewicht kam, das er auf einzelne Noten legte, ob vom Arm, der Schulter aus. Und ich wollte wissen was der Unterschied war, wenn er eine Note schnell oder langsam spielte. Ich fügte dann meiner einen Note eine zweite hinzu. Ich schlug die erste Note an, dann die zweite und ließ die erste wieder los. All das war für mich ein bewusster Vorgang, heutzutage ist alles im Unterbewusstsein, ich spiele einfach.

Nach dieser Phase der Klang-Detailsuche kam sicherlich einmal eine Periode, in der Sie dann Tag und Nacht übten, spielten?

Ja, ich durchlief eine verrückte, von Disziplin gezeichnete Phase. Ich wachte morgens um 7 Uhr auf, dann joggte ich durch den Wald, der nahe unseres Hauses war, darauf kam ich zurück, frühstückte und spielte bis die Nacht hereinbrach. Ich lernte sehr viel.

Heute geben Sie viele Konzerte, sind immer wieder auf Reisen, bleibt Ihnen da noch Zeit am Klavier zu sitzen, einfach ganz relaxed zu spielen, den Klängen nachzuhorchen. Und entstehen in solchen Momenten gute Ideen?

In der Zeitspanne, in der ich bis zu 10 Stunden am Tag am Klavier verbrachte, war rückblickend eine Phase, in der ich wenig Leidenschaft fürs Spielen entwickelte. Es war einfach ein strikter Zeitplan, den ich einzuhalten suchte, ganz zielgerichtet. Und oftmals wenn ich klassische Musik spielte, kam mir in den Kopf, dass ich dafür einfach nicht gut genug spielen könne. Ich sagte mir, du kannst dieses Rachmaninoff-Stück nicht so gut spielen wie so mancher andere. Ich übte sehr viel Kritik an mir, machte mich klein. Der Wandel kam vor drei, vier Jahren. Ich spielte da ein Chopin-Thema und entschied mich plötzlich, das ganz langsam anzugehen. Also spielte ich es zunächst ganz gemächlich und zwar nur mit der rechten Hand. Ich lernte anfangs nur zwei Takte spielen, dann lernte ich weitere Teile spielen und plötzlich merkte ich, dass ich diese Musik mit einer Menge Liebe und Leidenschaft spielte. Nach einer Stunde hörte ich auf, dieses Stück zu spielen, obwohl ich mir nur 10 oder 11 Takte erarbeitet hatte. Die Erfahrung am Piano sich mit einem klassischen Stück zu beschäftigen und dabei Liebe anstelle von Hass zu empfinden, erwies sich für mich als eine Lektion, die mir unvergessen bleibt. Und ich gehe jetzt alles aus Liebe heraus an, die Abneigung ist gewichen und ich spüre, dass ich jetzt sehr viel effizienter Musik machen kann.

So einige Musiker gestanden öffentlich, dass sie durch solche Phasen gingen, sich selbst erniedrigten, ja hassten. Bei so manchem Musiker dauerte es Jahrzehnte bis er genug Selbstbewusstsein hatte und sich nicht mehr mit anderen Musikern verglich, die er für viel großartiger hielt, darüber aber seine eigenen Stärken nicht wahrnahm. Und dann wurde dieser oder jener fähig viel schöner zu spielen, zu komponieren, sich selbst zu sein.

Ja, eine solche spirituelle Übung kann nützlich für das ganze Leben sein. Ich habe nicht die Illusion, dass ich einmal an einen Ort gelangen werde, den ich als bewusste Vollendung sehen würde. Jetzt bin ich mir meiner selbst bewusst und bin sehr glücklich darüber. Diese Wahrnehmung bestimmt meinen Weg.

Das Musikmachen ist eine unendliche Geschichte, man kann immer wieder in eine andere Richtung gehen, mehr in die Tiefe vorstoßen, tolle Ideen finden. Mir scheint, dass israelische Musiker zumeist stark verhaftet in der Tradition sind. Das galt oder gilt auch für Sie, aber durch die Zusammenarbeit mit ihrem Bassisten Jorge Roeder stießen sie mehr in freie Gefilde vor.

Ja, meine Musik ist eine Kombination vielerlei Dinge, sie spiegelt meinen spirituellen und persönlichen Wachstumsprozess wider. Auch die Zusammenarbeit mit Manfred Eicher stieß einiges bei mir an. Er ist ein Mensch, der diesen Prozess, durch den ich seit Jahren gehe, erfühlt. Er ist so erfahren und stark auf eine wunderbare Weise. Er sagte etwa: „Shai zeige dich auf meinem Label so wie du bist.“ Das ist eine großartige Gelegenheit, bei der du dich so darstellen kannst, wie du bist. Und das hört man auch auf meiner Platte. Es war ein langwieriger Prozess durch den ich hindurchging und durch die Begegnung mit Manfred im Aufnahmestudio wurde er angestoßen. Er ist so einmalig, nicht nur dass er einem die Richtung vorgeben kann, sondern dass er dir erlaubt, du selbst zu sein.

Sicherlich haben Sie durch diese Ermutigungen von Manfred Eicher auch Einiges gelernt, das Sie anderen in entsprechenden Momenten mitteilten.

Ja, gewiss, ich wurde durch meine Erfahrungen mit ihm zu einem besseren Bandleader.

Das erste Mal, dass Sie Aufnahmen für ECM machten war 2017 für das Album „Elegy“ mit Theo Bleckmann, einem sehr eigenständigen und kreativen Vokalisten. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm erlebt?

Ich liebe ihn! Ich war schon seit vielen Jahren ein Fan von ihm. Und als ich die erste E-Mail von ihm erhielt, in der er mit mitteilte ein Duokonzert mit mir machen zu wollen, da tanzte ich voll Freude die Straße entlang, ich war überglücklich. Theo hat ein ganz anderes Vorgehen in der Musik, er favorisiert auch die Dissonanz, aber das klingt bei ihm wunderschön. Er hat eine sehr kreative Weise entwickelt, die Essenz eines Songs geradezu ins Gegenteil zu verkehren. Wir spielten den Song „Comedy tonight“ für die aktuelle Platte, das ist ein Song aus einem Musical von Stephen Sondheim, „A Strange Thing Happened On The Way To The Forum“, dieser Song ist wie eine Fanfare, es heißt da „…something familiar, something cute“. Theo arrangierte den Song und schaffte es ihn völlig konträr zu gestalten. Er wurde düster und langsam, zusammen mit diesen fröhlichen, lustigen Worten. Er ist ein Meister der Illusionen. Ich liebe seine Stimme, er ist ein großartiger Musiker.

Er ist einer der am meisten unterschätzten Sänger. Überhaupt haben es Sänger, die sehr eigenständig sind, visionär arbeiten, sehr schwer akzeptiert zu werden.

Ja, das meine ich auch. Aber ich kenne nicht viele in seiner Art, er ist absolut unterschätzt. Und wirklich einer meiner Favoriten.

Sie haben sicherlich Pläne, Wünsche und Ziele für die nahe Zukunft? Vorhin erwähnten Sie, dass Sie aus einem einfachen melodischen Einfall ein Werk für ein großes Orchester machen können…

…ja, ich würde gerne ein orchestrales Projekt machen, aber es gibt noch so viele andere Dinge, für die mir nicht genügend Zeit bleibt. Das Komponieren gehört dazu und wir haben uns schon etwas mit orchestralen Klängen befasst und das scheint mir auch eine ganz natürliche Ausweitung meiner sonstigen Arbeit. Dann gibt es auch das Duo mit Chris Potter, dann kommt auch ein Projekt mit Joshua Redman und meinem Trio, es gibt auch einen jungen Vibraphonisten in New York, mit dem ich gerne zusammenarbeiten würde. Es sind so viele Ideen, aber man muss einige davon auswählen, denn man kann nicht alles auf einmal machen. Es gilt sich in Geduld zu üben.

Interview: Gudrun Endress
Fotos: Gabriel Baharlia, Hans Kumpf
CD: Shai Maestro „The Dream Thief“, ECM 2616