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Das klare Storyteller-Statement

Die Trompete des Theo Croker erzählt auch vom Schwarzsein /
von Gudrun Endress

Das Club-Büro des Stuttgarter Jazzclubs Bix, das zugleich Musikeraufenthaltsraum ist, bietet mit zwei gegenüberliegenden Bänken und einen großen Tisch Platz für mehrere Personen. Hier treffe ich Theo Croker, den hochgelobten Enkel des Trompeters Doc Cheatham. Zur Begrüßung packe ich meine Mitbringsel aus. Eine alte Jazz Podium-Ausgabe mit Doc Cheatham auf dem Titelbild sowie das Jazz Podium-Heft aus dem Jahr 2016 mit Theo Croker auf dem Cover. Theo schaut zuerst auf die Ausgabe mit seinem Großvater, dann erst auf „sein“ Titelbild und lächelt. Und dieses jungenhafte Lächeln, das immer wieder bei unserem Gespräch aufblüht, gibt mir die Gewissheit, dass er mich zur Jazz-Community gehörig zählt und entsprechend offen ist.
Theo Croker ist der Meinung, dass es ein Musik-Kontinuum gibt, das über die ganze Welt verbreitet ist, und nicht zuletzt dadurch kommen immer wieder frische Elemente in die Jazzmusik, erneuert sie sich stetig. Sein neues Album „Star People Nation“ (Sony) fusioniert aktuelle Beats mit dem Mainstream Jazz wie ihn einst sein Großvater spielte. „Ich fügte ein paar neue Dinge hinzu, arbeitete mit Samples bei einem Joe Chambers-Song, der ‚Say Hello to the Wind‘ heißt. Und ich baute die Samples um den Text und schrieb darüber einen ganzen Song. Dieses Album ist ein bisschen anders als meine vorhergehenden. Die Trompete ist dabei der Storyteller und das ganze ­Album ähnelt einem Soundtrack. Ich mache also noch immer Platten, obwohl mir nicht ganz klar ist, ob die Labels nicht weit mehr an ausschließlich Digitalem interessiert sind, lieber Downloads anbieten. Ich aber komme mit einem Album. ‚Star People Nation‘ besitzt eine Geschichte, hat einen Fluss. Die Trompete ist der Erzähler einer wirklichen Reise. Einer Reise in das Sich-selbst-Entdecken. Es ist eine Geschichte über ‚blackness‘, das Schwarzsein und dessen bedeutende Geschichte in Amerika. Sie zeichnet den Pfad dieses Wissens nach. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, also noch ein junger Mann, aber ich bin in der Realität angekommen. Das Album mag für Jazzhörer etwas abstrakt sein, aber für mich nicht.“
Dieses Thema hat so einiges an Recherchen erfordert. Croker betont: „Ich bin schwarz, mein ganzes Leben ist eine einzige Erforschung. Dass die Trompete dabei im Vordergrund steht, war mir wichtig, denn dieses Album wird mein letztes dieser Art sein. Ich möchte bei meinen zukünftigen Alben nicht durch irgendwelche Genres definiert werden. Ich weiß nicht, ob ich ein weiteres Album als Trompeter aufnehmen möchte, bei ‚Star People Nation‘ stellte sich mir diese Frage noch nicht. Ich möchte meine ­Fähigkeiten als Komponist, Arrangeur und Produzent stärker einbringen. Das nächste Album wird anders sein. Jedes meiner ­Alben soll sich von den vorhergehenden unterscheiden.“
Es ist nicht so, dass Croker in seiner Ausdrucksweise als Trompeter auf Grenzen gestoßen wäre. „Es gibt keine Beschränkungen, wenn man sich selbst ausdrücken möchte, aber ich möchte herausfinden, in welche Richtung meine Kompositionen in Zukunft gehen können, ohne dass ich als Instrumentalist dabei das Zentrum der Musik bilde. Ich arbeite daran, Musik zu schreiben, bei der die Trompete gar nicht mit von der Partie ist. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich nicht mehr Trompete blasen würde. Ich will einfach sehen, wohin die Entwicklung geht. ‚Star People Nation‘ ist ein Trompetenalbum, ich komponierte es so, als ob es eine Gesangsstimme oder einen Storyteller gäbe, und diese Rolle nahm die Trompete ein.“
Die frühe Generation von Jazzmusikern, zu denen Doc Cheatham gehörte, machte so gut wie keine Anstrengungen, selbst Platten zu produzieren, ihre geheimsten Träume für die Ewigkeit zu dokumentieren. Sie respektierten die Vorstellungen der Plattenlabels, erwarteten, dass sie durch diese bekannter werden, bessere Arbeitsmöglichkeiten finden würden. Heute können die Jazzmusiker in der Regel sehr viel selbstbestimmter arbeiten. „Ja, das waren noch andere Zeiten, ich bin auch ein anderer Typ von Trompeter, von Musiker! Ich liebe die Tradition, ich respektiere sie auch. Und ich bin Teil von ihr, so weit ich kann. Der Markt ist heute ganz anders; wenn du nicht wirklich modern bist, also der heutigen Zeit entsprichst, dann hast du so gut wie keine Chancen. Würde ich so Trompete blase wie meine Vorväter, würde ich kaum beachtet werden, nur eine winzig kleine Zuhörerschaft finden. Aber diese Haltung spiegelt eigentlich nicht das wider, wofür die Jazzmusik schon seit jeher steht. Doc Cheatham war kein traditioneller Musiker, eher ein moderner Musiker zu seinen Lebzeiten. Die Jazzmusik bediente sich immer moderner Elemente, vereinnahmte nicht zuletzt auch Popmelodien, wandte moderne Akkordfortschreitungen und moderne Harmonik an. Es kam immer darauf an, welche Persönlichkeit im Spiel war. Ich entschied mich, die musikalische Entwicklung des Jazz nicht zu ignorieren, egal ob sie nun in Richtung Pop oder Hiphop geht.“
Im aktuellen Spiel von Croker hört man so einige Elemente der angesagten Stilrichtungen von heute. Man entdeckt darin, was er erfahren hat und hört und was ihm davon zusagte, was er verarbeiten wollte. Über seine Musik sagt Croker lachend: „Selbst wenn ich mich anstrenge, ganz anders zu spielen, hört man doch immer mich heraus.“
Er ist ein Melodiker, und das bestätigt sich auch, wenn er komponiert, dann geht er fast ausnahmslos zunächst von einer Melodie aus, die ihm in den Kopf kommt. „Die Melodie scheint zuerst auf, dann die Changes und gleich danach die Basslinie. Ich schreibe eigentlich immer gleichzeitig die Melodie und die dazu passende Basslinie. Dann arbeite ich an den Akkordwechseln, experimentiere etwas mit den Rhythmen. Ich gehe immer auf diese Weise vor. Denn die Melodie und die Basslinie diktieren den Rhythmus. Die Harmonien und der Rhythmus sind ohne Melodie und Basslinie eine Jam Session!“
Wenn der Trompeter eine Melodie schreibt, dann ist ihm oftmals zu viel darin, er vereinfacht die Melodie so lange, bis er zu ­ihrer Essenz vorstößt. „Ich warte immer so lange, bis ich den Kern der Melodie und der Basslinie herausgefiltert habe. Dann erst bringe ich das zu Papier. Manchmal ist das ein langer Prozess, der sich über Jahre hinweg erstrecken kann. Ich habe einige der Stücke auf dem neuen Album zunächst bei öffentlichen Auftritten einer Prüfung unterzogen. Vom ersten bis zum letzten Song habe ich bestimmt zwei Jahre an „Star People Nation“ gearbeitet. Schon beim ersten Song merkte ich, dass die folgenden Themen eine Geschichte erzählen sollten. Der erste Song ‚Say Hello to the Wind‘ enthält ein Sample eines Joe Chambers-Songs. Und das war der Anstoß, überhaupt ein ­Album zu machen.“
Croker betont, dass er viel von der Tradition profitiert. „Es macht auch keinen Sinn, vor der Tradition davon zu rennen. Die Tradition ist die Wahrheit. Wenn du nichts über die Tradition gelernt hast, nicht Teil von ihr geworden bist, wie kannst du dann die Tradition weiter fortführen und verändern!? Dann hast du auch keine Geschichte.“
„Star People Nation“ bezeichnet er als das dritte und damit letzte in diesem Stil. „Das nächste Album wird anders. Ich habe schon damit angefangen. Fragen Sie mich nicht, wie es wird, zuerst kommt das aktuelle heraus. Ich spiele natürlich immer noch Trompete, ich werde aber weitere Dinge dazu nehmen, was nur von Vorteil sein kann, etwa andere Instrumente, Orchester, Orchestrationen. Ich werde eine umfangreichere Geschichte erzählen und suche mehr Leute damit zu erreichen. Es ist nicht so, dass ich nicht an mich als Musiker glauben würde, aber ich möchte nicht einfach nur immer Trompete spielen. Ich habe das ja auch bis heute nicht ausschließlich gemacht. Ich besitze ein umfassenderes musikalisches Talent. Tatsächlich halte ich mich für den besseren Komponisten und Arrangeur als Trompeter.“
Man darf gespannt sein, in welche Richtung seine zukünftigen Kompositionen gehen werden. In seinen Studienjahren befasste sich Croker eingehend mit Klassischer Musik, plant aber nicht, diese Erfahrungen in seine aktuellen Kompositionen mit einzubeziehen. Er gibt zu bedenken, dass die europäische Klassische Musik nicht so alt ist wie beispielsweise die Tribal Music aus Westafrika. „Das ist bestimmt keine minderwertige Musik, aber sie erhält nicht viel Aufmerksamkeit. Ich bin eigentlich von Musik im Allgemeinen beeinflusst, nicht von einem bestimmten musikalischen Genre. Soviel möchte ich aber verraten: Ich beziehe bei meinem nächsten Projekt klassische Instrumente mit ein, werde jedoch nicht mit den Techniken der Klassischen Musik arbeiten. Ich werde das schreiben, was ich machen will, und ich werde das technisch bewältigen und zum Funktionieren bringen. Wenn ich beim Komponieren merke, dass etwas nicht funktioniert, dann werde ich bestimmt eine Lösung finden. Ich weiß, dass ein Orchester seine Schwierigkeiten hat, meine Musik zu spielen. Vor allem wenn ich nicht dabei bin.“
Croker spürt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn ist, seine Musik weiter zu entwickeln und sich dafür Inspirationen von allen möglichen Arten von Musik zu holen, um damit am Ende etwas ganz Eigenständiges zuwege zu bringen. Denn nur wenige Musiker haben, wenn sie in die Jahre gekommen sind, noch den Willen und die Kraft, neue Wege des musikalischen Ausdrucks zu erarbeiten. Herbie Hancock ist da eine der wenigen Ausnahmen. Croker verfolgt auch dessen Arbeit mit der jungen Musikergeneration um Terrace Martin. „Herbie hat eine glückliche Hand, immer die richtigen Partner zu finden. Das half ihm, sich während seiner ganzen Laufbahn immer wieder weiter zu entwickeln. Wir alle experimentieren mehr oder weniger. Bei meinen Altersgenossen sehe ich jedoch nicht allzu viel Willen zu experimentieren, weder bei denen, die ein paar Jahre älter sind, noch bei den etwas jüngeren. Ich treffe nicht viele darunter, die vorwärts gehen möchten. Ich meine auch, dass es derzeit wenig geschätzt wird, sich Informationen übers Jazzgeschehen zu besorgen, früher war das noch anders. Diese jungen Musiker hätten als Teenager schon Interesse am Jazz finden und dieses und jenes Album großer Jazzmusiker kaufen müssen. Vor 15 Jahren gab ja noch kein iTunes oder You­Tube. Wenige meiner jazzinteressierten ­Altersgenossen nehmen sich noch die Zeit, ein Miles Davis-Album wieder und wieder intensiv zu hören, sich mit den Liner Notes zu beschäftigen, den einzelnen Mitwirkenden. Jetzt bekommst du in Sekundenschnelle alles, was du hören möchtest. Aber wenn du das nicht schätzen gelernt hast, dann hat es auch keinen Einfluss auf dein Schaffen. Wir mussten noch so einige Anstrengungen machen, um an solche Musik heranzukommen. Und um wirklich daran teilzuhaben und das zu verfolgen. Junge Musiker, auch solche meines Alters, können alles hören, aber sie sind nicht mehr so informiert. Information hat nicht diesen Stellenwert für sie. Sie bevorzugen Quantität vor Qualität. Nicht alle sind so, manche beschäftigen sich auch intensiv mit ihren Vorhaben, arbeiten daran. Ich bin immer wieder begeistert und erstaunt, was es alles gibt. Ich höre immer wieder dieses und jenes Miles Davis-Album ganz durch. Ich werde das auch niemals anders machen.“
Um künstlerisch vorwärts zu kommen und zu reifen, hat Theo Croker beachtlich viel Fleiß und Disziplin in die Musik investiert. „Ich hatte von Anfang an diese Disziplin und konnte sie noch steigern. Und ich benötige sie weiterhin, um immer bessere Musik zu machen. Ich sehe es als meine Bestimmung, Musik für andere Menschen zu machen, zu spielen, zu schreiben und in aller Welt aufzuführen. Sie sollen dadurch die gleiche Freude empfinden, die mir die Musik bereitet. Ich will besser werden im Komponieren, Arrangieren und Produzieren, will mehr tun, als nur Trompete zu blasen. Ich möchte wissen, wozu ich noch fähig bin. Aber jetzt erscheint erst einmal ‚Star People Nation‘. Das ist eine Art von Mix aus ‚Afro Physicist‘ und ‚Escape Velocity‘, aber sehr viel reifere Musik, es ist ein klares Statement. Es ist recht kurz, die Sound-Qualität ist sehr reichhaltig und klar, nicht schwer- eher leichtgewichtig, obwohl sich eine Menge gleichzeitig vollzieht. Dabei bin ich nicht in ein Jazzstudio gegangen, habe keinen Jazz-Toningenieur dazu geholt, keinen Jazz Editor herangezogen. Niemand, der in die Produktion involviert war, kommt aus dem Jazzumfeld. Ich halte es einfach nicht für sinnvoll, ein Jazzstudio zu nutzen und dort mit altem Equipment Musik aufzunehmen, die früher schon sehr viel besser gespielt wurde und damals authentisch war. Gut, das kann alles ganz cool daherkommen. Aber man sollte nicht das tun, was andere schon getan haben, sondern etwas Eigenständiges schaffen, das von Bedeutung ist. Und darum geht es bei diesem Album. Zudem wird das Thema Schwarzsein angesprochen, es geht um unsere eigene Kultur. Ich lebe jetzt schon wieder sechs Jahre in Amerika, zuvor wohnte ich sechs Jahre in China. Die Situation in Amerika ist schlecht, aber das ist ja nichts Neues, vor allem für Schwarze war sie immer schwierig.“
Er schaut abschließend noch einmal auf das Jazz Podium-Titelbild mit seinem Großvater, der gewiss kein einfaches Leben hatte. Auf seine alten Tage musste der fürchten, gar keine Arbeit mehr zu finden. Doch durch eine Einladung von Wynton Marsalis erlangte er in fortgeschrittenem Alter noch etwas Berühmtheit in Jazzkreisen. Und in dieser Phase schien er versöhnt mit seinem Leben. In einem Interview sagte er damals: „I had a good life“. Genau diese Stelle auf einer alten Interview-Bandkopie spiele ich Theo Croker vor. Und als er die Stimme seines Großvaters hört, der seine Dankbarkeit gegenüber seinem Leben ausdrückt, schießen ihm Tränen in den Augen. Ich nehme das Band aus meinem alten Sony Walkman, reiche es ihm, nicke ihm zu und verlasse den Aufenthaltsraum. Er spielt ein groß­artiges Konzert an diesem Abend im Bix.