Die Generosität der Meisterschaft

Dave Holland

„Das Schöne an der Musik ist doch zunächst immer wieder dieser kollaborative Aspekt. Als ich jung war, habe ich aus dem Blickwinkel des Bassisten, der damals noch gar keine große Erfahrung mit Jazz hatte, sondern in einer Rock’n’Roll Band spielte, gerade auf diesen Aspekt sehr genau geachtet; bei Scott LaFaro im Bill Evans Trio, bei Charlie Mingus oder bei Ray Brown. Diese Erfahrungen habe ich dann in mein erstes eigenes Quintett Anfang der 1980 Jahre mit eingebracht“

Die Karriere von Dave Holland ist geprägt von einer entspannten Entschlossenheit. Legendär bereits sein auf den ersten Blick fast ein wenig naiv erscheinender Einstieg in die Welt des großen Jazz. Miles Davis hatte ihn in London gehört und ihm unverbindlich ein Engagement in Aussicht gestellt, weil er Ron Carter in seinem Quintett ersetzen musste, das auch stilistisch vor einem Umbruch stand. Ohne noch einmal von Davis zu hören, siedelte Holland kurzerhand nach New York über, wo Herbie Hancock ein erneutes Treffen mit Davis arrangierte, der Holland dann tatsächlich für seine Working Band verpflichtete, wodurch er, noch keine Mitte 20, wenig später Meilensteine des Fusion-Jazz wie „Bitches Brew“ mit einspielen konnte. Das allein hätte schon zur Legendenbildung gereicht. Doch Holland machte sich mit seiner fast folkloristisch anmutenden spontanen Melodieführung, seinem Gespür für dramaturgisch perfekt gesetzte Kolorierungen und seinem wuchtigen, prallen Ton schnell auch in anderen Projekten einen Namen, zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Chick Corea. Jüngere Jazzgeschichte schrieb er dann ab 1983 mit seinen stets langlebigen und hochkarätig besetzten Quintetten, die mit ihrem makellosen Interplay jeweils zu den besten Ensembles ihrer Zeit zählten und nach wie vor zählen. Aktuell tourt er mit einem All-Star-Projekt namens Aziza, dem langjährige Weggefährten wie Chris Potter und Eric Harland ebenso angehören wie der aus dem Benin stammende Gitarrist Lionel Loueke, der zuletzt unter anderem bei Herbie Hancock für Furore sorgte. Vor einem umjubelten und natürlich restlos ausverkauften Konzert im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals, das mit Standing Ovations endete, ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dave Holland.

Sie sind dafür bekannt, durch Ihr Spiel den Group Sound quasi zu kolorieren. Daraus entstehen dann natürlich neue Möglichkeiten im Zusammenspiel. Ist das so etwas wie Ihr Geheimnis als Bandleader?

Ich habe es immer so gesehen, dass Musik in ihrer schönsten Form ein demokratischer Prozess ist. Gerade in der improvisierten Musik erhält man die besten Resultate, wenn unterschiedliche Musiker in unterschiedlichen Momenten die Führung übernehmen. Niemand sollte permanent diese Führungsrolle beanspruchen, weil daraus der für die kreative Weiterentwicklung zentrale Prozess des Gebens und Nehmens zerstört würde. Ich sehe meinen Beitrag darin, was gerade bei einem Bassisten zum Handwerkszeug gehört, die anderen Musiker zu unterstützen, aber sie auch mit Ideen zu füttern. Sie nannten als Beispiel für solche Ideen das Einbringen bestimmter Klangfärbungen. Es geht darüber hinaus natürlich auch immer um die Frage, wie präsent man im Zusammenspiel gerade sein sollte, ob man Komplexität einbringt oder die Dinge vereinfacht. Für mich geht es letztlich darum, die einzelnen Elemente innerhalb einer Band möglichst perfekt auszubalancieren. Dazu gehört auch, dass man manchmal einfach nicht spielt. Es ist wichtig, diesen Punkt zu finden, an dem man auch mal aufhört zu spielen, um innerhalb eines größeren Ensembles zum Beispiel mal ein Duo sich herauskristallisieren zu lassen.

Dazu braucht man natürlich die richtigen musikalischen Partner.

Ja. Wenn man wie ich das Glück hat, mit so großartigen Musikern zusammenzuspielen, wie aktuell zum Beispiel in dieser wunderbaren Band Aziza mit Eric Harland, Chris Potter und Lionel Loueke, die komplett ohne Leader auskommt, dann ist es natürlich eine schöne Erfahrung, wenn alle dieselbe Grundidee verfolgen, wenn alle auf Balance achten, wenn alle immer wieder neue Klangfarben anbieten. Es geht doch letztlich darum, die Musik selbst zu unterstützen, dramaturgisch perfekt das Momentum auszureizen und zu einer Art Konsens zu finden, der idealerweise sehr schnell, also in Echtzeit, auf die Bühne gestellt werden muss, wenn ein Stück bestmöglich funktionieren soll. Dabei hilft es natürlich, sich gut zu kennen. Es ergibt sich daraus fast so etwas wie eine rein intuitive Verbindung. Was dann entsteht, ist ja nicht nur ein künstlerisches, sondern auch und vielleicht sogar vor allem ein zwischenmenschliches Statement: Koexistenz, sich gegenseitig zu respektieren und zu unterstützen, gemeinsam zu agieren und Spaß daran zu haben, sich nicht nur selbst zu stärken, sondern auch die anderen.

Braucht es dazu so etwas wie eine gemeinsame, spontan teilbare Vision?

Nein. Ich wollte nie mit Musikern spielen, die genau so denken wie ich. Tatsächlich funktionieren für mich immer die Bands am besten, deren Vision in der Diversifikation unterschiedlicher Visionen besteht. Weil genau darin diese faszinierende Vielfalt an Möglichkeiten liegt, nach der wir alle suchen. Wenn alle dasselbe dächten, würde mich das langweilen, aber natürlich sollten die unterschiedlichen Denkweisen am Ende irgendwie kompatibel sein. Dann ist es auch möglich, überrascht zu werden. Und genau das interessiert mich an der Musik. Immer wieder überrascht zu werden. Es ist doch vor allem das Unerwartete, das so nicht Planbare, aus dem eine neue Inspiration erwächst. Wir brauchen also einen gemeinsamen Nenner, der natürlich auch in der Historie liegt, die wir alle eingehend studiert haben. Aber genauso sollten wir unterschiedliche persönliche Erfahrungen aus unterschiedlichen musikalischen Welten einbringen, als Musiker und Hörer. Ich denke ohnehin, dass ein sehr großer Teil des Musikmachens das Musikhören sein sollte.

Welche Rolle spielt eigentlich Zeit in Ihren Bandprojekten?

Das ist im Grunde so wie bei Freundschaften. Pflegt man sie über eine lange Zeit, entsteht mehr Tiefe. Vor allem aber muss man weniger reden, je besser man sich kennt. Das Verständnis ist dadurch schon sehr erleichtert. Aber ich will jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass man sich sehr gut kennen oder gar befreundet sein muss, um gute Musik zu machen. Überhaupt nicht. Allerdings gibt es ein Level in der Musik, das nur zu erreichen ist, wenn Liebe und Respekt füreinander im Spiel sind. Das hat auch etwas mit Generosität zu tun. Man verhält sich einem guten Freund gegenüber einfach anders. Wenn man Musiker gefunden hat, zu denen man eine solche Beziehung aufbauen kann, dann möchte man diese Beziehung in der Musik natürlich immer weiter vertiefen, weil es bereichernd ist und weil das Resultat optimal ist.

Eine Frage muss ich unbedingt noch stellen. Sie gelten als großer Förderer jüngerer Musiker. Dasselbe habe ich auch oft über Thelonious Monk gehört, zum Beispiel von Archie Shepp oder Sonny Rollins. Sie haben Monk als noch sehr junger Bassist bei einem seiner letzten Konzerte begleitet. Haben Sie ihn als fördernd erlebt?

Oh ja, unbedingt. Allerdings nicht, wie man sich das vielleicht vorstellt, in Form von Mentoren- Gesprächen. In dieser Phase seines Lebens hat Monk so gut wie überhaupt nicht mit anderen gesprochen. Ich jedenfalls habe ihn nie mit jemandem sprechen sehen. Aber er schien sehr glücklich, lachte mich permanent an und gab mir dadurch das starke Gefühl, dass alles passt. Die Erfahrung in seiner Band gespielt zu haben und fühlen zu dürfen, wie er innerhalb der Rhythmusgruppe das Klavier einsetzt, hat mir ein Gefühl großer Generosität und Wertschätzung vermittelt. Es war so überraschend, was er gespielt hat, aber er hat es der Musik auf eine Weise hinzugefügt, die einen auf ganz natürliche Weise mitgenommen hat. Er war ja auch über die Musik hinaus ein sehr hilfsbereiter Mensch, hat immer wieder Musiker bei sich wohnen lassen und ihnen geholfen. Ich habe mich in seiner Nähe und in seiner Musik jedenfalls sehr wohl gefühlt. Ich habe das wirklich genossen und ich habe seine eigenwillige und großartige Musik ohnehin immer gemocht.

Und sein Schweigen hat Sie nicht irritiert?

Nein. Weil ich diesbezüglich ja überhaupt keine Erwartungen hatte. Alles geschah in der Musik. Das war seine Art von Ansprache, seine Großzügigkeit, seine Menschlichkeit in dieser Zeit. Aber wenn wir schon beim Thema sind. Ich würde unbedingt auch Miles Davis in diese Kategorie Mensch einordnen, wenn ich das noch sagen darf.

Bitte.

Miles war in seiner Musik unfassbar großherzig. Er hat einem wirklich enorm viel Raum und schier endlose kreative Möglichkeiten zugestanden.

Aber er hatte auch immer klare Vorstellungen davon, wie etwas klingen sollte.

Schon. Aber diese Vorstellung hat einen nicht eingeengt. Im Gegenteil. Sie hat einen befreit. Weil die Vorgaben einerseits klar waren, andererseits aber auch völlig offen. Schauen Sie sich nur ein Album wie „Kind Of Blue“ an. Konzeptionell ist es von großer Klarheit. Aber wenn Sie sich das Notenmaterial dazu anschauen, dann hat das auf zwei Blatt Papier gepasst. Die ausformulierten Vorgaben waren minimal. Aber in diesem Minimalismus war immer ein ganzes Universum verborgen. Das ist ein ganz wesentlicher Teil von Miles‘ Größe. Er konnte die Essenz destillieren, ganz gleich, ob er spielte oder schrieb.

Es gibt eine Anweisung von Miles Davis im Studio während der Aufnahmen zu „Miles Smiles“, wo er zu Ron Carter am Ende nur zwei Worte sagt, um ihn mehr zu motivieren als zu korrigieren: „too common“, also „zu gewöhnlich“.

Genau das meine ich! Er sagte eben nicht konkret zu Ron, er solle es folgendermaßen spielen. Er gab ihm nur diese Idee, nämlich es nicht „gewöhnlich“ zu spielen. Was bedeutet das? Dass man als Musiker seinen eigenen Weg in der Umsetzung findet. Das ist gelebte Genialität. Das ist der beste Weg, wie man mit einem improvisierenden Musiker umgehen sollte. Miles nutzte dessen natürliche Kreativität. Er stachelte sie im besten Sinne des Wortes an. Das ist es, was einen großen Bandleader ausmacht. Duke Ellington zum Beispiel hat das auch beherrscht. Es genügt, immer wieder den Kontext herzustellen und alles andere einfach laufen zu lassen.

Über Ihre Bands sagt man ja ähnliches. Vor allen Ihre Quintette sind ja fast schon zu einer Marke im Jazz geworden. Wo liegt denn Ihr Geheimnis? Ist es die Erzeugung des eben beschriebenen Kontexts?

Das Schöne an der Musik ist doch zunächst immer wieder dieser kollaborative Aspekt. Als ich jung war, habe ich aus dem Blickwinkel des Bassisten, der damals noch gar keine große Erfahrung mit Jazz hatte, sondern in einer Rock’n’Roll Band spielte, gerade auf diesen Aspekt sehr genau geachtet: bei Scott LaFaro im Bill Evans Trio, bei Charlie Mingus oder bei Ray Brown. Diese Erfahrungen habe ich dann in mein erstes eigenes Quintett Anfang der 1980er Jahre mit eingebracht. Das war also ein sehr natürlicher Prozess. Ich würde das nicht wirklich als Geheimnis bezeichnen. Und ich habe sehr konsequent immer eines gemacht: Bevor das Projekt ins Studio ging, habe ich darauf geachtet, live auf der Bühne ausreichend Erfahrungen zu sammeln, mit der Band und dem Material. Es gibt keine CD eines von mir initiierten Projekts, bei dem das anders gelaufen wäre. Oftmals ist es sogar so, dass überhaupt erst während der Tour der Entschluss reifte, das Projekt auch aufzunehmen. Dadurch wird die Platte zu einem lebendigen Dokument von etwas bereits Erreichtem, das im Studio bestenfalls noch einmal fortgeschrieben wird, aber so im Studio allein gar nicht zu erzeugen wäre.

Ohne eine solche Vorerfahrung auf der Bühne würde man im Studio vermutlich deutlich mehr auf individuelle Routinen zurückgreifen müssen.

Ich würde das so nicht formulieren. Dafür ist mein Grundrespekt vor dieser Arbeit und vor anderen Musikern einfach zu groß. Außerdem spielen hier oft auch Dinge eine Rolle, die man gar nicht beeinflussen kann: Terminpläne zum Beispiel, Kostendruck, Probleme beim Organisieren einer Vorab-Tour. Man kann alles immer auch anders und trotzdem genauso gut machen. Ich aber möchte diese Dinge gerne auf meine Weise tun.

Text: Volker Doberstein
Foto: Manfred Rinderspacher