Kraftwerk unplugged

Zeitkratzer spielt Frühes von den deutschen Vorzeigepoppern / von Christoph Wagner

Das Musikensemble Zeitkratzer schreckt vor nichts zurück. Seit die Berliner Formation 1997 erstmals auf den europäischen Konzertbühnen auftauchte, hat sie Zuhörer in Begeisterung versetzt, aber auch aus der Fassung gebracht. Kompositionen von John Cage, Karlheinz Stockhausen und Arnold Schönberg bilden ebenso das Repertoire, wie Noise-Musik oder Volksmusik. Daneben spielt die (freie) Improvisation eine wichtige Rolle, renommierte Jazzmusiker wie die Saxophonisten Frank Gratkowski und Hayden Chisholm sind Mitglieder von Zeitkratzer. Der spektakulärste Coup gelang 2004 mit der Wiederaufführung von Lou Reeds „Metal Machine Music” – zusammen mit Reed himself. 2018 wurde ein Programm realisiert, das unter dem Titel „The Shape of Jazz to Come“ Kompositionen von Lil Hardin Armstrong, Mary Lou Williams, Muhal Richard Abrams, Archie Shepp und Geri Allen enthielt.
Jetzt hat Zeitkratzer unter der Regie seines Leiters Reinhold Friedl die ersten beiden Alben der Gruppe Kraftwerk von Anfang der 1970er-Jahre komplett rekonstruiert, die die spätere Elektropop-Band am liebsten vergessen machen würde: 2017 erschien „Zeitkratzer performs Songs from Kraftwerk + Kraftwerk 2“, das die Titel „Ruckzuck“, „Spule 4“, „Strom“, „Atem“, „Klingklang“ und „Megaherz“ enthält. Im Sommer 2019 wurde „Zeitkratzer performs Songs from Kraftwerk 2 + Kraftwerk“ veröffentlicht (beide: Zeitkratzer Productions) mit den Stücken „Harmonika“, „Stratovarius“, „Vom Himmel Hoch“ und „Wellenlänge“. Man beachte den feinen Unterschied im Titel der beiden Alben, da die Cover nahezu identisch sind.
Bevor Kraftwerk 1974 mit dem Album „Autobahn“ zum Elektropop fand, gehörte die Gruppe zu einer Handvoll deutscher Underground-Bands (neben Can, Faust oder Tangerine Dream), die das Aufnahmestudio als Spielwiese und Klanglabor entdeckt hatten, um eine Musik zu kreieren, die spontan und ungeplant, meistens atonal, leicht chaotisch und nicht selten ziemlich durchgeknallt und größtenteils improvisiert war. Weil das nicht zum späteren Image ihres maschinenhaften Roboter-Pop passte, hat sich Kraftwerk in den letzten Jahren bemüht, dieses Kapitel aus ihrer Biographie zu tilgen.
Diese klammheimliche Geschichtsklitterung erregte die Aufmerksamkeit von Zeitkratzer. Um die Titel der beiden ersten Alben von Kraftwerk Ton für Ton zu rekonstruieren, mussten die Stücke zuerst den Langspielplatten abgelauscht werden, dann minutiös auf Notenpapier übertragen und so arrangiert werden, dass der Klang der akustischen Instrumente den oft elektrischen oder elektronischen Originalsounds so nahe wie möglich kommt. „Da gibt es eine Nummer mit dem Titel ,Atem’. Sie besteht hauptsächlich aus Atemgeräuschen, die nicht einmal groß gefiltert sind,“ erklärt Bandleader Friedl. „Dieses Ein- und Ausatmen haben wir transkribiert in all seinen Klang- und Geräuschschattierungen. Unser ganzes Ensemble wird dabei zu einem einzigen riesigen Blasebalg.“
Die Musik von Kraftwerk aus der Anfangsphase atmet den Geist der frühen Krautrock-Jahre, ist zudem inspiriert von den Tonbandbasteleien der Musique concrete, besitzt allerdings auch schon die elektronischen Bestandteile, die nachher immer dominanter wurden. Die Platten ­waren einst vom legendären Studiozauberer Conny Plank produziert und aufgenommen worden, dem vermutlich ein maßgeblicher Verdienst an den Produktionen zukommt. „Es gibt bei diesen Stücken schon elektronische Editing-Passagen, etwa beim Titel ,Ruckzuck’, wo zweimal das Stück einen halben Ton hochgeht,“ erläutert Friedl. „Da wurde einfach das Masterband an der betreffenden Stelle einen halben Ton hochgezogen, was ziemlich verwegen ist. Ich bin stolz, dass wir das mit akustischen Instrumenten hinbekommen und das gesamte Stück einen halben Ton hochglissandieren und dann wieder reinhaken, um es danach noch einmal einen halben Ton höher zu ziehen.“
Der Titel „Ruckzuck“ avancierte 1970 zu einem kleinen Underground-Hit, der ins Ohr ging und Kraftwerk erste Aufmerksamkeit bescherte. Der Reduktionismus und die Repetition lassen bereits radikale Einfachheit und motorischen Beats erahnen, die Kraftwerk später berühmt machten. „Wir haben versucht, mit Kraftwerk-Boss Ralf Hütter Verbindung aufzunehmen. Doch gab es keinerlei Reaktion von seiner Seite,“ erzählt Friedl. „Deswegen haben wir die Musik so originalgetreu wie möglich eingespielt, weil wir wissen, dass Hütter schnell die Anwälte bemüht. Es ist nicht anders als bei Beethoven. Nur spielen wir in diesem Fall die Kompositionen von Kraftwerk, die allerdings selten fest fixiert waren, oft in unterschiedlichen Tempi gespielt wurden und viel Improvisation enthielten.“
Die präzise Reproduktion der frühen Kraftwerk-Titel war kein leichtes Unterfangen, weil Zeitkratzer ja eigentlich ein akustisches Ensemble ist. Doch in dieser Herausforderung lag auch der Reiz. Die elektronischen Sounds wurden in akustische Klänge (rück-)übersetzt, wobei Friedl zum Beispiel die Synthesizer-Parts auf dem Harmonium spielt. „Wahrscheinlich sind es die Sounds, bei denen auf dem Knopf des Synthesizers ,Harmonium’ stand, die ich jetzt mit einem echten Harmonium spiele“, so der Bandleader. „Auch die Echo-Effekte machen wir von Hand. Wir spielen die einfach! Ein Instrument spielt dem anderen hinterher, wie ein Delay.“ Trotz der ungeheuren Präzision, mit der Zeitkratzer arbeitet, bleibt eine winzige Differenz zwischen Original und Kopie bestehen, was als rätselhafte Verfremdung wirkt. Sie verleiht den Aufnahmen eine leicht mysteriöse Qualität, die sie weit über einen bloßen tribute act hinaushebt.
Die Publikumsreaktion ist nicht einhellig: Manche sind vom Kraftwerk-Programm begeistert, andere wirken irritiert bis aufgebracht. „Was soll das denn?“, scheint sich so mancher hartgesottene Fan zeitgenössischer E-Musik zu fragen. Doch Zeitkratzer erlegt sich keine Zurückhaltung auf aus Angst vor Missbilligung. Die Gruppe will weiterhin über den Tellerrand der Stile hinausschauen, wobei klar ist, dass man sich damit angreifbar macht. Friedl: „Wir haben bereits zu Beginn Neue Musik mit Improvisation verbunden, was damals wenige gemacht haben. Dann haben wir 1999 mit Noise-Musikern wie Merzbow zusammengearbeitet, was ebenfalls Neuland war. Wir waren immer interessiert und offen und wollen einfach nur ohne Scheuklappen oder Tabus diejenige Musik machen, die uns reizt