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Die Eine fürs Es

Doris Day. Keine Sauberfrau. Eine tolle Sängerin vielmehr. Und couragiert / von Volker Doberstein

Vor wenigen Wochen ist Doris Day gestorben, im biblischen Alter von 97 Jahren. Bereits drei Jahrzehnte zuvor hatte sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, um sich fortan ganz dem Tierschutz zu widmen. Trotzdem hat sich ihr Bild, nein, ein Bild hartnäckig im kollektiven Gedächtnis gehalten: das der apfelbäckigen Sauberfrau mit dem Kinderschokoladelächeln. Doris Day gilt bis heute als Verkörperung der konservativen, um nicht zu sagen: der rückwärtsgewandten Werte der 1950er- und frühen 60er-Jahre. Werte, die in ihrem überholten Rollenbild nur noch zu verstehen sind, wenn man sich klar macht, dass sie eine Gegenbewegung zu den traumatischen Verlust-Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs darstellten. Day war ein Sinnbild der Rückkehr zur Normalität. Aber der Reihe nach: Doris Days Kindheitstraum war es, Tänzerin zu werden. Ein schwerer Autounfall im Teenageralter machte diese Hoffnung zunichte. Trost spendete ihr die Musik. Die junge Doris mochte Billie Holiday und verehrte Ella Fitzgerald. Mit 17 begann sie, Rundfunk-Aufnahmen zu machen und in Clubs zu singen. Fünf Jahre später hatte sie ihren Durchbruch mit der Ersteinspielung von „Sentimental Journey“, die 1945 nicht nur ein Nummer-Eins-Hit wurde, sondern auch zur inoffiziellen Kriegsheimkehrer-Hymne. Auf ein Festengagement im Orchester des Komponisten Les Brown folgten viel beachtete Kollaborationen mit Bob Crosby, Frank Sinatra oder Bob Hope, die Days Ruf als eine der herausragenden Sängerinnen ihrer Zeit festigten. Allein in den USA brachte sie 46 Singles in die Charts – die Aufnahmen als Bigband-Sängerin nicht mitgerechnet.
Days künstlerisches Handwerk bewegte sich auf allerhöchstem Niveau. Sie stand in dem Ruf, nie einen falschen Ton zu singen. Etwas, das man auch Billie Holiday nachgesagt hatte. Dabei gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied. Obwohl es in ihrem Fall grundsätzlich denkbar gewesen wäre, hat die hochdisziplinierte Perfektionistin Doris Day vielleicht tatsächlich öffentlich nie einen falschen Ton gesungen. Holiday hingegen konnte gar keinen falschen Ton singen. Weil jeder Ton dadurch, dass und wie sie ihn sang, zu einem richtigen wurde. Denn Holiday sang keine Lieder. Holiday sang Billie Holiday. Und wer würde sich anmaßen zu behaupten, sie hätte sich falsch gesungen?
Dies erweist sich vielleicht als Hauptunterschied zwischen den großen schwarzen und weißen Sängerinnen der Post-Bigband-Ära. Holiday, als stark von Blues und Gospel geprägte Interpretin, war eine Ich-Sängerin. Sie sang im Wesentlichen sich selbst. Sie nahm einen Song vollumfänglich in Besitz. Day hingegen, ebenso wie ihre außerhalb der USA zu Unrecht fast vergessene Kollegin Jo Stafford, war eine Es-Sängerin. Sie wahrte eine professionelle Distanz zwischen Interpretin und Material. Sie diente ihren Songs. Die Black Community suchte in der Musik nach sich selbst, die weiße Mittelschicht nach Unterhaltung.
Der Unterschied zwischen Ich und Es entspricht dem zwischen unmittelbarer Beteiligung und engagierter Berichterstattung. Beide Interpretations-Philosophien können von höchster Glaubwürdigkeit sein, aber eben auf andere Weise. Unversöhnlich jedenfalls sind diese beiden Welten nicht, wofür die Scat-Großmeisterin Ella Fitzgerald das beste Beispiel ist. Auch sie ist, ihrem verschlossenen Wesen und ihrem von Vorsicht geprägten künstlerischen Selbstverständnis gemäß, eine Es-Sängerin, aber hoch respektiert vom weißen wie vom schwarzen Publikum. Für die grundsätzliche Kompatibilität beider Welten spricht auch Sarah Vaughans lapidare, ebenso unerwartete wie inzwischen legendäre Antwort auf die Frage nach ihren Lieblingssängerinnen: „Ich stehe auf Doris Day.“
Days Ton war hell, klar, unverstellt, dabei von atemberaubender Sicherheit und vor allem von einer unmerklichen, weil niemals aufdringlichen, aber sehr klugen und ökonomischen Präsenz. Eine Fähigkeit, die sie sich in der harten Schule als Frontfrau diverser Bigbands angeeignet hat. Ihr einstiger Arbeitgeber Les Brown sagte über die Sängerin: „Ich bin der Meinung, neben Sinatra ist Doris in der gesamten Branche die Beste, wenn es darum geht, dem Publikum einen Songtext zu verkaufen.“ Broadway-Ikone Sammy Cahn, der die Texte mehrerer Dutzend Jazz-Standards wie „I Fall in Love Too Easily“ geschrieben hat, brachte diese intuitive Meisterschaft auf die, zumindest aus Autorensicht, kürzeste Formel für den perfekten Gesang: „Sie gibt einem Song alles, was er braucht.“
Mit dieser Fähigkeit hat Day weit über den Jazz hinausgewirkt. Brian May, Gitarrist der Rock-Gruppe Queen, beispielsweise bekannte: „Wenn ich die göttliche Doris Day höre, gerate ich in eine Art Trance … Sie ist technisch unübertroffen, bezaubernd, umwerfend ausdrucksstark und wahrscheinlich die beste Interpretin eines Songs, die ich je gesehen habe.“ Aber auch Paul McCartney, seine Tochter, die Designerin Stella McCartney, Schriftsteller John Updike, Schauspielerin Uma Thurman, Pop-Superstar Katie Perry oder die Coen-Brüder bekennen sich dazu, von Day beeinflusst worden zu sein. Und selbst die Jazz-Kritik ließ sich überzeugen. Der renommierte Publizist und Sinatra-Biograph Will Friedwald pries ihre Musik mit den Worten: „Die erotischste Art zu singen, die Sie jemals hören werden.“
Mit ihrem Film-Debüt im Jahre 1948 kam ein weiterer Baustein ihrer Einzigartigkeit hinzu. Als Schauspielerin war Day den reflektierten und akribischen Umgang mit Worten gewohnt. In ihrem Gesang kombinierte sie diese Qualität nun mit einem sehr ungewöhnlichen Stil, der in seiner vordergründigen Richtigkeit zwar eigentümlich clean anmutete, dessen erzählerische Qualität jedoch von enormer Musikalität und Tiefe war. Dieser Gesang öffnete auf eine in seiner Ehrlichkeit fast naiv anmutende Weise die Herzen. Er war von einer Zugewandtheit, die reflexartig Wohlbefinden und ein Gefühl des Behütetseins auslöste. „Sie konnte“, resümierte die französische Film-Ikone Jeanne Moreau, „in einem Refrain mehr Gefühl zum Ausdruck bringen als die meisten Schauspielerinnen in drei Akten.“
Day hat nicht nur zwei Sterne auf dem Walk of Fame in Hollywood – einen als Sängerin und einen als Schauspielerin. Sie ist auch untrennbar mit zwei gleichermaßen bedeutsamen Signature-Songs bzw. Erkennungsmelodien verbunden. Beide wurden exklusiv für sie geschrieben. Beide wurden mit einem Oscar für den besten Film-Song ausgezeichnet. Der eine, „Que sera, sera“, war eine sentimentale, kinderliedhafte Pop-Schnulze, die mit ihrer pastoralen Schicksalsgläubigkeit allerdings mitten ins Herz der Zeit traf. Der ­andere, „Secret Love“, wurde dank Day schnell zu einem Jazz-Standard und zeigte die Sängerin auf der Höhe ihrer Gesangskünste.
Das Interessante an „Secret Love“ ist, dass es sich nicht nur um ein Liebeslied handelt, sondern zugleich um eine Art Coming out. In einem der schönsten Refrains des Great American Songbook ruft die Sängerin, in einem Zustand spürbarer innerer Befreiung, der Welt ihre wahre, lange geheim gehaltene Liebe entgegen: „Now I shout it from the highest hills, / even told the golden daffodils, / at last my heart’s an open door / and my secret love’s no secret anymore.” Dieser Refrain ist wie ein Mantra für den herbeigesehnten Ausbruch Days aus der beengenden Rolle als America’s sweetheart und tugendhaftes girl next door. Eine Befreiung, die ihr nie gelingen und die daher mitverantwortlich für Ihren Rückzug aus dem Business werden sollte.
Dabei hätte sie durchaus die Chance auf einen Image-Wandel gehabt. Day wurde nämlich die Rolle der Mrs. Robinson in Mike Nichols‘ Film „Die Reifeprüfung“ angeboten. Sie lehnte ab und beendete nur ein Jahr später ihre Filmkarriere. Die Zeit ihrer sittsam sich in Andeutungen erschöpfenden romantischen Komödien war endgültig abgelaufen. Den Sprung ins neue Zeitalter hatte sie verpasst. Und sie war stolz darauf: „Ich tanzte nie durch männliche Fantasien – zumindest nicht nackt, und ich glaube, dass ich deshalb Attribute wie prüde, langweilig oder unbekümmert angeklebt bekam. Und da kleben sie heute noch. Ich gehöre zu den wenigen Frauen im Filmgeschäft, die darauf verzichteten, ihre Bedeutung oder Wirkung durch das Eingehen auf die Wünsche eines Mannes zu erzielen. Ich war eine gradlinige, sonnige, verkappte Vorstadt-Emanze.“
Sie hatte erlebt, wie gnadenlos vereinnahmend das Film-Geschäft mit seinen enthemmt männlichen Mechanismen sein kann. (Harvey Weinstein ist keine Entwicklung des 21. Jahrhunderts, sondern ein Resultat von hundert Jahren Filmgeschichte.) So ließ Hitchcock, ein Psychopath, Day nicht nur auf menschenverachtende Weise spüren, dass er in ihrer Besetzung für seinen Film „Der Mann, der zu viel wusste“, einen Fehler sah, er trieb sie regelrecht in einen Nervenzusammenbruch. Aber anders als viele ihrer Kolleginnen, ließ Day sich weder in Abhängigkeit halten noch in ihrer Haltung brechen. Days Rückzug war also nicht nur konsequent, sondern auch Ausdruck einer beeindruckenden Stärke und Zivilcourage.
Aufgrund dieser Zivilcourage fand sie sich zweimal ungewollt im Zentrum der Zeitgeschichte wieder. Ihrem Sohn, Terry Melcher, in den 1960er-Jahren ein berühmter Musik-Produzent in L.A., war von Dennis Wilson, Schlagzeuger der Beach Boys, ein mäßig talentierter Folkmusiker namens Charlie empfohlen worden. Nach wenig zufriedenstellenden Probeaufnahmen lehnte Melcher eine Zusammenarbeit ab. Woraufhin er von Charlie und seiner überwiegend weiblichen, sektenartigen Entourage, die sich „The Family“ nannte, immer wieder in seinem Haus aufgesucht und bedroht wurde. Schließlich zog Melcher aus – auf Drängen seiner Mutter, Doris Day. Das Anwesen am Cielo Drive wurde daraufhin an den Regisseur Roman Polanski und seine hochschwangere Frau, die aufstrebende Schauspielerin Sharon Tate, vermietet. In der Nacht vom 9. auf den 10. August des Jahres 1969 – Polanski hielt sich zu Dreharbeiten in Europa auf – verschafften sich vier mit Messern und Pistolen bewaffnete Sekten-Mitglieder Zutritt zu Terry Melchers ehemaligem Anwesen. Der Rest ist Kriminalgeschichte. Bis heute ist ungeklärt, ob der mörderische Überfall auf Tate und ihre Freunde nur auf einem Irrtum im Drogen-Rausch basierte und man eigentlich den erst wenige Wochen zuvor ausgezogenen Melcher hatte aufsuchen wollen. Melcher und seine Mutter haben dieses Trauma nie überwunden.
Noch bedeutsamer war das zweite zeitgeschichtliche Ereignis. Aufgrund einer Indiskretion musste Days ehemaliger Filmpartner Rock Hudson im Jahre 1985 seine AIDS-Diagnose öffentlich bestätigen. Damals bereitete Day ihre neue TV-Show vor. Sie bestand darauf, dass der von seiner Krankheit gezeichnete Hudson ihr Premieren-Gast sein sollte. Es war Hudsons erster öffentlicher Auftritt nach der Bekanntgabe seiner Erkrankung und seiner Homosexualität. Nahezu alle Freunde hatten sich von ihm abgewandt.
Day war bei dem Zusammentreffen über Hudsons körperliche Verfassung zutiefst erschüttert. Also kochte sie für ihn erst mal ihre berühmte Hühnersuppe. Ein rührender Akt der Hilflosigkeit. Zumal der austherapierte Hudson, infolge der Krankheit an chronischer Appetitlosigkeit litt. Schließlich umarmte und küsste Day ihren einstigen Filmpartner vor laufender Kamera. Ein mutiges Statement zu einer Zeit, in der es allenfalls erste Erkenntnisse über den Übertragungsweg der Krankheit gab.
Kurze Zeit später starb Hudson. Als erstes prominentes Opfer hatte er AIDS ein Gesicht gegeben. Und ausgerechnet die von vielen als prüde belächelte Day sorgte dafür, dass uns dieses Gesicht als ein menschliches in Erinnerung bleiben wird. Dass sie dabei ihr eigenes Image beschädigen könnte, war ihr egal. Mit ihrer Zivilcourage hat sie das erste öffentliche Zeichen für die Entstigmatisierung der Krankheit gesetzt.
Ihren Lebensabend verbrachte Day in Carmel, einem puppenstubenhaften Örtchen in Kalifornien. Dort hat sie, nach mehreren gescheiterten Ehen, den Frieden der späten Jahre gefunden. Als 90-Jährige veröffentlichte sie ein letztes Album, „My Heart“, produziert von ihrem Sohn, der kurz nach Fertigstellung an Krebs verstorben war. Auch wenn sie dem Leben nicht alle Tiefschläge verzeihen konnte, so lebte die sanftmütige Doris Day ihre letzten Jahre doch im Reinen mit sich und ihrem unerfüllten Lebenstraum, dem Tanz: „Mit mir allein halte ich das Schmerzhafte und das Schlimme besser aus. Ich setze mich dann auf einen bestimmten Sessel und rede mit Gott. Oder ich mache mir Musik an, um mit mir zu tanzen.“