„Ich höre dir zu. Es wirkt.“

Axel Kroell

äußert sich über seinen Karl Berger Film, den er gemeinsam mit Julian Benedikt drehte

Man muss gar nicht lange überlegen, es drängt sich beinahe auf: Eloquente Energie – das zeichnet Axel Kroell sofort aus. In erster Linie ist er Schlagzeuger, Produzent und Filmmusik-Komponist, sein Geld verdient er derzeit mit zwei TV Serien im Nachmittagsprogramm machte aber auch mal in Online-Promotion. Er führt durch sein top ausgestattetes Studio, das sich, einem Bunker gleich, unter der Erde im Norden des Münchner Stadtteils Schwabing befindet. Idealbedingungen für Musikaufnahmen. Wenn hier die Türen schließen: Totenstille. Kroell ist auch aus aktuellem Anlass energiegeladen: In diesem Studio hat er vor zwei Wochen acht Musiker mit seinem neuen Projekt EVOLUTION 8 zum Jammen versammelt – und jenen Jam via Live-Stream bei Facebook untergebracht. 1000 Leute hörten zu, nach 14 Tagen sind bereits 12000 Streams registriert. Vorwiegend von 20- bis 35-Jährigen. Wenn Kroell Musik macht, spielt er auch mal gern harten Free Jazz mit einer Band, die einen finnisch klingenden Namen trägt und die in ausgedachten finnischen Fußballtrikots steckt. Bei ihren Auftritten wird gern Jürgen Habermas zitiert. Nun hat Axel Kroell den Dokumentarfilm „Karl Berger – Music Mind“ über Karl Bergers Leben sowie das Creative Music Studio (CMS) produziert. Der Film wird das diesjährige Woodstock Film Festival eröffnen.

Wie kamen Sie zu dem Stoff, zum CMS, zu Karl Berger sowie seiner Frau, der Vokalistin und Poetin Ingrid Sertso, zu Woodstock? Wie weit müssen wir da zurückdenken?

Bis ins Jahr 1979. Als junger Schlagzeuger ging ich statt nach Berklee ins Creative Music Studio (CMS) nach Woodstock. Verbrachte dort drei Monate und habe meine Jazzhelden getroffen. Roscoe Mitchell, Anthony Braxton, Jack DeJohnette. Sie leben alle dort in der Gegend. Eine tolle Mischung. Die Nähe zu New York, dann aber auch viel Wald. Viel Stimmung. Der Aufenthalt hat mein Leben tiefgründig verändert. Ein paar Jahre später bin ich für zehn Jahre nach New York gezogen. Erst mit Gattin, dann kamen die Kinder, richtig Familie. Nicht nur musikalisch war das ein einschneidendes Erlebnis, sondern auch eins fürs Leben. Erst jetzt, Jahrzehnte später, merke ich, was ich da eigentlich mitgenommen habe. Es ist etwas, was sich einem nicht sofort erschließt. Aber dann schaut man zurück und sagt: Moment mal, weil der das und das dann und dann gesagt hat, denke ich überhaupt so. Und weil ich so denke, kann ich das und das tun.

Eine Zäsur, die so oft nicht vorkommt…

Es war wie ein Umprogrammieren. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, aus Witten, da ist man sehr deutsch, da hat man andere Sorgen, als sich irgendwelche freakigen Gedanken zu machen. Ich aber bin als Neunzehnjähriger nach Woodstock und habe die Welt präsentiert bekommen. Ich musste nur das Hirn öffnen, jede Woche mit einem anderen Dozenten vor mir. Don Cherry. George Lewis. Trilok Gurtu. Aiyb Dieng. Foday Musa Suso. Diese Leute kamen aus aller Welt und haben uns Studenten, uns jungen Leuten, deren Konzepte erzählt.

Erzählt?

Erzählt, vermittelt, mit uns musiziert. Mit uns gelebt. Mit uns geübt. Wir waren mit jeder dieser Persönlichkeiten in Workshops. Wenn einer wegfuhr, kam ein Neuer schon an. Große Unterschiede unter ihnen. Wie bei Braxton, der sehr hirngesteuert ist, und Cherry, der anschließend drankam und der die Welt in sich aufgenommen hatte. Diese umfassende Erfahrung findet man heute ganz selten. Die Musiker erlernen heute ihren Stil oder ihre Musik meist über Institute, Musikhochschulen, Curricula. Sie müssen bestimmte Planziele erreichen, damit sie gefördert werden. Sie arbeiten häufig in so engen Schienen, dass für bestimmte Werte, die in der Musik ja unglaubliche Wirkung entfalten können, überhaupt gar kein Platz mehr ist. Das heißt, bestimmte Sachen werden heutzutage an vielen dieser Schulen nur noch im Vorbeigehen vermittelt. Es ging dort beim CMS aber vor allem ums Hören. Das was Karl Berger „Beat to beat attention“ nennt. Dieses Gefühl wie man sich von einer Note zur nächsten orientiert, wie man das auch innerhalb einer Phrase tut. Das übt man vielleicht mit einem Geigenlehrer, aber eher selten im Ensemble. Das ist es, was man bei Karl und Ingrid in Woodstock vermittelt bekommt. Man erhält da ein ganz tiefes Verständnis für Musik.

Und außerdem? Was macht Karl Berger so besonders, dass man eigenes Geld für einen Film über ihn ausgibt?

Was ihn so besonders macht, ist auch sein Hintergrund. Er ist ja promovierter Musikwissenschaftler. Er war Assistent von Adorno. Das gibt seinem Wort ein Gewicht. Er kann die simpelsten Sachen sagen, aber weil man weiß, wo es herkommt, hat man plötzlich eine Empfangsbereitschaft, die einen wirklich weiterbringt.

Er ist der geborene Vermittler…

Nichts ist bei ihm vorgespielt. Er ist echt. Er nimmt sich zurück. Sobald die Leute ihn feiern, macht er nicht zwei Schritte nach vorne, an den Bühnenrand, sondern geht zwei Schritte nach hinten und lässt das Gesamte feiern. Er sagt selber, er hätte sich ein einfacheres Leben aussuchen können, als Professor irgendwo unterrichten und nur sonntags spielen. Da ist auch wirklich was dran. Er und seine Frau Ingrid haben sich für diese Art der Musik und diese Musizierform so eingesetzt, dass sie auch persönlich immer wieder finanzielle Einschnitte machen mussten. Auch, um nicht die Idee zu verraten. Das ist etwas ganz Wertvolles. Eine Kernaussage im Film kommt von Jack DeJohnette. Da in Woodstock, sagt er, kamen Leute zusammen, die ihr Wissen geteilt, die voneinander gelernt haben. Das waren immerhin Leute wie Paul und Carla Bley, Dave Holland, Pat Metheny, Anthony Braxton und viele andere. Diese Denkweise ist mir durch den Aufenthalt dort sehr vertraut. Ob dieses Denken heutzutage überhaupt als etwas Konzeptionelles wahrgenommen wird, als etwas, dessen man sich annehmen kann? Ich glaube nicht. Da verlieren wir was. Da verliert auch unsere Gesellschaft was, wenn es dieses Denken nicht gibt. Das hat nichts mit Hippietum zu tun, nichts mit Religion, es hat nichts mit Spiritualität oder Ähnlichem zu tun.

Wirklich? Nichts Spirituelles?

Nein. In Woodstock wurde ganz viel Wert darauf gelegt, dass man nicht in die Kategorie „spirituelle Spinner“ gerät. Ich wäre auch nie da hin, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, sie möchten mich manipulieren, möchten mich in ihre Sekte holen.

Kein Einfluss des Buddhismus? Ingrid Sertso hat sich mit dem Buddhismus befasst…

Das Tolle ist, es bleibt bei den Menschen. Die Ingrid hat Klavierstunden gehabt, das bleibt bei ihr. Das formt sie als Mensch. Sie ist in München aufgewachsen – es bleibt bei ihr. Sie hat buddhistische Techniken erlernt. Auch das bleibt bei ihr. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas aufgedrängt wird. Jeder Mensch bringt das, was ihn ausmacht, mit ein. Ein Punker aus Pittsburgh, der bringt frischen Wind rein. Ein hochgeistiger Akademiker, der durch den Humanismus gesegelt ist – alle Menschen bringen da ihr Ding hinein, und jeder sperrt die Ohren auf. Was macht derjenige? Wie kann ich von ihm lernen? Was kann ich ihm entnehmen, was mich einen Schritt weiterbringt? So ist Karl bis heute.

Beim CMS haben sie alle in die Workshops gelassen, nie jemanden abgewiesen…

Man befindet sich als eine Nonprofit-Organisation immer am Rande des finanziellen Abgrunds und ist deswegen auf Teilnehmer angewiesen. Wenn zum Beispiel der Schlagzeuger einer Las Vegas-Band dort hinkommt, um sein Leben zu ändern, setzt man sich auf einmal mit jemanden auseinander, der von woanders stammt, und man muss zusehen, wie man ihn reinholen kann. Es geht sehr inklusiv zu, das ist wichtig. Jeder darf sich dort zum Affen machen. Sich die Blöße geben. Es gibt bei den Improvisationen keine Scheu vor falschen Noten. Die Leute kommen beseelt heraus, ohne Stress, ohne diese Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Der größte Fehler ist, den darf man dort nicht machen, der wird einem ausgetrieben – dass man nicht zuhört. Alles ist Yes-Go, nur das ist ein No-Go.

Das Geben und das Nehmen beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Man hat stark den Eindruck, dass Berger von all den Workshop-Besuchern für sich selbst etwas mitnimmt…

Ganz genau. Er ist jemand, der nachfragt, genauer hinhört. Bei dem auch etwas einsinkt, wenn einer etwas sagt. Es gibt immer eine Reaktion von ihm. Das ist nicht nur: Ja, ja, kenne ich alles. Er merkt es sich. Das ist letztlich das, was wir uns alle vornehmen können. Schön, dass man es mit 83 Jahren noch tun kann.

War es schwierig, eine Person zu finden, der Bergers Persönlichkeit im Film adäquat abzubilden vermag?
Ich konnte mein Glück nicht fassen, hier in München einen der ausgewiesensten Jazzdokumentationsfilmer vorzufinden. Julian Benedikt. Was für ein Zufall. Ich bin durch die Gelben Seiten. Habe nach Produktionsfirmen gesucht. Von A aus kam ich bei B an. Benedikt Pictures. Wie? The Story of Blue Note, Chico Hamilton, Play Your Own Thing – alles seine Filme. Ich habe ihn dann verfolgt. Telefonisch. Mit E-Mails. Eine Nachricht. Und noch eine. Nach fünf, sechs Versuchen war er endlich dran. Wir trafen uns und sind uns nach fünf Minuten um den Hals gefallen, und haben uns bestens beim Projekt verstanden.

Wie lief die Finanzierung ab? Den Film strahlte der SWR im August zuerst aus. War der SWR als Geldgeber beteiligt?

Der SWR hat Rechte angekauft, durfte den Film mehrmals senden und gab einen mittleren Betrag dazu. Aber es ist nur ein Bruchteil von dem, was der Film gekostet hat. Auf YouTube wird es einen Trailer geben. Wir hoffen aber, dass sich die Leute zu einem kostenpflichtigen Stream durchringen können. Um die Verluste wettzumachen hilft jeder Euro. Wenn ich meine erfolgreiche Serie für die ARD mit Musik bestücke, denke ich immer: Ich bekomme sehr viel dafür – und bin dann froh, etwas zurückzugeben. Dieser Film ist jeden Euro wert. Jede Anstrengung, jedes Gespräch, jedes Interview, führt dazu, dass es nicht verloren geht, was da bei CMS passiert.

Der Film kostete also ordentlich?

Heute kann man zum Glück sehr viel günstiger produzieren, vor allem Dokumentarfilme. Dennoch läppert es sich enorm. Ein guter neuer Mercedes war es schlussendlich. Der Wagen ist aber irgendwann durch. Und der Film wird hoffentlich noch lange Menschen erreichen, die vielleicht gar nicht viel mit Musik zu tun haben. Uns ist bewusst, dass wir in der Jazznische noch eine Nische darstellen. Wenn man heutzutage in einen Raum voll Jazzfans reingeht und fragt: Wer von euch kennt Karl Berger? Dann werden es zwei von 100 oder zwei von 70 sein. Aber jeder kann, und da muss er nicht Jazzfan sein, diesen Level von Kommunikation und die Suche nach Verknüpfungen und Kreativität nachempfinden. Ich habe eine begeisterte Reaktion von einer Dame bekommen, die die technische Abnahme beim SWR gemacht hat. Die auch keine Jazzfachfrau ist. Über den Film sagt sie, genau das wäre doch der originäre kulturelle Auftrag einer öffentlich-rechtlichen Anstalt.

Ihr habt bei den Theaterhaus Jazztagen in Stuttgart gedreht, wo Berger bei einem Konzert ein Ensemble ­leitete.

Er hat das Orchester geleitet und wahnsinnig viel vom Orchester eingefordert. Es waren alles phantastische Musiker, Enrico Rava, Bernd Konrad, Hamid Drake, ein paar Streicher vom SWR Orchester. Die haben sich ausdrücken können und er hat gesteuert. Er konnte das, was an diesem Abend auf der Bühne an Kreativität passierte, geschehen lassen – und freute sich über alles, was da an Überraschungen kam. Ich gehe davon aus, dass 95 Prozent der Konzertbesucher nicht wussten, wer er ist. Aber sie vertrauten dem Werner Schretzmeier von der Festivalleitung. Es war ausverkauft. 450 Leute waren dort, die am Ende ausgeflippt sind. Richtig laut und enthusiastisch den Karl gefeiert haben.

Wie war die Aufgabenteilung beim Dreh?

Für Buch und Regie war der Julian Benedikt zuständig, und ich bin der Produzent. Das ist unser gemeinsamer Film. Es war meine Idee, ich habe ihn gewinnen und begeistern können. Julian hat ein ganz ausgeprägtes Gespür diese Bögen herzustellen. Das ist so, wie wenn du auf dem Tisch 250 Strohhalme liegen hast und er baut dir aus diesen Strohhalmen ein Konstrukt. Ich könnte es nicht, wüsste gar nicht, wie ich die in Verbindung bringen sollte. Er kann es. Die einzelnen Gedankenfäden auserzählen. Die gewinnen im Laufe der Geschichte an Kraft. Beflügeln sich gegenseitig.
Am Set waren wir zu Dritt. Julian, der Kameramann Ma Raab und ich. Wir waren in Heidelberg, in Stuttgart und in Woodstock zusammen. Wir haben uns grob überlegt, wo gehen wir hin und was tun wir dort. Julian stellte die Fragen, bereitete sich entsprechend vor und wusste das Gespräch so zu lenken, damit er das bekommt, was er erzählen will. Ich habe mich bei den Interviews herausgehalten. Mein Part bestand darin, mit dem Julian zu diskutieren, wen wir interviewen, welche Themen, welche Drehorte uns wichtig sind. Und als klassischer Produzent, alles zu bezahlen.

Konnte Julian Benedikt mit dem Sujet sofort etwas anfangen?

Er ist tatsächlich mit einem Zweifel – oder sagen wir mal, mit einer Ungewissheit in das Projekt hinein gegangen. Hat aber im Laufe des Projekts den Karl für sich entdeckt. Am Ende war er hin und weg über unser Ergebnis.

Es ist kein reines Jazzprojekt…

Der Film ist nicht nur was für den Jazzfan. Es geht um menschliche Inhalte, um Kommunikation, darum, wie man Menschen zusammenbringt. Darum, dass Karl und Ingrid ihr gesamtes Leben für diese Sachen hergegeben haben und man sich an ihnen ein Beispiel nehmen kann. Dies sollte nicht verloren gehen, das war meine Motivation vor allem. Dieser reiche Schatz an Erfahrungen. Ein Deutscher hat dieses besondere Ding gegründet. Und ist hier vergessen.

Was passierte mit dir nach der Erfahrung von 1979?

Ich bin nach wie vor in der Musik drin geblieben, aber der Jazz hat mich nicht mehr begeistert. Ich hatte mich ja damals mit dem Free Jazz auseinandergesetzt und habe dann ein Gegenstück im Punk gefunden. Und obwohl ich ein guter Musiker war, mit Abschluss an der Hochschule, schien mir das spannender als der sehr konformistische Ansatz beim Jazz, der damals herrschte. Weil ja zu der Zeit die von den Marsalis-Brüdern ausgelöste Bewegung aufkam. Es wurde plötzlich akademisch und kalt, einstudiert und retro. Mit Anzügen präsentiert. Da lagen mir Punk und New Wave näher.

Die New Yorker Loft-Szene war da schon tot.

Die Abteilung Jazz war da für mich abgeschlossen. Ich bin als Schlagzeuger nach New York und gerade zu dieser Zeit hat die Drum Machine alles übernommen, und da konnte man nicht mehr trommeln. Du musstest dir was überlegen. So habe ich das Programmieren von Drum Machines gelernt. MIDI und die elektronischen Geräte waren eine Revolution. Und da bin ich reingerutscht. Als Deutscher, dem man die Affinität zur Technik nachsagt, konnte ich da glänzen. Also habe ich die Drum Machine programmiert, über die dann die ganze Rhythmusgruppe, und ruckzuck war ich dabei, Geigenarrangements zu machen, ganze Songs. Ganz schnell nannte sich das dann ‚Produzent’.

Ist Bergers Ansatz in dieser Zeit komplett verschüttgegangen?

War ich gegenüber dem Punk so aufgeschlossen, weil ich bei Berger diese Offenheit gelernt habe? Das ist eine der Fragen, die man sich so stellt. Ich hätte ohne diese Erfahrungen vielleicht alles Neue abgelehnt, hätte weiter in Dortmund, in vertrauter Umgebung, in Bands gespielt und vermutlich unterrichtet. Ich glaube schon, dass die Ursache für meinen Weg in Woodstock liegt. Dieses Denken, diese Offenheit, Bergers „Ich höre dir zu. Es wirkt. Ich verarbeite es für mich.“ Wenn man das zeitlebens macht, bringt das einen in ganz tolle Gegenden, wo man ursprünglich gar nicht hinwollte. Und man sich überrascht wiederfindet und meint: So schlecht ist es nicht.

Wann kam die Erinnerung an die Woodstock-Zeit massiver wieder?

In den letzten fünf, sechs Jahren. Ich begann mich wieder für den Jazz zu begeistern. Seit damals passiert ja wirklich aufregende, neue Musik. Vor 15 Jahren noch, als unsere Tochter Musik zu machen begann, da hatte ich das Gefühl, da ist nichts Neues, keine neuen Konzepte. In den letzten Jahren hat sich die technische Revolution, die neuen Stile auf die Jazzmusik ausgewirkt. Die Art und Weise wie Musik heute entsteht ist eine andere. Dass diese gut ausgebildeten Musiker plötzlich Elektronik mit hineinnehmen und das nicht nur, wie es lange war, mit einem Preset von irgendeinem Synthie, sondern radikal. Dann passieren Sachen wie zum Beispiel diese Hausbigband von dem hiesigen Club Harry Klein, die Jazzrausch-Bigband.

Sind die gut?

Die sind super. Bevor der Club samstags fürs Business aufmacht, spielt diese Bigband in dem Club. Da tanzen dann 18-, 20-, 22-Jährige zu der fetten Bassdrum, zu dem fetten Clubsound. Obendrüber ist ein Big-Band-Klangkörper, der wiederum elektronische Musik emuliert und aus verschiedenen Jazzsparten, ob das nun ein Free-Jazz-Saxsolo oder ein sehr gekonntes Trompetensolo aus den Hardbop-Tagen ist, kommen da Elemente zusammen, dass man es als Jazz wahrnimmt. Es ist nicht nur eine Anmutung von modern, es ist wirklich neu. Beim Kamasi Washington-Auftritt – 1500 Leute, alle um die 20. Bei Kendrick Lamar, dem Rapper mit Millionenpublikum, ist teilweise lupenreiner Jazz dabei. Ich habe Terrace Martin kennengelernt, der hatte Schlagzeugunterricht bei Billy Higgins. Der ist jetzt Produzent von Herbie Hancock und Jahrgang 1978. Und er bringt quasi die Modernität mit rein, Soul, R& B, HipHop, all das fließt mit in den Jazz hinein und macht ihn lebendig.

Eine Explosion an Vielfalt, die den Jazz weiter bringt, so sehen Sie das?

Der Jazz hat so viele Gesichter, was sehr schön ist. Der amerikanische Aspekt mit R&B, Soul, HipHop. Dann die europäische Prägung des Jazz noch. Eine der Nachbarstädte von Witten ist Wuppertal, wo mit Kowald und Brötzmann und Konsorten eine neue ästhetische Bestimmung der Grenzen vorgenommen wurde. Kulturell und politisch war das damals eine Wucht. Dazu die Skandinavier, die in den 70ern über ECM auf den Markt kamen. Die Europäer befruchteten sich mit den Amerikanern. Das ist zum Glück immer noch so. Momentan ist etwa in London viel los. Das ist alles superspannend. Ich finde es toll, wie diese Genres miteinander verschmelzen. Es geht nicht in eine Melange über, das heißt, es sind nicht nur kleine Anteile enthalten, sondern es ist eher wie eine Salatschüssel. Die Stile sind wie Salatblätter, identifizierbar.

Womöglich stimmt das. Womöglich ist Jazz wieder hip. Der Jazz läuft am besten, wenn alle zusammenhalten.

Wenn der Wille zum Hören, sich einzufügen in ein Ensemble, da ist. „Ich bin Teil dieser Mannschaft in dieser Situation jetzt. Ich mache hier nicht nur mein Ding.“ Da ist es wieder, dieses No-Go. Es ist aufregend, wenn alle Leute einer Band auf der Bühne unter dieser Prämisse Musik machen. In keiner anderen Musik kann ich diesen Willen des Miteinanderagierens erkennen. Es werden Titel einer Popband ins Repertoire aufgenommen. Wir haben über Adorno gesprochen, der in Schubladen dachte. Es ist schön, dass dieses Denken, das sehr deutsch ist, verschwindet und dass die Menschen offen sind.

Berger war es schon immer. Er arrangierte für einen Jeff Buckley. Hat nicht Janet Jackson bei ihm angerufen?

Britney Spears auf alle Fälle.

Hat er ihr was geliefert?

Nein. Er weigert sich, wenn man ihm zu enge Fesseln anlegt und sagt: Du, ich habe hier drei Songs, mach‘ es so und so. Wie ein Auftragsarrangeur. Er hat seine eigene Sprache gefunden. Und wenn man ihn anruft, soll man ihn auch bekommen.

Der Film eröffnet mit einem Naturbild. Natürlichkeit, das Erkunden menschlicher Natur, das scheint eine Art Credo des CMS.

Ja, das ist wichtig. Wenn du mal die Klappe hältst, sagt Karl sinngemäß, macht das Hirn still. Die Naturbilder helfen, das Tempo rauszunehmen und das Gehirn mal auf Stillstand und Leerlauf zu stellen. Durch den Wechsel der Tempi, kommt es zu dem Effekt, den man sich als Filmemacher wünscht. Man sagt am Filmende: Oh, ist schon vorbei.

„Music Mind“: Keine ganze Stunde Film. Eine halbe Stunde mehr wäre sehr schön.

Die internationale Fassung wird 15 Minuten länger. Darin synchronisiert sich Berger selber. Seine deutschen Texte hat er übersetzt und in seinem Tonstudio eingesprochen. Sehr lebhaft. Da werden wir noch mehr auf das Creative Music Studio hinweisen, auf dessen Geschichte, da werden Originalbilder aus der Zeit einfließen. Da gibt es ganz tolle Szenen, wo Jack DeJohnette unterrichtet. Carla Bley wird mehr über die Zeit erzählen. Beim SWR-Film hatten wir nur 55 Minuten. Da mussten wir sicherstellen, dass wir Karl als Komponisten und Orchesterleiter exponieren, als Lehrer, als Wissenschaftler. Und auch noch zu zeigen, was uns gelungen ist, wie wichtig Ingrid für ihn war. Rechte und linke Gehirnhälfte. Ohne Ingrid wäre Karl nie so geworden. Er wäre ein Akademiker. Ingrid findet es sicher auch gut, dass sie jemanden wie den Karl hat, der ihre Vernunftseite stärkt. Er und Ingrid ergeben drei. Das ist die Idealkonstruktion.

Durch das CMS sind viele Leute mit viel Erkenntnis durch.

Ja, aber nur wir wissen das. Man kann es aber nicht oft genug den nachfolgenden Generationen vermitteln. Meine Tochter ist Musikerin. Sie ist durch alle Institutionen, hat vier Jahre Berklee gemacht. Master in Filmkomposition am USC, Institut um Institut. Kindergarten – Institut, Grundschule – Institut, Gymnasium – Institut. College eins und zwei. Sie war aber offen genug, um nach Woodstock zu einem kurzen Workshop zu gehen. Sie kannte es nicht, obwohl sie mit mir aufgewachsen ist. In unserem Film tanzt sie und kommt kurz zu Wort. Sie hat aus Woodstock wahnsinnig viel für sich mitgenommen. Die jungen Menschen erkennen also, dass da nicht verstaubte Konzepte aus den 70ern am Werk sind. Man merkt, dass es ein Denken ist, das heute verschüttgegangen ist.

Das CMS leitet seit diesem Jahr der Schlagzeuger Billy Martin, einst ein Drittel der erfolgreichen Crossover-Band Medeski, Martin & Wood.

Das haben sie wirklich ganz toll gemacht. Karl und Ingrid, sie haben ja die Schule gemeinsam geleitet, und haben sie nun an eine neue Generation weitergegeben.

Weitergegeben in die richtigen Hände…

Billy Martin kenne ich noch aus meiner New Yorker Zeit. Ich weiß gar nicht, ob er da schon mit dem CMS zu tun hatte. In den Achtzigerjahren haben wir zusammen in einer brasilianischen Band gespielt. In so einer Marching Band. Er war in der Snare-Abteilung, ich weiter hinten im Zug. Es sind genau die richtigen Hände.

Interview: Adam Olschewski
Fotos: Axel Kroell

www.karlberger-derfilm.de

www.creativemusic.org

Karl Berger bietet Coaching Sessions auch online an. Sein Buch „Music Mind“ wird Ende des Jahres erscheinen.