Die Entdeckung der Langsamkeit

Wolfgang Haffner

„Viele junge Schlagzeuger interessieren sich nicht mehr für das, was Musiker wie Jack DeJohnette und Brian Blade ins Schlagzeugspiel eingebracht haben und schauen nur auf sich selbst. Ich halte das für keinen guten Ansatz. Man kann sich meiner Meinung nach nur dann positiv weiterentwickeln. Wenn man Kenntnis der Geschichte hat“

Wolfgang Haffner: „Ich bin sicherlich kein Nostalgiker, der der Ansicht nachhängt, dass früher alles besser war. Aber der harte Wettbewerb, der heute vorherrscht, und der damit einhergehende Druck, der auf vielen Musikern lastet, führt dazu, dass die Musik und die Musiker kaum noch Zeit haben, sich zu entwickeln. Die Anforderungen und die Veränderungen des Marktes haben sicherlich wesentlich dazu beigetragen“

Wolfgang Haffner: „‚Kind Of Spain” bildet den Seelenzustand des Menschen Wolfgang Haffner im Jahr 2017 eigentlich ganz gut ab. Privat bin ich mittlerweile eher ein ruhiger Typ geworden. Den Moment bewusst und intensiv zu erleben, erfüllt mich mit Zufriedenheit“

Es war eine schockierende Nachricht, die da im August 2014 über die Ticker lief. Wolfgang Haffner, Deutschlands bekanntester Jazzschlagzeuger mit Weltgeltung, hatte mit gerade einmal neunundvierzig Jahren einen Herzinfarkt erlitten. Das jahrelange straffe Arbeitspensum mit über zweihundert Konzerten im Jahr – Höhepunkt des Wahnsinns mögen vier Konzerte innerhalb von zehn Tagen auf vier Kontinenten gewesen sein – forderte letztlich seinen Tribut. Heute geht es Wolfgang Haffner vielleicht so gut wie nie. Er hat sein Arbeitspensum erheblich heruntergefahren und sein Leben generell neu justiert.

Diese Entschleunigung schlägt sich auch in seiner aktuellen Musik nieder. Bereits auf „Kind Of Cool“, dem Vorgängeralbum seiner aktuellen Einspielung „Kind Of Spain“, kehrte Haffner zu einem akustischen Klangbild zurück, zelebrierte die Stille und lotete die immense Kraft des allein im Raum stehenden Tons aus. Mit „Kind Of Spain“ setzt er diesen 2015 eingeschlagenen Weg auf stupende und überraschende Weise fort. Mit einem Sextett, besetzt mit den engen Freunden und Weggefährten Lars Danielsson, b, Jan Lundgren, p, Sebastian Studnitzky, tp, Daniel Stelter, g, und Christopher Dell, vib, hat Wolfgang Haffner sich auf den Weg gemacht, die Musikwelt des Landes von Cervantes, Gaudi, Goya, de Falla und Buñuel zu erkunden.

Mit dem Dave Brubeck Album „At Carnegie Hall“, das dein Vater, der Kirchenmusikdirektor gewesen ist, mit nach Hause brachte, begann deine Leidenschaft für die Jazzmusik. Kannst du dich noch daran erinnern, was dich damals so gepackt hat, dass du für dich entschieden hast, diese Musik möchte ich auch einmal spielen?

Joe Morellos unglaublicher Drive auf dem Schlagzeug, gepaart mit den wunderschönen Melodien der Brubeck-Kompositionen, waren wohl der Auslöser für meine Jazzbegeisterung. Bei uns Zuhause wurde viel Johann Sebastian Bach gehört und in der Musik von Brubeck konnte ich vieles wiederfinden, was ich von Bach bereits kannte. Brubecks Musik gefiel mir wohl auch deshalb so gut, weil sie nicht nur tolle Melodien besaß, sondern strukturell nachvollziehbar und somit sehr zugänglich war. Für einen Zwölfjährigen ein wichtiger Punkt! Und dann noch Paul Desmonds warmer Klang auf dem Altsax! Die Musik des Dave Brubeck Quartet wirkte damals auf mich unheimlich hip. Vielleicht, weil die Musiker nichts weniger im Sinn gehabt hatten, als unbedingt hip sein zu wollen.

Aber sehr entscheidend war natürlich Morellos Sound auf dem Schlagzeug. „Take Five“, dieses sensationelle Schlagzeugsolo im Zentrum des Stückes über einen Beat, bei dem der Groove immer spürbar bleibt. Das ist eine Qualität, die mich bis heute fasziniert. Dank dieser Aufnahme habe ich früh erkannt, dass in der Musik wirklich alles einen „Time“-Bezug hat. Selbst Free Jazz ist ja nicht „timefrei“ , auch in der improvisierten Musik steht alles in Relation zur Zeit. In Morellos Spiel ging es nie um die bloße Zurschaustellung von Virtuosität, obwohl er natürlich ein ausgezeichneter Instrumentalist war. Wichtiger war ihm immer, dass das, was er spielte, sich komplementär zur Komposition verhielt. Diesen Ansatz, diese Erkenntnis, habe ich für mich übernommen und sie ist für mich noch heute ein wichtiger Leitfaden.
Nach Brubeck hörte ich dann natürlich schnell Jacques Loussier. Ebenfalls ein Musiker, der sich sehr intensiv mit der Musik Bachs auseinandergesetzt hat.

Was macht für dich denn einen guten Schlagzeuger aus? Welche Qualitäten sollte er mitbringen?

Ein Schlagzeuger sollte immer versuchen, die ganze Band besser klingen zu lassen. Seine Position im Bandgefüge ist nicht ohne Risiko, denn er kann unheimlich viel zerstören, wenn er nicht an der richtigen Stelle das Richtige spielt. Wenn du dir den herkömmlichen Aufbau einer Band auf der Bühne einmal anschaust, dann ist der Schlagzeuger meistens zentral und etwas zurückversetzt positioniert. Von dort breitet er – sinnbildlich gesprochen – seine Arme um die Band herum aus und lässt jeden gut klingen. In Workshops arbeite ich sehr gerne mit diesem Bild, um den Teilnehmern anschaulich zu verdeutlichen, wie meine Sicht auf meinen Job ist. Ein Schlagzeuger muss nicht durch tolle Soli hervorstechen. Ich kann mir den ganzen Abend einen Kollegen mit Begeisterung anhören, wenn er einfach nur kompetent ein gutes Fundament unter jeden Song legt. Drummer, die mich in dieser Hinsicht sehr beeinflusst haben, sind z. B. Bob Siebenberg von Supertramp und Ian Paice von Deep Purple, dessen Spiel wahnsinnig swingt und das stark von Buddy Rich beeinflusst ist. Ians Vater war ein großer Big Band-Liebhaber und so hat er in seiner Kindheit und Jugend ständig die Musik von Rich, Duke Ellington und Count Basie gehört. Diese Eindrücke haben sich in seinem Spiel manifestiert und haben ganz wesentlich mit dazu beigetragen, dass der Sound von Deep Purple eben einzigartig und unverwechselbar wurde. Was den Jazz betrifft, habe ich ja Joe Morello bereits genannt. Darüber hinaus haben mich neben vielen anderen Jack DeJohnette und Brian Blade sehr interessiert. Beides Drummer, die eine ganz starke musikalische Basis besitzen. Wenn du die nicht hast, dann kannst du auch nicht von ihr abweichen. DeJohnette kommt vom „Time“-spielen. Er weiß ganz genau, „was da unten los ist“ und kann deshalb diese Basis auch verlassen und offener spielen. Die Standards-Platten des Keith Jarrett Trios sind für mich Meilensteine in dieser Hinsicht. Viele junge Schlagzeuger interessieren sich nicht mehr für das, was Musiker wie DeJohnette und Blade ins Schlagzeugspiel eingebracht haben und schauen nur auf sich selbst. Ich halte das für keinen guten Ansatz. Man kann sich meiner Meinung nach nur dann positiv weiterentwickeln, wenn man Kenntnis der Geschichte hat.
Für mich ist ein großer Schlagzeuger eine Person, in deren Spiel der „Time“-Bezug immer spürbar bleibt, selbst dann, wenn sie sich außerhalb der „Time“ bewegt. Selbst die großen Free Jazz-Schlagzeuger wie Tony Oxley, Han Bennink oder Andrew Cyrille besitzen alle dieses unumstößliche „Time“-Gefühl und deshalb besitzt ihre Musik auch immer einen Groove und eine Elastizität. Wenn du einen guten Rhythmus hast, dann kannst du mit Menschen jederzeit und überall auf der Welt kommunizieren.

Ein Schlagzeuger, dessen Namen jetzt noch nicht gefallen ist, den ich aber immer auch ein wenig im Ohr habe, wenn ich dich spielen höre, ist Steve Gadd. Euch verbindet, so glaube ich, ein sehr ähnliches Musikverständnis.

Da hast du wirklich sehr gut zugehört. Steve Gadd ist für mich der Größte! Ich würde definitiv heute nicht so klingen wie ich klinge, gäbe es nicht Steve Gadd. Ich besitze hunderte von Aufnahmen, auf denen er gespielt hat und habe mich regelrecht in all diese Platten vergraben. Sein Spiel zeichnet sich in jedem musikalischen Habitat durch einen unglaublichen Groove aus. Egal, ob er für Chick Corea, Tom Scott, Eric Clapton, Paul Simon oder Frank Sinatra trommelte, sein Sound und sein „Feel“ waren immer sofort erkennbar. Wenn z.B. auf einem Album zwölf Nummern waren und Steve Gadd nur auf einem dieser Stücke getrommelt hat, war diese Nummer sofort erkennbar, weil sie einfach besser klang als die anderen elf. Selbst wenn die kompositorische Qualität eines Songs nicht besonders groß war, schaffte es Steve, diesem Stück noch das gewisse Etwas zu geben und es interessanter zu machen. Stundenlang habe ich sein Spiel transkribiert, habe hörend versucht herauszufinden, wie er bestimmte Sachen spielt etc.. Damals gab es ja noch keine Videorekorder oder gar das Internet. Man musste schon die eigenen Ohren bemühen, um hinter die Feinheiten und Geheimnisse zu kommen. Mir ging es nie darum, Gadds Spiel zu reproduzieren, sondern ich wollte verstehen, warum er was wann spielt und wie er es technisch umsetzt, um aus dieser gewonnen Erkenntnis heraus meine eigenen Ideen zu entwickeln. Man sollte als Musiker immer bestrebt sein, seine eigene Stimme zu entwickeln. Sie macht dich unverwechselbar und einzigartig. Steve Gadd ist dafür das beste Beispiel.

Ich habe mir in den 70er und 80er Jahren oft LPs von Künstlern gekauft, die ich bis dato gar nicht kannte, nur weil Steve Gadd auf ihnen spielte. So entdeckte ich z.B. „Stuff“, die Band von Gadd, Richard Tee, Gordon Edwards, Eric Gale und Cornell Dupree, das Manhattan Jazz Project, Steely Dans „Aja“ oder von Rickie Lee Jones das Album „Pirates“. Auf dem Track „We belong together“ liefert er einfach ein unglaubliches Schlagzeugspiel ab. „Late in the evening“ und „Fifty ways to leave your lover“ von Paul Simon gehören für mich ebenfalls in diese Kategorie.

Großartig! Sensationell! Unglaubliche Musik! Wir haben anscheinend dieselben Platten gehört. 1994 habe ich den Gitarristen Chuck Loeb kennengelernt und bekam durch ihn ein wenig Zugang zur New Yorker Szene. Bis 2005 war ich ständig in der Stadt, um bis zu zehn Sessions jährlich zu spielen. Habe mit Bob James, Randy und Michael Brecker gearbeitet und drei Alben mit Michael Franks aufgenommen. Zu einer dieser Franks-Sessions mit Will Lee, Bob James, Michael und Randy Brecker und Chuck wurde ich für zwei Tage eingeflogen. Ich kam am Vorabend des Studiotermins an und Chuck lud mich ein, doch schon mal im Studio vorbeizuschauen, Steve Gadd würde seine Parts für die Platte einspielen. Als ich das Studio betrat, hörte ich schon diesen wunderbaren mit Besen gespielten Groove und hätte vor Freude fast weinen können. Da stand ich in den Clinton Recording Studios in der 80th Street in NYC, hörte und sah einen meiner größten musikalischen Helden direkt vor mir und war auch noch am selben Projekt beteiligt, für das dieser gerade seinen Beitrag einspielte! Dort durfte ich seine Bekanntschaft ­machen und im Laufe der Jahre sind wir uns immer mal wieder bei verschiedenen Gelegenheiten über den Weg gelaufen. Er ist vielleicht musikalisch mein größter Einfluss und ein wirklich herzensguter und liebenswerter Typ, der völlig ohne Starallüren ist.
In meiner mittlerweile fünfunddreißigjährigen Karriere bin ich vielen „Stars“ der Szene begegnet und ich muss sagen, dass nahezu alle, von Pat Metheny bis Randy Brecker, absolut normale und bodenständige Typen geblieben sind. Und das hört man ihrer Musik, so unterschiedlich sie ausfallen mag, meiner Meinung nach auch an. Man kann die Wärme und die Liebe, die in ihr steckt, spüren. Eine Qualität, die meiner Meinung nach der heutigen Musik immer mehr abhandenkommt. Ich bin sicherlich kein Nostalgiker, der der Ansicht nachhängt, dass früher alles besser war. Aber der harte Wettbewerb, der heute vorherrscht, und der damit einhergehende Druck, der auf vielen Musikern lastet, führt dazu, dass die Musik und die Musiker kaum noch Zeit haben, sich zu entwickeln. Die Anforderungen und die Veränderungen des Marktes haben sicherlich wesentlich dazu beigetragen. Dazu kommt noch, dass heute unheimlich viele sehr gut an den Hochschulen ausgebildete Musiker auf einen ohnehin schon sehr kleinen Markt drängen, der kaum in der Lage ist, ihnen adäquate Arbeitsbedingungen und Chancen zu gewährleisten. Denken wir nur an die spärlichen Auftrittsmöglichkeiten heute. Als ich anfing, als professioneller Musiker zu arbeiten, gab es noch genügend Clubs, Kneipen, etc., in denen man sich das Rüstzeug für eine Karriere holen konnte.

Soweit es mir bekannt ist, bist du kein akademisch ausgebildeter Drummer, wie es heute fast die Norm ist. Du bist aber einer der wenigen deutschen Schlagzeuger, deren Spiel einen so hohen Wiedererkennungswert hat, dass man sofort weiß, das ist der Wolfgang Haffner, der da spielt. Faszinierend für mich auch deine Versiertheit in allen stilistischen Richtungen. Ob im Fusionbereich, im Bop, Cool, Rock oder auch im freien Spiel. Mit dem Volker Kriegel-Drummer Evert Fraterman und mit Harald Pompl hast du allerdings zwei interessante private Lehrer gehabt. Gerade über Pompl, der mir nur als Bildhauer bekannt ist, müssen wir sprechen.

Das ist ja verrückt, dass du den Harald Pompl kennst. Ich bin in Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren und als ich etwa zehn Jahre alt war, ließ sich mein Vater nach Rummelsberg in der Nähe von Nürnberg versetzen. Dort arbeitete er als Kirchenmusikdirektor. Er besuchte, obwohl er mit Jazz eigentlich nichts zu tun hatte und nur zwei Jazzplatten besaß, nämlich eine von Dave Brubeck und eine von Albert Mangelsdorff, eines Tages ein Jazzseminar. Von diesem Seminar kam er mit einem Schlagzeug zurück und schaffte zeitnah noch eine Gitarre, einen Bass und entsprechende Verstärker für seine Kirchengemeinde an. Es war die Zeit, in der im Rahmen von Jugendgottesdiensten gerne Beatmessen veranstaltet wurden. Für dieses Jazzseminar war Harald Pompl als Schlagzeuglehrer engagiert worden. Pompl spielte damals in einer Band namens Ex Ovo Pro, die in Deutschland durchaus bekannt war und zwei Alben aufgenommen hat. („European Spassvogel“, 1977, und „Dance Lunatic“, 1978, d.A.) Mein Vater schlug mir vor, er könne ja mal Harald Pompl fragen, ob dieser mich nicht vielleicht unterrichten wolle. Es wurde ein Vorspieltermin arrangiert und Harald muss genügend Potential in mir gesehen haben, dass er sich bereit erklärte, mich als seinen Schüler anzunehmen. Etwa drei Jahre später lernte ich bei einer dieser Beatmessen einen Bassisten kennen, der für mich den Kontakt zu Evert Fraterman herstellte. Fraterman spielte damals in Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra und wohnte ganz in der Nähe von uns in Ansbach. So kam es, dass ich von zwei sehr unterschiedlichen Schlagzeugern Unterricht bekam.
Harald Pompl war zwar kein großartiger Techniker, aber ein echter Künstler. Eines Tages, am Ende einer Unterrichtseinheit, trug er mir auf, zur nächsten Stunde einmal meine drei Lieblingsplatten mitzubringen. Also erschien ich mit „Made In Japan“ von Deep Purple, „Live“ von Status Quo und „Bursting Out – Live“ von Jethro Tull zum nächsten Unterricht. Deep Purple und Jethro Tull kannte er wohl, denn wir haben nur kurz in das Quo-Album reingehört und sind dann ein Stockwerk höher gegangen, wo in einem Raum ein ganz kleines Sonor-Schlagzeug mit wenigen Becken von Paiste stand. Dann legte Harald „Live in Europe“ von Jack DeJohnette mit John Abercrombie, Lester Bowie und Eddie Gomez auf und bei mir ging sofort ein Licht an. Der Klang des Schlagzeugs auf diesem Album war so transparent und klar definiert. Selbst die Bassdrum war kristallklar zu vernehmen. Alles klang ganz anders, viel besser, als auf den von mir so geschätzten Rockalben. Ich hatte meine Lektion gelernt! Diese Musik wollte ich unbedingt spielen. Als ich achtzehn Jahre alt war, kam dann der Anruf von Albert Mangelsdorff und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Wolfgang, lass uns ein wenig über dein neues Projekt plaudern. Nach „Kind Of Cool“, einem Album, das zwischen Great American Songbook und Cool Jazz oszillierte, bringst du jetzt „Kind Of Spain“ auf den Markt. Deine Annährung an die spanische Musik? Klingt fast nach einem fortlaufenden Konzept.

Die Ideen für „Kind Of Cool“ und „Kind Of Spain“ gehen auf meinen Labelchef Siggi Loch zurück. Mit Siggi, der ja ein regelrechter Kenner iberischer Musik ist, diskutiere ich seit Jahren über die Möglichkeit, einmal ein Album zu machen, das sich mit Jazzbearbeitungen von spanischer Musik jeglicher Couleur auseinandersetzt. Die Idee lag auch deshalb nahe, weil ich sechs Jahre lang auf Ibiza gelebt habe. Aufgrund meiner Verbundenheit mit dem Land, seinen Menschen und seiner Kultur ist „Kind Of Spain“ kein Konzeptalbum, das einfach aus einer Laune heraus entstanden ist, sondern eines, das wirklich ein Anliegen hat: den Menschen hier in Deutschland die variantenreiche spanische Musikkultur – wenn auch durch meine Augen betrachtet – etwas näher zu bringen und sie neugierig zu machen auf das, was es darüber hinaus dort noch zu entdecken gibt. Die musikalische Bandbreite Spaniens ist nämlich wirklich enorm. Völlig zu Unrecht wird das Land, wenn es um seine Musik geht, immer nur auf den Flamenco reduziert. Dabei gibt es eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Spielarten dort. Keltische Einflüsse sind im Norden des Landes, in Galizien und Asturien zu finden. Die andalusische Hirten- und Zigeunermusik ist zauberhaft versponnen und in den südlichen Teilen der Halbinsel gibt es starke sephardische Einflüsse, die natürlich ebenfalls in der Musik widerhallen.
„Kind Of Spain“ ist als Querschnitt durch diese Vielfalt angelegt und spiegelt meinen Kenntnisstand der Materie. Um ein wenig klangliche Distanz zu der von der Gitarre dominierten Musik Spaniens zu schaffen und auch, um die mit ihr verbundenen Klischees zu umschiffen, habe ich meinen Freund, den Vibraphonisten Christopher Dell eingeladen, um einen anderen klanglichen Gestaltungsrahmen für die Musik zu bekommen. Bei der einzigen richtigen Flamenconummer des Albums, „Tres notas para decir te quiero“ von Vicente Amigo, habe ich bewusst auf die Gitarre verzichtet und das Stück für Klaviertrio umarrangiert, um mal einen anderen Zugang zu diesem Genre anzubieten. Das Album so hinzubekommen, dass es nach einem Wolfgang-Haffner-Album klingt und nicht nach einem Album „Haffner spielt spanische Musik“, war für mich bei diesem Projekt die größte Herausforderung.

Wenn ich „Kind Of Spain“ in seiner Gänze betrachte, dann fällt mir auf, dass die Entschleunigung ein wesentliches Thema in der Musik zu sein scheint. Und das bei einer Musik, die viele Menschen eher mit feuriger Leidenschaft, Temperament und Rasanz in Verbindung bringen. War der Ansatz, sich diesen Themen auf gänzlich andere Weise zu nähren, eine bewusste Entscheidung von dir?

Es freut mich sehr, dass du „Kind Of Spain“ so wahrnimmst, denn genau das war mein Ansatz. Diese Musik zu spielen ist nicht arm an Risiken. Die Linie, die man dabei schnell überschreiten kann, ist enorm dünn. Wenn du nicht aufpasst, landest du mit Karacho in so einer klischeebehafteten „Tapasbar-Hintergrund-Mucke“, die wirklich grausam sein kann. Die wirkliche Schönheit dieser Musik kommt meiner Meinung nach mehr zur Geltung, wenn man ihr Zeit lässt. Deshalb bin ich ganz bewusst mal einen anderen Weg gegangen. Wir haben z.B. Chick Coreas „Spain“ auf die Platte genommen und es in eine entschleunigte Miniatur verwandelt. Ich finde, dass es diesen zweieinhalb Minuten Musik nicht an Intensität fehlt. Im Gegenteil!
Spanische Freunde von mir waren von diesem ungewöhnlichen Ansatz regelrecht begeistert. Sie entdeckten nämlich eine ganz neue Tiefe in der ihnen vertrauten Musik.
Um ein Album wie dieses realisieren zu können, braucht es natürlich die richtigen Mitstreiter. Siggi Loch und ich haben uns intensiv Gedanken darüber gemacht, wer für diese anspruchsvolle Aufgabe in Frage kommen könnte. Der Kontrabassist Lars Danielsson hat auf seinem Instrument einen wunderbaren Ton, der hervorragend zu meinem intendierten Klangbild für dieses Album passt. Sein Spiel hat fast vokale Qualitäten. Jeder einzelnen gespielten Note kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Auch Sebastian Studnitzky an der Trompete und Jan Lundgren am Piano besitzen diese rare Qualität, mit nur wenigen gespielten Tönen ganze Geschichten erzählen zu können. Daniel Stelter hatte vielleicht den schwierigsten Job zu erledigen. Diese Aufgabe hat er sensationell erfüllt, denn er blieb ganz bei sich selbst und hat eben nicht versucht, sich für dieses Projekt ein „spanisches Klanggewand“ überzuziehen. Für einen Gitarristen, der sich in diesen Idiomen bewegen soll, sicherlich kein ganz einfaches Unterfangen.

Daniel Stelters Spiel hat mich in der Tat sehr überrascht. Er brilliert mit seiner großen Kompetenz, Authentizität und Eigenständigkeit. Fürwahr keine leichte Aufgabe bei Stücken von Francisco Tárrega, die durch die Interpretationen von Andrés Segovia und Narciso Yepes unsterblich geworden sind. Wunderbar finde ich auch Christopher Dells Beiträge, die der Musik noch einmal ganz neue Deutungsräume eröffnen und sie so noch einmal spannender macht.

Ganz genau! Schön, dass du das so siehst. Ich habe gehofft, dass sich diese Musik so vermittelt, aber man weiß ja nie. Ein Gutteil zu diesem Gelingen geht mit auf das Konto von Lars Danielsson, der das Album gemeinsam mit mir produziert hat. Ich habe mich im Studio durchaus häufiger mal gefragt, ob wir bei dem einen oder anderen Stück nicht doch noch ein Solo einfügen sollen. Schließlich geht es um ein Jazzalbum und da gilt es, die Erwartungshaltung der Hörer nicht gänzlich unbeachtet zu lassen. Meistens habe ich im Gespräch mit Lars allerdings schnell erkannt, dass wir die Musik einfach so stehen lassen können, weil sie auch ohne solistische Einlagen schon genug Ausdruckskraft und Intensität besitzt. In der Ruhe liegt so viel Kraft und es ist ein tolles Gefühl für mich als Musiker, einfach nur einmal den Augenblick zu zelebrieren. Viele Menschen setzen sehr viele schnell gespielte Noten mit Intensität gleich, aber es ist für einen Musiker sehr viel schwerer, mit nur wenigen gespielten Tönen ein intensives Hörerlebnis zu gestalten. Ich selbst langweile mich zum Beispiel schnell, wenn mir mit Lichtgeschwindigkeit gespielte Läufe immer wieder um die Ohren gejagt werden. Zwar in der Regel technisch profund und auf höchstem Niveau ausgeführt, aber in der Aussage eher nichtssagend und hohl. Ich denke beim Komponieren mittlerweile immer mehr in Farben und Bildern und nicht so sehr in komplexen Tonfolgen. Mir geht es in meiner Musik heute mehr um das Festhalten von Stimmungen und um einen plausiblen Erzählfluss. Ich gehöre noch zu der Generation der Albumhörer und Albumkäufer. Mich interessiert das große Ganze viel mehr als nur der einzelne Track. Das Gesamtbild ist für mich entscheidend. Ich lade mir auch nur ganz selten mal einzelne Stücke aus dem Netz herunter. Wobei: Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. In Vorbereitung auf „Kind Of Spain“ habe ich mir verschiedene Versionen des „Concierto de Aranjuez“ heruntergeladen, weil es mir doch ein wenig übertrieben erschien, vom selben Werk diverse physische Tonträger zu kaufen.
„Kind of Spain“ bildet den Seelenzustand des Menschen Wolfgang Haffner im Jahr 2017 eigentlich ganz gut ab. Privat bin ich mittlerweile eher ein ruhiger Typ geworden. Bin viel draußen, gehe spazieren und genieße die Natur. Sogar meinen Fernseher habe ich entsorgt, weil ich keine Lust mehr auf das „rund-um-die-Uhr-Bombardement“ von Nachrichten und Schreckensmeldungen hatte. Natürlich bleibe ich weiterhin ein politisch interessierter Mensch, nehme mir heute nur lieber die Zeit, eine richtige Zeitung zu lesen. Den Moment bewusst und intensiv zu erleben, erfüllt mich mit Zufriedenheit. Dass meine Musik diese Haltung, diese Lebensauffassung aufgreift und reflektiert, ist sicherlich nicht überraschend. In dieser schnelllebigen, hektischen Zeit, in der wir alle immer nur noch auf den Überholspuren unterwegs sind und wie von einem Autopiloten gesteuert funktionieren, bis wir umfallen, braucht es unbedingt Ruhepole. Ich stelle immer häufiger in Gesprächen fest, dass sich mehr und mehr Menschen regelrecht nach diesen Oasen der Stille sehnen und sie bereit sind, aus dem Leben im Hamsterrad auszusteigen. Wenn ich mit meiner Musik nur einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass Menschen in meinen Konzerten oder Zuhause auf dem Sofa beim Hören der CD Entspannung und Ablenkung vom Alltag finden, dann würde mich das wirklich freuen.
Wolfgang, du hast gerade Joaquin Rodrigo kurz angesprochen. Wenn man sich nur einmal anschaut, welch namhafte Jazzmusiker sich allein mit seinem Gitarrenkonzert „Concierto de Aranjuez“ beschäftigt haben – allen voran Miles Davis & Gil Evans, aber auch Laurindo Almeida mit den L.A.4, das Modern Jazz Quartet oder Jim Hall –, stellt man sich zwangsläufig die Frage: Warum ist die Musik der iberischen Halbinsel gerade für Jazzmusiker von solch großem Interesse?

Ist es wirklich so, dass viele Jazzmusiker sich für die spanische Musikkultur in der Vergangenheit übermäßig stark interessiert haben? Dessen bin ich mir gar nicht so bewusst. Dass sich Gitarristen intensiv mit dem Flamenco beschäftigen, erscheint mir nachvollziehbar. Rhythmisch, spieltechnisch und harmonisch ist der Flamenco natürlich anspruchsvoll und eine tolle Inspirationsquelle. Nachdem Al DiMeola, John McLaughlin und Paco de Lucia „Friday Night In San Francisco“ aufgenommen hatten, nahm das Interesse an dieser Musik noch einmal zu und erlebte einen regelrechten Boom. Vielleicht hast du den Eindruck, dass spanische Musik in den Jazz stark hineinwirkt, deshalb gewonnen, weil Alben wie „Sketches Of Spain“ und Jim Halls „Concierto de Aranjuez“ im Laufe der vergangenen Jahrzehnte regelrechte Klassiker mit riesiger Strahlkraft geworden sind.

Es gibt keine andere Musik, innerhalb der Assimilationsprozesse so leichtfüßig und selbstverständlich vonstatten gehen, wie den Jazz. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Der Jazz ist eine extrem offene Kunstform. Er kennt eigentlich keine Regeln und muss sich – anders als die Pop- und Rockmusik – nicht so sehr mit Marketingstrategien und Modeerscheinungen auseinandersetzen. Das macht ihn risikobereiter und abenteuerlustiger. Ein Jazzmusiker hört indigene Musiken vielleicht auch mit größerem Interesse, als es ein klassisch ausgebildeter Musiker tun würde, weil er diese Musiken gleich mal daraufhin abklopft, ob sich nicht deren metrische, melodische oder harmonische Idiosynkrasien in sein eigenes Spiel, seine eigenen Kompositionen oder Improvisationsphilosophien übertragen lassen. Ein Jazzmusiker ist es gewohnt, sich auf Neues einzulassen. Wenn es auf einer Session heißt: lasst uns mal „Take five“ im 4/4 Takt probieren, wird sich ein Jazzer – so absurd das in diesem Fall auch sein mag – erst einmal darauf einlassen und sein Bestes probieren. Die Neugier ist da der entscheidende Faktor. Und da schließt sich der Kreis und wir wären wieder bei „Kind Of Spain“ angelangt. Letztlich wollte ich erfahren, ob spanische Musik ohne Qualitätsverlust und auf eine völlig andere Weise als bislang versucht, in einen jazzmusikalischen Kontext verbracht werden kann. Ich denke, ich kann mit dem Resultat recht zufrieden sein.
Interview: Thorsten Hingst
Fotos: Antje Wiech

 

CD: Wolfgang Haffner „Kind Of Spain”, ACT 9848-2