Abschied von Tommy LiPuma

Diana Krall

Wenn Diana Krall als weltweit erfolgreichste Jazzsängerin und -pianistin, die beachtliche 16 Millionen CDs verkauft hat, ein neues Album veröffentlicht, ist das Medieninteresse groß. Das bedient die 52-jährige Kanadierin, sie gibt Interviews und berichtet über ihr neues Album „Turn Up The Quiet“. Doch diesmal ist ihr der erste Interviewtag, an dem sie auch mit dem Jazz Podium sprach, schwer gefallen. Denn kurz zuvor ist der US-Produzent Tommy LiPuma, der ihr Mentor und enger Freund war, am 13. März im Alter von 80 Jahren gestorben. „Turn Up The Quiet“ war seine letzte Arbeit als Produzent und beendet eine Reihe von Albumproduktionen für Diana Krall, die er seit 24 Jahren begleitete.

Der Weg, der zu dieser Zusammenarbeit führte, begann in Diana Kralls Kindheit, als sie von ihrer musikalisch aktiven Familie an die Welt der Töne herangeführt wurde. Ihr Vater Stephen James „Jim“ Krall spielte zu Hause Jazz und Klassik auf dem Klavier, ihre Mutter Adella sang in einem Chor, und auch ihre Großmutter war Sängerin.

Mit vier Jahren begann die kleine Diana, Klavier spielen zu lernen, mit 15 trat sie als Jazzpianistin in Restaurants ihrer Heimatstadt Nanaimo auf. Ein Jahr später entdeckte sie der einflussreiche US-amerikanische Jazz-Bassist Ray Brown, der ihr Förderer und Mentor wurde. Mit 17 bekam sie durch das „Vancouver International Jazz Festival“ ein Musikstudium am „Berklee College of Music“ in Boston finanziert. Nach drei Semestern ging sie nach Los Angeles und nahm Klavierunterricht bei dem bekannten Jazz-Pianisten und Komponisten Jimmy Rowles. Er motivierte sie, das Singen zu versuchen, und fortan spielte und sang sie im Verbund. Sie trat damit erstmals in den Clubs von New York auf, wo sie sich 1990 niedergelassen hatte. 1993 kehrte Diana Krall nach Kanada zurück und veröffentlichte ihr erstes Album „Stepping Out“, das in ihrer Heimat prompt vergoldet wurde.

An dieser Stelle kommt Tommy LiPuma ins Spiel, der damals schon ein Star-Produzent war (z. B. für Miles Davis, Bill Evans, George Benson, Al Jarreau, Barbra Streisand, The Yellowjackets, Paul McCartney, The Crusaders). LiPuma war begeistert von Diana Kralls Talent und produzierte ihr zweites Album „Only Trust Your Heart“ (1995). Er wurde ihr Stammproduzent und spielte mit ihr bis zu „Quiet Nights“ (2009) zehn erfolgreiche Alben ein. An „Glad Rag Doll“ (2012) und „Wallflower“ (2015) war er nicht beteiligt, aber die beiden setzten nun für das aktuelle Album „Turn Up The Quiet“ ihre Zusammenarbeit fort.

Zu Tommy LiPuma holte sich Diana Krall für die Aufnahmen neben ihrem langjährigen Toningenieur Al Schmitt eine hochkarätige Riege ihr vertrauter Musiker ins Studio: Russell Malone, g, Christian McBride, db, John Clayton Jr., db, Anthony Wilson, g, Marc Ribot, g, Stefon Harris, vib, Stuart Duncan, fiddle und als Arrangeur für die Streicher Alan Broadbent.

Mit ihnen nahm Diana Krall für das Album elf Klassiker des American Songbook auf wie „Isn’t it romantic”, „Night and day“ oder „Blue skies“. Wie der Albumtitel „Turn Up The Quiet“ verspricht, entstand ein ruhig fließendes, zeitlos schönes Album, mit Diana Kralls akzentuiertem, rauchig-laszivem Gesang und phantasievoll spielenden Musikern. Tommy LiPuma veredelte die Stücke mit einer behutsamen, eleganten Produktion, die einen würdigen Abschluss seiner Arbeit bildet.

Dem Jazz Podium berichtete Diana Krall, wie die Aufnahmen abliefen, und sie erzählte emotional und bewegt von ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit mit Tommy LiPuma.

Sie haben für Ihr neues Album bekannte Lieder aus dem Great American Songbook aufgenommen. War es schwierig, sich diesen Songs anzunähern, die ja schon viele großartige Künstler interpretiert haben?

Das kann man viele Künstler fragen, die das gemacht haben, wie Dianne Reeves, die ich sehr bewundere, oder Stan Getz und etliche andere. Wir werden inspiriert von großartigen anderen Künstlern. Das ist es, warum wir das tun, was wir tun. Aber es muss passen, was man singt. Es geht nicht, dass man sich einfach hinstellt und singt. So simpel funktioniert das nicht. Wenn ich mir z. B. Bob Dylan anhöre, wenn er „The september of my years” interpretiert, ist er sehr nah an Frank Sinatra, der das auch sang. Bob hat einfach das Recht dazu, das zu singen und sich auf seine Art auszudrücken. Es passt zu ihm. Aber ich könnte das nicht singen, für mich würde das keinen Sinn machen.

Wie haben Sie die Song-Auswahl getroffen?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich denke über viele Songs jahrelang nach und nehme sie irgendwann auf oder auch nicht. Ich plante bei „Turn Up The Quiet“ nicht, was wir einspielen würden. Ich arbeite sehr intuitiv. Und ich hatte die Musiker, mit denen das möglich war. Es war ein Prozess, der uns großen Spaß machte.

Also gab es vorab nicht so etwas wie ein Konzept für das Album.

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte viel Zeit, um an diesem Album zu arbeiten. Im September 2016 fing ich an. Ich nahm ein paar Demos auf, ging dann nach Vancouver, um mit meinem Bassisten John Clayton einige Songs einzuspielen. Dann hatte ich die Idee, die Songs mit drei verschiedenen Bands aufzunehmen und zu sehen, wohin uns das führt. Wie ich darauf kam, weiß ich nicht. Ich wusste nur, dass ich wieder ein Jazz-Album machen wollte.
Das erste Ensemble war ein Trio, das aus Christian McBride, b, Russell Malone, dr, und mir bestand. Dann kam eine Band mit Marc Ribot, g, Karriem Riggins, dr, und Stuart Duncan, der die Fiddle spielt, und dem Bassisten Tony Garnier, mit dem ich noch nie gespielt habe. Er hat bewundernswert mit Bob Dylan zusammengearbeitet. Er kann alles spielen, alle Stile und wunderbar auch Jazz.
Die dritte Band war ein Quartett mit John Clayton Jr., b, Anthony Wilson, g, Jeff Hamilton, dr, und mir.

Werden Sie mit allen drei Ensembles live auftreten?

Ich würde gern die erste Tour mit Stuart Duncan, Karriem Riggins, Anthony Wilson und Robert Hurst spielen. Damit sind wir ein Quintett und können Stücke von jedem Album spielen.

Ich weiß, dass es ein trauriges Thema ist, aber können wir über Ihre Zusammenarbeit mit Tommy LiPuma sprechen?

Ja. Ich bin immer noch sehr, sehr niedergeschlagen und traurig über seinen Tod. Das hier ist mein erster Interviewtag, und ich habe bisher noch nicht darüber gesprochen. Ich kenne Tommy mein halbes Leben lang. Wir haben ja nicht nur Alben aufgenommen, wir trafen uns zum Dinner, wir lachten sehr viel. Ich nahm ihn 2016 mit zum „International Jazz Day“ im Weißen Haus mit Präsident Obama. Wir hatten so viel Spaß zusammen.

Wie entstanden die Aufnahmen für das neue Album?

Die Vorproduktion startete im September 2016. Danach nahmen wir alles live mit den drei Bands in verschiedenen Studios im November und Dezember auf. Dann ging es in die Nachbearbeitung. Die Leute um uns herum sagten zu diesem Zeitpunkt alle: „Da ist nichts mehr zu ändern. Dafür ist es zu spät.“ Aber Tommy meinte: „Wir fügen bei ‚Isn’t it romantic?“, ein Vibraphon hinzu.“ Das wurde der einzige Overdub, bis auf die Streicher, die auch später dazukamen, aber nur minimal auf dem Album eingesetzt werden.
Wir überlegten erst, dass wir ein großes Orchester zusätzlich aufnehmen wollten. Aber es entwickelte sich anders.
Ich glaube, wir haben ein großartiges Album aufgenommen. „The Look Of Love“ und „Turn Up The The Quiet“ halte ich für die besten, die wir je einspielten. Wir wollten nicht einfach wiederholen, was wir früher machten. „Turn Up The Quiet“ ist neu und frisch. Tommy war deswegen sehr aufgeregt. Er hatte z. B. noch nie mit Marc Ribot gearbeitet. Es war ein Vergnügen, ihn dabei zu beobachten.
Ohne Tommy wäre es nicht so gut geworden, ich hätte das allein nicht so geschafft. Ich schrieb ihm einen Brief, in dem ich ihm das sagte. Er wusste, was ich fühle und denke. Wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen, als wir die Aufnahmen geschaffen haben.
Nur er konnte verstehen, wie wichtig es für mich ist, mich als Künstlerin zu entwickeln, wie ich diese Songs spielen wollte und wie er mir dabei helfen konnte. Er wusste, wie er mir die Zeit geben konnte, das zu tun. Ich ging mit ihm und den Musikern ins Studio, und da waren erst einmal zehn Minuten Stille. Ich sagte gar nichts, und er wusste, dass ich darüber nachdachte, was ich nun tun würde als Jazzmusikerin. Es braucht seine Zeit, sich zu überlegen, in welche Richtung man geht. Das ist keine strategische Sache. Aber ich brauche diese Stille, damit die Ideen zu mir kommen. Tommy wusste, dass ich nicht linear arbeite, und er gab mir die Möglichkeit dazu.

Haben Sie deshalb das Album „Turn Up The Quiet“ genannt?

Ja, das ist der Ursprung dafür. Tommy, Al Schmitt und genauso die Musiker verstanden, dass ich diese Zeit der Stille für meine Überlegungen brauchte.

Wie hat die Zusammenarbeit mit Tommy LiPuma funktioniert? War er eher der Maestro im Hintergrund?

Nein, es war definitiv eine Kollaboration, eine Partnerschaft. Er war für mich so wichtig wie ein weiterer Musiker.
Wir gingen mittags ins Studio. Und er hörte genau hin, was ich machte und vorschlug und sprach mit mir darüber. Er fügte die Dinge zusammen. Er verband Sequenzen, mit denen ich absolut nicht zurechtkam. So arbeiteten wir bis acht oder neun Uhr abends. Dann gingen wir essen, unterhielten uns, und es ging zurück ins Hotel. Ich schrieb dann mitten in der Nacht Notizen für ihn, was mir zu den Aufnahmen einfiel: „Tommy, was denkst du darüber, wie findest du dieses und jenes.“
Es war ein sehr intensiver, vertrauensvoller Prozess. Unsere Partnerschaft war ungefähr so wie die zwischen den Beatles und George Martin.
Da kam nicht einfach irgendein Produzent ins Studio. Er verstand mich besser als irgend­jemand.

Text: Thorsten Schatz

Fotos: Mary McCartney

CD/LP: Diana Krall „Turn Up The Quiet”, Verve/Universal Music CD: 06025 5735217,
Doppel-LP: 06025 5735218

www.dianakrall.com