Neue Signale von der anderen Seite

Tord Gustavsen

Als der norwegische Pianist Tord Gustavsen 2003 mit 33 Jahren seine bis heute andauernde Zusammenarbeit mit Manfred Eichers Label ECM begann, tat er das mit einem Trio, das im Zeitraum zwischen 2003 und 2007 drei hochgelobte Alben veröffentlichte. Die zweite der Einspielungen „The Ground“ belegte gar den ersten Platz der norwegischen Charts, konnte in Deutschland einen Gold Jazzward abgreifen und landete in den Top 10 der amerikanischen Billboard Jazz-Charts. Kritiker attestierten Gustavsen und seinem Trio damals eine „hypnotische Kraft“ zu besitzen und „destillierte Magie“ zu versprühen. Nach so viel internationalen Erfolgen kam der Richtungswechsel 2009 vielleicht für viele überraschend, mit dem Abstand von fast zehn Jahren und der Kenntnis um das Geschehene erscheint er heute zwingend logisch und nachvollziehbar.
Warum Tord Gustavsen jetzt mit „The Other Side“ dennoch wieder ein neues Trioalbum zum Diskurs stellt, erzählt der sympathische Pianist im nachfolgenden Interview.

Mit „The Other Side“ ist nach elf Jahren gerade wieder ein neues Trioalbum von dir erschienen. Warum hat es so lange gedauert, eine neue Einspielung in diesem klassischen Format auf den Markt zu bringen?

Nun, eine ganze Reihe von Gründen waren ausschlaggebend dafür, dass erst jetzt ein neues Trioalbum von mir erschienen ist. In der Zwischenzeit war ich ja nicht untätig, sondern habe ein Album mit dem Tord Gustavsen Ensemble, zwei Quartetteinspielungen und ein Trioalbum mit Simin Tander und Jarle Vespestad veröffentlicht. Mit dem Quartett sind wir viel auf Konzertreisen gewesen und die Arbeit mit dieser Band war so inspirierend und aufregend, dass mir lange Zeit nicht der Sinn nach Veränderung stand.
Und dann hat natürlich der Tod meines Freundes Harald Johnsen, der lange Jahre Bassist in meinem Trio gewesen ist, dazu geführt, dass ich etwas Abstand von diesem Format brauchte, um das Geschehene zu verarbeiten. Erst jetzt, mit langem zeitlichem Abstand, fühlte ich mich wieder in der Lage, erneut in dieser Besetzung zu arbeiten. Ich glaube mit „The Other Side“ und unserem neuen Bassisten Sigurd Hole jetzt eine Besetzung und einen Weg gefunden zu haben, der das Andenken an das alte Trio bewahrt und der Musik gleichzeitig erlaubt, sich in eine neue Richtung zu bewegen. Wir spielen heute vielleicht etwas einfacher und klarer, dabei aber abstrakter und dynamischer als mit dem alten Trio.

Deine Musik war immer ein gutes Beispiel für eine gelungene „Weniger-ist mehr-Ästhetik“. Einige wenige gut gesetzte Noten und Pausen besitzen oftmals viel mehr Ausdruckskraft als komplexe Rhythmen und mäandrierende Melodien. Ein intensiver Höreindruck, der sich nachhaltig im Kopf des Zuhörers festsetzt, lässt sich auf diese Weise oft eher erreichen. Ich habe beim Hören von „The Other Side“ den Eindruck gewonnen, dass ihr euer Konzept der Reduzierung noch einmal weiterentwickelt habt, die Musik des Trios heute weniger strukturiert, offener und freier ausgestaltet ist.

Deiner Analyse kann ich nur vollumfänglich zustimmen. Jesper und ich spielen mit Sigurd in der Tat noch einmal deutlich reduzierter und offener als mit Harald. Unser Zusammenspiel ist sehr viel freier und unmittelbarer. Manchmal bekommt die Musik dadurch eine fast eruptive und aufwühlende Note, die uns selbst überrascht hat. In den letzten drei, vier Jahren habe ich mich mehr und mehr mit elektronischer Klanggestaltung beschäftigt und „The Other Side“ ist das erste Trioalbum, auf dem ich – wenn auch sehr subtil – äußerst vorsichtig elektronische Sounds verwendet habe. Viele Hörer der Platte werden diese Klänge vielleicht erst einmal gar nicht richtig wahrnehmen, weil sie sich fast zaghaft und wohldosiert in den Gesamtklang einfügen. Trotzdem sind sie enorm wichtig für die Stimmung, die die Kompositionen evozieren sollen. Auf meinem letzten Album „What Was Said“ mit Simin Tander habe ich neben dem akustischen Piano auch Synthesizer eingesetzt. Vielleicht hat mich das in Bezug auf „The Other Side“ mutiger werden lassen.

Ebenfalls neu für mich sind die folkloristischen Melodieeinsprengsel in deiner aktuellen Musik. Bislang warst du in meiner Wahrnehmung einer der wenigen skandinavischen Jazzmusiker, die der Verlockung widerstanden haben, die alten Musiktraditionen ihrer Länder in ihre eigene Musik zu integrieren. Wie kam es jetzt zu deinem Umdenken?

Anders als viele meiner skandinavischen Kollegen bin ich nicht mit Folkmusik aufgewachsen. Zuhause wurde eher Kirchenmusik und Gospel gehört. In meiner Familie spielte traditionelle norwegische Musik keine große Rolle. Deshalb waren auf meinen bisherigen Studioalben norwegische Folkmusik-Einflüsse kaum zu vernehmen. Anders sieht es in unseren Konzerten aus, wo sie seit einiger Zeit ein gewisses Gewicht haben. In den letzten sieben, acht Jahren habe ich in Norwegen an Projekten mitarbeiten dürfen, an denen neben Jazz- auch Folkmusiker beteiligt waren, und so habe ich mich fast zwangsläufig mehr und mehr mit dieser Musik beschäftigt. Wenn man sich in eine Musik versenkt, sich intensiv mit ihr befasst und sie einen emotional richtig packt, dann führt das ganz automatisch dazu, dass man Teile ihres Vokabulars in das eigene künstlerische Schaffen übernimmt. Phrasierungsweisen vielleicht, kleine melodische Wendungen, Betonungen und rhythmische Besonderheiten: all das schlich sich also in meine Kompositionen, ohne dass ich es bewusst darauf angelegt hatte. Allerdings war ich hinterher schon erstaunt darüber, wie wunderbar bündig und selbstverständlich sich diese folkloristischen Ingredienzien an meine Musik anschmiegten, mit ihr verschmolzen und nicht unerheblich mit dazu beitrugen, diese noch ausdrucksstärker zu machen. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass im norwegischen Kirchengesangsbuch viele der Hymnen und Lieder auf traditionellen Melodien basieren.

Wo du gerade die Kirchenmusik erwähnst: Du hast für das Album eine Komposition von Ludvig Mathias Lindemann neu arrangiert. Dieser Komponist ist mir nicht geläufig. Magst du ein wenig über ihn erzählen?

Ich wünschte, ich könnte dir Erhellendes über Ludvig Mathias Lindemann erzählen, aber ich muss gestehen, dass ich mich mit seiner Person nicht tiefergehend beschäftigt habe. Mir hat sein Stück „Kirken, den er et gammelt hus“ einfach nur unglaublich gut gefallen. Wenn ich Fremdkompositionen wie diese nehme, dann, um sie sozusagen als Ausgangspunkt für meine eigenen Ideen zu nutzen. Dabei ist mir immer wichtig, die Originalmelodie und das ursprüngliche harmonische Fundament zu achten und nicht gänzlich zu dekonstruieren. Ein Hörer, der mit diesem Stück vertraut ist, sollte es in meiner Bearbeitung schon noch wiedererkennen können. Meine musikalischen Ideen sollen – wenn ich meinen Job gut gemacht habe – eine neue Draufsicht auf das Stück möglich machen und dem Hörer neue Deutungsansätze liefern. Viele dieser alten Kirchenlieder besitzen eine ganz eigentümliche Kraft und Energie. Wenn ich mich an die Bearbeitung und Weiterführung dieser Stücke mache, lasse ich mich von diesen Energien und Kräften leiten und versuche sie möglichst noch zu intensivieren.

Sind die textlichen Inhalte eines Kirchenliedes von Relevanz, wenn du dich an seine musikalische Bearbeitung machst?

Ich würde nicht behaupten wollen, dass sie Einfluss auf meine Bearbeitungen haben, allerdings sind mir „Schlafes Bruder“ und „Jesu, meine Freude“ von Johann Sebastian Bach und das Traditional „Ingen vinner frem til den evige ro“ schon seit langer Zeit lieb und teuer. Ich kann nicht ausschließen, dass mich die textlichen Inhalte nicht doch zumindest unterbewusst in meiner Arbeit beeinflusst haben. Sicherlich habe ich gerade zu diesen Nummern ein sehr enges Verhältnis.

Du hast neben den von dir genannten Bach-Stücken auch noch „O Traurigkeit“ bearbeitet. Mit einer Kantate, einer Motette und einem Choral drei sehr unterschiedliche Stücke des Thomaskantors. Du scheinst eine sehr innige Bindung an Bachs Musik und an Kirchenmusik im Allgemeinen zu haben.

Ich bin mit Kirchenmusik aufgewachsen, habe bereits als kleiner Junge in meiner Kirchengemeinde Klavier gespielt und im Chor gesungen. Viele dieser alten Kirchenlieder sind mir viel näher als die bekannten Jazzstandards. Sie begleiten mich schon mein ganzes Leben lang und haben für mich nicht nur eine musikalische, sondern auch eine spirituelle Bedeutung. Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens auch mit ihren Inhalten gekämpft, habe dagegen opponiert, wie man das als Heranwachsender macht, wenn man sich selbst zu orientieren versucht. Aber ich bin immer wieder mit großer Demut zu ihnen zurückgekehrt und heute wäre ein Leben ohne sie für mich nicht mehr vorstellbar.
Die drei Bach-Stücke habe ich wegen ihrer wunderbaren melodischen Qualitäten ausgesucht und weil ich das Gefühl hatte, diesen Kompositionen noch etwas hinzufügen zu können. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass Bachs Stücke nicht bereits makellos und komplett wären. Wer bin ich, das zu behaupten? Vielmehr hatte ich den Wunsch, dem von Bach Gesagten noch etwas hinzuzufügen. Etwas, was er zu seiner Zeit vielleicht noch nicht hatte ausdrücken können. Sozusagen eine Brücke zu schlagen vom Barock in die Gegenwart.

Wenn ich deine Musik höre, dann fallen mir zunächst deine ausdrucksstarken Melodien auf. Du bist für mich einer der europäischen Jazzpianisten mit der stärksten Artikulation auf dem Instrument. In der Vergangenheit hast du sehr viel mit Sängerinnen wie Silje Nergaard, Siri Gjære, Solveig Slettahjell, Kristin Asbjørnsen und Simin Tander gearbeitet. Haben dir diese Begegnungen die Bedeutung einer starken Melodie vielleicht noch bewusster gemacht?

Möglicherweise ist das so. Schon als Kind war ich sehr an Melodien interessiert. Immer wenn ich meine klassischen Klavierübungen absolviert hatte, verweilte ich am Instrument und suchte nach kurzen melodischen Phrasen. Wiederholte diese, veränderte sie immer wieder, bis ich schließlich das Gefühl hatte, die schönste Melodie gefunden zu haben. Selbst wenn ich mich heute mal außerhalb der Tonalität bewege oder sich die Strukturen der Musik aufzulösen beginnen, bleibt mein Spiel bis zu einem gewissen Grad immer melodiezentriert.
Dabei macht es keinen Unterschied, ob ich mit dem Trio oder mit dem Quartett arbeite. Mein Ansatz bleibt immer derselbe. Mit Tore Brunborg im Quartett oder auch mit Simin Tander im Trio habe ich „Gesprächspartner“, mit denen ich in direkte Dialoge eintreten kann und mit denen wir uns wechselseitig zu melodischen Bögen inspirieren. Im Trio bin ich eher alleine für die melodische Linienführung zuständig. Mir ist natürlich sehr bewusst, dass ich da eine große Verantwortung trage, aber dieser Herausforderung stelle ich mich gerne.

Auf „The Other Side“ befindet sich ein Track namens „Left over lullaby no.4“. Die ersten drei Teile dieser Saga befanden sich auf deinem Ensemble-Album „Restored, Returned“ von 2009. Welche Idee steckt hinter diesem Song-Zyklus?

Ich liebe diese kleinen abstrakten Wiegenlieder, die mal durchkomponiert, meistens aber komplett improvisiert sind. Entstanden ist der Gedanke schon vor Jahren. Wir wollten einfach mal aus dem normalen Flussplan eines Konzerts ausbrechen und etwas völlig Unvorhersehbares machen. Etwas, was sowohl uns Musikern als auch unserem Publikum Spaß bereiten sollte. So schufen wir uns im Rahmen unserer Performances Experimentierräume, innerhalb derer wir unserer Spontaneität freien Lauf lassen konnten und die wie Zäsuren funktionierten. Vor neun Jahren fing ich auf „Restored, Returned“ an, diese Idee auch auf meine Studioeinspielungen zu übertragen. Diese „Stolpersteine“ funktionieren, wie ich finde, auch im Narrativ eines Albums ganz gut und deshalb habe ich jetzt auf „The Other Side“ wieder einen solchen Marker gesetzt.

2011 verstarb dein langjähriger Freund und Bassist Harald Johnsen im Alter von nur 41 Jahren. In deinem Quartett hat Mats Eilertsen diese Position ausgefüllt. Mit Sigurd Hole hast du nun einen Bassisten in dein neues Trio berufen, den wir von seiner Zusammenarbeit mit Karl Seglem oder Helge Lien kennen. Was macht Sigurd zum optimalen Partner für dich auf der Tieftönerposition?

Als Mats Eilertsen mein Quartett verließ, um wieder verstärkt an eigenen Projekten zu arbeiten, war Sigurd Hole als sein Nachfolger meine erste Wahl. Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber ich bewunderte sein Spiel schon seit geraumer Zeit aus der Entfernung. Sigurd ist ein sehr innovativer Bassist, versiert und kompetent in einer Vielzahl von Genres. Durch ihn sind die verspielten folkloristischen Noten auf „The Other Side“ sicherlich noch stärker in den Vordergrund gerückt, denn Sigurd kennt sich in der traditionellen Musik unseres Landes unglaublich gut aus. Außerdem besitzt er eine wunderbare Bogentechnik, die der Musik dieses Trios bei Bedarf eine zusätzliche Klangfarbe hinzufügen kann. Jarle kam von Anfang an ebenfalls ganz wunderbar mit Sigurd zurecht und so war die Entscheidung, ihn zu bitten unserer Band beizutreten, nur folgerichtig.

Abschließend möchte ich dich nach dem Titel des Albums fragen. „The Other Side“ impliziert, dass es da noch eine andere Seite geben muss, als die benannte „andere Seite“. Welche Seite ist das?

Zunächst einmal möchte ich jeden Hörer der Platte dazu aufrufen, sich der Musik völlig „ahnungslos“, frei von irgendwelchen Informationen zu überlassen und sich eigene Gedanken zu ihr zu machen.
Ich habe den Titel „The Other Side gewählt, weil ich unterschiedliche Dinge mit ihm assoziiere. Als Pianist dieses Trios bin ich, anders als in meinem Quartett, die alleinige solistische Stimme dieser Band und kann so eben eine andere Seite meines musikalischen und kompositorischen Wirkens zeigen. Weiterhin nimmt der Titel Bezug auf die Themen, die ich mit meinen und den Fremdkompositionen auf diesem Album behandeln möchte, nämlich die andere Seite der menschlichen Existenz, des Lebens schlechthin, zu beleuchten, die nicht so oft in der Jazzmusik behandelt werden. Den Schlaf, die unendliche Ruhe, also den Tod. Aber auch des Verlangen und das Streben jedes Einzelnen, Frieden und Erfüllung im Leben zu finden.
Zu guter Letzt präsentiert dieses Trio eine andere Seite instrumentaler Virtuosität. Wir zelebrieren die Reduktion der Töne. Spielen nicht all das, was wir spielen könnten, sondern beschränken uns auf das Notwendigste, um unsere Inhalte zu vermitteln. Es geht uns also ebenfalls um die Hintanstellung unserer Egos. Keine ganz leichte Aufgabe!

Interview: Thorsten Hingst

Fotos: Gerhard Richter (farbig), Øyvind ­Hjelman

CD: Tord Gustavsen Trio „The Other Side“, ECM 2608