Die Kraft der Musik kann für eine gute Balance zwischen Licht und Schatten im Leben sorgen

Kurt Rosenwinkel

Fragt man Jazzgitarristen der Generation Y nach ihren Vorbildern, dann kann man sicher sein, dass sein Name mit hundertprozentiger Sicherheit als einer der ersten fällt. Kurt Rosenwinkel, 1970 in Philadelphia geboren, am Berklee College of Music in Boston ausgebildet und in den Bands von Gary Burton und Paul Motian mit dem nötigen Feinschliff versehen, zog es 1990 nach Brooklyn. Burton hatte ihm mit den notwendigen Kontakten unter die Arme gegriffen und so Starthilfe auf dem hart umkämpften Geläuf des Big Apple geleistet. Um sich in einer Zeit als junger Gitarrist auf diesem Markt durchzusetzen, als „alle innovativen Plätze von Pat Metheny, Bill Frisell, Marc Ribot und anderen Gitarristen bereits besetzt schienen“, wie das Reclam Jazzlexikon zu berichten weiß, bedarf es einiger Qualitäten und eines Höchstmaßes an instrumentaler Eigenständigkeit. Rosenwinkel selbst zählt Johann Sebastian Bach, John Coltrane, Bill Frisell, John Scofield, Allan Holdsworth, Kevin Eubanks, Tal Farlow und den Doyen der Seven-String-Gitarre, George Van Eps, ebenso zu seinen großen Einflüssen, wie Led Zeppelin-Mastermind Jimmy Page, Cream mit Eric Clapton oder Rush-Gitarrist Alex Lifeson. Sein undogmatischer und unverkopfter Umgang mit disparatesten Genres und Stilistiken hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass viele junge Jazzgitarristen sich förmlich auf seine Spuren gesetzt haben. Seit 2004 war Rosenwinkel auch als Dozent tätig. Zunächst in der Schweiz in der Jazzabteilung an der Hochschule in Luzern und ab dem Wintersemester 2007/08 als ordentlicher Professor an der Hochschule der Künste in Berlin (Jazz-Institut-Berlin). Diese honorige Stellung hat der passionierte Mützenträger allerdings am 23. November des vorvergangenen Jahres wieder aufgegeben.

„Meine Lehrtätigkeit an der Hochschule der Künste in Berlin ließ sich mit meiner Karriere als Musiker nicht mehr vernünftig in Einklang bringen. Außerdem fühlte ich mich vom Unibetrieb ausgebrannt, so dass ich im November 2015 die Reißleine gezogen habe, um mich wieder voll und ganz meiner Karriere als Musiker und Komponist widmen zu können“, erklärt Rosenwinkel. „Berlin werde ich deshalb aber nicht verlassen. Meine Kinder gehen hier zur Schule, ich liebe die Stadt, bin hier sehr gut vernetzt und kann jeden Ort der Welt von hier aus relativ unproblematisch und schnell erreichen.“

Ein gewichtiger Grund für die veränderte Karriereplanung ist auch sein neues Album „Caipi“, das der Gitarrist in diesen Tagen auf den Markt bringen wird.

Im Presseflyer zu „Caipi“ konnte man lesen, dass du zehn Jahre lang an dem Album gearbeitet hast. Warum hat es so lange gedauert, dieses Projekt zu einem Abschluss zu bringen?

Nun, es hat auch deshalb so lange gedauert, weil ich immer mit anderen Dingen beschäftigt war. Diese Platte ist ja musikalisch etwas anders geraten als meine anderen Einspielungen und da ein Album wie dieses von meinem Publikum nicht unbedingt erwartet wurde, verspürte ich nicht den Druck, es zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig stellen zu müssen. Ich habe mir ganz bewusst die Zeit genommen, die die Musik zum Reifen brauchte. Es war schön, mal nicht unter zeitlichem Druck und mit einer Deadline im Nacken arbeiten zu müssen. So konnten sich die Kompositionen ganz langsam und ohne Druck entwickeln. Das erste Stück für „Caipi“ schrieb ich vor zehn Jahren und war selbst überrascht, wie anders es klang als alles, was ich bis dorthin komponiert hatte. Manchmal kann man ja selbst nicht erklären, warum und wie man etwas schreibt. Die Musik fließt einfach so aus dir heraus. Ich fand dieses Stück allerdings ziemlich gut und es wäre deswegen nicht richtig gewesen, es in den Papierkorb zu werfen. Dass es zehn Jahre dauern sollte, bis ich es für ein Album verwenden würde, war damals natürlich nicht abzusehen. Der eigentliche Aufnahmeprozess zog sich dann nur über zehn Monate hin.

In Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich mir „Caipi“ natürlich mehrmals angehört und plötzlich schoss mir der Gedanke in den Kopf, dass es ja mit „Heartcore“ schon einmal ein Album von dir gegeben hat, das einen musikalisch abweichenden Pfad gegangen ist. Auf beiden Alben spielst du fast alle Instrumente selbst, hast viel mit Programming gearbeitet und klanglich sehr bewusst einen neuen Weg gesucht. Kannst du erklären, woher dieser Drang oder diese Lust, einmal andere kompositorische und klangliche Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten, bei dir kommt?

Als improvisierender Musiker und Gitarrist stehe ich natürlich mit beiden Beinen fest verwurzelt in der Jazztradition. Ich bin immer ein selbstbestimmter Teil dieses Kontinuums gewesen und genieße das durchaus sehr. Dieser großartigen Musik werde ich mich immer verpflichtet fühlen. Aber tief in mir drin stecken noch andere musikalische Interessen, die nicht unbedingt dem Jazz zuzurechnen sind und die mich gleichfalls sehr bewegen und faszinieren. Dieses Album ist aus einer intuitiven Reise zu mir selbst entstanden. Ich habe mal völlig ohne Vorbehalte versucht genau zu sondieren, welche Musiker und welche musikalischen Genres neben dem Jazz mich in meinem Leben noch so richtig emotional bewegt haben. Milton Nascimento ist z. B. schon seit langer Zeit einer meiner großen musikalischen Helden. Bislang hatte ich nie etwas geschrieben, was seinen Einfluss auf mich deutlich gemacht hätte. „Caipi“ ist überhaupt erst die erste Platte, die meine Vorliebe für die brasilianische Musik so exponiert in den Vordergrund rückt. Vielleicht nicht unbedingt auf die Art, wie man es von einem Jazzmusiker erwarten würde, aber hoffentlich so, dass man als Jazzfan von dem Resultat nicht völlig verschreckt wird. Dieses Album ist ein sehr viel persönlicheres Statement geworden, als meine vorangegangenen Jazzalben es sind. Einfach weil es ein viel breiteres Spektrum meiner Persönlichkeit als Mensch und als Musiker sicht- und hörbar macht.

Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass du die Musik auf „Heartcore“ bewusst für Konzerte in größeren Auditorien geschrieben hast, während die Musik auf „The Next Step“ für Clubs konzipiert war. Hattest du beim Schreiben des Materials für „Caipi“ ähnliche Absichten im Hinterkopf? Welcher Impetus steckt hinter den neuen Stücken?

Diesmal gab es keine derartigen Hintergedanken. Es ging mir einzig und allein um die pure Musik. Beim Schreiben und Arrangieren habe ich keinen Gedanken darauf verschwendet, ob ich diese Kompositionen jemals in einem Konzert vor einem Publikum würde präsentieren können. Natürlich hatte ich während des Kreativprozesses manchmal erhebliche Zweifel, ob diese Musik überhaupt für eine Öffentlichkeit von Interesse sein würde. Ich habe dann einmal tief durchgeschnauft und einfach weitergemacht. Letztlich ist es immer die richtige Entscheidung, auf die eigene Stimme zu hören. Für mich persönlich ist „Caipi“ ein sehr lebensbejahendes und positives Album geworden und ich finde, die Musik spiegelt dies auf eine sehr schöne Art und Weise wider. Ich glaube an die Kraft der Musik, dass sie für eine gute Balance von Licht und Schatten im Leben sorgen kann. Gerade jetzt, wo so viel Schatten und Dunkelheit auf dieser Welt liegt, kommt ihr eine ganz besondere Bedeutung zu. Wenn ich auf mein eigenes Land schaue und sehe, dass ein inkompetenter, leicht reizbarer Selbstdarsteller, Misogynist, Lügner und Narzisst vier Jahre lang die Vereinigten Staaten regieren wird, dann wird mir wirklich angst und bange. Hoffentlich funktioniert unser „Checks and Balances“-System wie einst von den Vätern unserer Verfassung weitsichtig erdacht. Und hoffentlich sind die Bürger der Vereinigten Staaten, die Europäer und anderen Verbündeten und Freunde meines Landes in der Lage, diesen Mann zu bändigen und das Schlimmste zu verhindern.

Mich interessiert der Aufnahmeprozess dieser Einspielung. Du hast überwiegend in deinem Heimstudio an „Caipi“ gearbeitet. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass – ohne eine monetäre Stechuhr im Nacken – das Arbeiten entspannter gewesen sein muss, als in einem kommerziell betriebenen Studio.

Wenn man in einem Heimstudio arbeitet gibt es, verglichen mit Aufnahmen in einem kommerziell betriebenen Studio, sowohl Vor- als auch Nachteile. Ein ganz wesentlicher Nachteil ist, dass du dir bei allen technischen Belangen selbst helfen musst. Du bist dein eigener Tontechniker, Mischer etc. und völlig auf dich ­allein gestellt. Ich beschäftige mich seit 1995 intensiv mit Tontechnik und Aufnahmeequipment. Habe den Technikern und Mischern in den Studios, in denen ich gearbeitet habe, immer sehr bewusst und interessiert über die Schulter geblickt, sie mit Fragen gelöchert und so genügend Kenntnisse sammeln können, die es mir heute möglich machen, meine klanglichen Visionen und Vorstellungen ziemlich genau umzusetzen. Mir war schon recht früh in meiner Karriere als professioneller Musiker klar, dass ich einmal unabhängig von Studios und Technikern arbeiten wollte. Wenn mich jemand nach meinem Hobby fragen würde, würde ich ihm antworten: als „Recording engineer“ zu arbeiten. An den Knöpfen und Reglern eines Mischpultes zu sitzen und Klang zu beeinflussen und zu gestalten, ist einfach eine großartige Sache für mich. Die Zeit in meinem kleinen Heimstudio genieße ich wirklich sehr. Ein wesentlicher Vorteil eines eigenen Studios ist, dass keine Uhr tickt und du in jeglicher Hinsicht experimentieren kannst. Du kannst deine Stücke klanglich in unterschiedliche Farben und Gewänder kleiden, kannst sie strukturell verändern und niemand steht mit hochrotem Kopf hinter dir, weil du das Budget zu sprengen drohst. Um also auf deine Frage zurückzukommen: die Arbeit an „Caipi“ war extrem befriedigend für mich und völlig relaxt. Mein Blickwinkel auf andere Instrumentalisten hat sich durch die Arbeit an „Heartcore“ und jetzt an „Caipi“, also an Alben, auf denen ich fast alle Instrumente selber gespielt habe, noch einmal immens verändert. Als ausführender Musiker beschäftigst du dich ganz anders mit einer Basslinie, mit den Akkorden und ihren Umlagen auf dem Piano, mit verschiedenen Rhythmuspatterns etc., als ein Komponist. Mein Verständnis für die Wirkungsweise und die Einsatzbereiche dieser Instrumente ist so noch einmal sehr viel besser geworden.

Einige der Stücke auf „Caipi“ haben Lyrics. Du triffst also eine textliche Aussage. Gehst du das Schreiben von Songs anders an als das Komponieren von Instrumentalstücken und wenn ja, worin liegen die Unterschiede?

Etwas sehr explizit in Worte gefasst zum Ausdruck zu bringen, ist schon eine besondere Qualität, die kompositorisch anders behandelt werden will. Bei einem Instrumentalstück, mal die Annahme vorausgesetzt, du willst eine dezidierte Aussage mit ihm treffen, musst du die Musik so stark und assoziativ anlegen, dass dein Anliegen auch dem Hörer verständlich wird. Bei einem Song ist es so, dass sein Text diese assoziative Komponente praktisch außen vor lässt und die Musik nur die Aufgabe hat, die Wörter in ihrer Wirkung plastischer oder wirkungsvoller erscheinen zu lassen. Wobei natürlich die Interpretation der Wörter dem Hörer selbst überlassen bleibt. Es gab allerdings auch schon den Fall, dass ich ein Instrumentalstück geschrieben hatte und plötzlich merkte, dass es auch mit einem Text wunderbar funktionieren würde. Was auch immer meine Fantasie da angestachelt hatte? Wie aus dem Nichts heraus hatte ich diese Eingebung und sie zündete und erwies sich als richtig. Seit meiner Kindheit bin ich ein Fan von Poesie. Habe immer gerne Gedichte gelesen und auch selbst geschrieben. Eine Leidenschaft, die neben der Musik bis heute viel Raum in meinem kreativen Schaffen einnimmt. Für die Zukunft plane ich sogar die Veröffentlichung eines kleinen Bändchens mit meinen besten Gedichten.
„Caipi“ ist die erste Platte, die meine beiden bevorzugten kreativen Welten – die Poesie und die Musik – miteinander vereint. Für mich ist dieses Album deshalb eine ganz wichtige Wegmarke auf meiner Reise als Künstler. Die wichtigste Aufgabe eines Künstlers ist es meiner Meinung nach, die eigenen Gefühle nach außen zu tragen, sie den Menschen als Projektionsfläche und als Impulsgeber vor die Augen zu halten, und so zu einem Kommunikator zu werden, der hoffentlich Denkprozesse bei ihnen zu stimulieren in der Lage ist.

Du hast dir zur besseren Kommunikation mit deinen Hörern auch einige Gäste eingeladen. Mit Mark Turner verbindet dich eine lange Freundschaft.

Mit Mark arbeiten zu dürfen, ist immer ein ganz besonderes Vergnügen. Wir hatten bei den Aufnahmen so viel Spaß miteinander. Da wir uns seit langer Zeit kennen, haben wir ein fast telepathisches Verhältnis. Es gibt wirklich nur sehr wenige Musiker auf dieser Welt, die meine Musik so gut verstehen, wie Mark es tut. Für „Casio Escher“ hatte ich Charts geschrieben, die neben einer melodischen „Guideline“ nur aus ziemlich wirren Skizzen bestanden. Überall hatte ich Teile gestrichen und neue Parts eingefügt. Die ganze Geschichte sah wirklich schlimm und ziemlich kryptisch aus, so dass es mir fast schon peinlich war. Und was macht Mark? Schnappt sich die Seiten, schaut kurz drüber und nagelt das perfekte Solo aufs Band. Unglaublich! Er hat so einen wunderbar majestätischen Ton und alles was er spielt macht Sinn und ist sofort perfekt. Sein Saxophon haben wir allerdings nicht in Berlin, sondern in New York aufgenommen.

Einen völlig unerwarteten Gastauftritt auf „Caipi“ hat Eric Clapton. Wie ist es dir gelungen, ihn ins Studio zu bekommen? Ich kann mir vorstellen, dass es für „Slowhand“, obwohl er in der Vergangenheit schon mit Marcus Miller, David Sanborn oder Wynton Marsalis gearbeitet hat, eine etwas ungewohnte musikalische Umgebung gewesen sein muss.

Eric und ich sind seit ein paar Jahren miteinander befreundet. 2013 lud er mich ein, auf seinem Crossroads Festival im Madison Square Garden in New York zu spielen. Alles, was in der Gitarrenwelt Rang und Namen hat, trat dort auf. Steve Cropper, Buddy Guy, Sonny Landreth, Jeff Beck, Warren Haynes, Derek Trucks, Keith Richards und Robert Cray. Das Crossroads Festival findet alle zwei, drei Jahre in wechselnden Städten in den USA statt und Eric unterstützt mit den Einnahmen das Crossroads Centre auf Antigua, ein Drogentherapiezentrum, das er in den 90er Jahren mit Richard Conte gegründet hat. Er hatte mich in der BBC TV-Dokumentation „Icons Among Us: Jazz in the Present Tense“ gesehen, in der ich als Gitarrist der Brian Blade Fellowship zu hören war. Mein Spiel muss ihm gefallen haben, denn etwas später kam Eric mit dem Produzenten Russ Titleman zu einem meiner Gigs im Village Vanguard. Er ließ sich nicht einmal auf die Gästeliste setzen, sondern bezahlte sein Ticket wie jeder andere Gast auch. Vor unserem Set machten wir uns bekannt und quatschten ein wenig miteinander. Nach dem Gig kam er hinter die Bühne und erzählte mir, dass er das Konzert mit seinem iPhone mitgeschnitten hätte und fragte, ob das OK für mich sei. Wie hätte ich mich da beschweren sollen? Ich meine, das war Eric Clapton, der Mann, zu dem selbst Jimi Hendrix aufgesehen hat. Seitdem besteht unsere Freundschaft.
Als wir „Caipi“ in einem Studio in London mischten, kam Eric vorbei, um sich die Platte anzuhören. Aus einer Laune heraus frotzelte ich, er könne wenn er wolle, ja noch etwas zum Album beisteuern. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass er das wirklich tun würde. Er schnappte sich einfach eine Gitarre und ist nun auf „Little dream“ zu hören. Dass ich wirklich Eric Clapton auf einem meiner Alben habe ist unfassbar für mich. Ab und zu muss ich mich wirklich zwicken und auf die Creditsliste schauen, um es glauben zu können.

„Caipi“ ist die erste Veröffentlichung auf deinem eigenen Label Heartcore Records. Einige andere Alben werden in diesen Monaten folgen z.B. von dem brasilianischen Gitarristen Pedro Martins und deinem neuen Impro-Trio Bandit 65. Warum hast du in diesen für die Musikindustrie turbulenten Zeiten das Risiko gewagt, eine eigene Plattenfirma zu gründen?

Es ist einfach so über mich gekommen. Ich hatte eigentlich nicht geplant ein eigenes Label zu lancieren, aber als ich im vorletzten Jahr meinen Manager verließ, wurde dadurch auch der Kontakt zu meiner Plattenfirma gekappt. Ich stand also vor der Frage, was tun? Einige Firmen kontaktierten mich und es zeichnete sich sogar ein neuer Deal ab, aber als ich noch einmal darüber nachdachte, erschien mir die Idee, mich wieder in die Hände einer Plattenfirma zu begeben, doch nicht so optimal. Du bist immer gezwungen, künstlerische Kompromisse zu machen, und in Bezug auf „Caipi“ war ich dazu nicht bereit. Dieses Album sollte so erscheinen können, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich bin heute an einem Punkt in meiner Karriere angekommen, wo ich genau weiß, wie meine künstlerische Marschrichtung aussehen soll. Ich brauche niemanden, der diesen Job für mich erledigt oder der vielleicht sogar meint, dies besser zu wissen als ich selbst.
Für die Zukunft plane ich musikalische Projekte, die gänzlich anders gestaltet sind, als diese Platte es ist. Da ist ein Avantgarde-Projekt dabei, eine Sache, die mehr in die HipHop- und Pop-Richtung gehen wird und vielleicht etwas, das man am ehesten als Psychedelicpunk beschreiben kann. Welche Firma würde das Wagnis eingehen, mit mir diesen künstlerisch-erratischen Weg gehen zu wollen? Dazu wäre niemand bereit. Da nehme ich mein Schicksal lieber selber in die Hand und muss nicht jedes Mal mit meinen Ideen hausieren gehen und auf Wohlwollen hoffen.
Außerdem bin ich sehr daran interessiert, Musikern unter die Arme zu greifen, die ich spannend finde, und ihnen mit meiner Firma hoffentlich eine Plattform anzubieten, die dabei behilflich sein kann, ihre künstlerischen Visionen in die Welt zu senden. Klar ist das eine anspruchsvolle Aufgabe, die sicherlich nicht ohne Risiko ist, aber ich denke, ich bin heute in einer Position, die es mir erlaubt, meinen Traum zu träumen. Also tue ich es einfach.

Thorsten Hingst

CD: Kurt Rosenwinkel „Caipi”, Heartcore Records