Via Jukebox zum Wahrheitssucher

Jamie Cullum & Brad Mehldau: zwei Seiten einer Jazzmedaille /
von Ljubiša Tošic

Es heißt, hinter jedem großen Künstler stünde eine große Tragödie. Das allerdings ist wohl gedanklich etwas zu kurz gesprungen. Eher stellen Künstler jenes große bunte Rätsel dar, das sie selbst nicht zu entschlüsseln vermögen. Sie sind Seltsame wie Pianist Thelonious Monk oder Frohnaturen wie Dave Brubeck. Sie sind an ihrer Wut leidende Zeitgenossen wie Charles Mingus oder enigmatische Düsterlinge wie Miles Davis. Sie sind jedenfalls ganz Unterschiedliches, schaffen fröhlich vor sich hin oder leben ihre Krise aus.
Aktuell allerdings fallen besonders zwei gegensätzliche Künstlercharaktere auf: Pianist und Sänger Jamie Cullum, als Prototyp des popaffinen, kommerziell erfolgreichen Jungen, und Pianist Brad Mehldau, als Reinkarnation des sich grübelnd an der Musikgeschichte und gewichtigen Themen der Menschheit abarbeitenden Musensohnes. Es sind zwei Extremtypen des aktuellen Jazz und damit auch Spiegelbild der Verfassung und der widersprüchlichen Sehnsüchte des Genres. Hier Cullum als Erfolg durch Zugänglichkeit, dort Mehldau als künstlerische Relevanz durch Distanz zum allzu Glatten. Jamie Cullums Karriere wurde durch nette Interpretation vom guten alten Material befeuert: Mit der Einspielung „Twentysomething“ präsentierte sich der 1979 in Essex Geborene einst mit Klassikern wie „I Get a Kick Out of You“ oder „Old Devil Moon“ als lebende Jukebox des Great American Songbook. Cullum wirkte als lieber Junge, aus dem Väter und Großväter sangen, die Sinatras und die Bennetts. Mit einem individuellen Timbre, in dem sich ein Hauch von Billy Joel rauchig mit der Nostalgie eines Crooners der 1960er mixten, passt er elegant zu jenem Retrotrend, der ausgehend von der Sängerin Diana Krall Jazziges auch in die Hitparade hievte. Bei ihm schwang allerdings immer die Sehnsucht mit, poppig der vermeintlichen Enge des Jazzgenres zu entkommen. Nicht unlogisch für einen effektvoll aufs Klavier hüpfenden extrovertierten und guten Performer, der nunmehr eher im Popbereich komponiert – wie seine neue CD „Taller“ zeigt. Brad Mehldau ist eher der an das 19. Jahrhundert gebundene Künstler, der seine Improvisationen quasi als Medium empfängt. In Solo­situationen wirkt er eigentlich nur körperlich anwesend. Der Jazzträumer ist ein Virtuose der Versenkung. Wie Cullum deutet er zwar alte Standards ebenso wie Pop- und Rockhadern, auch Hendrix‘ „Hey Joe“ oder Radiohead-Miniaturen. Sie erfahren bei Mehldau allerdings eher episch ausufernde Deutungen. Der introvertierte Ekstatiker öffnet interessante abstrakt-poetische Räume des Ausdrucks. In Zeiten, da Innovation ungeduldig ersehnt wird und man sich im Jazz dabei viel Zeit lässt, schöpft Mehldau eben aus einem Ideenreservoire des Subjektiven.
Zu Mehldaus Wesen gehört dabei auch eine gewisse Sehnsucht nach der Musikhistorie. Bei Konzerten mutiert er gerne auch zum Interpreten von Bachs Wohltemperiertem Klavier, über das er dann auch den einen oder andere Chorus riskiert. Bei ihm zu Hause hängen auch mehrere Bilder von Komponist Johannes Brahms, den Mehldau „John Boy“ nennt. Und auch der Besitz einer Beethoven-Büste liefert Hinweise zu Mehldaus historischem Musikbewusstsein. Wenn er Beethoven oder Bach hört, käme es ihm denn auch vor, er würde „Gott lauschen“. Ihre Musik sei „so groß, dass sie einem fast nicht mehr menschlich er­scheint“. Empfindungen dieser Art werden Jamie Cullum nicht plagen. Bei Mehldau aber wacht sogar das Musikgewissen mit leichtem Schuldbewusstsein auf: Ein Blick auf die Beethoven-Büste fühle sich für ihn an, „als ob er mir zurufen würde: Bau bloß keinen Scheiß, Brad! Wie wenn der Gott des Alten Testaments den Stab über einen bricht.“ Bei solch Gedankenflügen wundert es nicht, dass der Mann aus Jacksonville (Jahrgang 1970) auch aus einer gewissen Bibelaffinität Inspiration schöpft. Die Wege zum Werk sind so unergründlich wie jene des Herren, würde Brad wohl sagen. Und siehe da! Mit „Finding Gabriel“ (Nonsuch) hat er kürzlich gar ein religiös getöntes, zehnsätziges Opus vorgelegt. Das Besondere dabei: Es ist keine unterwürfig-verkrampfte Jazzmesse geworden, eher eine markante Musikwucherung. Mehldau hat üppig instrumentiert, und er geht über jazzige Klavierspielchen weit hinaus. Er agiert am Synthesizer, auch als Perkussionist. Er perlt am Fender Rhodes und singt. In Summe ein Werk der eklektischen Exzentrik, welches auch durch Klangverfremdung seinen Eigenwert findet. Da sind aber auch hübsche, ins Dissonanante kippende Melodien; um die herum engelhafte Stimmen schweben. Und Trompetenexzesse nehmen die Vokalisten ins Verrückt-Verzückte mit. Mit dabei sind bekannte Namen wie Trompeter Ambrose Akinmusire und Sänger Kurt Elling. Beide sind allerdings nur Mosaiksteinchen in einem kauzigen Kosmos der akustischen Bibeldeutung. Schließlich: Mal tönt es wie subtile Klavierkunst, dann wieder, als hätte Sting mitkomponiert. Skurrile Synthieklänge gemahnen an 1970er-Jahre-Filmmusik. Und als wäre es der Mixtur nicht genug, implantiert Komponist Mehldau auch Latinflair, Elektrodrums, Synthiepop, Orientalisches und fragiles Geigengezirpe mit hinein. Hier scheint einer ernsthaft zu suchen und in der Integration von Stilen das Neue aus der Fülle des Existierenden schöpfen zu wollen.
Wieso musste so viel zusammengewürfelt werden? Mehldau inszeniert sich da auch als Wahrheitssucher, der in alten Büchern Inspiration fand. Prophetische Schriften der Bücher Daniel und Hosea „hallten neben der Weisheitsliteratur von Hiob und Ekklesiastes, sowie den frommen Zeilen der Psalmen in mir besonders nach.“ Die Bibel habe er gelesen, „wie die Anleitung zur Gegenwart, auch wie einen langen Albtraum oder auch wie einen Wegweiser“ zum tieferen Wissen. Wie auch immer.
Mehldau wirkt bei all dem religiösen Nebel künstlerisch nicht devot Weisheit empfangend. Er hat eine schräge Welt aufleben lassen, die das Religiöse umrankt, sich aber nicht von ihm erdrücken lässt. Wieder einmal zeigt sich Mehldau somit als freigeistiger Risikomusiker, der auch dann, wenn er sich in seltsame Regionen verirrt, nicht glatt und zaghaft auf plumpe Wirkung bedacht wirkt. Lieber ein origineller „Irrtum“ als abgesicherte Routine. Beethoven, der als Büste auf Mehldau blickt, wird dem bibel­festen Exzentriker für „Finding Gabriel“ seinen Segen erteilen.
Ein Jazzmusiker, der sich mit biblischen Themen befasst, ist ein Suchender, wie ihn das Genre braucht. Er wird womöglich Spuren hinterlassen, etwas finden, was es bis dato noch nicht gab. Jamie Cullum ist da eher weniger gefährdet. Zum Lebendig- und Aktuellhalten des Genres ist er allerdings als flexibler, netter und talentierter Junger genauso wichtig wie Mehldau. Die kommerzielle Strahlkraft Cullums führt die Hörer womöglich ins Vorzimmer des komplexeren Jazz, in dessen Hauptsalon Mehldau am Klavier sitzt, um das Bleibende hervorzubringen. Cullum und Mehldau – zwei Seiten einer Medaille. Beide nützen dem Genre arbeitsteilig. Jamie öffnet die Tür zum Jazz, durch die manche hindurchgehen, um dann auf Brad zu treffen und auf all die anderen, die sich gegenwärtig nicht vor Komplexität fürchten.