„Ich mag die alten Songformen“

Tom Gaebel

Tom Gaebel, geboren 1975 in Gelsenkirchen und aufgewachsen in Ibbenbüren/Westfalen, studierte ab 1981 Violine, Schlagzeug, Posaune und Jazzgesang. 2004 gründete er seine erste eigene Big Band. 2005 erschien sein erstes Album, „Introducing Myself“. Seit 2006 erhielt er bereits sechs Mal den German Jazz Award.

Dein neues, mittlerweile achtes Album „Perfect Day“ enthält dreizehn Songs – neun davon hast du selbst getextet, komponiert oder beides. Woher beziehst du deine Inspirationen?

Viel kommt natürlich aus anderer Musik, die ich höre, die mich umgibt, die mir gefällt. Manchmal denke ich: Ah, das ist ein toller Sound, oder ein toller Klang, damit würde ich auch gern mal arbeiten, und dann küsst einen die Muse, dann fällt mir dazu etwas ein. Aber meist ist es einfach so: Wenn ich laufe, bin ich eigentlich immer am Singen, oder am Pfeifen, da fallen mir immer irgendwelche Sachen ein. Früher habe ich die oft vergessen, mittlerweile speichere ich mir solche Einfälle auf dem Handy, mache mir einen Gedankenvermerk, und den verarbeite ich dann ganz klassisch am Klavier. Ich mache ein Demo dazu, das geht dann zum Arrangeur. So arbeitet man dann miteinander, bis der Song fertig ist.

Vier Titel sind Adaptionen, unter anderen Evergreens von Frank Sullivan, Jim Peterik, Hoagy Carmichael und Bert Kaempfert. Warum hast du gerade diese Titel ausgewählt?

Bei dem Bert-Kaempfert-Song „Why can’t you and I add up to love“ war es zum Beispiel einfach so: Ich habe eine gewisse Vorliebe für guten alten Easy-Listening-Sound der 1950er- bis 1970er-Jahre. Irgendwann bin ich mal meine Bert-Kaempfert-Platten durchgegangen, und da fiel mir dieser Song auf, er hat mir gefallen, ich habe dann selbst mal auf dem Flügelhorn gespielt, und irgendwann kam mir die Idee, da könnte man eigentlich einen richtigen Song mit einem Text machen. Ich habe dann ein bisschen rumprobiert, und ich habe dann Doris Kaempfert, eine der Töchter, die die Rechte besitzen, angeschrieben und ein kleines Demo mitgeschickt und gefragt, ob sie es erlauben würde, daraus eine Gesangsversion zu machen. Sie war sehr unkompliziert, sehr freundlich und sehr nett und hat mir die Freigabe erteilt.
Den Song „Eye of the tiger“ fand ich früher schon gut, und mir fiel ein, dass man da auch eine kräftige Big-Band-Version daraus machen könnte. Natürlich: Man muss nicht aus allem, was früher Rock war, eine Big-Band-Version machen, und umgekehrt. Und man muss auch nicht aus allem Jazz machen, was früher etwas anderes war. Aber ich hatte den Eindruck: Hier passte das.

Für den Song von Bert Kaempfert hast du die Sängerin Natalia Avelon ins Studio geholt, für „What about love“ die Berliner Rock’n’Roll-Band The Baseballs. Weiter dabei: ein kleiner Chor und zahlreiche Streicher, eine Hammered Dulcimer, Akkordeon und Ukulele. Bist du auf der Suche nach dem perfekten Sound?

Ja, das bin ich natürlich immer. Es gibt eine bestimmte Zeit, der ich akustisch sehr hinterher hänge, ob das nun im Jazz, Big Band, Easy Listening oder Popmusik ist. Das sind die 1960er- bis 1970er-Jahre, im Big Band-Bereich insbesondere die 1960er-Jahre, wo ich finde, dass da perfekte Aufnahmen gemacht worden sind, die danach nicht mehr erreicht wurden. Das liegt an den Spielern, die damals wahnsinnig gut waren, die damals ständig gespielt haben – heutzutage ist eine Big Band-Aufnahme für die meisten Jazzer etwas Ungewöhnliches –, das liegt aber auch an der Aufnahmetechnik usw. Ich versuche immer wieder, bestimmte Klänge nachzustellen, oder diesen nahe zu kommen. Genauso finde ich es auch immer wieder interessant, neue Instrumente ins Studio zu holen, damit zu probieren, neue Klänge, oder bestimmte Klänge, die mir gefallen, wieder auszupacken, weil ich denke, die sind’s wert, noch mal gehört zu werden. So gibt’s bei jedem Album einige neue Sachen, die ich noch nie aufgenommen habe, und Klänge, die mir total Spaß machen.

Wie viel Retro, wie viel Nostalgie ist in deiner Musik?

Ich bin selbst ein sehr nostalgischer Mensch, ich fühle mich in den 1950er- bis 1970er-Jahren musikalisch sehr beheimatet, akustisch und musikalisch, das schlägt natürlich immer durch auf das, was ich mache. Ich bin natürlich auch schon immer von anderer Musik geprägt, die um mich herum passiert. Dem kann man sich nicht ganz verschließen. Ganz natürlicherweise fallen mir immer etwas altmodische Songs ein. Ich mag auch die alten Songformen. Ich bin kein großer Freund von Rap oder HipHop, ich mag Harmonien, ich mag „klassische“, wirkliche Lieder, die man auch auf der Gitarre spielen könnte, die dann immer noch funktionieren. Ich stehe, was populäre Musik angeht, also schon mit einem Fuß immer in der Nostalgie, aber immer auch mit einem Augenzwinkern.

Woher kommt diese Sehnsucht nach der Musik von gestern oder vorgestern? Was hat dich da geprägt?

Ich bin schon immer sehr geprägt durch das, was bei uns zu Hause gehört wurde. Mein Vater hat ausschließlich klassische Musik gehört, Denis, ein Bruder von mir, der Saxophon spielt, hat angefangen mit Elvis, ist aber ein Jazzer geworden, hat das dann auch richtig gelernt. Ich habe auch immer schon mehr die ältere Musik gehört, Beatles, Queen, Simon & Garfunkel. Irgendwie habe ich mich da immer mehr zu Hause gefühlt als bei den Sachen, die gerade aktuell im Radio liefen. Die Musik Ende der 1980er- Mitte der 1990er-Jahre hat mich nie so richtig gepackt, weil ich einfach nicht so ein Freund von computergemachter Musik bin.

Was ist für dich ein perfekter Tag? Oder sind die besten Dinge im Leben tatsächlich ohne Geld zu haben, wie du singst?

Sachen, die im Leben entscheidend sind, die einen zufrieden machen, sind für mich wichtig. Ich freue mich, wenn mir Sachen gut gelingen, wie ein neues Album, wenn ich ganz einfach möglichst viel Zeit mit meiner Verlobten verbringen kann, mit anderen Menschen, die ich gern mag. Im Laufe der Jahre merke ich, dass mir das immer mehr bewusst wird.

Im Innenteil deiner neuen CD ist ein Foto mit dir in einem Cabrio, das Hotelzimmer im Booklet gehört wohl zur gehobenen Preisklasse. Wie viel Luxus gehört für dich zu einem perfekten Tag?

Das Cabrio passt natürlich perfekt zu den Songs. Das Zimmer ist nicht im Hotel, sondern ein perfekter Nachbau in der Wohnung einer Bekannten. Ich wollte einfach ein Foto von unterwegs haben, von einer Tournee. Die alten Motels in den Staaten haben ja noch diesen alten Charme. Aber der perfekte Tag bedeutet für mich eben nicht irgendwelcher Luxus, sondern Zeit zu haben. Harald Juhnke hat mal gesagt, der perfekte Tag bedeutet für ihn, keine Termine und leicht einen sitzen zu haben. Dieses Bonmot gefällt mir.

Auch deine Musik macht einen perfektionistischen Eindruck. Wie lange hast du an deinem neuen Album gearbeitet?

So lange wie noch an keinem anderen Album. Das mit dem Perfektionismus wird leider auch immer schlimmer bei mir. Die ersten Songs habe ich schon Anfang letzten Jahres geschrieben, die ersten Demos haben wir auch da schon gemacht. Dann haben wir im Sommer vergangenen Jahres weiter daran gearbeitet. Im November haben wir den Großteil der Aufnahmen gemacht. Im Januar haben wir weiter gearbeitet mit Editieren, Schneiden usw. Im Januar-Februar ist mir aufgefallen, dass zwei-drei Songs noch nicht da waren, wo ich sie haben möchte, da haben wir noch mal neu aufgenommen – das haben wir vorher noch nie gemacht. Ich bin ja selbst künstlerischer Leiter und Produzent, ich muss also selbst entscheiden, ob wir noch mal ins Studio gehen oder nicht. Jetzt habe ich leider die Möglichkeit, mich total auszutoben. Es hat sich also mit dem Album länger hingezogen, als ich gedacht habe. Das Album sollte eigentlich schon Anfang des Jahres herauskommen.

Du bist Entertainer, Big Band Leader, Crooner, Komponist, Texter und Labelchef. Habe ich etwas vergessen?

Ich bin schon breit gefächert in dem, was ich tue, aber ich sehe mich schon in erster Linie als Sänger. In zweiter Linie macht es mir wahnsinnig Spaß, Songs zu schreiben. Alles andere ist nachgelagert. Ich freue mich für jeden, der eine Sache gut macht. Ich habe mal Geige gelernt, auch Posaune und Schlagzeug. Es macht mir schon Spaß, in die Breite zu arbeiten, weil mich sehr viele Sachen interessieren. Mein Bruder Denis arbeitet noch viel mehr in die Tiefe. Der ist am Saxophon natürlich Lichtjahre von dem entfernt, was ich auf der Posaune konnte. Aber mir macht es eben Spaß, in allen Töpfen zu rühren. Das ist genau mein Ding.

Crooner wird im Langenscheidt mit (Schlager)Sänger, Schmalzsänger, Schnulzensänger und Sänger sentimentaler Songs übersetzt. Weißt du eine bessere Übersetzung?

Das Wort kommt ja aus einer bestimmten Zeit. Leute wie Frank Sinatra gelten als Crooner. Ich kann mich damit schon anfreunden, auch wenn ich mich selbst einfach als Sänger sehe. Ich bin natürlich kein Jazzsänger im herkömmlichen Sinne, ich mache jazzverwandte Musik, da fühle ich mich sehr zu Hause. Für mich sind die wichtigen Elemente Timing und Groove. Timing über alles, denn wenn das Timing nicht stimmt, brechen Sachen komplett zusammen. Wenn der Groove nicht stimmt, dann kann man die Musik in die Tonne kloppen. Crooner ist eben auch eine ganz bestimmte Haltung, die mir ganz gut gefällt – nämlich das Ganze nicht so bierernst zu nehmen, sondern mit einer gewissen Leichtigkeit.

Deine Musik oszilliert zwischen Big Band Swing, Easy Listening der besseren Art, Rock & Pop und Jazz. Was sind deine Orientierungspunkte, deine Fixpunkte?

Ich liebe vor allem handgemachte Musik, nicht so sehr Rockmusik. Keine Kompromisse möchte ich machen in Richtung Easy Listening oder Schlagergewerbe. Bis in die 1980er-Jahre waren da noch Streicher und teure Musiker zu hören. Aber dann setzte der Trend ein, das gleiche machen zu wollen für kleineres Geld, mit dem Computer. Aber dieses Imitieren klingt einfach nur fürchterlich, finde ich. Ich hätte keine Lust auf ein Album, wo die Streicher aus der Dose kommen, wo alles programmiert ist. Ich habe nichts gegen Elektronik, wenn das zur Musik passt, aber wenn man versucht, damit etwas zu kaschieren, etwas nachzumachen, habe ich ein Problem.

Deine Programme heißen „Tom Gaebel singt Sinatra“, „Licence To Swing“ und „A Swinging Christmas“. Du singst open air, in großen Hallen, Arenen, Opernhäusern und Theatern. Gibt es Orte, wo du dich besonders wohlfühlst?

Es gibt so eine bestimmte Art von Konzertwelt … Früher dachte ich immer, ich mag’s einfach möglichst klein und gemütlich. Aber meine Lieblingskonzerte waren bisher in der Philharmonie in Köln, in der Alten Oper in Frankfurt/M., wo fast 2000 Leute da waren. Das kann schon toll sein. Es macht schon Spaß, wenn viele Leute kommen und klatschen. Aber das ist nicht nur für die Eitelkeit gut, da funktioniert‘s eben auch akustisch sehr gut. Aber ich habe auch eine Vorliebe für alte Kinos, die noch ein bestimmtes Flair, etwas Lockeres, etwas Ungezwungenes haben, wie das „Gloria“ in Köln. Das erinnert mich immer ein bisschen an Las Vegas.

Wird es auch mal eine Clubtour mit dir geben?

Das scheitert immer daran, dass man das Programm an eine kleine Band anpassen muss. Ich liebe eben auch die großen Klänge. Nicht von ungefähr stehen in meinem Plattenregal 90 Prozent Aufnahmen mit Sängern und Big Bands, kleinere Besetzungen, Duos, Trios usw., sind weniger vertreten. Ich mag’s schon, wenn’s opulent ist, wenn’s groß ist.

Seit Ende August bist du mit „Perfect Day“ unterwegs. Das Programm wird auch im Jahr 2019 zu erleben sein. Gibt es einen Höhepunkt, oder Höhepunkte?

Wir haben ein paar Leuchtturmkonzerte, wie in München im Prinzregententheater oder in Köln in der Philharmonie mit dem WDR Funkhausorchester, oder bei den Jazztagen in Dresden im Kulturpalast. Ich freue mich, dass es nach der langen Zeit im Studio wieder auf die Straße geht.

Interview: Rainer Bratfisch
Fotos: Christopher Kassette

CD: Tom Gaebel „Perfect Day“, Tomofon 006