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„Es ist kein einfaches Leben,
bist verrückt, wenn du so lebst“

Pianist Yaron Herman über Improvisation, die lebensnotwendig ist / von Gudrun Endress

Die jungen Pianisten, die aus Israel stammen und sich in Europa oder den USA einen Namen machen konnten, so wie Yaron Herman, Omer Klein oder Shai Maestro, zeichnen sich alle durch virtuoses Spiel, spielerische Intelligenz, starke Emotionen und spürbare Eigenständigkeit aus. Zudem reichern diese Jazzpianisten ihre Kunst durch Elemente anderer Musikgenres an, angefangen von der Klassischen Musik, über die israelische und mediterrane Musik bis zu Anleihen bei der Popmusik der westlichen Welt. Yaron Herman meint dazu: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ­alles auf uns aus Israel stammende Jazzpianisten zutrifft. Eines aber ist gewiss: Wir wuchsen in einem Land auf, in dem die Improvisation lebensnotwendig ist. Israel ist ein kleiner Staat mit einem großen Mix aus den verschiedensten Kulturen. Ich meine, dass Israel sogar kleiner ist als New York. Diese riesige Melange diverser Kulturen auf so kleinem Raum, die Menschen verschiedenster Herkunft, das macht den kulturellen Reichtum dieses Landes aus, ebenso seine Geschichte und zugleich seine problembeladene Gegenwart. Es gilt, in all diesen verschiedenen verwirrenden Lebensumständen einen eigenen Platz zu finden. Und diesen Platz, diese Heimat, in der Musik, der Improvisation zu finden, ist eine Möglichkeit, Realität zu leben.“
Das Wort Diaspora, das der Saxophonspieler und Schriftsteller Gilad Atzmon, der in England zuhause ist, allzu oft gebraucht, kommt nicht über Hermans Lippen. Er sieht in seiner Wahlheimat Paris den richtigen Ort, die richtige Stadt, um dort zu leben und das Wachstum seiner Musik voran zu treiben.
Sein neues Album, das er wiederum bei Blue Note veröffentlichen konnte, zeigt eine Neubelebung einer klassischen Trioformation mit Bass und Schlagzeug, die ihm einerseits musikalische Freiheit ermöglicht, aber auch Einschränkungen in der Entfaltung mit sich bringt. Herman sieht das so: „Grenzen sind sehr wichtig, sie sind eine Art Handwerkszeug. Erst mit Grenzen kannst du Möglichkeiten aufdecken, die dir sonst nicht in den Sinn kämen. Das betrifft zunächst einmal die künstlerischen Elemente, die dir zur Verfügung stehen in einem rein akustischen Pianotrio-Kontext, ohne dass du dich dabei wirklich einschränken musst. Du denkst darüber nach, was du mit Piano, Kontrabass und Schlagzeug alles tun kannst. Ich meine, dass in einer derartigen Pianotrio-Konstellation ja schon so gut wie alles getan wurde. Es geht also nicht mehr darum, was man tut, sondern wie man es tut. Dann fängst du an, dich auf Nuancen zu konzentrieren, auf die Gestaltung der Melodien, auf den Radius der Ausdrucksskala, auf das Ausloten der emotionalen Bandbreite. Du erwägst auch die rhythmischen Möglichkeiten und deren Nuancierung. An all diesen Gestaltungsmöglichkeiten bin ich interessiert.“
„Songs of the Degrees“ wählte Herman als Namen für sein neues Album. Das lässt einige Spekulationen zu. Sind es Songs von Herman, die verschiedene Grade in der Ausarbeitung erfahren, von einfacheren zu komplexeren Themen führen und damit sein Wachstum als Komponist offenbaren? Er klärt auf: „Es gibt viele Möglichkeiten, es zu interpretieren. ­Jeder mag das auf seine Weise tun. Aber für mich ist es ein Album, das die Reise nacherzählt, auf die ich mich begab, während ich die Musik für dieses Album konzipierte. Es ist geprägt von vielen Quellen, auf die ich zurückgriff, etwa von meiner Leidenschaft für die Jazztradition und auch von persönlichen Erlebnissen, die auf mein Leben im vergangenen Jahr Rückschlüsse zulassen. Mein ‚Our Love‘ spricht von einer sehr schönen Beziehung, die leider im letzten Jahr endete. Ein anderes Stück kann man so interpretieren, dass darin die dunkle Seite meiner Persönlichkeit angesprochen wird, mehr im Sinne von C. G. Jung. Da geht es um Dinge aus dem Unterbewusstsein, die an die Oberfläche kommen und sich in eine positive Energie verwandeln können. Dann gibt es etwa noch das Stück ‚From the Sun‘, es beschreibt die Gefühle, wenn plötzlich die Sonne hervorkommt und auf die Bauwerke einer großen Stadt scheint, auf Menschen, die geschäftig umherlaufen. Ein schwebender Moment in einer urbanen Umgebung. Der letzte Song ‚Just Being‘ handelt von der Rückkehr an einen Ort, von dem aus du deine Reise gestartet hast. Und du nimmst diesen Ort so wahr, als ob du ihn das erste Mal sehen würdest.“
Einst setzte Bill Evans für das Pianotrio im Jazz zeitlos gültige Maßstäbe. Doch war dieses Trio Herman lange nicht bekannt. Die erste Jazzaufnahme, die er hörte, war eine von Dizzy Gillespie. Es folgte bald ein Album mit Johnny Hodges. Erst viel später stieß er auf Keith Jarrett, dann griff er auf die Jazzgeschichte zurück, hörte Bud Powell, Thelonious Monk und Art Tatum. Daraufhin machte er sich auf, die großen Komponisten zu entdecken, zunächst jene aus Israel.
Auf seinen früheren Alben hat Herman gerne mal diese oder jene Popnummer von Nirvana oder Radiohead gespielt. Es gelang ihm erstaunlich gut, diese bekannten Themen in kleine Kunstwerke zu verwandeln, sie zu dekonstruieren, um sie sich anzueignen. „Ich versuche immer so kreativ wie nur möglich vorzugehen, ganz gleich ob es ein eigener Song im Rohzustand oder eine Melodie aus der Klassischen Musik, ein Jazzstandard oder Popsong ist, je nach den Anforderungen. Bisweilen genügt es, den Song so zu spielen, wie er geschrieben wurde. Manchmal fügst du etwas hinzu, um es interessanter zu machen. Die Songs der neuen CD wurden von uns nie zuvor gespielt. Das ist ein ganz neues Repertoire. Es ist alles ganz frisch, und ich bin gespannt, wie sich das live macht. Ich bin sicher, wir erforschen die Stücke und finden immer wieder neue kreative Wege, sie umzumünzen. Einige dieser Songs funktionierten sofort, andere erforderten etwas mehr Arbeit. Manche brauchten einfach etwas Zeit. Bei einem Song wussten wir vor der Aufnahme noch nicht, wie wir dessen Ende spielen sollten. Wir entschieden uns erst im letzten Moment. Ich hoffe, dass die Songs sich mit der Zeit weiterentwickeln. Das ist der eigentliche Grund dafür, dass wir Jazz spielen.“
Es war für Herman ein großes Glück, dass ihn Don Was zum Blue Note-Label holte und ihm somit die Gelegenheit gab, in aller Welt bekannter zu werden. „Es ist eine Ehre, von einem solchen Label unter Vertrag genommen zu werden. Blue Note verfügt über ein reiches Erbe. Die Verpflichtung sehe ich als Anerkennung für meine musikalische Intention und meine Arbeit. Es ist eine große Hilfe. Aber letzten Endes bist du auf dich selbst gestellt.“
Leider ist weltweit recht wenig Jazz im Radio zu hören. Oftmals fehlt es auch hochkarätigen Jazzmusikern an Promotion, ihre Musik wird immer wieder als zu intellektuell abgetan, um ein größeres Publikum, geschweige denn ein Massenpublikum zu erreichen. „Ich bin nicht der Ansicht, dass diese Musik zu intellektuell ist, aber sie wird ungenügend herausgestellt, präsentiert und vermittelt. Es wird so gut wie nichts getan, potentiellen Hörern den Zugang zu dieser Musik zu erleichtern. Es wird kaum dazu ermuntert, ein Buch zu lesen oder zu meditieren, um dadurch eine Antwort auf die existentiellen Fragen des Lebens zu finden, unsere Welt schätzen und schützen zu lernen. Viele Dinge könnten besser werden, wenn in dieser Hinsicht mehr getan würde. Jazz ist eine Musik, deren Intention es ist, populär zu werden, was sie ja auch einmal war. Als improvisierte Musik vermag einzig der Jazz, den Schatten eines bedrohlichen Momentes zu vertreiben. Aber leider wird sein kultureller Stellenwert nicht ausreichend wahrgenommen.“
Herman hat einen starken Willen und wird weiterhin das tun, was er am besten kann, nämlich spielen! Und er lässt sich davon von keiner Unbill des Lebens abbringen. „Ich verfolge den einmal eingeschlagenen Weg konsequent. Ich tue mein Bestmögliches. Und versuche gleichzeitig meine Musik der größtmöglichen Anzahl von Menschen vertraut zu machen. Dafür sind wir auch selbst verantwortlich. Es geht darum, Liebe und Leben durch die Musik zu vermitteln. Verbunden mit der Hoffnung, dass der eine oder andere unsere Musik lieben lernt.“
Der 1981 in Tel Aviv geborene Pianist wurde an seinem Geburtsort von dem Talententwicklungsexperten Opher Brayer unterrichtet, der selbst einmal Jazzmusiker war und viele Methoden entwarf, um im Leben Erfolge zu haben, nicht zuletzt durch den Aufbau von funktionierenden Teams. Brayer verdeutlichte seinen Musikschülern unter anderem, wie man aus drei Tönen und deren verschiedenen Kombinationen ein ganzes Werk anfertigen kann. Aus dieser Lektion heraus schrieb Herman seine „Three Note Symphony“. Wahrscheinlich profitierte der Pianist auch von den Ratschlägen, die Brayer seinen Schülern fürs Leben mitgab. „An der Stärkung meines Selbstbewusstseins arbeite ich noch“, gesteht Yaron Herman lachend. „Doch das Wichtigste, was mir Opher Brayer vermittelte, war, wie man lernen lernt. Wie man Wissen verinnerlicht und wie man sich Fragen beantwortet, die auftauchen, und wie man seine eigene, unabhängige Art des Denkens entwickelt. Durch ihn wurde mir klar: Du musst dir dein eigenes Leben vorstellen können und es akzeptieren, wie es ist. Du musst dich dazu entschließen, wie du spielen willst, was du musikalisch tun willst. Für all das trägst du allein die Verantwortung. Du solltest jeden Tag hart an deinen Fähigkeiten arbeiten und deine Vorstellungskraft entwickeln.“
Dazu gehört eine Menge Disziplin, die sich Herman im Lauf der Jahre aneignete. Um musikalisch so virtuos zu werden und so wunderschön und bewegend spielen zu können, ist nicht zuletzt harte Arbeit nötig. „Du musst diese Art von Opfer bringen, doch professionelle Musiker sprechen so gut wie nie darüber. Wenn wir auf die Bühne gehen, meinen die Zuhörer, dass wir dieses Können unserem Talent verdanken. Sie denken nicht daran, dass es tagtäglich acht Stunden erfordert, auf einen hohen Standard zu kommen und ihn immer weiter zu verbessern. Du musst zudem Möglichkeiten finden, die Musik zu den Leuten zu bringen, dich um Konzertauftritte bemühen, Songs schreiben. Und bei alldem bist du mit einer Gesellschaft konfrontiert, die dich wissen lässt, dass Kunst nicht wichtig ist. Du kämpfst nicht nur mit dir selbst, sondern auch mit der Art und Weise, wie unsere materielle Gesellschaft funktioniert. Das ist kein einfaches Leben, du musst verrückt sein, wenn du so lebst.“