Terra (nun) cognita

Groß geworden ist sie im Umfeld der Avantgarde-Szene, Anfang der 1980er-Jahre entdeckte sie ihre Liebe zur kubanischen Musik, vor einiger Zeit hat die kanadische Saxophonistin und Flötistin Jane Bunnett ein Ensemble junger Musikerinnen von der Karibikinsel um sich geschart. Seither ist die Band Maqueque eine große Nummer in den Vereinigten Staaten – Grammy-Nominierungen und Downbeat-Auszeichnungen inklusive. Nun nimmt die Truppe Kurs auf Europa.
Eine Jazzerin aus Nordamerika und Musik, die ihre Wurzeln in Afrika und Spanien aufweist, Nordhalbkugel und Tropen, Kuba und Kanada – wie passt das alles zusammen? Stoff für eine lange Geschichte, mit einigen Zufällen im Weg.
Begonnen hat diese Geschichte im kanadischen Toronto, wo Jane Bunnett 1955 auf die Welt kommt. Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sie einmal mit Improvisation und Blue Notes ihr Leben verbringen wird. Klassisches Klavier steht auf dem Bildungsplan, bis eine Sehnenscheidenentzündung als Folge des vielen Übens die erste Abbiegespur legt. Ein Trip nach Kalifornien soll Heilung befördern. Doch statt sich Zeugs für weitere pianistische Fitness zu holen, landet Jane Bunnett im Keystone Korner – einem der angesagten Jazzclubs der Westküste. Und dort tritt Charles Mingus auf. „Ein großes Glück“, befindet Bunnett heute.
Der Gig der Bass-Legende öffnet Bunnett die Augen für die improvisierte Musik. Sie schreibt sich an der Uni ein, wechselt zu Flöte und Sopransaxophon, lernt dort ihren Mann, den Trompeter und Produzenten Larry Cramer kennen. Zu ihren Lehrern zählen die Saxophonisten James Moody und Frank Wess. Eine weitere Wendung nimmt Bunnetts musikalisches Leben, als sie nach Paris zieht, um bei Steve Lacy zu studieren. Der große Improvisator des Sopransaxophons öffnet den Horizont der Schülerin für die Avantgarde, frühe Alben mit den Pianisten Don Pullen und Paul Bley dokumentieren diese Phase.
Und dann kam der Winter 1982. In Kanada, sagt Bunnett, traditionell eine sehr kalte Angelegenheit. Zusammen mit Larry Cramer beschließt sie, der Kälte mit einer Kuba-Reise zu begegnen. Der einwöchige Billig-Trip in die Tropen bringt eine weitere tiefe Zäsur in der Biographie der Musikerin. Noch heute erzählt sie begeistert, wie Kuba sie handstreichartig musikalisch sozialisiert hat: von dem Trio, das an der Gepäckausgabe auf dem Flughafen spielte, bis zur 18-köpfigen Band irgendwo in den Straßen der südlichen Inselmetropole Santiago. Bunnett: „Wir hatten keine Ahnung, dass diese Tage uns auf eine lebenslange Reise schicken würden, die uns die ganze musikalische Vielfalt der dortigen Musikkultur entdecken lässt.“
Bunnett war mit dem Kuba-Virus infiziert. Zahlreiche Reisen, Freundschaften und jede Menge Alben, auf denen sie den modernen Jazz mit dem riesigen Fundus an Rhythmen, Harmonien und Melodien der afrokubanischen Musik verschmilzt, zeugen davon. Seither baut Bunnett Brücken zwischen der nordamerikanischen Jazzszene und Kuba. Ihre Melodielinien auf dem Saxophon und der Flöte, die zeitlose Eleganz verströmen, ab und an aber auch Relikte der avantgardistischen Schule aufblitzen lassen, sind mittlerweile Teil ihrer Mission: Einspielungen, bei denen Bunnett eine ganze Reihe kubanischer Pianisten um sich schart oder Vokalensembles der Insel ins Aufnahmestudio gebeten hat, Produktionen, die prominente US-Musiker wie Dewey Redman, Sheila Jordan und ihren alten Mentor Don Pullen mit der afrokubanischen Musik konfrontieren, oder das Projekt Spirits of Havana, das sie bereits seit über 25 Jahren mit ihrem Mann betreibt. Und: Bunnett hat sich immer als Türöffnerin für den Jazznachwuchs Kubas verstanden, der schon einigen jungen Musikern wie zum Beispiel dem Pianisten David Virelles den Weg in die weite Jazzwelt gewiesen hat.
Vor fünf Jahren mündete ihr Talent-Scouting im Projekt Maqueque. Eine Formation, in der Jane Bunnett ausschließlich von jungen kubanischen Musikerinnen umgeben ist. Zufall? „Nein“, erwidert die 64-Jährige. „25 Jahre lang war ich in der Gruppe ­Spirits of Havana das einzig weibliche Mitglied. Ich habe gespürt, dass ich den jungen weiblichen Musikerinnen, die in Kuba auf den Konservatorien ausgebildet werden, eine Spielmöglichkeit verschaffen muss.“ Da passte es gut, dass sie zu dieser Zeit bei einer Jam-Session in Havanna auf Dayme Arocena traf. Die damals 18-jährige Sängerin machte mächtig Eindruck auf Bunnett und bestärkte sie darin, eine reine Frauenband kubanischer Herkunft um sich zu gruppieren. Maqueque war geboren. „Der Rest“, sagt Bunnett, „ist Geschichte.“
Seither verpassen die jungen Damen in dieser Band der Musik ihrer Heimat ordentlich Drive und Abwechslung, zimmern hin und wieder einen rockigen Background, fremdeln nicht mit Funk, lassen handfeste Exkursionen in den modernen Jazz nicht missen, verbinden Buena Vista Social Club-Seligkeit mit Salsa, Percussion, Polyrhythmen und vielschichtigen Vokal-Arrangements. Ein ideales Feld für Bunnett, die ihre flinken Notenketten eloquent in diesen bunten afrokubanisch geprägten Fusion-Teppich webt. Das Ganze klingt zwar etwas eingängiger als die bisherige Auseinandersetzung Bunnetts mit der Musikkultur Kubas, aber dennoch mit dem Anspruch, das Erbe mit Tiefgang weiterzutragen. Das gerade erschienene Album „On Firm Ground/Terra firme“ (Linus Entertainment) unterstreicht dies.
Sowohl bei der Fachwelt, als auch beim Publikum scheint Maqueque, das übersetzt „Energie eines jungen Mädchens“ bedeutet, einen Nerv getroffen zu haben. Gleich das zweite Album „Oddara“ wurde für einen Grammy nominiert, und seither scheint die Erfolgsspur gezeichnet: Vom Jazz-Magazin DownBeat wurde Maqueque neulich unter die zehn besten Tourbands gelistet, auf den Playlists der US-Jazzstationen zählt die Gruppe zu den Dauergästen, ebenso wie auf den Bühnen bedeutender Jazz-
Festivals und -Clubs in den Staaten.
Entwicklungen, die die Leaderin mächtig stolz machen. „Niemand klingt derzeit wie wir“, betont Bunnett. „Mit dieser Band muss man in Zukunft rechnen“. Ein Erfolg, der sie und ihre Mitstreiterinnen auch für die vielen Entbehrungen entschädigt, die ein Projekt begleiten, das musikalische Kulturen vereinigt, aber permanent mit den Folgen politischer Verwerfungen zwischen zwei Systemen zu kämpfen hat. „Meine Mitspielerinnen“, sagt Bunnett, „leben alle in Kuba, haben dort ihre Familien, Freunde und ihre Kultur. Dafür bringen sie eine Menge Opfer“. Langes Warten auf Visa, Reisebeschränkungen und die eine oder andere Repressalie machen das Tourleben nicht leichter.
Dennoch möchte Jane Bunnett mit ihren jungen Kolleginnen den Horizont Richtung Europa erweitern. Drei Mal waren sie bereits auf dem Alten Kontinent, zuletzt mit einem Gig auf der Jazzahead in Bremen. Schon im kommenden Jahr sollen zwei weitere Tourneen folgen. Dass das Publikum hier genauso auf die kanadisch-kubanische Band und ihr neues Album abfährt, wie die Menschen in Nord- und Südamerika, daran zweifelt ihre Chefin keinen ­Moment lang. Bunnett: „Maqueque ist für Europa bereit“•