Warning: A non-numeric value encountered in /homepages/37/d28949593/htdocs/clickandbuilds/JazzpodiumLive/wp-content/themes/di-basis/functions.php on line 5467

Looking from inside out

Horst Liepolt tat nicht nur in Australien viel für jede Art Jazz / von Detlef A. Ott

„Horst Liepolt? … so hieß mal mein früherer Hausverwalter. Der interessierte sich aber nicht für Jazz.“ „Horst wer? In meinem 60-jährigen Jazzerleben noch nicht gehört.“ „Liepolt, Liepolt, Liepolt … Ja, also, ganz hinten im Kopf klingelt was.“ So oder ähnlich reagierten Jazzfreunde auf die Frage, ob sie den Namen des Jazzenthusiasten, Plattenproduzenten, Kurators und Malers kennen, der am 9. Januar 2019 in New York verstarb, wovon man im neuesten Mitteilungsblatt AJazz des Australischen Jazz Museums in Melbourne in einem längeren Beitrag erfuhr. Selbst mein Freund Sigi Schmidt-Joos, der gerade ein Kapitel seines neuen Buches über seine Zeit in New York beendet hatte, musste lange nachdenken, bevor er erklärte, dass er von einem Liepolt noch nie was gehört habe.
Im Nachruf des AJazz-Magazins erfuhr man, dass der gebürtige Berliner dreißig Jahre lang einer der signifikantesten Produzenten und Jazz-Promoter Australiens war. Er habe dem modernen Jazz Tür und Tor geöffnet, heißt es dort. Dafür wurde er hoch verehrt.
Die Neugier war geweckt, mehr über Horst Liepolt zu erfahren. Nicht nur Digitales lieferte interessante Bruchstücke, auch fanden sich Einträge in Büchern und auf Schallplatten, die man bisher überlesen hatte.
Horst Liepolt, dem die Jazzszene des Down Under viel zu verdanken hat, wurde am 27. Juli 1927 in Berlin geboren. Seine Liebe zum Jazz entwickelte sich im jugendlichen Alter, also während der Nazizeit, wo es nicht ungefährlich war, sich als Jazzfan zu outen. Er wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, lud regelmäßig Freunde zum Plattenhören ein. Sein Vater war Schriftsteller und Mitglied der Bauhaus-Bewegung, seine Mutter Konzertpianistin. Ähnlich wie die Berliner Francis Wolff und Alfred Lion, die Deutschland in den 1930er-Jahren verlassen hatten, tauchte er – allerdings einige Jahre später – in die noch existierende und im Untergrund agierende Berliner Jazzszene ein. Er wurde vom Virus der swingenden Klänge infiziert, als er das erste Mal „Savoy Blues“ von Louis Armstrong auf Schallplatte hörte. Er erinnerte sich daran so: „Es war, als würde man von einem Auto mit 2000 Meilen pro Stunde angefahren“.
1948 hörte er das erste Mal Bebop mit dem Trompeter Dizzy Gillespie und wurde ein Aficionado des modernen Jazz. 1951 wollte Liepolt nach New York auswandern, offenbar um dem Ursprung des Jazz so nahe wie möglich zu sein. Man verweigerte ihm jedoch das USA-Visum, also versuchte er es mit Australien. Zunächst zog er für sechs Monate nach Tasmanien, von wo er schließlich nach Melbourne übersiedelte. 1957 gründete er im Melbourner Vorort St. Kilda ein Jazzlokal namens Jazz Center 44 – der Name 44 ging auf das Jahr 1944 zurück, in dem Liepolt das erste Mal Jazz hörte. Er begann die in jenem Lokal auftretenden Musiker aufzunehmen. Um den Club bekannter zu machen, gab er die Zeitschrift More Jazz heraus. Der australische Schlagzeuger Len Barnard schrieb in der Nummer 2 des Blattes: „This type of club was needed in Melbourne ten years ago and it is so refreshing to see so many people going along just to dig the stuff.”
In St. Kilda hatten sich viele Emigranten aus Übersee niedergelassen, unter ihnen Maler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Sie befeuerten das künstlerische Leben der Gemeinde, die zu der Zeit Melbournes Zentrum des Entertainments war. Auch die deutsche Swinglegende, der Gitarrist Coco Schumann, lebte hier zu Beginn der Fünfzigerjahre. Der Club von Liepolt war Treffpunkt der australischen Modern Jazz-Szene, aber nicht nur. Musiker wie Stewie Speer, Brian Brown, Alan Lee, die Brüder Bob und Len Barnard und auch The Melbourne New Orleans Jazz Band, der später der deutsche Bassist Mookie Herman angehören sollte, traten hier auf: ­Liepolt hatte für alle Stilarten des Jazz ein offenes Ohr, er wusste aber wohl, dass die ­Australier besonders dem traditionellen Jazz zugetan waren. So gab es einmal im Monat gemischte Konzerte mit Bands des traditionellen und modernen Jazz; Liepolt erzählte der australischen Jazzjournalistin Kaye Blum: „Why early New Orleans Jazz inspired music at the most modern Jazz club in Australia? Let me tell you – I loved the band. I dig and love Jelly Roll Morton, just as much as Cecil Taylor.”
Als es 1960 im Zuge des zeitweiligen ­Exodus der Melbourner Jazzszene auch Liepolt nach Sydney verschlug, begann er dort erste Schallplatten zu produzieren. Dafür arbeitete er mit Jazzclubs zusammen, organisierte Jazzkonzerte, das Jazz Festival of Sydney, das Manly Jazz Festival und die ­eigene Reihe der sogenannten Music Is An Open Sky-Konzerte, die an renommierten Orten wie dem Sydney Opera House, dem nicht mehr existierenden Regent Theatre, der Sydney Town Hall und dem Capitol Theatre stattfanden.
Er produzierte über dreißig Platten für sein eigenes Jazz Label 44 Records, das u.a. von Philips/Phonogram vertrieben wurde. Es war das erste unabhängige australische Jazzplattenlabel, seine Produkte waren im ganzen Land erhältlich. Viele australische Jazzmusiker wie Bryce Rohde, Brian Brown, Don Burrows, John Sangster, Don Andrews, Peter Boothman oder der aus Neuseeland kommende Pianist Mike Nock nahmen für Liepolts Label auf. In seiner sehr aufschlussreichen Biografie erinnert sich Mike Nock dankbar daran, wie Liepolt ihm half, in ­Australien Fuß zu fassen: Er organisierte für ihn die ersten beiden Soloaufnahmen. Das erste Album wurde im April 1978 in den Aufnahmestudios der Oper von Sydney eingespielt und auf 44 Records in Australien und in Neuseeland auf Ode Records veröffentlicht. Weil Liepolt auch Beziehungen zum deutschen Plattenlabel Enja unterhielt, erschien das Album als Re-Release unter dem Titel „Talisman“. Da die Toningenieure von Enja entschieden hatten, einen Titel wegzulassen, gilt diese Ausgabe als die bessere – der Soundqualität wegen. Das zweite Soloalbum hieß schlicht „Piano Solos“ und wurde im September 1978 in den Columbia Studios in NYC aufgenommen. In Europa wurden diese Einspielungen vom holländischen Label Timeless Records vertrieben.
Als Horst Liepolt 1981 Australien verließ, um in New York City zu leben und all die großen Jazzmusiker live zu erleben, wurde das als großer Verlust betrachtet. „Australia lost its greatest champion on the ground“, schrieb Blum im AJazz. Liepolt aber stieg als Partner und Kurator der Programme in den Jazzclubs Sweet Basil, wo er Dwane Tetford ersetzte, und Lush Life ein, in denen einige der besten Jazzmusiker der 1980er- und 1990er-Jahre, darunter Gil Evans, Art Blakey, Cedar Walton, David Murray und McCoy Tyner regelmäßig zu Gast waren. In jenen Jahren produzierte Liepolt fast fünfzig Jazz-Alben vorwiegend für japanische Plattenfirmen, darunter etwa das Doppelalbum „Bud and Bird“ mit Gil Evans und dem Monday Night Orchestra, das 1989 einen Grammy für The Best Jazz Instrumental Performance gewann. Ein anderes Album mit Art Blakeys Jazz Messengers „Live at Sweet Basil“ wurde 1986 für einen Grammy nominiert.
Acht Jahre organisierte Liepolt das Greenwich Village Jazz Festival, das eine Art Club-Festival war, bei dem sich Jazzclubs in Downtown Manhattan wie das Blue Note, Village Vanguard, Sweet Basil, Lush Life, Bradley’s und Fat Tuesday’s beteiligten. Vertreter des modernen Jazz wie Dizzy Gillespie, James Moody, Roscoe Mitchell, Kenny Burrell, Hamiet Bluiett, Art Blakey, Betty Carter und Carmen Lundy, aber auch ein Tribute-Konzerte wie das für Louis Armstrong mit dem Posaunisten Vic Dickenson standen auf dem Programm. Als Gillespie 1985 im Washington Square Park auftrat, versammelten sich dort zehntausend Menschen. 1995 zog sich Liepolt, dessen Signatur bei Korrespondenzen „Jazz Forever“ lautete, als Produzent und Kurator zurück, ging für kurze Zeit nach Berlin, bloß um festzustellen, dass er sich an das schnelle Tempo New Yorks zu sehr gewöhnt hatte. Seit der Rückkehr nach Big Apple bearbeitete er noch Archivaufnahmen aus dem Sweet Basil zur Veröffentlichung und widmete sich hauptsächlich der abstrakten Malerei. Mit seinen Arbeiten auf Leinwand und Papier huldigte er Kompositionen von Künstlern, denen er während seiner langen Karriere begegnet war. Eine seiner Gemälde-Serien hieß „Jazz: Looking from the Inside Out“. Eine Retrospektive von Liepolts Werken konnte man zuletzt in El Barrio’s Artspace PS109 in East Harlem im Juli 2017 sehen.
In Australien zumindest hat der gebürtige Berliner tiefe Spuren hinterlassen. Sein Jazzleben, das durch die Folgen eines Schlaganfalls mit 91 Jahren endete, wirft nebenbei die Frage auf, wie die Entwicklung des Jazz verlaufen wäre ohne Jazzenthusiasten wie ihn, die sich unermüdlich für die Anerkennung dieser Musik einsetzten und dabei im Schatten derer standen, denen sie ins Rampenlicht verhalfen.
Am 23. März 2019 fand in St. Kilda ein Memorial Service zu Ehren Horst Liepolts statt. Seine Witwe, Clarita, mit der er dreißig Jahre verheiratet war, hatte seine Asche von New York nach Australien gebracht, wo sie in der Bucht von St. Kilda verstreut wurde. Es schloß sich der Zyklus eines musikerfüllten Lebens.

Dank für die Unterstützung an Ralph ­Powell vom AJM in Melbourne und Sigi Schmidt-Joos, Berlin; der Abdruck der Fotos erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Australischen Jazz Museums.