Warning: A non-numeric value encountered in /homepages/37/d28949593/htdocs/clickandbuilds/JazzpodiumLive/wp-content/themes/di-basis/functions.php on line 5467

The 3

Jimmy Giuffres Trio von 1961 live in Graz – eine immense Archiv-Perle / von Adam Olschewski

Mal gucken, was da 1961 im Jazz auf Platte los war. Sun Ra schnitt „The Futuristic Sounds of Sun Ra“ und auch „Bad and Beautiful“ in Eigenregie mit, Mingus verlegte „Pre-Bird“ auf Mercury, Ornette Coleman edierte sowohl „Free Jazz“ als auch „This Is Our Music“ auf Atlantic, während sich Coltrane mit „Ole Coltrane“ von jenem Label verabschiedete und „Africa/Brass“ für Impulse! ablieferte, gegen Ende des Jahres „’Live’ at Village Vanguard“ aufnahm. Ferner noch: „Out of the Cool“ von Gil Evans, „Percussion Bitter Sweet“ von Max Roach, „At the Five Spot Volume I“ von Eric Dolphy, „Ezz-thetics“ des George Russell Sextet, „Out Front“ von Booker Little, der im Oktober jenes Jahres starb … Und im Juni die Aufnahmen des Bill Evans Trios im Village Vanguard, die sogleich, auch ob des Todes von Scott LaFaro, auf Riverside veröffentlich wurden. Und dann eben The Jimmy Giuffre 3 mit „Fusion“ und „Thesis“. Eine Trio-Konstellation aus Klarinette, Klavier und Bass, die es so bis dato im Jazz nicht gab, mit diesem gewagten Ansatz aus Kammerklassik-Moderne und, ja, Country & Western im weitesten Sinne. Giuffres Doppelschlag auf Vinyl 1961: Zwei dicke Ausrufezeichen in jenen in unerschlossene Terrains strebenden Jazzjahren.
Und jetzt das. Giuffres Trio im Jahr ‘61 live in Graz (mit Nummer 1001 der Startschuss für Werner X. Uehlingers Reihe ezz-thetics). Keine Neudefinition der bestehenden Ansichten über die Musik dieser ruhmreichen 3, aber eine imposante Bestätigung der nicht ausschließlich jazzgeschichtlichen Bedeutung dieser Formation.
Im Trio spielte Giuffre zuvor schon gern, setzte es in den Fünfzigerjahren bereits ungewöhnlich zusammen, indem er die Gitarre des Jim Hall, den Bass Ralph Penas oder Ray Browns oder auch die Posaune des Bob Brookmeyer zu seiner Klarinette oder seinen Saxen stellte. Das war dezent folkloristisch orientierte Musik, womöglich mit Spuren von sorgsam ausgemessener texanischer Weite drinnen – Giuffre stammte aus Dallas –, durch Notenschrift fixiert und strukturiert, von Reduktion der Mittel geprägt; knapp: auf einem selten begangenen Grat zwischen Eingängigkeit und Anspruch angelegt. Nicht für jeden etwas; so noch mitnichten gehört.
Nicht anders – und doch anders – 1961. Mit Steve Swallow, dem noch namenlosen Yale-Studenten, fast eine Dekade entfernt vom E-Bass, am Kontrabass und Paul Bley am Klavier, der bereits über eine Coleman-Vergangenheit und auch über eine Abenteuer-Ader verfügte, jedenfalls geöffnet für Neuansätze war. Diese Band gab es, wie lange?, kaum zwei Jahre lang, zwischen 1961-63. Sie produzierte für Verve die erwähnten zwei LPs und ’63 „Free Fall“, eine der wichtigsten Platten der Jazzgeschichte, für Columbia. In den Achtzigerjahren kam es zu einem Band-Revival, man ging auch auf Tour und brachte vier CDs (drei auf Owl, eine auf Soul Note) raus. Es schien, als erkenne man da endlich und breitflächig die Errungenschaften dieses Trios an.
1992: ein Fund von Bedeutung. Giuffres Trio 1961 live in Bremen („Flight“, Hat Hut), von Radio Bremen am 23. November im eigenen Sendesaal aufgezeichnet. Mit Stücken vornehmlich von Giuffre selbst, aber auch je einem Titel von Gordon Jenkins und von Carla Bley, damals noch mit Paul verheiratet. Ein Jahr später ebenfalls auf Hat Hut – ein weiterer Fund: „Emphasis“, das Trio live im Mozartsaal der Liederhalle in Stuttgart, Süddeutscher Rundfunk schnitt glücklicherweise mit; neben Giuffres Stücken je ein Track von Carla und Paul Bley; ein Konzert vor Bremen noch, nämlich vom 7. November. Nun, ein sattes Vierteljahrhundert später, der Höhepunkt: Graz; bereits vor jenen beiden Live-Daten aufgenommen, vom 27.Oktober. Zwei Kompositionen Carlas, eine Paul Bleys. Mit 75:20 die längste der drei Konzertaufzeichnungen.
Zu behaupten, von allen Triokontexten allerlei Genres, sei Giuffres Entwurf einer der allerwichtigsten, fällt nicht ein bisschen schwer. Vielleicht, weil es keine Behauptung ist, vielmehr ein Fakt. Anfang der Sechzigerjahre war dieser Grad von Dreieinigkeit nicht weniger als: revolutionär. Eigen und unverwechselbar diese 3 bis ins Detail. Und außergewöhnlich egalitär. Bei Gleichberechtigung, im Trio sowieso, fällt sofort der Name Bill Evans mit seinen losgelösten Rhythmikern LaFaro und Paul Motian. Doch höre man sich bitte die Gleichberechtigkeiten von Giuffre und Co. an. Im gleichen Jahr wie Evans. Höre man bitte genau hin, auch das ein Verdienst von Graz, bei Swallows eigenständiger, fundamentaler Bassarbeit auf „That’s True, That’s True“, bei seinen Soli zu „Whirrr“ oder „Cry, Want“. War LaFaro wirklich derjenige, der den Kontrabass aus dem engen Rhythmuskorsett endgültig befreite? Diese Frage stellt sich hier tatsächlich.
Graz ist nicht bloß Ergänzung des Studiomaterials, oh nein. Diese Aufnahme ist fraglos, neben den Studioeinspielungen, das vierte – oder doch fünfte, sechste? – Meisterstück des Trios jener Periode. Klangtechnisch, vom ORF aufgezeichnet, fällt es einen Tick besser aus als die deutschen ­Live-Mitschnitte. Die Bandmitglieder sind jedenfalls auch im gemeinsamen Spiel einzeln wahrnehmbar, der Raum deutlich da.
Es bietet sich an, die drei Live-Aufnahmen miteinander zu vergleichen, die innerhalb eines Monats passierten, auch um die Wucht dieser Band ein wenig besser fixieren zu können. Überschneidungen im Repertoire an den Abenden gab es. Bei den vier Stücken, das vorweg, die Bremen und Graz gemeinsam haben, liegt Graz vorne. Graz und Stuttgart überschneiden sich in drei Fällen – hier nicht anders: Graz mit zwei zu eins vorne. Lediglich bei „Carla“, jeweils als siebtes Stück auf den CDs angelegt (Zufall?), kommt man in Stuttgart dank Paul Bleys Piano-Präparationen kompakter, reichhaltiger rüber. Diese Band war relativ strikt konzipiert, formal eben doch an Notenmaterial, oft an herkömmliche Thema-Freispiel-Themenreprise-Struktur gebunden. Aber sie war dennoch fähig, die Rahmenbedingungen äußerst auszureizen. Überdeutlich dies bei „Trance“, einem Gemeinschaftswerk von vornherein, wo man in Bremen sowie Stuttgart noch relativ dicht an der Studiovorgabe bleibt, wenngleich Bley quasi-klassisch durchdreht, auch eine gewittrige Duo-Passage von Bley und Swallow geschieht, während man in Graz richtig über die Stränge schlägt, das Stück bis auf 7:09 Minuten dehnt. Swallow und Bley mit fast maßlosen Freiheiten. Speziell Bley geht anders vor als in Bremen. Er ist plötzlich mit Vehemenz im Pianoinneren zugange, operiert mit präpariertem Flügel. Seine Sounds bringen die Band total in neutönerische Gefilde. Swallow installiert einen Groove, der beinahe aus Afrika stammen könnte, Giuffre folgt ihm dorthin oder wohin auch immer. (Ist es ketzerisch zu behaupten, Swallow und Bley seien nie, auch später nicht, besser gewesen?) Auch bei „Whirrr“, das Flatter- und leicht Kasperlhafte im Titel angelegt, in Bremen mit 2:31 Minuten-Länge bloß ein besseres, flottes Intermezzo, in Stuttgart mittelformatig und mit zwischenzeitlicher Bremswirkung und der Andeutung eines Flows bloß sowie Bleys Griffen zu Pianosaiten (4:15), in Graz (5:29): die 3 vollends im Flow, mit Duellen/Duetten, mit einer Punch & Relax-Haltung. Bei „Cry, Want“ – welch ein Titel, welch ein Komma – nimmt man sich ordentlich Zeit; bei Giuffres langgezogenem, simpel-melodiesattem Solo-Prolog steigt in allen drei Versionen nach circa einer Minute Bley ein, auffällig bluesig-groovend mitunter (Graz), nach weiteren zwei Minuten Swallow mit viel Resonanzwillen, der Spannungslevel ist hoch. Trotz aller kompositorischer Zugeknöpftheit wird gerade in Graz maßstabsetzende Freizügigkeit offenbar, ganz viel Einfallsreichtum und spontan gezeugte Dynamik. Spannungsfelder ohne Ende im Prinzip, denn Giuffre setzt dem free flight seine lieblich gestalteten Melodiechen entgegen. Giuffre und Groove? Galten bislang nicht unbedingt als ein paarungswilliges Paar. – Nun schon.
Alle Nebengeräusche beiseite, die bei „Graz live“ vorkommen, es ist der Archivfund des Jahres. Weil sich hier – wie oft, aber nicht durchgehend in Jimmy Giuffres Werk – Schönheit und Wagemut in idealer Balance einfinden.