Musikzauberer aus Australien

James Morrison

Der Multiinstrumentalist James Morrison, geboren am 11. November 1962 in Boorowa, New South Wales, Australien, war schon einmal am Internationalen Jazzfestival Bern. Es war in den Anfängen seiner Karriere vor 28 Jahren. In Bern machte er gemäß seinen eigenen Worten einen wichtigen Schritt vorwärts.

Im vergangenen April kehrte er für insgesamt elf Auftritte ans Festival in die schweizerische Bundesstadt zurück. Die Auftritte verblüfften alle. Jene, die ihn bisher nicht kannten, staunten über das Potential, das der mittlerweile 55-jährige Musiker als virtuoser Macher, der Lateiner würde sagen, als Poeta Faber, auszuspielen vermag. All jene aber, die ihn schon von früher kannten, freuten sich darüber, dass neben dem technisch virtuosen Poeta Faber nun vermehrt auch der kreative Poeta Vates, der Seher und Geschichtenerfinder, seinen Platz gefunden hat. Oder einfacher ausgedrückt: Das handwerkliche Können als Supertechniker und Hochtonspezialist ist bei Morrison nach wie vor vorhanden und sichert ihm weiterhin einen einsamen Platz an der Spitze, daneben aber drängt in seinem Spiel vermehrt auch jene Seite in den Vordergrund, wo jene Inspiration zum Tragen kommt, die aufs Herz zielt – ein Aspekt, der bisher oft etwas zu kurz kam.

Als James Morrison 1990 anlässlich seines ersten Auftritts am Berner Festival als hoffnungsvoller Twen sportlichen Schrittes die Bühne betrat, damals war‘s noch im Kursaal, ließ sein sonniges Lachen sein eh schon breites Gesicht noch breiter erscheinen. Der stämmige Mann aus Down Under strahlte wie ein Maikäfer, aber nicht, weil es Mai war, sondern weil er wusste, dass drei der renommiertesten Jazztrompeter seinen Auftritt verfolgen würden. Am Ende des als „Trumpet Night“ angekündigten Konzerts stand ein gemeinsames Zusammenspiel mit ihnen bevor.

Als Morrison dann auf der Bühne neben der Bebop-Koryphäe Jon Faddis, dem kubanischen Hochton-Virtuosen Arturo Sandoval und dem Größten von allen, dem als Louis-Armstrong-Nachfolger gehandelten Wynton Marsalis spielte, kam es zu einem magischen Moment: In der Schlussnummer „All of me“ zog James alle Register und gab im wahrsten Sinne des Wortes „All of me“, nomen est omen. Nicht bloß das Publikum, sondern auch seine Musikerkollegen zollten Respekt. „Er ist fantastisch“, meinte Marsalis anerkennend. Bern hatte eine der absoluten Festival-Sternstunden und der 27-jährige Newcomer aus Australien seine Aufnahme im Trompetenolymp erlebt.

Ein Mann – eine Big Band

Mittlerweile hat es Morrison weltweit geschafft. Er spielte mit Dizzy Gillespie, Cab Calloway, Woody Shaw, Red Rodney, George Benson, Ray Charles, B.B. King, Ray Brown und vielen anderen und gastierte in den berühmtesten Jazzclubs der Welt, im Village Vanguard in New York ebenso wie im New Morning in Paris oder in den Blue Notes in Tokio und New York. Mit seinem aufgestellten Spiel erfreut er nicht bloß die Großen der Welt von Queen Elisabeth über die US-Präsidenten Bush, Clinton und Obama, sondern widmet sich auch der Jugend. Er musiziert etwa mit dem niederösterreichischen Jugendjazzorchester in der großen Turnhalle des Stiftsgymnasiums Melk oder jenem der Heilsarmee in Bern, ganz zu schweigen von der umfangreichen Lehrtätigkeit, die er in verschiedenen Städten seiner Heimat Australien entfaltet.

Erinnert sich Morrison an den Berner Auftritt von 1990? „Natürlich erinnere ich mich“, sagt Morrison fast entrüstet, und holt aus. Man habe ihm damals oft vorgeworfen, dass alles schon dagewesen sei, was er spiele. „That’s bullshit. Was Wynton, ich und die anderen damals in Bern boten, war Beweis dafür, dass Jazz stets im Fluss ist. Wir spielten Dinge, die man so noch nie gehört hatte.“ Dinge spielen, die zuvor noch keiner gemacht hat, das ist bis heute die Sache von Morrison. Er produzierte ein Album mit einer ausgewachsenen Big Band und engagierte dazu nur einen Gitarristen, einen Bassisten und einen Drummer. Das Piano sowie vier Trompeten, vier Posaunen und fünf Saxophone spielte er im Overdub selbst – er nahm also alle Instrumente nacheinander auf und fügte sie anschließend zu einer Aufnahme zusammen.

Die „Klingende Sammlung“ – ein Eldorado für Multiinstrumentalisten

James Morrison ist der Prototyp des Multiinstrumentalisten. Er spielt perfekt Trompete, Flügelhorn, Posaune, Euphonium, Tuba, sämtliche Saxophone, Kontrabass und Piano. Das hat er in Bern dieses Jahr einmal mehr bewiesen, und wohl in einer noch nie zuvor erlebten Eindringlichkeit. Das unvergessliche Ereignis fand nicht auf der Bühne eines prachtvollen Konzertsaals, einer ehrwürdigen Universitätsaula oder eines intimen Nachtklubs statt, sondern dort, wo man die größte Auswahl an verrückten, historischen Musikinstrumenten findet, in einem spezifischen Museum nämlich.

Die Bundesstadt verfügt seit 2016 über ein solches. Es heißt „Klingende Sammlung – Zentrum für historische Musikinstrumente“ und befindet sich mitten in der historischen Altstadt in pittoresker Lage an der laubengesäumten Kramgasse schräg gegenüber dem Albert-Einstein-Haus. Die Grundlage der präsentierten Exponate bildet die „Blasinstrumenten-Sammlung“ von Karl Burri, dem 2003 verstorbenen, in Fachkreisen international bekannten Instrumentenbauer und Sammler aus Zimmerwald bei Bern. Sie wurde 2015 von der Stiftung Instrumentensammlung Burri übernommen und wird durch Donationen und Leihgaben laufend erweitert. Morrison durfte auswählen aus den weit über 1000 Blasinstrumenten, darunter Raritäten wie einem Echo-Kornett, Signal-Trompeten, die man nach vorn und gegen hinten spielen kann, Hörner und Flöten aus der Mozartzeit sowie Fanfaren, die Wagner in „Lohengrin“ und Verdi im berühmten Triumphmarsch in „Aida“ eingesetzt haben. Ein besonderes Prachtstück ist der Prototyp eines Altsaxophons mit Jahrgang 1853 von dessen Erfinder Adolphe Sax. Morrison war begeistert und bot dem Publikum ein mitreißendes Konzert, mal auf besagtem Saxophon, mal auf verschiedenen Trompeten, Posaunen und schließlich auch auf dem Alphorn. Die traditionelle religiöse Hymne „Amazing grace“, dargeboten von Morrison auf dem Schweizer Nationalinstrument, war einer der Höhepunkte für das Publikum, aber wohl auch für den Künstler.

„Für Hunde mag ich nicht spielen“

In Clubkonzerten zeigt sich Morrison artistisch und verblüfft mit Kabinettstückchen wie dem raschen Wechsel zwischen Trompete und Posaune. Damit reißt er das Publikum von den Sitzen. Ein Lieblingsinstrument hat er nicht. „Es kommt auf die Komposition an. Mein Lieblingsinstrument ist immer jenes, mit dem ich die Zuhörer im jeweiligen Kontext am besten fesseln kann.“ Für Balladen greift er gern zum Flügelhorn oder einem der Saxophone. Er hat für diese langsame Form eine besondere Zuneigung entwickelt und weiß diese überzeugender und ergreifender zu gestalten als früher, als ihm die Beherrschung des jugendlichen Temperaments zeitweilig arg Mühe bereitete.

Am Anfang von Morrisons Künstlerkarriere aber stand kein Blasinstrument, sondern das Piano. James erinnert sich: „Unsere Familie war kulturell sehr interessiert, Musik wurde von jeher groß geschrieben.“ Die Eltern spielten Saxophon, Piano und Orgel, der Bruder Schlagzeug und die Schwester Trompete. Klein-James wurde im Alter von sechs Jahren erstmals an ein Klavier gesetzt. Seine Begeisterung hielt sich freilich in Grenzen. Bald versiegte sie ganz: „Nach mühevollem Abarbeiten von elementarem Übungsmaterial stellte man mir eine endlich eine richtige Komposition in Aussicht.“ Es sollte sich um das berühmte „Albumblatt für Elise“ von Beethoven handeln. Die sensible Melodie war für den energiestrotzenden Buben offenbar nicht das Gelbe vom Ei. Er protestierte und verweigerte die Gefolgschaft. Der Grund? Morrison verschmitzt lächelnd: „Der Titel ‚Für Elise‘ tönte für meine australischen Ohren wie ‚Release‘, einem häufig gehörten Kommando für Hunde. And I didn’t want to play for dogs.“ Tatsächlich, Hundekenner werden beipflichten, das Kommando „Release“ gehört neben „Sit“, „Lay Down“ und „Stand“ zu den elementaren Hundekommandos im englischsprachigen Raum. Morrison nahm das Release wörtlich, sagte dem Piano Adieu und wandte sich mit sieben Jahren seinem ersten Blasinstrument zu.

Es handelte sich um ein Kornett. Doch der Abschied von den 88 Tasten sollte nicht eine Trennung für immer sein. „Als mir jemand ein Stück von Erroll Garner vorspielte, war’s um mich geschehen.“ Morrison kehrte zum Piano zurück. „Mit acht Jahren begann ich zu üben wie ein Verrückter, ich wollte doch die verlorene Zeit aufholen.“ Seit damals ist das Piano der Lückenbüßer in den Pausen zwischen den Einsätzen der Blasinstrumente, die er bald mit ­Konzertreife beherrschte. Das erste Club-Engagement in Australien hatte Morrison mit dreizehn, und schon bald war er Stammgast in den Lokalen von Kings Cross, dem stark belebten Ausgehviertel von Sydney. Der erste US-Auftritt folgte 1979 am Monterey Festival in Kalifornien. Publikum und Presse zeigten sich vom Newcomer aus Känguru-Land begeistert.

Rekord mit 7224 Musikern

James Morrison hat ein zentrales Anliegen: Er will Emotionen vermitteln. Zu diesem Zweck arbeitet er auch mit Sinfonieorchestern. Das ist seiner Ansicht nach nichts Besonderes: „Warum nicht klassisch? Die Gefühle sind letztlich dieselben. Der Jazzmusiker versucht, durch Improvisieren eigene Emotionen zu vermitteln. Der klassische Musiker strebt danach, die Emotionen des Komponisten wiederzugeben.“ Dazu schlägt Morrison, wenn’s der Sache dienlich ist, auch mal wilde Wege ein. Sein bisher extremstes Projekt realisierte er als künstlerischer Direktor des Queensland Music Festivals 2013. Er interpretierte mit 7224 Musikern im Suncorp Stadion in Brisbane ein Medley über „We will rock you“, Beethovens „Ode an die Freude“ und Australiens geheime Nationalhymne „Waltzing Mathilda“. Damit pulverisierte er den bisherigen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“. In Bern mochte er es intimer und trat mit seinem neuen Quartett auf, in dem auch seine beiden Söhne William und Harry mitspielen.

Familienbande

Wie schon in Morrisons Elternhaus hat die Musik in seiner eigenen Familie einen hohen Stellenwert, die Kinder wurden schon früh mit Musikinstrumenten bekannt gemacht. Sohn Harry begann mit Gitarre, überließ sie aber schon bald seinem Bruder William, der sich mehr von ihr angezogen fühlte, und wechselte zum elektrischen Bass. Mit Jam Sessions im Wohnzimmer entwickelte man sich weiter und übte das Zusammenspiel. Eines Tages machte Vater James einen Vorschlag: „Harry, wenn du bereit bist, auf den Kontrabass umzusteigen und ihn in zwei Monaten beherrschst, dann kannst du in meiner Band mitspielen.“ So geschah es. Neben Harry schaffte es auch William – seine erklärten Vorbilder sind Joe Pass und Wes Montgomery – in Vaters Orchester. Als die Zeit reif war, gründete man gemeinsam die Band „Inheritance“, zu Deutsch „Erbschaft“. Das Premierenpublikum in Melbourne war begeistert.

In Bern eröffnete meist Vater Morrison mit einem seiner Hörner die Vorstellung. „Jedes meiner Instrumente hat einen Namen“, erzählt er im Gespräch, „und jedes hat eine Geschichte.“ Sie besteht oft darin, dass Morrison das Instrument mitkonstruiert hat. Er ist vor einiger Zeit beim Instrumentenbauer Schagerl in Niederösterreich als Spezialist für Blasinstrumente eingestiegen, eine Win-win Situation, von der Künstler und Unternehmer gleichermaßen profitieren. „Dieses Flügelhorn mit Drehventilen zum Beispiel trägt den Namen Killerqueen und hat eine eigenartige Krümmung. Der Grund ist …“ Es folgt eine ellenlange, skurrile Erklärung, die mit Technik und Kunst fast nichts, mit zwerchfellerschütterndem Klamauk aber enorm viel am Hut hat. Ein Riesengelächter ist die Folge. Wenn sich Morrison, um das Maß voll zu machen, noch eine ganze Nummer lang ans Piano setzt und zu „garnern“ beginnt, indem er mit viel Theatralik und in höchster Perfektion einen Titel aus der berühmten „Concert by the Sea“-Langspielplatte von Erroll Garner zum Besten gibt, kennt der Applaus keine Grenzen. Der Lebenskünstler aus Down Under ist eben nicht bloß Spitzenmusiker, sondern privat auch ein abenteuerlicher Flieger und halsbrecherischer Rallyefahrer. All das zusammen macht ihn zum begnadeten Geschichtenerzähler und perfekten Entertainer. Seine Band, Harry am Kontrabass, William – mit Bandera-Schirmmütze und sexy-Bart optisch in den Fußstapfen des Buena-Vista-Social-Clubs – an der Gitarre sowie der als großes Talent gehandelte Patrick Danao am Schlagzeug, lassen den temperamentvollen und scheinbar nimmermüden Vater mit Schmunzeln gewähren.

Morrison: „Die Idee hinter dieser Band ist, dass der Jazz von Generation zu Generation weitergegeben wird. Meine Jungs haben die Liebe zu dieser Musik offensichtlich geerbt. Das ist Vererbung nicht nur biologisch, sondern auch im weiteren Sinn die Weitergabe einer Tradition.“

Text: Ulrich Roth
Foto: Hans-Joachim Maquet