Beinahe ein Jazzer?

Frank Zappa

Was ihn mit dieser Musik verbindet und was ihn abgrenzt
Ein Rückblick 25 Jahre nach seinem Tod

Mit Prognosen ist das so eine Sache. Was wird in 100, 200 oder noch mehr Jahren zum Beispiel aus der Musik unserer Zeit nicht vergessen sein? Von Pop und Rock wird man vielleicht noch ein paar Hits der Beatles kennen. Womöglich wird Frank Zappa sogar Anwärter auf Unsterblichkeit sein, weil er als Rock-Star, als Provokateur und – nicht zuletzt – als ernst zu nehmender Komponist in Erinnerung bleiben dürfte. Dies über Spartengrenzen hinweg.

Aus Frank Vincent Zappas äußerst ereignisreichen 52 Jahren sollten wir für uns einige Eckpunkte festhalten: Als ältester Sohn italienischer Einwanderer wurde er am 21. Dezember 1940 in Baltimore, Maryland geboren. Nach vielen Umzügen blieb die Familie dauerhaft in Kalifornien. In der Schulzeit zeigte er Interesse an Musik und am Zeichnen. Er komponierte erste Stücke, dirigierte in der High School das Schulorchester. Am College – ein Musikstudium brach er nach einem Semester ab – schrieb er die Musik für einen Film. Er arbeitete dann unter anderem für eine Werbeagentur, bevor er sich auf die Musik konzentrierte und als Gitarrist in einigen Bands spielte. Die Band Mothers of Invention gründete er 1964 und führte sie in den zwölf Jahren ihres Bestehens zu großen Erfolgen mit Alben wie „The Grand Wazoo“ oder „Over Nite Sensation“ und Hits wie „Bobby Brown“ und „Valley girl“. Bekannt und bejubelt in der Underground-Szene, gefürchtet und bekämpft vom Establishment, gerieten Live-Auftritte und Schallplatten weniger wegen der Musik in den Focus, als wegen Zappas satirischer und obszöner Texte zu Gesellschaft und Politik.
Reiche und vielschichtige Hinterlassenschaft
Vor deren erster Europatournee 1967 ging er mit Adelaide Gail Sloatman seine zweite Ehe ein. Von wenige Monate dauernden Aufenthalten in New York und London ausgenommen, lebte Zappa fortan in Los Angeles, wo er ab 1979 in seinem eigenen Tonstudio „Utility Muffin Research Kitchen“ arbeitete. Er hatte damit auch die Kontrolle über die meisten seiner ­Veröffentlichungen. An seiner 1991 bekannt ­gewordenen Prostatakrebs-Erkrankung starb Frank Zappa am 4. Dezember 1993. Seine Frau und die vier Kinder verwalten streng seine reiche und vielschichtige Hinterlassenschaft an Aufnahmen, Partituren und Filmen wie dem komisch-absurden „200 Motels“. Wie lebensfähig dieses Erbe ist, zeigte sich 2015 bei der Veröffentlichung des hundertsten Zappa-Albums: „Dance Me This“, eine als Ballettmusik vorgesehene Komposition aus freien Rhythmen ohne Melodien, abgesehen von den Beiträgen dreier mongolischer Sänger. Sie war in den Krankheitsjahren mit Techniken elektronischer Musik entstanden.

Hier wurden wichtige Einflüsse aus den Jugendjahren Zappas erneut relevant, etwa des in den USA lebenden französischen Komponisten Edgar Varèse (1883-1965). Dessen Werk „Ionisation“ für 43 Instrumente, darunter 13 Schlagzeuger, lernte Zappa 1953 auf einer Schallplatte kennen. Spuren des Varèse-Einflusses sind während der Mothers-Phase in der LP „Freak Out“ und später in „Lumpy Gravy“ zu finden. „Le marteau sans maître“ von Pierre Boulez hatte Zappa mit 17 gehört. Bei einem Rockkonzert im Pariser Palais des Sports am 11. Juni 1980 kam es zu einer Begegnung Zappas mit dem Komponisten. Zappa verkündete bei seiner Ansage im Konzert, dass ein besonderer Gast im Saal sei, dem er die Show widmen wolle. Dann wies er seinen Keyboarder Tommy Mars an, ein anderes Stück zu spielen. Mit allerlei elektronischen Effekten erklangen Motive aus Richard Wagners „Lohengrin“. Der geheimnisvolle Gast war Pierre Boulez, der führende Wagner-Dirigent. Auf ­einer Website des Bayerischen Rundfunks1 ist Genaueres zu lesen: „Nach dem Pariser Konzert zeigt Zappa Boulez seine Partituren, und Boulez beauftragt Zappa, ein Stück für sein Ensemble Intercontemporain zu komponieren. Es ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem kalifornischen Anarcho-Rocker und dem elitären Grandseigneur aus Paris. Ein paar Jahre später wird diese Freundschaft sogar in eine gemeinsame LP münden. Pierre Boulez erinnert sich später: ‚Ich fand Frank Zappa sehr sympathisch und habe ihn jedes Mal, wenn ich in Los Angeles war, besucht. Er wollte etwas Eigenes erfinden, weg von der kommerziellen Rockmusik. Er wusste, dass es eine andere Seite der Musik gibt‘.“
Mit Archie Shepp, Jean-Luc Ponty und George Duke auf der Bühne
Mit seiner viel kolportierten süffisanten Bemerkung, der Jazz sei nicht tot, er rieche nur ein bisschen seltsam, hat sich Frank Zappa im Jazz keine Freunde gemacht. Dabei steht er dieser Musik gar nicht so fern, manche seiner Stücke – sogar vielleicht seiner Gitarrensoli – haben einen Link zum Jazz. Und er hat selbst mit Jazzern zusammengearbeitet, sie auch in die Band geholt. Der Musikmanager Christian Kellersmann sagte bei einem Interview im Jazz Podium: „Mein allererstes Konzert, das ich besucht habe, war 1973 mit Frank Zappa feat. George Duke und Jean-Luc Ponty.“2 Im gleichen Jahr waren die Mothers of Invention unter anderem in Stockholm zu hören, wo neben dem Jazzgeiger und dem Elektropianisten die ebenfalls aus dem Jazz kommenden Bruce Fowler, Posaune, und Tom Fowler, Schlagzeug, mitwirkten.3 Ein Frank-Zappa-Memorial boten Ponty und Duke 2012 bei einer „Zappanale“, dem seit 1990 immer wieder stattfindenden Festival in Bad Doberan. Klagen der Witwe Gail Zappa gegen die Benutzung des den Namen Zappa enthaltenden Titels wurden 2012 vom Bundesgerichtshof endgültig zurückgewiesen.

Übrigens schon 1970 spielte Zappa als bluesiger Gitarrist in einer Jazzrock-Band mit Ponty und der Rhythmusgruppe Alby Cullaz, Bass, und Aldo Romano, Schlagzeug, auf einem Festival in Valbonne an der Riviera. Zappas Gruppe gastierte auch auf dem legendären Jazz Festival von Montreux4 im Jahr darauf, als das Casino abbrannte. Mit einer weißen Rockband auf der Bühne nicht erwartet hätte man den auf Black-Power-Linie liegenden Free-Jazzer Archie Shepp. Doch bei einem Konzert 1984 in Cleveland entstand eine Live-Aufnahme5 mit einem fast fünfminütigen Solo Shepps auf dem Tenorsaxophon. Andere Jazzmusiker, die mit Zappa in größerer Studio-Formation gearbeitet haben, waren der Vibraphonist Victor Feldman und der Schlagzeuger Shelly Manne. Den Rock-Provokateur und -Revoluzzer sollte man allerdings nicht zu nah mit dem Jazz in Verbindung bringen, auch wenn er das oben zitierte Bonmot weniger als Beleidigung gemeint hatte, denn als Beitrag zum regelmäßig in den Medien aufkommenden Gerücht vom Tod des Jazz. Sehr viel näher stand er der klassischen Neuen Musik, ja er war oder ist ein Teil von ihr.

Die Entwicklung von Zappas Arbeit in der Neuen Musik und deren öffentliche Wirkung lassen sich an einigen markanten Eckpunkten festmachen, beginnend mit der Studio-Produktion des Albums „Lumpy Gravy“ (deutsch etwa: dicke Soße) mit Orchester und Chor 1967, doch erst 1968 veröffentlicht. Die Aufführung einer „200 Motels Suite for Rock Group and Orchestra“6 – also Passagen der Filmmusik – in einem Live-Konzert 1970 mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta war erfolgreicher und wurde laut der Los Angeles Times „von vergnügten Hörern mit Beifall begrüßt“. Die Zusammenarbeit mit Pierre Boulez und dessen Ensemble Intercontemporain zeitigte das im Januar 1984 aufgenommene Schallplatten-Album „The Perfect Stranger“ mit Zappas sieben, zwischen einer und 13 Minuten langen Kompositionen. Den letzten Auftritt seines Lebens hatte Frank Zappa im September 1992 in der Alten Oper in Frankfurt, wo das Ensemble Modern das von ihm bestellte Auftragswerk „The Yellow Shark“ uraufführte. Zwar erschien im Oktober 1994, also nach seinem Tod, noch die Doppel-CD „Civilization Phaze III“, doch die Studio-Aufnahmen dazu waren schon 1967 in New York sowie 1991 und 1992 in Hollywood entstanden. Das Ensemble Modern unter Jonathan Stockhammer widmete sich 2002 noch einmal der Musik Frank Zappas mit von Ali N. Askin erstellten Arrangements und Transkriptionen älterer Stücke auf einer CD unter dem Titel „Greggery Peccary & Other Persuasions“.
Von „Lumpy Gravy“ bis „The Yellow Shark”
Bei „Lumpy Gravy“ spielt Zappa kein Instrument. Er dirigiert das über 50-köpfige Orchester. Wir hören eine verwirrende rund 32 Minuten dauernde, zweiteilige Collage aus ständig neuen Klangereignissen. Eine Folklore-Parodie von schrillen Mandolinen nervt, eine Bar-Combo mit Vibraphon und Klavier tritt nach Vorspiel eines Salonorchesters auf, Big-Band-Fetzen werden mit Smalltalk von Frauen und Männern abgelöst, eine Platte scheint in doppeltem Tempo zu laufen, Cajun und Country-Blues klingen an. Der zweite Teil braucht lange, bis Geschwätz „pigs and ponies“ endlich in Musik von Bläsergruppen oder einer Rockband mündet. Interessant sind Passagen einer Art von „musique concrète“, in denen der Chor nicht singt, sondern in einen Flügel hineinspricht und der Klang der Saiten aufgezeichnet wird. Von der Kritik wurde „Lumpy Gravy“ mal als Zappas experimentellste Komposition, mal als langweilig bezeichnet.
Das Stück, das Zappa Boulez lieferte war „The perfect stranger“, dies ist auch der Titel der Schallplatte von 1984. Im Hüllentext sagt er zu den sieben Tracks, was sie bedeuten, enthüllt sie so als Programmmusik. „Stranger“ ist demnach der Besuch eines Staubsaugervertreters bei einer Hausfrau: Zuerst wird eine Türglocke imitiert, dissonante Streicher-Schlieren gehen einem saftigen Bläsersatz voraus, gefolgt von kurzen Geigenlinien. Später treten die unter den 28 Musikern zahlreicheren Bläser dazu. Klingt das nicht ein bisschen wie ein Schönberg-Orchester mit Bläsern der Band von Duke Ellington? Das könnte man sich als Hörer fragen. Manche Blech-Fanfaren gemahnen an Straussens „Eulenspiegel“ und „Alpensinfonie“. Bei „Naval aviation in art?“ werden weitgehend ruhende, flächige Klänge unterbrochen mit lauten, zackigen Linien, zum Teil vom Schlagwerk akzentuiert. „Dupree’s paradise“ beginnt flott und geradezu jazzig, es klingt außerdem wenig getrübt tonal. Vier weitere Stücke hat Zappa selbst auf dem Synclavier eingespielt, so dass sie nicht die Präsenz und Farbe des Boulez-Ensembles haben. Übrigens wurde spekuliert, der Franzose habe die Stücke nur aufgeführt, um US-Minimalisten wie Steve Reich und Terry Riley zu ärgern.
„The yellow shark“ erweist sich auf der Live-CD als Suite von 18 vielgestaltigen Stücken. Drei davon dirigiert Zappa selbst, alle anderen Peter Rundel. Es geht los mit Holzbläserlinien über einem Blech-Vamp bei „Dog breath“, gefolgt von „Uncle meat“, einem zackigen Stück der 26 Spieler: ein bisschen Strawinsky, ein bisschen Glenn Miller. Das lyrisch-verträumte „Outrage at Valdez“ wartet mit schönen Farben auf, dann lässt ein polyphoner Bläsersatz an Schönbergs zwölftöniges Opus 26 denken. Jubel im Saal beim „Bebop tango“! Zwei instrumental begleitete Lesungen – die zweite von einem Büttenmarsch eingeleitet, gelten der US-Politik. Der Beifall am Ende soll 20 Minuten gedauert haben.

Text: Günter Buhles

Fotos: Frank Zappa (Günter Buhles) Zappa mit Archie Shepp (X)