Tradition und Vision, Jazz und Bildende Kunst

Jason Moran

Die Domkirche St. Eberhard war besondere Spielstätte der jazzopen Stuttgart, denn unter dem Titel „I had a dream“ fand nachmittags ein Konzert statt, in dem es um Martin Luther Kings berühmte gleichnamige Rede ging, um Toleranz und Nächstenliebe. Und der in so gut wie allen Stilformen des Jazz beheimatete Pianist Jason Moran trug seinen Teil zum Gelingen der Veranstaltung bei. Er hatte noch seine Frau, die als klassische Sängerin ausgebildete Alicia Hall Moran mitgebracht. Sie besitzt eine Freude spendende, eindringliche, flexible Stimme, eine starke Bühnenpräsenz und sie gestaltet Spirituals wie konzertante Lieder überzeugend, besitzt auch eine große Improvisationsgabe. Alicia ist eine extrovertierte Persönlichkeit, die die Besucher der Kirche in Bann zog und hörbar ihren Mann zu ebenso dynamischem, bisweilen donnerndem Spiel inspirierte. So dass dieser Auftritt alle Erwartungen übertraf und dem Publikum, das offensichtlich nur zum Teil mit Jazz vertraut war, ebenso gefiel wie den jazzliebenden Kirchenbesuchern, die stehende Ovationen darbrachten, die Moran mit einer Zugabe belohnte.

Vor diesem Auftritt, der wohl auch für Moran zu etwas Besonderem wurde, versprach er: „Ich werde eine Mischung von Musikstücken spielen, die eigenständig von uns gestaltet werden und von denen wir annehmen, dass sie Martin Luther King gefallen würden. Einige Songs sind Negro-Spirituals, auch Themen von Duke Ellington oder Melodien, die wir selbst geschrieben haben. Es ist also eine Mixtur, aber wir berücksichtigen dabei auch die Beziehung von Martin Luther King zu Gott.“
Wichtiger Mentor: Jaki Byard
Ellis Marsalis lobte Jason Moran einst mit den Worten: „Es ist gut wie du aus all dem, was da ist eine Synthese machst.“ Moran ist hörbar in der Tradition verwurzelt und ebenso im Hier und Heute. „Ellis Marsalis ist ein großartiger Lehrer und ich denke, als ich herausfinden wollte, was beim Musikmachen wichtig ist, all diese Ideen ins Gleichgewicht zu bringen lernte. Jeder junge Spieler muss verstehen, woher er kommt. Es ist wichtig den Kontext zu erkennen zwischen der Tradition und dem, was heute gemacht wird. Das ist jetzt mein größtes Anliegen als Musiker.“

Ein ganz wichtiger Mentor für Jason Moran war Jaki Byard, der auch Mitte der 1960er mit Charles Mingus in Deutschland gastierte und bei diesen Konzerten nicht nur sehr avantgardistisch spielte, sondern auch in einem Solo-Stück herausgestellt wurde, das so einige Spielweisen früher Pianisten verband, darunter Art Tatum und Fats Waller. „Er war einfach bewundernswert und er vermittelte mir diese Zusammenhänge. Er war für mich das beste Beispiel, wie man auf die Geschichte des Jazzpianos zurückgreifen konnte und sich dabei gehörig viel persönliche Freiheit nehmen konnte. Ich spiele immer wieder bei meinen Auftritten etwas von Jaki Byard.“

Jason Moran dekonstruiert nicht die Stücke von Jaki Byard, es ist vielmehr eine Aneignung, die seine persönliche Spielauffassung deutlich macht. „Es ist wichtig seine eigenen Ideen, seine Persönlichkeit einzubringen. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die man lernen kann. Jaki machte mir klar, dass ich etwas Eigenes zur Sprache des Jazz beitragen müsse, nichts kopieren dürfe. Darin war er selbst ausgesprochen produktiv. Er verstand es einzigartig zur Sprache des Jazz Ideen beizutragen, die alles viel klarer aufzeigten. Er spielte Stride-Piano und zollte auch vielen frühen Pianisten Tribut. Er machte auch nie ein Geheimnis daraus, woher seine Einflüsse stammten, machte immer wieder deutlich, dass seine Reflektionen auf den Reflektionen anderer Pianisten fußten, etwa denen von James P. Johnson, Fats Waller oder Art Tatum.“

Musiker wie Miles Davis haben sich immer wieder neu erfunden, bisweilen angeregt durch aktuelle Zeitströmungen in der Popmusik. Der heute 77-jährige ehemalige Miles-Davis-Pianist Herbie Hancock erfindet sich gerade jetzt wieder mit einer stark verjüngten Formation neu, zu der der Saxophonist, Keyboarder und Sänger Terrace Martin aus dem Kreis um Kendrik Lamar gehört. Seine Musik ist so druckvoll und energetisch wie nie zuvor. Er bricht jedoch niemals mit der Tradition, sondern bezieht sie auch in seine jeweiligen Explorationen mit ein. „Herbie ist einmalig auf dieser Welt, das ist Teil seiner Persönlichkeit“, sagt Jason Moran voll Bewunderung, der auch diese neue Richtung seines überragenden Pianokollegen mit Interesse verfolgt. „Das ist z. T. auf seine Eltern, seine Herkunft aus Chicago, sein Ingenieursstudium zurück zu führen, bei dem er lernte die Dinge auseinander zu nehmen und kreativ neu zusammen zu fügen, und das überträgt er auch auf die Erforschung musikalischer Sachverhalte. Er lernte auch bei Miles, dass ein Musiker nie aufhören sollte, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen, bei jeder Wahrnehmung seiner eigenen Musik, also jedes Mal, wenn er ans Klavier geht oder sich an seine Keyboards setzt. Zudem ist Herbie Hancock extrem großherzig im Umgang mit jüngeren Generationen. Er nahm sich immer die Zeit – auch für mich – über Dinge zu sprechen, die er in der Vergangenheit wahrnahm, Dinge, die er wichtig für die Zukunft erachtet. Auch über Fragen, die sich ihm selbst stellen, etwa wo die Leute stehen, was sie im Begriff zu tun sind, sprach er. Dass er sich mit Terrace Martin zusammentat, ist für ihn eine geradezu klassische Erkundung. Und für Terrace ist das Etwas, was ihn für sein ganzes Leben prägen wird.“

Herbie Hancock ist das beste Beispiel dafür, dass man in der Zusammenarbeit mit Musikern jüngerer Generationen Impulse erhält, die man in die eigene künstlerische Aussage einbringen kann. Es scheint so, dass der derzeitige Jazz einen Anstoß in Richtung größerer Energie bestens vertragen kann, seit der Fu­sion Bewegung, die dem Jazz aufgrund der höheren rhythmischen Intensität ein neues Publikum erschloss, ist kein vergleichbarer Energieschub mehr in den Jazz gekommen. Derzeit zeichnet sich eine Rückbesinnung auf eine schwarze Ästhetik ab, etwa bei Kamasi Washington oder in England bei Soweto Kinch. „Es ist immer eine Frage wer spielt und warum er spielt. Eines, was jetzt vielfach vergessen erscheint, ist das Bewusstsein, warum man überhaupt Musik macht. Das betrifft nicht nur den Jazz, sondern es geht auch um die Frage: Warum hören wir heute noch Gustav Mahler, warum gehen wir noch ins Ballett und hören Tschaikowskys Musik? Warum gehen wir überhaupt noch ins Museum und betrachten Skulpturen? Zeitgenössische Künstler müssen sich zwangsläufig diese Frage stellen. Und ich bin mir sicher, dass viele Musiker keinen Grund dafür nennen können, warum sie spielen, es ist einfach ihr Job. Andere Musiker wiederum haben die Erkenntnis, dass die aktuelle Musik immer in Beziehung zu der Kultur des Momentes steht, aber auch zu gesellschaftlichen Entwicklungen des Hier und Heute. Sie stellen sich die Frage wie es mit der globalen Entwicklung bestellt ist und wie ihre Musik diese Entwicklung spiegeln kann.“

Die künstlerischen Äußerungen sind jeweils stark von der Zeit geprägt, in der sie entstehen. Künstler – Musiker vor allem – bezeichnen sich als „Produkt ihrer Zeit“. Wie begründet Jason Moran das Bedürfnis vieler Menschen Musik zu hören? „Musik muss nicht unbedingt erklärt werden, Musik ist eine Ansammlung von Tönen, vergleichbar mit dem Gesang der Vögel. Wenn ein Vogel singt, dann spürt man instinktiv, dass er mit anderen kommunizieren will. Musiker, speziell auch ich, versuchen einen Sound zu erzeugen, mit dem sie mit anderen Menschen kommunizieren können, ohne zuvor eine Erklärung abgeben zu müssen, um was es sich handelt, bevor man die erste Note spielt. So geht es ja schon Jahrhunderte und wir wissen um die Macht der Musik und wir wissen, dass Menschen eine Art Befreiung erfahren, wenn sie mit anderen gemeinsam Musik hören und darauf reagieren.“
Sinn und Zweck der Jazz Education
Über die Musikerziehung und Ausbildung von Jazzmusikern wird heftig diskutiert. Musiker älterer Generationen betonen, dass sie eigentlich auf der Straße mehr gelernt hätten als auf der Universität, andere wiederum mahnen an, dass die jungen Studenten nicht ermutigt werden, ihre eigene Stimme zu finden, um damit selbstbewusst ins Leben hinaus gehen zu können. Jason Moran, Jahrgang 1975 ist das beste Beispiel dafür, welche Früchte eine Jazzausbildung tragen kann. „Es ist durchaus möglich im Rahmen unserer Jazz Education eine eigene Stimme zu entwickeln. Man darf dabei nicht übersehen, dass jeder einzelne Student durchaus etwas zu sagen hat! Die Aufgabe des Lehrers ist das Talent, die potentiellen Möglichkeiten des jeweiligen Studenten zum Vorschein zu bringen, heraus zu fordern. Man kann nicht jedem Studenten alles auf die gleiche Art und Weise vermitteln. Ich hatte großartige Lehrer, die bei mir besondere Charakteristiken im Spiel erkannten, und mir darauf halfen genau das zur Blüte zu bringen. Die Balance, die ich in der Beziehung zu diesen Lehrern erfuhr, bewirkte, dass ich zu dem wurde, was ich heute bin. Ich setze bei meinem Studenten genau da an, mache mir Gedanken darüber, welche Art von Song, welche Songs überhaupt der jeweilige Student hören sollte. So dass er über dieses Wissen verfügt, wenn er seine Lehrjahre abgeschlossen hat. Aber oftmals erkennt man den Sinn und Zweck solcher Schulungen erst später. Die Musik verändert sich, und die Schulen und Universitäten sind nicht allein die Institutionen, an denen man lernt. Jazz lernt man auf der Straße, bei den Jam Sessions, durch die Möglichkeit diesen oder jenen Meister spielen zu hören. Selbst wenn man ein Konzert hört, das einfach schrecklich ist, lernt man viel daraus.“

Ein wichtiger Lehrer von Jason Moran war auch Muhal Richard Abrams, dem er sehr viel verdankt. „Muhal legte den Hauptakzent auf Ideen. Ideen, die dir nicht nur am Klavier in den Sinn kommen, sondern Ideen, die dir in irgendwelchen Momenten in den Sinn kommen und gleich zu einer Art Komposition werden können. Er vermittelte mir aus Ideen, die vielleicht nur aus Intervallen, nur aus Rhythmen oder nur aus mathematischen Gleichungen bestehen, nicht sofort dazu Weiteres auszuarbeiten sondern aus diesen kleinen Ideen heraus langsam etwas zu gestalten. Und es war für mich überraschend, was alles daraus entstehen kann. Er ermutigte mich auch etwas am Klavier zu spielen – was immer mir in den Sinn kam – und dann genau das aufzuschreiben und dadurch meinen eigenen Musikgeschmack zu schulen, durch etwas, das sich langsam anhand verschiedener Strukturen aufbaut und das dann in eine Ordnung gebracht wird, bis es freigelassen werden kann. Heute gehe ich meist von einer Spannung aus und löse sie dann auf. Sehr oft schreibe ich ein Stück anhand rhythmischer oder harmonischer Ideen. Ganz selten ist eine Melodie der Ausgangspunkt für eines meiner Stücke. Da Pianisten in der Regel Harmonien so sehr lieben, sind sie auch fähig daraus eine Melodie zu extrahieren.“

Ein Stück auf Intervallen aufzubauen, ist noch immer eine Herausforderung für Jason Moran. Er ging immer wieder einmal nach diesem Konzept vor. „Ich fordere mich selbst heraus, indem ich nur zwei oder drei Intervalle nehme, das ist für mich eine Art Übung. Und das öffnet sich dann in alle möglichen Richtungen.“

Dass Jason Morans Lehrer, der Pianist Jaki Byard in seinem Haus 1999 ermordet wurde, haben viele auf der Jazzszene nicht richtig wahrgenommen. Der Mord wurde nie aufgeklärt, es gibt kein Motiv, man fand nie seinen Mörder. „Das war für mich und für viele andere eine Tragödie. Auf einmal war mein Lehrer nicht mehr da, das ging alles so schnell, deshalb war es ein besonderer Schock für mich. Ich hatte einen Monat vorher noch mit ihm Kontakt. Das war auch zu einer Zeit, in der ich mich immer stärker in der Szene behaupten lernte und mir immer wieder Gedanken machte, was ich als Nächstes tun würde.“ Moran spielte ein besonderes Tribut-Stück namens „Twelve“. „Jedes Mal, wenn ich ans Klavier sitze, zolle ich Jaki Byard Tribut, vor allem wenn ich solo auftrete, spiele ich immer eines seiner Stücke. Ich verdanke ihm, dass ich mich als Solopianist auf die Bühne wagte, denn er offenbarte mir die Macht dieses Instrumentes.“

Die CD „All Rise“, die eine freudige Elegie für Fats Waller ist, brachte Jason Moran sehr viel Publicity ein. Er zeigte sich mit einer Fats-Waller-Maske, um sein Anliegen – neue Ideen in alte Musik zu bringen – zu verdeutlichen. „Ich konnte damit viel auf Tournee gehen und je älter ich werde, desto mehr wird mir klar, dass ich mich noch intensiver mit Fats Waller und seinen Bands beschäftigen sollte. Es ist mir auch ein Anliegen das Image von Fats Waller als bloßem Entertainer zu korrigieren, gut er besaß die technischen Fähigkeiten so viel Humor ins Spiel zu bringen.“
Vereint Musik und bildende Kunst
Vor Jahren nannte Jason Moran eine seiner CDs „Facing Left“. Damit zeigte er seine Bewunderung für den Maler des Expressionismus Egon Schiele. Später folgte seine Arbeit mit der Multimedia-Künstlerin Joan Jonas und schließlich kreierte er seine eigenen künstlerischen Installationen, u. a. wurden sie 2015 auf der Biennale in Venedig gezeigt. Sein Projekt „Staged!“ begann mit einer Rekreation des legendären Harlem Savoy Ballrooms und des Three Deuces auf New Yorks 52nd Street, einer Heimat für die Pioniere des Bebop. „Meine Eltern waren sehr kunstinteressiert, sie sammelten Kunst. Als ich 1993 nach New York übersiedelte, besuchte ich viele Museen, und bei meinen weltweiten Tourneen besuchte ich weitere Museen, beschäftigte mich auch mit Städten, deren Architektur und Geschichte, und so verstand ich immer mehr von der Geschichte der Malerei und Bildhauerei. Vor einem Dutzend Jahren begann meine Zusammenarbeit mit vielen zeitgenössischen Künstlern und das stieß in mir den Gedanken an, wie ich die Ästhetik des Jazz bildnerisch umzusetzen konnte. Ich nahm dann ganz bewusst die Ästhetik früher Fotos von Jazzkünstlern wahr, die Örtlichkeiten, wo Jazz gespielt wurde. Und dann machte ich mir Gedanken über die Locations, wo ich auftrat, ob das nun das Village Vanguard mit all diesen großartigen Fotos an der Wand des Basements waren, Fotos von Menschen, die ihr Leben der Musik widmeten, die diese verschiedenen Phasen der Geschichte des Jazz spiegeln, die Veränderung dokumentieren. Und dann machte ich mich daran Clubs aus New York mit bildnerischen Mitteln wiederzuleben, ihnen ein neues Leben in der Kunst zu geben. Jetzt arbeite ich an dem dritten derartigen Projekt, einer Nachbildung des Jazzclubs Slugs in New York, wo einst Lee Morgan ermordet wurde. Im nächsten Jahr soll auch dieses ,Stages!-Projekt’ auf einer Ausstellung gezeigt werden. Ich beschäftigte mich mit Schiele, der ein Protegé von Gustav Klimt war, mit Jean-Michel Basquiat und seiner Beziehung zu Fantasy Fotografen. Solche persönlichen Beziehungen, die Künstler oftmals haben, können für beide Seiten äußerst inspirierend sein, das bewirkt weitere Schritte in der künstlerischen Entwicklung.“

Wenn Jason Moran die von historisch wichtigen Jazzclubs, wie z. B. das Slugs in New York als „Kunstwerk“ wieder zum Leben erwecken möchte, dann hat er zwar Fotos von den Clubs und den Musikern, die dort gastierten, aber wie schafft er es mit dem Stückwerk seiner Rekreationen die originale Atmosphäre fühlbar zu machen? „Es ist unmöglich diese Atmosphäre, diesen Geist, der dort herrschte, nach zu empfinden, das ist immer das Gleiche bei den Exponaten in Museen, wenn du ein Gefäß aus dem antiken Griechenland betrachtest, das in einer Glasvitrine ausgestellt ist, dann kannst du es nicht berühren, geschweige denn Wein daraus trinken. Aber wir untersuchen es, erfahren, dass hinter diesem Gegenstand viele Ideen und historische Sachverhalte verborgen sind. Wenn du einen Jazzclub aus seinem ehemaligen Ort verpflanzst, auch die Musiker nicht mehr greifbar sind, dann ist ein solches Objekt vergleichbar mit jedem anderen Kunstwerk in einer Ausstellung. Gut, dann tauchen bei den Besuchern viele Fragen auf. Meine Zielvorstellung ist die, dass man sich Musik dabei vorstellt, auch wenn man sie nicht hört, die Musiker sich vor seinem inneren Auge vorstellt, auch wenn man sie nicht sehen kann. Man kann sich etwa ausmalen wie die Besucher des Jazzclubs bei einem Drink zusammensaßen und Musik hörten.“
Musik für Filme, eigenes Label
Die erste CD unter Jason Morans Namen war „Soundtrack To Human Emotion“ überschrieben. Wahrscheinlich bewog diese Musik die Filmemacherin Ava DuVernay für „Selma“ den Soundtrack von Jason Moran schreiben zu lassen. Auf jeden Fall erwies sich Jason Moran als der geeignete Mann die Musik zu dem 2014 veröffentlichen Film beizusteuern, der den Marsch von Selma nach Montgomery 1965 zum Thema hat, der einen Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung darstellte. Die Filmemacherin war so zufrieden mit dem Soundtrack, dass sie Moran auch wieder beauftragte die Musik für ihren Dokumentarfilm „13th“, in dem es um die Ungerechtigkeiten des amerikanischen Gefängnis-Systems geht, zu schreiben. Er erschien 2016. „Durch sie kam ich in Kontakt mit anderen jungen Filmemachern, die teilweise fürs Fernsehen arbeiten und ich bin sicher der eine oder andere wird auch einmal mit einem größeren Auftrag betraut und gefördert.“

Zusammen mit seiner Frau Alicia Hall Moran hat Jason Moran ein eigenes Plattenlabel gegründet. Sie tauften es YES RECORDS, um ihre positive Einstellung zur Musik und dem Leben zu verdeutlichen. Der Erstling des neuen Labels „Heavy Blue“ stellt die klassisch geschulte Sängerin Alicia Hall Moran in den Brennpunkt eines Jazz-Ensembles. Das Künstlerehepaar bietet seine Aufnahmen via Bandcamp an, ein Portal, das Download-Möglichkeiten plus Playlists zur Verfügung stellt. „Es hat sich für uns gut angelassen und wir sehen, dass auch wirklich der Künstler in den Genuss der Verkaufserlöse kommt. Ich weiß nicht, wie es in Zukunft mit den Vertriebsmöglichkeiten der Musik aussieht. Wahrscheinlich wird immer mehr zum Download angeboten. Ich lade mir auch hauptsächlich Musik herunter, die ich hören möchte, nur ab und zu kaufe ich noch die eine oder andere Platte – ob neu oder alt – in einem Musikgeschäft. Ich sehe, dass junge Leute, Studenten fast ausschließlich nur noch mit Streaming befasst sind. Das System ist stark im Umbruch. Ich werde jetzt schnell nacheinander viele Aufnahmen veröffentlichen. Da gibt es mein Solo-Piano-Konzert, im Herbst wird ein neues Bandwagon-Projekt zum Download angeboten und dann gibt es jetzt auch die Aufnahmen mit Ron Miles und Mary Halvorson ‚Bangs‘. Wir werden weiterhin Platten herausbringen, aber ich bin nicht der richtige Mann, der diese Musik angemessen promoten kann, bislang wird nur durch unsere Website darauf aufmerksam gemacht. Doch es werden sich noch bessere Vertriebsmöglichkeiten ergeben, so dass unsere Musik mehr Beachtung findet.“

Text: Gudrun Endress
Fotos: Matthias Creutziger