Warning: A non-numeric value encountered in /homepages/37/d28949593/htdocs/clickandbuilds/JazzpodiumLive/wp-content/themes/di-basis/functions.php on line 5467

Algorithmen in sensitiv

Thomas Morgan ist kaum redselig, am Kontrabass eher dann / von Adam Olschewski

Morgan, 37, aus Hayward, Kalifornien hat wohl ­inzwischen mit allen bedeutenden Musikern der Gegenwart gespielt. Konstant ist er mit Bill Frisell unterwegs, unter dessen Namen der Bassist gerade „Epistrophy“ (ECM) mit vorlegt, die Fortsetzung der Live-Duos der beiden aus dem New Yorker Club Village Vanguard, deren erster Teil als „Small Town“ 2017 veröffentlicht wurde.

Fraglos sind Sie für das Instrument wie geschaffen, Sie vermitteln Ruhe und Stabilität, und dennoch: Warum der Bass, hätte es nicht ein anderes Instrument sein können?

Ich spielte davor Cello. Als Kind war ich im Jugendorchester. Immer schon spürte ich, dass ich improvisieren möchte. Doch zuerst wusste ich nicht viel über Jazz. Ich habe keinen Jazz gehört, bis ich in ein Musikcamp bin. Ich kam dorthin mit 12, spielte damals elektrischen Bass in einer Bigband, allerdings nur nach Noten. Ich wusste nicht, wie eine bass line geht. An diesem Punkt meines Lebens hörte ich nicht viel Jazz. Doch ein Jahr später schon habe ich einen Jazzmusiker erlebt, der an der Fakultät am Bass tätig war. Ich mochte den Sound des Instruments. Die Freizügigkeit, die darin steckte, gerade wenn man es mit dem Cello im Orchester vergleicht.

War es vor allem Klassische Musik mit der Sie sich mehrheitlich am Cello beschäftigt haben? Zählten dann Leute wie Pablo ­Casals oder Yo-Yo Ma zu Ihren Idolen?

Eigentlich … Ich glaube, eigentlich kam ich nicht weit genug. Ich spielte das Cello ungefähr acht Jahre lang. Doch ich vertiefte mich nicht ausreichend ernst darin, um Vorbilder entwickelt zu haben.

Es gibt ja eine Reihe von Bassisten, die mit dem Cello starteten. Sie sind keine Ausnahme.

Yeah. Bin ich nicht.

Mein Sohn spielt Cello, ist 15 jetzt. Was würden Sie ihm raten, wenn er einen Wechsel vom Cello zu Bass anstreben sollte?

Ich weiß nicht, ob ich ihm sagen kann, was das Beste für ihn ist. Wenn er glücklich ist mit dem Cello, ist es auch schön. Für mich war es die Aussicht aufs Improvisieren, die den Ausschlag gab.

Verwenden Sie Jazz als Begriff, um Ihre Musik zu beschreiben?

Ich schätze, ich sage schon Jazz, denke aber nicht allzu sehr an das Wort.

Sie sind auf der Bühne ein guter Zuhörer, das merkt man. Keine Vorbilder also am Cello, aber Ray Brown mochten Sie dann schon. Sie hatten Unterricht bei ihm …

Ray Brown war mein größtes Leitbild. Eigentlich hatte ich nur kurz Unterricht bei ihm. Als Student an der Manhattan School of Music noch. Er war auch dort. Ich weiß gar nicht, ob er regulär unterrichtete, fest dort angestellt war. Könnte sein. Ich habe ihn nach Stunden gefragt. Ich habe einige Male gefragt, doch war er zu beschäftigt. Aber dann hatte er doch Zeit.

Was riet er Ihnen denn?

Er sprach nicht viel. Er steckte viel Energie ins Begleiten sowie in das Solospiel. Er sprach über Sound, den man auf dem Bass erzeugen kann. Wie man einen vollen Sound herstellt. Hauptsächlich über seine Linke und den Druck, den er gebrauchte. Er sprach über Balance. Darüber, dass man die aufsteigenden Linien genauso oft nutzen sollte wie die absteigenden, so dass es einfach und natürlicher wird am Bass, wenn man Pizzicato spielt. Er sprach darüber, die Obertöne manchmal zu vermeiden, wenn man einen gleichmäßigen Sound erhalten möchte. Und wir spielten einige Stücke zusammen. Wir spielten gemeinsam „Take the A Trane“.

Das war schon jede Menge für eine kurze Unterrichtsstunde.

Ja, es war unglaublich großartig, auch nur im gleichen Raum wie er zu sein. Seinen Sound so nahe bei sich zu haben, ihn sprechen zu hören. Das war jemand, zu dem ich wirklich aufschaute. Dessen Musik ich intensiv wahrgenommen habe.

Hatten Sie sich mal in Wilbure Ware vertieft. Da könnte es im Sound Ähnlichkeiten geben.

Auch ihn mag ich sehr. Er ist toll.

Denken Sie noch an Ray Browns Worte, wenn Sie spielen? Oder haben Sie seine Hinweise einfach verinnerlicht?

Ja. Gelegentlich gibt es schon einen Gedanken an ihn. Doch ich weiß nicht so recht … Denken während man spielt… Es ist etwas, dass manchmal passiert, aber… Im Idealfall befindet man sich in einem Zustand des Flows und denkt an gar nichts.

Was ist denn das Wichtigste für einen Bassisten, dem Flow zu folgen, den Musikern um einen auf der Bühne aufmerksam zuzuhören?

Denke schon. Yeah.

Was ist das Besondere an der Konstellation von Bill Frisell und Ihnen? Es muss etwas geben, alleine wenn man Ihre Duo-Platten hört …

Sein Sound. Der Reichtum darin. Nuancen. Der Sound ist ja das detaillierteste Ding in der Musik. Und wenn man über einen Reichtum an Details verfügt, dann will man all das sichtbar machen und das Beste herausholen. Auf jedem Level. Bill hat ein dermaßen uferloses Wissen in Musikdingen, so dass man sich mit ihm fühlt, als wäre alles möglich. Das bringt einen dazu, das Beste aus sich herauszuholen. Um die Möglichkeiten so gut wie nur denkbar zu erkunden.

Sind Sie neugierig? Sie sind in so vielen Konstellationen daheim. Offenbar suchen Sie geradezu das Abenteuer, neue Regionen, Herausforderungen.

Yeah. Wenigstens neu für mich. Ich meine … So viel in der Musik wurde bereits getan, wurde bereits gefunden … Doch es kann sicher noch mehr getan werden, wovon ich nichts weiß. Ich schätze, es ist endlos.

Können Sie den Zustand beschreiben, Flow, wie fühlt es sich an? Haben Sie Worte ­dafür?

(Schweigen.
Eine Minute?)

Ich weiß nicht, aber es gibt da ab und zu Zeiten, wo man nicht weiß, woher eine Idee stammt. Kam sie von einer Person, kamen mehrere Leute gemeinsam darauf? Im Flow scheint es, dass man etwas auf der Spur ist, man steckt tief in dem, was gerade passiert ist, in einem Gefühl …

Wie bereits erwähnt: So viele Projekte, so viele unterschiedliche Bands, denen Sie angehören. Gehen Sie auch bei der Projektauswahl mit dem Flow?

(Langes Schweigen. Eine Minute? Anderthalb?)

Eine der Fragen wäre, wieviel ich von der Erfahrung lernen kann. Bis zu einem gewissen Grad scheint es so, als ob Dinge einen bestimmten Weg von alleine nehmen. Leute finden zusammen, weil das Timing stimmt.

Sie beeinflussen Dinge also nicht, lassen es fließen?

Ich schätze, wenn das Timing stimmt und es mir musikalisch vielversprechend erscheint, dann begleite ich es, gehe mit. Es ist auch schön, über eine Vielfalt an Kontexten fürs Spielen zu verfügen. Man kann unterschiedliche Regionen mit unterschiedlichen Leuten erforschen.

Das heißt, Sie lernen von all jenen Leuten mit denen Sie zusammenarbeiten?

Yeah, das ist es. Das ist das entscheidende Kriterium.

Versuchen Sie sich auch mal als Leader?

Ich tue ja unterschiedliche Dinge, bin gut beschäftigt mit meiner Rolle als Sideman. Manchmal schreibe ich auch mit Hilfe meines Computers Musik. Schreibe Algorithmen, die Musik erzeugen. Doch noch habe ich nicht herausgefunden, was ich damit tun möchte.

Aber es gab doch schon auch Auftritte als Leader, wie fühlten die sich an?

Es gab einige Auftritte. Die fordern einen schon. Von diesen Auftritten nehme ich Ideen mit, woran ich zukünftig weiterarbeiten soll. Aber es scheint noch immer ein hartes Stück Arbeit zu sein, dorthin zu gelangen, wohin ich möchte.

Gibt es für Sie ein Leben abseits von Musik?

Das Programmieren von Computern. Doch auch das steht meist in Beziehung zur ­Musik. Ich versuche Japanisch zu handeln, weil meine Frau Japanerin ist. Ich lerne die Sprache seit längerer Zeit. Kann sie leider nicht ausreichend. Konzentriere mich jedenfalls mal auf was anders. Ich zeige eine Seite von mir, wenn ich mich damit beschäftige, und eine andere Seite, wenn ich ­jenes tue.