Nach 25 Jahren Abschied
von der NDR Bigband

Christof Lauer

Christof Lauer ein Querulant? Wenn man dem Saxophonisten begegnet, lernt man seine ruhige, unaufgeregte Art schnell zu schätzen. Doch immer wieder scheint etwas durch, was den Entdeckergeist und den hohen Anspruch an das eigene Spiel und das seiner Mitmusiker mitschwingen lässt. Immer wenn Lauer in den vergangenen 25 Jahren in der NDR Bigband Platz nahm konnte man sicher sein, dass hier jemand mit voller Leidenschaft, aber auch kritischem Geist Musik präsentiert. Wenn er dann aufstand und solistisch ins Scheinwerferlicht trat, waren die letzten Zweifel verschwunden: Hier kehrte ein Musiker sein Innerstes nach außen, wurde eins mit der Musik, die um ihn herum erklang.
Mit 65 Jahren scheidet Christof Lauer zum Jahresende aus der NDR Bigband aus. Mit einem ­eigens von Chefdirigent Geir Lysne für ihn (und seinen Mitstreiter Stefan Lottermann) komponierten Konzert wird ein ganz besonderer Abschied gewürdigt.

Als Christof Lauer 1993 zur NDR Bigband stieß, ließ dies aufhorchen. Der Saxophonist gehörte mit Anfang 40 damals schon zu den profiliertesten Vertretern seines Instruments in Deutschland und Europa. Er hatte sich u.a. in der Gruppe „Voices“ mit Ralf Hübner, Bob Degen und Heinz Sauer seine Meriten erworben, das Joachim Kühn Trio zu einem feurigen Quartett erweitert, war Mitglied in Uli Beckerhoffs „Riot“, und hat mit dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks diverse Kleinodien eingespielt. Lauers Engagement beim NDR läutete einen Wechsel ein, der für ein öffentlich-rechtliches Ensemble bemerkenswert war: „Es war damals die Perspektive von Dieter Glawischnig und Wolfgang Kunert, dass sie eine Art ‚Vienna Art Orchestra‘ kreieren wollten. Das klang sehr ambitioniert, und daraufhin habe ich dann ‚Ja’ gesagt. Der Plan war, dass Leute geholt werden, die diese Auffassung auch vertreten haben, und damals schon einen guten Namen hatten, wie z. B. Rainer Winterschladen. Dazu kamen dann auch junge, kreative Leute, wie Peter Bolte usw. Das es dann 25 Jahre für mich werden, war nicht absehbar. Das spricht für den NDR, spricht für die Band.“

Die Gemeinsamkeiten mit dem damaligen Chefdirigent Dieter Glawischnig, den Lauer noch aus seiner Grazer Studienzeit kannte, halfen hierbei sehr: „Als der Wandel dann sichtbar wurde, haben viele meine Entscheidung besser verstanden. Es hat sicher auch nicht allen geschmeckt. Aber viele fanden gut, dass eine Veränderung stattfindet, und jemand kommt, der das mitgestalten wollte. Und in der Band fanden das, glaube ich, auch einige ganz gut, weil ich dann ja so ein bisschen der Querulant war!“

Es war damals schon offensichtlich, dass Christof Lauer nicht zum Musikbeamten taugte, und so ist es über all die Jahre geblieben. Dieter Glawischnig und der damalige Leiter der NDR-Jazzredaktion, Wolfgang Kunert, bauten um Christof Lauer jene Band auf, die heute als das herausragende Beispiel für ein Orchester von profilierten Solisten gilt, die gemeinsam anspruchsvolle Projekte angehen, welche die individuellen Stimmen genauso berücksichtigen, wie den Gesamtsound. Im Laufe der Jahre kamen (nur um wenige Beispiele zu nennen) der Trompeter Claus Stötter, die Posaunisten Stefan Lottermann und Dan Gottshall, und der Pianist Vladyslav Sendecki in die NDR Bigband.

Um Christof Lauer formierte sich zudem ein Saxophonsatz, der sehr unterschiedliche Charaktere und musikalische Spielansätze vereinigte: die beiden Altsaxophonisten Peter Bolte und Fiete Felsch, sowie der 2016 viel zu früh verstorbene Tenorsaxophonist Lutz Büchner (und seit einiger Zeit nun auch Frank Delle am Baritonsaxophon). „Mit Lutz hatte ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Wir haben uns sehr gut verstanden und ergänzt. Mit ihm habe ich am meisten persönlichen Kontakt gehabt.“

Für den Alltag war es wichtig, dass die Chemie stimmte. Für Christof Lauer gilt dies besonders, da er sich selbst auch nicht als ausgewiesener BigBand-Musiker sieht: „Außer, dass ich manchmal irgendwo ausgeholfen habe, war die NDR Bigband ja meine erste Big Band. Als ich dazu kam, war ich etwas über 40. Ich besitze zwar eine Flöte und Klarinette, zum Glück wurden die verschiedenen Arrangeure aber auf mein doch sehr limitiertes Angebot an diesen Instrumenten hingewiesen. Es hat halt jeder seine Qualitäten gehabt. Der eine liest eben die Noten doppelt so schnell wie ich, dafür hat er solistisch eine andere Ausrichtung. Das hat sich eigentlich ganz gut ergänzt. Und wenn es bei einem mal gehakt hat, gab es nie Stress untereinander. Solistisch waren wir ganz verschieden ausgerichtet, es war untereinander kein Problem ein Solo, bei dem man sich nicht so wohl gefühlt hat, zu tauschen. Das war nie verbissen, und diese Offenheit macht die Band ja immer noch aus.“

In den 25 Jahren hat Christof Lauer mit einer Reihe profilierter Arrangeure, Komponisten und Solisten zusammengearbeitet. Hervorheben möchte er da eigentlich keinen: „Da gab es so viele! Ich habe u.a. sehr gerne mit Dieter Glawischnig und Michael Gibbs, Tim Hagans, Maria Schneider und Carla Bley gearbeitet. Colin Towns brachte oft verrücktes Zeug mit. Gute Sachen. Und mit Rainer Tempel habe ich wunderbar zusammengearbeitet. Steve Gray hat unglaubliche Musik geschrieben, auch wenn das nicht immer meine Welt war.“

Die Frage, ob ihn sein Engagement in Hamburg in seiner solistischen Karriere behindert hat, verneint Christof Lauer deutlich. „Ich muss wirklich hervorheben, dass man hier außerhalb der Band meine eigenen Projekte machen konnte, und der NDR mir hier keine Steine in den Weg geworfen hat. Diese Freiheit haben alle in der Band, denn der Input, der dadurch von außen in die Band kommt, ist immer wichtig.“

Lauer konnte in seiner Zeit beim NDR sowohl seine Duoprojekte mit den Pianisten Jens Thomas und Eric Watson verwirklichen, als auch u.a. mit dem United Jazz + Rock Ensemble, dem Albert Mangelsdorff Quintett, seinem eigenen Trio und Quartett tätig sein, beim ACT-Label eigene Projekte durchführen, wie zuletzt 2014 einen Tribute an Sidney Bechet, sein bislang einziges Projekt, an dem auch die NDR Bigband beteiligt war: „Es hat sich in den letzten Jahren herausgebildet, dass auch Projekte von einzelnen Bandmitgliedern realisiert werden. Das war vorher mehr auf das Kollektiv ausgelegt. Man spricht ja auch immer von der ‚Solistenband‘, wenn man die NDR Bigband erwähnt.“

Für seine Abschiedskonzerte am 13.-15. Dezember hat ihm nun der aktuelle musikalische Leiter, Geir Lysne, mit dem Lauer das erst Mal im Jahre 2003 anlässlich der Aufnahme zu seiner CD „Heaven“ zusammengearbeitet hatte, ein eigenes Konzert geschrieben. „Das war so ein bisschen meine Idee, denn ich wollte kein klassisches Abschiedskonzert haben, wo dann die ,Greatest Hits‘ gespielt werden und so. Das brauche ich überhaupt nicht. Wenn schon ein Abschiedskonzert, dann etwas Neues, eine Uraufführung. Ich habe Geir gefragt, ob er sich vorstellen könnte, für mich ein Konzert für Posaune und Saxophon zu schreiben. Er war begeistert. Wir haben dann über die Konzeption gesprochen, aber kompositorisch ist das von Anfang bis Ende seine Musik.“

Wichtig war Lauer, dass mit Posaunist Stefan Lottermann ein weiterer für ihn hervorragender Musiker mit in den Fokus rückt: „Ihn wollte ich unbedingt dabei haben. Er ist einfach ein außergewöhnlicher Posaunist, der hier in der Band manchmal etwas ‚zu kurz‘ kommt. Wir kennen uns schon lange, und kommen ja fast aus derselben Stadt. Er sagt immer, er käme aus Frankfurt-Ost, meint aber Offenbach!“

Was die Zuhörer musikalisch erwartet möchte Christof Lauer nur andeuten, da die Proben ohnehin erst Anfang Dezember beginnen. „Geir Lysne kommt aus dem Norden, und hat eine sehr eigene, unverwechselbare Klangästhetik und Kompositionsweise. Ich denke, dass die Musik davon sehr beeinflusst ist – gepaart mit den zwei Stimmen, die wir dazu beitragen. Es wird eine richtige Konzertform sein, ein Bogen wie bei einem klassischen Klavier-, Violinen- oder Cellokonzert.“

Und danach? Die Programmankündigung erahnt einen „bewegten Ruhestand“. Lauer schmunzelt, wenn er an die Zeit nach der NDR Bigband denkt: „Ob ich mehr Ruhe habe, weiß ich nicht. Aber dass es weiter geht mit verschiedenen musikalischen Sachen, steht außer Frage. Es gibt einige Perspektiven. Langweilen werde ich mich bestimmt nicht.“

Text: Thorsten Meyer
Foto: Harald Dayot

Abschiedskonzert Christof Lauer mit der NDR Bigband, Ltg. Geir Lysne
13./14.12.2018 im Rolf-Liebermann-Studio, Hamburg, sowie am 15.12.2018 im Funkhaus Hannover