Siegfried Schmidt-Joos

Mein Freund Rolf Kühn

„Jazz: Wo das Leben noch Lust, Leid und Risiko ist und nicht vom Staat geschützte
Gleichförmigkeit und Langeweile (Improvisation = Freiheit, Risiko, Wagnis).“  Friedrich Guld

Zu einer Geburtstagsparty trug er unlängst bescheiden einige auf dem Instrument virtuos geblasene Vignetten aus dem Great American Songbook bei und entzückte damit die Gäste: „It´s only a paper moon“, „I can´t get started“, „Memories of you“. Zur Beisetzung von Kathrins Mutter, unserer Nanni, auf einem kleinen Friedhof in Berlin-Halensee im engsten Familienkreis spielte er Benny Goodmans Ballade „Goodbye“ derart herzergreifend, dass in der Friedhofskapelle die Tränen flossen.

Ich bin sehr froh über diese Nähe. Über die Jahre hat sich unsere Freundschaft so entwickelt, dass kaum eine Woche vergeht, in der wir uns nicht sehen oder zumindest miteinander telefonieren. Immer gibt es etwas auszutauschen, etwas abzustimmen, etwas zu erzählen. Unsere gemeinsamen Interessen betreffen nicht nur den Jazz (diesen in erster Linie), aber auch zur deutschen und internationalen Musical-Szene, zu den Premieren am Broadway und am Londoner West End, zu Film, Literatur und Politik finden wir meist zu gleichen oder ähnlichen Einschätzungen und Perspektiven. Es ist die Neugier, glaube ich, die uns am meisten verbindet. Ich bewundere ihn sehr. Rolf Kühn gehört unangefochten zu den vier bis fünf besten Jazz-Klarinettisten der Welt.

Er habe das Pech gehabt, bescheinigte ihm schon 1960 Leonard Feather in seiner Jazz-Enzyklopädie, zu einer Zeit auf der Szene erschienen zu sein, als das von ihm gewählte Instrument unwiderruflich aus der Mode geraten sei: „Wäre das nicht geschehen, gehörte er heute mit Sicherheit zu den ganz großen Namen des Jazz.“ Ein halbes Jahrhundert später resümierte der Leipziger Kritiker und Festival-Impresario Bert Noglik: „Rolf Kühn zählt zu den wenigen stilprägenden Solisten auf seinem Instrument. Wer immer heute an Jazz-Klarinettisten von Weltklasse denkt, wird unweigerlich auch an Rolf Kühn denken.“

Das Instrument habe seine Popularität vor allem deshalb eingebüßt, erläuterte mir Rolf Kühn vor Jahrzehnten in meinem ersten professionellen Gespräch mit ihm, weil es so schwer zu spielen sei: „Deshalb gibt es so wenige, die erreichen, was man von diesem Instrument fordern muss – in erster Linie einen gleichmäßig angenehmen Ton in allen Registern.“ Buddy DeFranco sei der einzige moderne Virtuose, dem das gelang. Leonard Feather sollte später diese Feststellung erweitern: „Ich würde sagen, Rolf Kühn ist der Erste nach Buddy DeFranco.“
Ein seltsames Copyright
Das erwähnte Telefoninterview mit Rolf wurde im Oktober 1962 geführt, liegt nun also ebenfalls mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Der Hamburger Rechtsanwalt und Musikverleger Alfred K. Schacht hatte mich in meinem Redaktionsbüro bei Radio Bremen angerufen: „Kennen Sie Rolf Kühn?“
Ich sagte: „Ja, aber nicht persönlich.“
„Er ist nach seinem großen Erfolg in Amerika nun wieder in Deutschland und bei mir im Studio. Und kennen Sie auch Klaus Doldinger?“
Ich kannte den Saxophonisten, Klarinettisten und Pianisten seit 1955 vom Düsseldorfer Amateur Jazz Festival und wusste, dass er längst für eine Langspielplatte gut war.
Schacht: „Nun, die LP wird ‚Rolf Kühn Featuring Klaus Doldinger‘ heißen, und Sie schreiben dazu die Liner Notes!“
„Na, dann schicken Sie mir mal das Band!“

Als ich die Aufnahmen abhörte, fiel mir zuerst die seltsame Copyright-Liste auf. Nur eines der zwölf Stücke stammte von Rolf Kühn, kein einziges von Klaus Doldinger, und wo sonst die Komponisten von Jazz-Standards wie George Gershwin, Harold Arlen, Cole Porter oder Irving Berlin genannt wurden, standen die Namen von Musikschaffenden aus deutschen Rundfunkanstalten mit nicht immer zweifelsfreiem Jazz-Renommee. Ich hatte kurz zuvor ein Buch über „Geschäfte mit Schlagern“ veröffentlicht und war für derlei Absonderlichkeiten – sagen wir mal – sensibilisiert.

Da die Programmgestalter in deutschen Sendern nur eine limitierte Anzahl eigener Kompositionen pro Monat einsetzen durften, war es damals ganz üblich, dass beispielsweise der Rundfunkredakteur in Hamburg die Schlager des Kollegen in Köln oder München sendete und umgekehrt. Nach einer Enthüllungsgeschichte im Magazin „stern“ nannte man diese Methode damals in der Branche „Old Boy`s Network“. So hatte wohl auch Alfred Schacht kalkuliert: Wenn einer dieser Tonsetzer in den Funkanstalten den Titel eines Kollegen von derselben LP einsetzte, bewarb er die ganze LP und damit auch sein eigenes Copyright.

Auf Anhieb erschien mir das anrüchig, doch je länger ich mir die Aufnahmen anhörte, desto mehr wich mein Vorurteil hohem Respekt. Gewiss war Rolf Kühns Titel „Butterfly“ mit seinem umwerfenden Basie-Touch das stärkste Stück der Platte, aber auch alle anderen Kompositionen genügten durchaus den Ansprüchen, die man an gute Swing-Nummern stellen musste. Und was Rolf Kühn auf der Klarinette, Klaus Doldinger auf dem Tenorsax und Ingfried Hoffmann an der Hammond-B3-Orgel mit den enorm swingenden holländischen Rhythmikern Herman Schoonderwalt, Bass, Cees See, Drums, dazu improvisierten, ließ keine Wünsche offen. War es daher nicht eine glänzende Idee, ein dem „Old Boy´s Network“ ähnliches Marketing auch einmal für den Jazz anzuwenden?

In meinem LP-Begleittext schrieb ich: „Rolfs Klarinettenstimme verbindet sich hier mit Klaus Doldingers Tenorsaxophonklang und den Orgelkaskaden von Ingfried Hoffmann zu einem Sound, wie es ihn in Deutschland bisher nicht gegeben hat… Ihre Musik lebt aus der gleichen musikantischen, gelösten Session-Mentalität, die etwa die Chorusse von Shirley Scott oder Eddie ‚Lockjaw‘ Davis in Count Basies Bar in New York auszeichnet, ohne dass hier wie da der Sinn für Form verloren ginge… In allen Stücken dieser Musiker dominiert der Grundeindruck der Spielfreude und des musikalischen Witzes. Dies ist moderner Jazz auf hohem künstlerischem Niveau, der sich gleichwohl nicht allzu schwer nimmt und seine Tanzbarkeit erhalten hat.“

Als das Album „Rolf Kühn feat. Klaus Doldinger“, ursprünglich auf dem Label Brunswick erschienen, 2009 von Universal Music als CD wiederveröffentlicht werden sollte, bat mich Rolf abermals um Liner Notes. Ich antwortete mit dem Gegenvorschlag, den Original-LP-Hüllentext, extra so ausgewiesen und inhaltlich unverändert, noch einmal zu drucken. Denn nicht nur die Musik, sondern auch die dazu gehörigen Liner Notes sind ja ein Stück Zeitgeschichte, die zeigen, was wir damals von der Musik dachten und wie wir sie empfanden.

Im Unterschied zu Klaus Doldinger und mir, beide 1936 im Abstand von nur drei Wochen geboren und noch am Anfang unserer beruflichen Laufbahn, hatte Rolf Kühn vor einem halben Jahrhundert die erste Etappe seiner Jazz-Karriere bereits hinter sich und erfreute sich internationaler Reputation.
Artistenkind: Einhundert Flickflacks pro Tag
Er war am 29. September 1929 in Köln zur Welt gekommen. Sein Vater, der Zirkusartist Kurt Kühn, war dort im Engagement, hatte sich in eine charmante, vollschlanke Kaufhaus-Kassiererin verliebt und kurz darauf geheiratet. Sie hieß Grete Moses und war jüdischen Glaubens. Kurt sah darin 1928 keinerlei Problem. Grete trug den damals modischen dunklen Pagenkopf und blieb mit ihren prallen Formen bis ins hohe Alter hinein attraktiv. In der Familie und bei Freunden hieß sie nur „die Mama“.

Bald nach der Hochzeit und Rolfs Geburt zog es Kurt Kühn zurück nach Leipzig, wo er sich im Krystall-Palast, Leipzigs größtem Varieté in der Nähe des Bahnhofs, beruflich zuhause fühlte. Im proletarisch-kleinbürgerlichen Stadtteil Lindenau, Lützner Straße 19, fand sich eine Wohnung.

Erst sehr spät hat uns Rolf von seiner angstbesetzten Kindheit in diesem Eckhaus Lützner und Siemeringstraße erzählt. Kathrin und ich gestalteten 2006/2007 beim Kultursender Figaro des Mitteldeutschen Rundfunks eine Folge von Live-Sendungen über die Geschichte des Musicals und luden den Freund ein, uns für das Thema „Musicals in Deutschland“, das er als musikalischer Direktor im Berliner „Theater des Westens“ wesentlich mitgestaltet hatte, als prominenter Zeitzeuge ins Studio zu begleiten.

Wir fuhren – mit Rolfs Frau Melanie zu viert – in seinem bequemen Mercedes nach Halle/S und übernachteten nach der Sendung in einem gemütlichen, dem MDR-Hörfunk benachbarten Hotel direkt an der Saale. Am nächsten Vormittag würde ich ihm die historischen Jazz-Stationen meiner inzwischen vorbildlich renovierten Universitätsstadt zeigen, für den Nachmittag war eine Zeitreise in das heute immer noch unter den Spätfolgen des real existierenden Sozialismus leidende Leipzig-Lindenau seiner Jugendjahre geplant.

Schon bei der Hinfahrt im Auto erschloss sich uns eine bunte, vielgestaltige Zirkuswelt. Rolfs Vater Kurt und dessen Bruder Arthur waren in den großen deutschen Zirkussen und Varietés zunächst als die Kühnen Brüder, später international als die Kuhn Brothers aufgetreten. In Fußballtrikots gekleidet, balancierte Kurt einen Ball auf dem Kopf, auf dem Arthur einen Kopfstand vollführte.

Rolf: „Das funktionierte natürlich nur mit einem Trick. Der Fußball hatte kleine, unsichtbare Ausformungen für die Köpfe, sonst wäre er abgerollt. In einem späteren artistischen Akt traten sie als Radioboys auf. Dazu trugen sie hellgraue Knickerbocker aus Flanell, englische karierte Strümpfe und dunkelblaue Jacketts mit Goldknöpfen, als würden sie gerade von einem Sportclub kommen. Sie standen dabei wieder Kopf auf Kopf, diesmal mit einem spielenden Radiogerät dazwischen, so machten sie ihre Kunststücke. Es war immer ein großartiger Erfolg, und das Publikum tobte.“

Bevor Rolf in die Schule kam, begleiteten Mama und er den Vater oft auf seinen Reisen: „Meine Eltern fuhren in einem schönen alten Ford, und meine Mutter war immer elegant gekleidet. Im Zirkus gab es immer diese besondere Atmosphäre. Das Stimmengewirr aus allen Sprachen hinter der Bühne, die Kostüme, die Masken, das Publikum und die Musik. Die Kinder der Artisten sprachen alle drei oder vier Sprachen, konnten sich kolossal verbiegen, balancieren und jonglieren.“

Von Anfang an stand für Rolf Kühn fest, dass er ebenfalls Artist werden würde. Im zarten Alter von vier Jahren fing sein Vater an, ihn zu trainieren. Später kam, bei einem Kollegen des Vaters, Akrobatik in Form von Salto und Salto rückwärts aus dem Stand, den so genannten Flickflacks, hinzu: „Ich musste dann jeden Tag einhundert Flickflacks machen, bis ich es konnte. Das hat etwa vierzehn Tage gedauert.“ Bei einem Engagement in Kattowitz, Oberschlesien, durfte er als Kind dann schon mit seinem Vater auftreten, als der Onkel einmal krank gewesen war.

Dann meinte der Vater, dass es gut wäre, wenn der Junge auf der Bühne ein Musikinstrument spielen könnte. Also bekam Rolf mit etwa fünf Jahren Akkordeon- und dann auch noch Geigenunterricht: „Das habe ich gehasst. Geige zu üben war entsetzlich, und ich habe mich durch die Stunden gequält.“
Bei dieser Geschichte konnte ich nur beifällig nicken, denn ich hatte in der Geigenstunde bei Fräulein Grunert dieselbe Erfahrung gemacht. Rolf bekam später auch noch Unterricht auf einem eigenen Saxophon, ich leider nicht.

Wir saßen mittlerweile bereits in einer kleinen Konditorei gegenüber dem Haus Lützner Straße 19 in Leipzig-Lindenau, und auch die Stimmung seiner Erzählung hatte sich geändert: „Die Nazizeit hat mich natürlich geprägt, auch im Durchhaltevermögen. Die Kindheit war begleitet von dem ständigen Druck der Angst vor dem Ungewissen… Wir sahen ja, dass jüdische Freunde, Nachbarn, Bekannte und Familienangehörige plötzlich verschwanden. Man war nur noch in Warteposition, was als Nächstes passiert.“
„Der Verrückte, der täglich acht Stunden übt“
Ein Protokoll der Ereignisse: In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 schlägt ein Nazi-Mob das Tabakgeschäft seiner Eltern kurz und klein. Vater Kurt, der sich weigert, sich von Grete scheiden zu lassen, fliegt aus der Reichstheaterkammer und darf nicht mehr auftreten. Er wird in einem Arbeitslager der Organisation Todt zu schwerer körperlicher Arbeit bei karger Kost interniert.

Um Rolf und seinen am 15. März 1944 geborenen Bruder Joachim wenigstens einigermaßen sättigen zu können, verkauft Mutter Grete Stück für Stück ihren wertvollen Schmuck. Im Winter 1944 kündigt ihr die Gestapo die bevorstehende Überstellung ins Konzentrationslager Theresienstadt an. Eine Intervention des Vaters an seinem Besuchswochenende bei einem hohen Gestapo-Offizier kann die Deportation noch einmal verzögern.

Rolf trägt im Alter von dreizehn Jahren bereits zur Finanzierung des Haushalts bei, indem er für kleines Geld bei bis zu vier Beerdigungen pro Tag Harmonium spielt; fürs Sargtragen gibt es fünfzig Pfennige extra. Von Klassenkameraden zunächst als Judenjunge oder gar als Judenschwein beschimpft, ist es mit der Schule bald zu Ende. Das Verbot, Judenkinder zu unterrichten, ist auch für seine beiden Privatlehrer lebensgefährlich, aber Hans Berninger, Erster Klarinettist des Leipziger Gewandhaus-Orchesters, und der berühmte Musikpädagoge Arthur Schmidt-Elsey, der ihm Klavierstunden und Theorieunterricht gibt, glauben an ihn. Zwei Mal wöchentlich ist der Junge mit der Straßenbahn auf der langen Strecke zum Völkerschlachtdenkmal, wo Schmidt-Elsey wohnt, unterwegs. Dann kommen die Amerikaner.

„Ich wünschte nur“, bekannte Rolf Kühn 2006 in einem Interview, „ich wäre damals ein bisschen fleißiger gewesen. Auf der Klarinette habe ich nämlich nur einmal die Woche geübt, eine Stunde, bevor ich zum Unterricht gegangen bin.“ Wer ständig erlebt, wie der Klarinettist auch heute noch täglich – in Berlin im derzeit selten benutzten Studio 10 des alten RIAS-Gebäudes – stundenlang praktiziert, kann das kaum glauben. Denn schon unmittelbar nach Kriegsende, als sich die ersten Jazzmusiker in Leipzig zu Combos zusammenfanden, war sein Klarinettenspiel perfekt.

Thomas Buhé, später erste Gitarreninstanz der DDR, war damals von dem siebzehnjährigen Klarinetten-Virtuosen „geradezu geschockt“. Buhé in seiner Autobiographie: „Er war in der Waldstraße bekannt als der Verrückte, der täglich acht Stunden übt… Nun sollte ich blutiger Anfänger als Gitarrist mitwirken, denn mit der Klarinette traute ich mich nicht mehr, einen einzigen Ton zu spielen, seit ich Rolf Kühn gehört hatte.“

Die Entscheidung für das Instrument fiel in Rolfs dreizehntem Lebensjahr. Er hörte im Radio die Swing-Gruppe des Akkordeonspielers Albert Vossen mit einem Solo-Klarinettisten: „Dieser besondere, fließende Ton begleitete mich auf meinem Weg und ließ mich nicht mehr los.“ Sein erstes Engagement fand er 1946 bei der Hans Teuscher Band im ersten Etablissement, das nach dem Krieg in Leipzig wieder zum Tanz aufspielen ließ. Es hieß Römisches Haus und befand sich am Peterssteinweg im ersten Stock.
Dort wies ihm die Pianistin Jutta Hipp die Richtung zum Jazz: „Eine junge Dame kam rein. Ganz aufgetakelt, knallrote Haare bis zum Po. Ein rotes Käppi, auffällig geschminkt – die passte überhaupt nicht in die Nachkriegszeit. Sie sagte: ‚Du spielst ja ganz nett, aber besuch mich mal, ich habe da eine Platte.‘ Es war ‚Hallelujah‘ von Benny Goodman. Ich kannte damals noch nicht mal den Namen. Ich wusste: Das ist es, was ich wirklich können will.“

Im Römischen Haus hörte ihn auch Kurt Henkels zum ersten Mal und verpflichtete ihn als dritten Altsaxophonisten und Akkordeonisten für sein beim Sender Leipzig in Gründung befindliches Orchester. Kurze Zeit später war dieser „lebhafte, besessene Klarinettist, der spielte wie Benny Goodman und hoch gesteckte Ziele hatte“ (so noch einmal Thomas Buhé), eines der Kraftzentren der Henkels-Band.

Rolf Kühn war es, der den Drummer Fips Fleischer an Henkels vermittelte. Er sorgte dafür, dass amerikanische Original-Arrangements von 78er Schallplatten abgeschrieben wurden, die er aus der Sammlung von „Hot-Geyer“ Kurt Michaelis ausgeliehen hatte. Er arrangierte selbst Glanznummern des Henkels-Repertoires wie Woody Hermans „Apple honey“ oder den Evergreen „On the sunny side of the street“ und trug mit „Rolly´s Be Bop“, in dem er auf Altsaxophon und Klarinette brillierte, die schnellen Läufe des Dizzy Gillespie Orchesters in die Band.

Wo immer in den Jahren 1947 bis 1949 im Bereich der Sowjetischen Besatzungszone gejammt wurde, war Rolf zur Stelle – im Dresdener Lindengarten ebenso wie in der West-Berliner Badewanne oder in Hans Blüthners Hot Club Berlin Sessions an der Kantstraße. Er habe sich „in kürzester Zeit zu einem der ersten Solisten Deutschlands entwickelt“, schrieb die „Melodie“ (8/1948, S. 5) und druckte sein Porträt. Die Plattenmarke Amiga heuerte ihn für ihre „Star Band“-Aufnahmen an.

Rolf Kühn hatte inzwischen so ziemlich alles, was er erstrebte. Weshalb also setzte er sich 1949 in den Westen ab? „Aus musikalischen Gründen“, antwortete er mir einmal auf eine entsprechende Frage. Dabei aber spürte ich eine tief eingebrannte Abneigung gegen engstirnige Funktionäre und ihre jegliche Individualität ausgrenzende Politik. Mit der Gründung der DDR im Oktober 1949 hatten in Ostdeutschland die gleichen – diesmal rot eingefärbten – Karrieristen, Spießer und Intriganten das Kommando übernommen, die ihn als Heranwachsenden – in Braun – schon einmal traumatisiert hatten. Kühn verließ das Kurt Henkels Orchester und ging, verkürzt dargestellt, zur RIAS Big Band unter Leitung von Werner Müller nach West-Berlin.

Sechs Jahre lang war er dort Erster Saxophonist und Solo-Klarinettist, leitete daneben eine eigene Combo und gewann von 1954 an viele Jahre lang den Deutschen Jazz-Poll in der Klarinetten-Kategorie. Dann wiederum eine Herausforderung und ein großer Sprung: „Ich hatte das Gefühl, in Deutschland würde musikalisch alles enger und enger und enger. Für meine persönliche Weiterentwicklung hielt ich es zu diesem Zeitpunkt daher für richtig, auszuwandern.“ Von seinem berühmten Klarinettenkollegen Buddy DeFranco couragiert, flog er im Mai 1956 auf gut Glück nach New York.
Jazz-Soli für Benny Goodman, Schuhe für Marilyn Monroe
Rolf Kühns eigene Erinnerungen an seine sechs Jahre in der Hauptstadt des Jazz sind so ausführlich, abenteuerlich und spannend, dass ich damit keinesfalls konkurrieren will. Ich verweise daher aus vollem Herzen auf Maxi Sickerts Buch „Clarinet Bird“. Die Cabaret Card genannte Auftrittserlaubnis der New Yorker Musiker-Gewerkschaft Local 802 zu erlangen, dauert ein halbes Jahr. So lange kann Rolf nur auf privaten Sessions spielen, wo er viele Musiker kennen lernt (was man in New York networking nennt). Doch das in Deutschland bei einem Umrechnungskurs von 4,20 DM zu einem Dollar angesparte Startkapital von tausendfünfhundert Dollar ist nach drei Monaten aufgebraucht.

Da trifft er auf der Fifth Avenue den berühmten Pianisten, Beethoven-Interpreten und Jazzliebhaber Friedrich Gulda (1930-2000), den er von Jam Sessions in der Berliner Badewanne her kennt. Gulda vermittelt ihn an den legendären Musikproduzenten und Impresario John Hammond, der für das Label Vanguard Rolfs erste US-LP „Streamline“ produziert, und an den renommierten Agenten Willard Alexander, der ihm bis zum Ablauf seiner Cabaret Card-Wartezeit mit fünfzig Dollar wöchentlich unter die Arme greift.

Rolf wohnt lange Zeit an der 87th Street an der Upper West Side im gleichen Apartmenthaus wie Billie Holiday. Zur Premiere seines ersten längeren Gigs, vier Wochen mit Caterina Valente im Hotel Pierre am Central Park South, sitzen Judy Garland und ihre Tochter Liza Minnelli neben vielen anderen Prominenten im Publikum. Unter dem Titel „Birdland Stars of ´57“ geht er zusammen mit Sarah Vaughan, Billy Eckstine, Lester Young, Chet Baker, Bud Powell und der vollen Count Basie Band zwei Monate lang auf große Ostküsten-Tournee. „Down Beat“ erklärt ihn zum New Star auf der Klarinette, und er spielt beim Newport Jazz Festival. Besser kann es nicht kommen.

Aber es kommt noch besser. Von John Hammond empfohlen, von Goodmans langjährigem Band Boy Popsie vermittelt, darf Rolf Kühn seinem Idol Benny Goodman vorspielen, und der engagiert ihn prompt für sein Orchester. Mehr noch: Wenn Goodman mal abwesend ist, übernimmt er dessen Soli und leitet die Band, über zwei Jahre lang. 1959 leistet er sich ein halbes Jahr Urlaub in Europa und muss in New York wieder ganz von vorn anfangen – unter anderem, indem er in einem eleganten Schuhgeschäft jobbt und an der Fifth Avenue auch einmal Marilyn Monroe beliefert. Club-Gigs, Arrangement-Aufträge, TV-Kompositionen und Engagements in den Bands von Urbie Green und Tommy Dorsey schließen sich an.

Dann hat er vom Big Apple erst einmal genug: „In New York auf die Dauer zu überleben ist ein ständiger Kampf. Für mich war es nach sechs Jahren wohl richtig zu sagen: Okay, ich habe eine Menge gelernt und komme auch immer wieder gern her, möchte aber nicht mehr auf die Dauer da leben.“
„Ein sehr unfreundlicher Empfang“
Im Mai 1961 nach West-Berlin heimgekehrt, befand er sich sogleich wieder im Kalten Krieg. Wie andere West-Musiker, beispielsweise Max Greger mit seinem Orchester, sollte auch Rolf Kühn während der Herbstmesse in Leipzig auftreten. Im Funkhaus der Messestadt waren Aufnahmen mit Streichern geplant. Doch dann ließ Walter Ulbricht am 13. August in Berlin die Mauer bauen, alle West-Musiker sagten ihre Ost-Auftritte ab – außer Rolf Kühn. Er wollte seine Eltern wiedersehen, mit seinem Bruder Joachim musizieren, der inzwischen als Jazzpianist in seine Fußstapfen getreten war, und hätte – wenn nicht jetzt – damit bis zum Beginn des Berliner Passierscheinabkommens warten müssen, achtzehn Monate später.

Viele Jahre lang hatten die West-Berliner Radiostationen RIAS und SFB für Musik einen gemeinsamen, allmächtigen Hauptabteilungsleiter, Professor Wolfgang Geiseler, der bei beiden Sendern später auch mein Chef werden sollte. Zu ihm wurde Rolf Kühn unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Leipzig beordert. „Es war“, sagt Rolf, „ein sehr unfreundlicher Empfang.“ RIAS und SFB, fuhr ihn Geiseler an, seien in erster Linie politische Institutionen, die es zu respektieren gelte. Deshalb sei der Klarinettist bis auf weiteres für beide Häuser gesperrt. „Mir wurde damit“, sagt Rolf, „in West-Berlin die Lebens-grundlage entzogen. Ich kaufte mir einen gebrauchten Volkswagen und fuhr nach Hamburg.“

Dort nahmen ihn Unterhaltungschef Henri Regnier und sein Jazzredakteur Hans Gertberg beim Norddeutschen Rundfunk mit offenen Armen auf. Einen Tag nach seiner Ankunft konnte er bereits in der NDR Big Band mitspielen. Im folgenden Jahr 1962 wurde ihm das NDR-Fernsehorchester angeboten, das er bis 1968 leitete. Hans Gertberg ­besetzte ihn in einigen seiner weithin beachteten Workshop-Konzerte. Und Rolf ­Liebermann, selber ein jazzinteressierter Opern- und Konzertkomponist („Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra“, 1954), buchte ihn in seiner Funktion als Intendant der Hamburgischen Staatsoper 1966 als einen von sieben namhaften Jazzern zur Uraufführung von Gunther Schullers Jazz-Oper „The Visitation“ nach Motiven von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Ein Jahr später wurde „The Visitation“ mit derselben Jazz-Besetzung auch in der Metropolitan Opera in New York aufgeführt.
Friedrich Gulda: Pianist, Bandleader, Exzentriker, Fluchthelfer
Herausforderungen dieser Art, die binnen kurzem zu Musikgeschichte gerannen, gab es für Rolf Kühn immer wieder. So lud ihn beispielsweise Friedrich Gulda, der mittlerweile auch passabel Baritonsaxophon zu spielen gelernt hatte, 1965 in sein mit Freddie Hubbard, tp, Jay Jay Johnson, tb, Sahib Shihab, bs, Ron Carter, b, Mel Lewis, dr, und Gulda selbst, p, hochkarätig besetztes Eurojazz Orchestra ein. Rolf: „Für mich war es neu, in einer wirklichen Star-Band zu spielen. Jeder für sich war unglaublich gut. Ich habe den Klang dieser Musiker geradezu aufgesogen.“

Nach einer Woche Probezeit im Tanzsaal eines abgelegenen Berggasthofs in Südtirol und mehreren Konzerten in Österreich produzierte die Band in Wien das Album „Music For Four Soloists And Band“, das später in die Neun-LP-Box „Midlife Harvest“ (MPS 01 21701-9) aufgenommen wurde, die den entscheidenden Teil von Guldas kompositorisch-improvisatorischem Lebenswerk enthält. Im Buch „Clarinet Bird“ nennt Rolf Kühn den berühmten Konzertpianisten einen „Exzentriker, eine faszinierende Persönlichkeit“.

Auf unserer Ferieninsel Ibiza konnten wir uns selbst davon überzeugen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren trafen Kathrin und ich ihn dort viele Sommer lang – einen auf schräge Weise genialischen Melancholiker, der in den Bodegas des Dörfchens Santa Gertrudis bei Rotwein und dem inseltypischen Kräuterlikör Hierbas in großen Gedankensprüngen mit uns philosophierte. Unvergessen sind auch die Nächte in der Jazzkneipe Teatro Pereira, in denen er manchmal gegen Morgen noch einstieg und bizarre, zuweilen sehr minimalistische Klavierchorusse etwa in der Art von Thelonious Monk zum Besten gab. „Ich habe die ganze Welt bereist“, pflegte er in seinem breiten Wiener (gesprochen: Weaner) Dialekt zu sagen, „diese heilige Insel ist einfach der beste Ort.“

Um Rolf und seinen Bruder Joachim Kühn hatte sich Friedrich Gulda in den Sixties noch einmal besonders verdient gemacht. Auf Rolfs Wunsch lud er Joachim, der damals in Leipzig schon einen eigenen Pianostil entwickelt hatte, als Vertreter der DDR offiziell über das Ost-Berliner Kulturministerium zu seinem Internationalen Jazz-Wettbewerb nach Wien ein. Cannonball Adderley, Jay Jay Johnson und Joe Zawinul saßen in der Jury. Rolf musste sich in Hamburg für Joachims Rückkehr in die DDR verbürgen, obgleich er wusste, dass Joachim diese Absicht nicht hatte. Rolf: „Nachdem es offensichtlich wurde, dass er im Westen bleiben würde, bekam ich Anrufe nach Hamburg. Es hieß, es würde ihm nichts passieren, wenn er zurückkäme… Er durfte danach nicht mehr einreisen, und auch seine Musik wurde verboten.“
Up, Up And Away
Beide Brüder haben politische Motive für ihre jeweilige Flucht aus der DDR wiederholt in Abrede gestellt. Joachim: „Ich hatte nur Musik im Kopf und wollte mit Politik nie etwas zu tun haben. Ich wollte nie zu den Soldaten, wollte nie eine Uniform anziehen und nie bei einer politischen Partei oder überhaupt irgendeinem Verein teilnehmen… In der DDR war man ja nicht frei. Man musste aufpassen, wem man was sagt. Das ist doch entsetzlich, wenn man immer nachdenken muss, bevor man spricht, ob man sich nicht gefährdet… Ich musste dieses politische System verlassen… Es hat mir die Luft abgeschnürt.“

Als wäre das nicht ein zutiefst politisches Motiv!

Nachdem beide Kühn-Brüder nun zwei deutsche Diktaturen überwunden hatten, ging es wieder rein musikalisch up, up and away. Noch im gleichen Jahr traten Rolf und Joachim gemeinsam bei den Berliner Jazztagen auf. „Im Sportpalast-Konzert“, schrieb ich am 18. November 1966 in der „Zeit“, „sorgten nach den Berlin All Stars, die nicht mehr erreichten, als das Publikum anzuwärmen, das Max Roach Quintett und die Rolf-und-Joachim-Kühn-Gruppe für Höhepunkte… Als einzige Band des Festivals mussten die Kühns eine Zugabe spielen. Ihr Erfolg brachte ihnen eine Einladung zum amerikanischen Newport-Festival ein.“

Rolf Kühn habe sich nach seiner Benny-Goodman-Phase in den USA auf das Gebiet der Avantgarde begeben, urteilte mein Kollege John S. Wilson in der „New York Times“ am 4. Juli 1967 über den Auftritt des Quartetts mit Jimmy Garrison, b, und Aldo Romano, dr, in Newport. Er beweise aber, „ein nicht-kreischender, nicht-quietschender Avantgardist zu sein, der Linien entwickelte, anstatt nur seltsame Klänge zu produzieren“. Eine Langspielplatte mit diesem Quartett auf dem damals innovativsten Label Impulse schloss sich an: „Impressions of New York“, heute ein Klassiker.

Rund ein Jahr nach Joachims Flucht stellten sich auch die Eltern aus Leipzig bei den Söhnen in Hamburg ein. Da sie nun das Rentenalter erreicht hatten, kam es die DDR billiger, sie ausreisen zu lassen. In Rolfs Zweizimmerwohnung kampierte der Clan viele Monate lang: „Die Eltern schliefen im Schlafzimmer, ich auf dem Sofa und Joachim auf dem Boden. Das hat uns sehr zusammen-gefügt. Wir waren eine glückliche Familie.“

Nach dem New-York-Album nahm Rolf Kühn in den drei Jahren bis zum Ende des Jahrzehnts bei verschiedenen Plattenfirmen nicht weniger als sieben LPs auf – fast alle mit Joachim am Piano, in den Siebzigerjahren für Hans-Georg Brunner-Schwers rührige „Musikproduktion Schwarzwald“ (MPS) dann noch einmal sieben. Rolf: „MPS war die erste deutsche Plattenfirma, die wirklich konzentriert Jazz produzierte und offen war, neue Experimentierfelder abzubilden.“

Jede dieser MPS-LPs zeigte eine andere Facette des vielseitigen Komponisten, Arrangeurs, Konzeptors und Improvisators Rolf Kühn und eröffnete dem schwierigen Instrument Klarinette neue Klangkombinationen. Als Rolf Preziosen des MPS-Reichtums 2008 für Universal noch einmal in einer „Artist´s Selection“ auf der CD „More, More, More & More“ versammelte, schrieb ich im Begleittext:
„Der erste Eindruck ist der einer Starparade internationaler Solisten-Prominenz. Weltberühmte Musiker aus vielen Ländern brillieren in je einem Stück mit einer spannenden Abfolge hoch inspirierter, fesselnder Improvisationen… Alle Kompositionen stammen von Rolf, teils zusammen mit seinem kongenialen Bruder Joachim… Bedürfte es eines Beleges für Rolf Kühns Einzigartigkeit, ‚More, More, More & More‘ wäre er… Wobei wir (auch) bei der Einschätzung wären, diese Compilation füge sich trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Besetzungen zu einem fein abgestimmten, dramaturgisch ausgeklügelten Konzertprogramm wie zu einer souveränen Jam Session auf gleichbleibend hohem Niveau.“
Eine zweite Karrierespur
Etwa zu der Zeit, als ich ihm diesen Text ablieferte, sagte mir Rolf einen Satz, der wie ein Dankeschön klang: „Hamburg war immer gut zu mir.“ Das betraf sicher in erster Linie seine Arbeit beim NDR und die Freiheiten, die er dabei genoss, galt aber wohl nicht weniger herzlich der Chance, von 1962 an beim Opernkapellmeister Sir Charles Mackerras in Hamburg ein zweijähriges Dirigierstudium zu absolvieren. Das ermöglichte ihm, als perfekter Musical-Dirigent, neben der Klarinette eine zweite Karrierespur, die in seinen Jazz-Biographien gern unterbewertet oder sogar gänzlich unterschlagen wird.

Von 1968 an leitete Rolf Kühn bei vielen Musical-Produktionen vorzugsweise im Hamburger Thalia-Theater, dem Theater an der Wien und am Berliner Theater des Westens die Orchester. Was er an Jazz-Feeling in diese Klangkörper einbrachte, gab der Interpretation dieser Bühnenkunst im deutschsprachigen Raum eine bis dahin unerreichte, erstmals angelsächsischem Niveau entsprechende Qualität.

Manchmal ging er sogar darüber hinaus. Als ich beispielsweise 1984 am Broadway eine Routine-Aufführung von Jerry Hermans Erfolgsmusical „La Cage aux Folles“ sah, klang die Musik des Orchesters schmalzig und betulich wie in einer verstaubten Operette. Bei der deutschen Uraufführung in Berlin ein Jahr später mit dem verdienstvollen Regisseur, Choreographen und Theaterintendanten Helmut Baumann in der umjubelten Hauptrolle, straffte Rolf Kühn die Tempi, veranlasste das Orchester zu swingen und gab der Partitur damit den Glanz eines modernen Musicals. Erfahrungen dieser Art gab es viele.

Natürlich gebe es zwischen Musical und Free Jazz keine Verbindungen, erklärte Rolf Kühn anlässlich seines 80. Geburtstags in einem Interview mit dem Wiener „Standard“: „Da sind Welten dazwischen. Aber es gibt das Wort, das ich gern benütze, die Neugierde – auch für diese Dinge. Man unterschätzt das Musical ja leicht, aber das ist harte und intensive Probenarbeit, wenn man bereit ist, in die Details zu gehen.“ Gemeint ist: Die Jazzer haben keinerlei Grund, hochnäsig auf das Gesamtkunstwerk Musical herunter zu blicken. Rolf Kühn als Musical-Dirigent – für den Journalisten in mir neben dem Jazz ein weiterer Grund, ihm immer wieder zu begegnen.
Wir kaufen auf Ibiza ein Haus
Nicht weit von Hamburg, am Stadttheater Bremen, gehörte in den Sixties die Schauspielerin Judy Winter zu einem deutschlandweit Aufsehen erregenden Ensemble unter Kurt Hübner, Peter Zadek und Wilfried Minks. Rolf fiel in Liebe zu ihr und heiratete sie 1971. In einer schönen Villa in Trelde zwischen Bremen und Hamburg nahm das junge Paar Quartier. Ich war zu dieser Zeit Kulturredakteur beim „Spiegel“ und wohnte in Reinbek, einem östlichen Vorort von Hamburg. Es begann eine Freundschaft, wir besuchten uns gegenseitig.

So geschah es auch einmal im November 1971. Rolf Kühn und Judy Winter, soeben von einer Konzerttournee mit dem Horst-Jankowski-Chor und -Orchester aus Südafrika zurück, erzählten meiner damaligen Frau Ursula und mir in unserem Bungalow am Sachsenwald von Überlegungen, unweit von Kapstadt am Ozean ein Haus zu bauen oder zu kaufen: „Das Land wird einem dort für Pfennigbeträge nachgeschmissen!“

Ich besaß zu dieser Zeit – noch nicht lange – auf der spanischen Mittelmeerinsel Ibiza schon ein Stück Pinienwald mit einem kleinen Ferienhaus und erklärte, ich hielte es für ziemlich verrückt, jedes Mal, wenn man sich ein paar Tage Urlaub leisten könne, um den halben Globus zu jetten. Das leuchtete den Beiden wohl irgendwie ein.

Anders als Mallorca war Ibiza touristisch noch keineswegs erschlossen. Es galt, sofern man überhaupt von seiner Existenz wusste, als Hippie-Insel. Zwar lag die faschistische Franco-Diktatur in Spanien in ihren letzten Zügen und war zögerlich dabei, sich zu liberalisieren, ich erinnere mich aber noch deutlich des Schocks, als an die hundert junge Leute aus vielen Ländern, die sich an unserem Strand der Freikörperkultur hingegeben hatten, von der Guardia Civil zusammengetrieben und auf offenen Lastwagen zum Polizeirevier abtransportiert worden waren.

Mangels eines großen Flughafens war das Hippie-Eiland nur per Schiff oder durch kleine Zubringermaschinen mit stundenlangen Wartezeiten von Barcelona oder Valencia aus erreichbar. Ein Hamburger Reisebüro hatte daher den kurzlebigen Versuch unternommen, für Norddeutsche, die auf Ibiza Immobilienbesitz erworben hatten oder beabsichtigten, dies zu tun, eine Charterfirma aufzubauen, an der ich mich als Kommanditist beteiligte. Ich wusste, dass Poul, der dänische Besitzer unseres Berges, im Wald oberhalb meiner Finca einige weitere Häuser plante oder bereits errichtete. Und so flog ich denn am 28. Januar 1972 mit Rolf in einem voll besetzten Charterflugzeug aus dem kalten Hamburg in ein sonniges, subtropisches Paradies.

Am selben Abend flogen wir, vom spanischen Champagner selbst leicht schwebend, mit derselben Maschine nach Hamburg zurück. Das soeben so gut wie fertiggestellte Haus, das Rolf kurz entschlossen gekauft hatte, war ein Angebot, zu dem man nicht Nein sagen konnte. Es lag zwei Serpentinenwindungen über der nach meiner Tochter benannten Casa Bettina an der Nordnordwestseite des Berges, also im Sommer angenehm kühl. Unterhalb des Berges die seit zweitausend Jahren betriebenen Salinen aus phönizischer Zeit. Dahinter reicht der Blick übers Meer bis zur Es Vedra, dem magischen Felsen in der Form eines zweiteiligen Kamelhöckers vor der Küste, um den sich abenteuerliche Legenden ranken.

Ich habe in den folgenden Jahren viele Stunden mit Rolf und Judy am Salinas-Strand und in unseren beiden Häusern verbracht. Wir hatten großes Glück: Als Spanien nach Francos Tod 1976 demokratisch wurde, wurden die Salinen mit den sie umgebenden Bergen alsbald zum Naturpark erklärt. Wir blicken also heute wie vor vierzig Jahren auf unverbaubare Natur. Rolf und Judy waren an meiner Seite, als meine Ehe mit Ursula bald nach dem Hauskauf in Turbulenzen geriet und schließlich geschieden wurde. Sie waren auch dabei, als ich am 7.7.77 auf Judys Veranlassung Kathrin kennen lernte, die seither meine Frau und berufliche Partnerin ist.
Rolf und Joachim, zwei begnadete Brüder
Schließlich aber gingen, wiederum Jahre später, auch Rolf und Judy auseinander, und Rolfs Bruder Joachim übernahm das Haus. Er war, nachdem er zunächst nur Judys Anteil erworben hatte, sogleich mit Sack und Pack aus Paris nach Ibiza übersiedelt, weil er dem Zauber des Ortes komplett verfallen war. Von hier aus bricht er zu seinen weltweiten Konzertreisen und Studio-Gigs auf – nach New York zu Duo-Sessions mit Ornette Coleman, nach Paris zu Preisverleihungen für beinahe jede seiner CDs, nach Deutschland zu den Jazz Festivals oder nach Marokko, wo er vor Menschenmassen mit Beduinenmusikern spielt.

So gut wie täglich fährt Joachim Kühn mit seinem alten Mercedes an unserem Haus vorbei, oftmals nur hinunter ins traditionsreiche Hippie-Hotel „Mar y Sal“ am Salinas-Strand, wo wir alle Stammgäste sind, Joachim aber schon beinahe zur Familie gehört. Sonst beschäftigt er sich in seinem Studio unablässig mit Musik, oder er malt abstrakte Ölbilder – oft mit Notenmotiven. Einen ganzen Sommer lang hat er mit einer stationären Kamera täglich den spektakulären Breitband-Sonnenuntergang mit der phantastischen, in den Salinen vielfarbig gespiegelten Abendröte fotografiert. Jedes Mal, wenn er mitten in der Nacht Altsaxophon übt und der Wind leise Klangfetzen zu uns herunter weht, überkommt mich ein Glücksgefühl. Ich bin in der großen, weiten Welt und doch zu Hause.

Ähnlich wie sein Bruder Rolf auf der Klarinette gehört Joachim Kühn heute – neben Solisten wie Chick Corea, Keith Jarrett oder Herbie Hancock – zu einer Hand voll genialer Piano-Improvisatoren, die den Klang ihrer Kunst, the state of the art, weiterentwickeln und innovativ verändern. Nur in der Veränderung liegt Beständigkeit. Deshalb ist das umfangreiche Werk von Rolf und Joachim Kühn mit jeder Veröffentlichung immer wieder für Überraschungen gut.

Sollte ich heute aus Rolfs Jazz-Diskographie zwei CDs auswählen, die seine Qualitäten als Orchesterchef sowie als Instrumentalist perfekt repräsentieren, so würde ich mich nach reiflicher Überlegung für diese entscheiden:

1. SMILE, Famous Themes from Hollywood, Intuition INT 33422, 2002
Diese letzte Plattenproduktion der RIAS Big Band plus The Cologne Voices, eingeleitet durch eine nostalgische Vokalsequenz von Max Raabe, mit acht Partituren von Jörg Achim Keller, den Rolf „einen der begabtesten deutschen Arrangeure der Gegenwart“ nennt, entspricht mit populären Themen in anspruchsvollen Bearbeitungen Rolf Kühns Vorstellung von modernem Entertainment perfekt und ist ganz auch nach meiner Mütze. Ich habe dazu wieder die Liner Notes verfasst.

2. LIFELINE, Impulse/UNIVERSAL 06025 2786480, 2012
Das Rolf und Joachim Kühn Quartett mit John Patitucci, b, und Brian Blake, dr, beteiligte sich zunächst im Oktober 2011 am Deutschen Jazz Festival in Frankfurt/M und nahm anschließend in den Bauer-Studios in Ludwigsburg die CD auf. In Maxi Sickerts Begleittext wird Rolf mit dem Satz zitiert, die Musik sei weder kalkuliert noch arrangiert, sondern total spontan entstanden. Daher ist „Lifeline“ ein Meisterwerk kollektiver Komposition. Rolfs Stück „Lion´s speech“ beispielsweise ist mit einem zeitlosen Standard wie „Django“ vom Modern Jazz Quartet durchaus zu vergleichen. Auch hier ergänzen sich vier grandiose Musiker auf Augenhöhe nachtwandlerisch sicher, aber spielerisch zu einem gemeinsamen großen Entwurf.

Im Oktober 2011 zeichnete die Deutsche Phono-Akademie Rolf und Joachim Kühn in Dresden mit einem ECHO Jazz-Preis für ihr Lebenswerk aus. Klaus Doldinger hielt die Laudatio. Doch die schönste Anerkennung erhielt der Klarinettist von seinem Bruder. „Vor allem möchte ich mich bei Rolf bedanken,“ sagte Joachim. „Er hat mir mit seinem Klarinette-Üben schon den Jazz beigebracht, als ich noch im Kinderwagen lag.“

Fotos: S. 12 (Wilfried Heckmann), S. 14 Rolf Kühn in jungen Jahren (Brunswick), S. 16 Rolf Kühn mit Benny Goodman in New York (Popsie), S. 17 Rolf Kühn und sein Bruder Joachim, S. 18 Rolf Kühn (Jim Rakete)