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Going for: Transzendenz der Traditionen

Ein paar aufrichtige Worte zum Keyboarder, Komponisten und Produzenten Jamie Saft / von Thomas Neuhauser

Klaviertrios, überall Klaviertrios – von Michael Wollny bis Marcin Wasilewski, von Helge Lien bis Martin Tingvall, und alle spielen sie zum Niederknien schön, man weiß ja gar nicht mehr, wo man zuerst hinhören soll. Gerade wenn man glaubt, nun alles schon wahrgenommen zu haben, und, zum Vergleich angeregt, die alten Trio-Aufnahmen von Bill Evans und Keith Jarrett auch mal wieder auflegt, da kommt ein Mann mit sehr langem Bart aus den Wäldern der New Yorker Catskill Mountains und schlägt mit einem erstaunlichen Klaviertrio einen ganz neuen Ton an: Jamie Saft, Jahrgang 1971, geboren im New Yorker Stadtteil Queens, studierte Piano am renommierten Bostoner New England Konservatorium und an der nahe gelegenen Tufts University u. a. mit Paul Bley und Geri Allen und kehrte Mitte der Neunzigerjahre zurück nach NYC.
Er taucht sofort in die brodelnde Avantgarde-Szene um John Zorn, Marc Ribot und Bobby Previte ein, spielt neben Klavier auch verschiedene Orgelinstrumente und wird in den unterschiedlichsten Genres und Musikszenen als Begleitmusiker hoch geschätzt: Post-Punk, Hip-Hop, Noise, Fusion, Roots-Reggae oder, wie er es humorvoll selbst mal genannt hat, „Doom Metal Fusion Jazzhardcore“ – er hat keinerlei Berührungsängste und bleibt doch immer auch dem aktuellen Jazz sehr eng verbunden.
Zugegeben, abgesehen von seinem Mitwirken bei den drei wunderbaren John Zorn Tzadik-Alben „The Gift“ (2001), „The Dreamers“ (2008) und „O’o“ (2009), konnte man erst mit „The New Standard“ richtig auf Saft aufmerksam – und sofort von ihm gebannt werden. Sein Name hätte noch durch die gelegentliche Zusammenarbeit mit dem Keyboarder Wayne Horvitz auffallen können, einem Musiker, der schon lange zeigt, wie gut melodiöse und neutönerische Klänge zusammen gehen können, und der mit „The Snowghost Sessions“ (Songlines, 2018) ebenfalls gerade ein exzellentes Trio-Album veröffentlicht hat. Auch als Produzent und Mitspieler bei Youn Sun Nah und ihrem Album „She Moves On“ von 2017 hat Saft seine Kreativität und Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, blieb mit all seinen „Nebentätigkeiten“ jedoch im Hintergrund und hat es in den gebundenen Jazz-Lexika nicht mehr zu einem eigenen Eintrag gebracht. Selbst die Online-Artikel zu Saft sind nicht sonderlich ausführlich, wenngleich es eine vollständige Diskografie gibt. Sehr nützlich, denn ganz wie bei John Zorn, kann auch bei Jamie Safts Experimentierfreude und seinen vielfältigen musikalischen Aktivitäten kaum jemand noch den Überblick behalten.
Doch dann, in der Trio-Besetzung seiner aktuellen eigenen Gruppe The New Standard und deren erster, gleichnamiger Einspielung (RareNoise, 2014), war da plötzlich Safts ungewöhnlich weicher, runder, ebenso sensibler wie kraftvoller Klavier-Anschlag, so romantisch und mitreißend swingend, wie man es lange nicht mehr gehört hat, dabei aber nie sentimental oder altbacken. Melodisch eingängig, aber nie schlicht, traditionsbewusst und gleichzeitig ganz im Hier und Heute. Von angenehm lässiger Virtuosität, die nie im Vordergrund steht, immer empathisch und dem musikalische Fluss dienlich.
Mit dabei der ruhmreiche, 78-jährige E-Bassist Steve Swallow, der mit seinen eigenen, überraschenden Melodielinien die Stücke vorantreibt – dezent, einfallsreich und einfühlsam unterstützt von Bobby Previte an den Drums. Alle drei auf Augenhöhe, denn die Zeiten, in denen in so einem Trio nur das Piano das Sagen hatte, und die Rhythm Section mehr oder weniger folgte, sind längst vorbei.
Es erschienen zwei weitere, faszinierende Alben in dieser Besetzung auf dem immer hörenswerten Londoner Label RareNoise Records, dankenswerterweise auch als schön edierte Einzel- bzw. Doppel-LPs. Neben Saft haben hier auch schon Merzbow, Roswell Rudd und Wadada Leo Smith veröffentlicht, und Label-Chef Giacomo Bruzzo ist offen für jede spannende Grenzüberschreitung, wobei er aber betont, dass man den Musikeinflüssen und Traditionen Respekt zollen, Brücken zwischen den musikalischen Zeitaltern herstellen sollte. The New Standard Trio tut das, scheint sich völlig unangestrengt einem geradezu glücklich machenden, meisterhaft-entspannten Neo-Swing verschrieben zu haben.
„The song is the survivor“, soll der von Saft hochgeschätzte Mitkomponist des American Songbook Burt Bacharach einmal prägnant von sich gegeben haben, und vielleicht ist das ja letztlich die Quintessenz – was natürlich nichts daran ändert, dass die Experimente, Befreiungsversuche und Umwege der letzten Jahrzehnte notwendig waren, sind und bleiben.
Vom New Standard Trio folgten „Loneliness Road“ (RareNoise, 2017), wo auf drei Titeln Iggy Pop gastierte und „You Don’t Know the Life“ (RareNoise 2018), eine Aufnahme, auf der Jamie Saft das Klavier gegen verschiedene Orgelmodelle tauschte, von denen er selbst auch einige Sammlerstücke besitzt: Hammond, Wurlitzer, Whitehall und eine elektrische Harpsichord kommen zum Einsatz. Man vergaß spätestens beim tief im Blues wurzelndem Orgelklang des Titelstücks, wie sehr man sich eigentlich auf sein Klavierspiel gefreut hatte, konnte von dem nostalgisch-neuen Orgelsound gar nicht mehr genug bekommen. Als Bill Evans im Jahr 1971 auf dem „Bill Evans Album“ das akustische Piano mit dem Fender Rhodes vertauschte, waren manche fast ebenso schockiert wie einst von Bob Dylans Griff zur elektrischen Gitarre. Saft gelingt es problemlos, sein geniales Feeling auf jede Art von Keyboards zu übertragen. Mit der ebenfalls 2018 bei RareNoise erschienenen Solo-Doppel-LP zeigt er dann aber wieder auf dem klassischen Konzert-Flügel sein außergewöhnliches, klangästhetisches Können.
Saft beweist eine erstaunliche Bandbreite, hat verschiedene Bandprojekte gleichzeitig am Laufen, hält die schönsten Überraschungen bereit. Das Jamie Saft Quartet mit dem Tenorsaxophonisten Bill McHenry spielt auf „Blue Dream“ (RareNoise, 2018) zwar noch melodiösen, aber freieren, zeitgenössischen Post-Bop-Jazz; auf „Strength & Power“ (RareNoise, 2016) mit Roswell Rudd (Posaune), Trevor Dunn (Bass) und Balazs Pandi (Drums) erkunden die vier Musiker die Spielarten der spontanen, intuitiven Komposition, und Safts dichte, improvisierte Cluster-Trauben lassen sich am ehesten mit dem ja ebenfalls stets traditionsbewussten Keith Tippett oder gar Cecil Taylor vergleichen. Ähnlich geht Saft in seinem Quartett mit dem Saxophonisten Joe McPhee und in der mehr Coltrane-inspirierten, zupackenden Aufnahme „Ticonderoga“ (Clean Feed, 2015) vor. Bei seiner Band Slobber Pup und dem Doppel-Album „Pole Axe“ (RareNoise, 2015) wird es dann richtig laut, industrial noisy und hochenergetisch, was nicht weiter verwundert, ist doch Saxophon-Berserker Mats Gustafsson mit dabei, der ausgiebig zeigt, dass er auch wunderbar brötzmannen kann.
Für eine Erholungspause bestens geeignet wäre Safts New Zion Trio, z. B. mit der CD „Chaliwa“ (Veal Records, 2013) und mit Roots-Reggae für die Hängematte. Oder die Dub-CD „Sunshine Seas“ (RareNoise, 2016), auf der Saft auch E-Bass und Gitarre spielt – er kann eben auch völlig anders, aber stets mit der gleichen ernsthaften Leichtigkeit und Intensität. Safts Diskografie enthält mit „Trouble“ (Tzadik, 2006) sogar eine Platte mit kongenial interpretierten Dylan-Songs.
Mit seinem neuesten Quartett und dem gerade erschienenen Album „Hidden Corners“ (RareNoise, Juni 2019) begibt sich der traditionsbewusste Visionär auf eine spirituelle Reise – durchaus im Geiste von Coltrane, Ayler, Sanders, immer mit der Historie verbunden. Seine Mitmusiker diesmal: Hamid Drake (Drums), Brad Jones (Kontrabass) und Dave Liebman (Saxophon und Flöte). Saft betont, sie seien „alle Meister darin, mystische Momente durch Musik zu erzeugen“. Auch mit diesem Quartett gelingt eine tief verwurzelte und doch neue Musik, die mühelos in eine höhere Sphäre entführt, gleichermaßen intellektuell und emotional ergreifend und die Tradition übersetzend.
Wahrscheinlich käme niemand auf die Idee, hinter all diesen Projekten ein und denselben Musiker zu vermuten, wobei Saft selbst allerdings den Wechsel der Genres und Stile überhaupt nicht problematisiert: Das sei für ihn ganz selbstverständlich, in NYC höre man schließlich sowieso alles gleichzeitig. Als Jugendlicher habe er neben Black Sabbath und Peter Tosh auch Pharoah Sanders gehört. Man glaubt ihm dies sofort.
Ein einziges Konzert hat The New Standard in Deutschland gegeben. Im April dieses Jahres in der Hamburger Laeisz-Halle. Angesprochen auf seine erstaunliche Vielseitigkeit sagte Saft da, die Antwort hätte nicht schöner ausfallen können: „It’s all music, you know, just listen to the flow!“
Das tun wir natürlich gerne, dem Flow folgen, doch warum nach den ausgiebigen Avantgarde-Expeditionen die Besinnung auf fast traditionelle Swing-Strukturen, melodiöse Songs und sogar Reggae? Die roots bedeuten Saft eben viel, er möchte den Traditionen seine Referenz erweisen, einem wie Bacharach etwa, von dem er „Alfie“ im Hamburger Konzert gespielt hatte; Referenzen den Songstrukturen, den Melodien gegenüber aber ebenso. Manches, so Saft Backstage in Hamburg, höre sich bei diesem Trio zwar wie ein Song an, sei aber gänzlich improvisiert.
Es ist wohl das Geheimnis von Safts sofort berührender Musik, dass er sich für alle musikalischen Strukturen aufrichtig interessiert, sie aber weder einfach nachspielt noch modisch dekonstruiert. Er belässt jedem Genre seinen ganz eigenen Charakter. Und gleichzeitig transzendiert er die Genres durch die Intensität seines Spiels in die Gegenwart, macht Neues und Eigenes daraus. Die im Gespräch aufgebrachte Idee des musikalischen Transzendierens als Intention, die hat ­Jamie Saft jedenfalls gut gefallen.