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Die Sternengreiferin

Elegant swingen nicht nur US-AmerikanerInnen, Sarah McKenzie (AUS) auch / von Rainer Bratfisch

Was man weiß: Bee Gees und Kylie Minogue kommen aus Australien. Wenn es um Jazz geht, fällt einem Graeme Bell ein, der ab 1947 mit seiner Dixieland Band durch Europa tourte. Das ist lange her. Wie ist die Situation des Jazz in Australien heute?

Jazz ist nicht, ebenso wenig wie in den USA oder in Europa, die eine populäre Musik Australiens. Es gibt jedoch eine sehr starke Szene, Menschen, die diese Musik lieben, eine Reihe von wirklich guten Jazzmusikern. Vor allem der Trompeter James Morrison ist eine der Jazzlegenden bei uns. Er hat etliche Jungmusiker als Mentor begleitet, zum Beispiel die Bassistin Linda Oh, die jetzt bei Pat Metheny spielt, den Saxophonisten Troy Roberts, den Bassisten Dane Alderson, der bei Weather Report war, und auch mich.

Siehst du dich überhaupt im Jazz-Umfeld?

Ich bin mit der Musik von Oscar Peterson und Ray Brown aufgewachsen, mein Klavierlehrer kam vom Rock’n’Roll aber. Brown und Peterson haben mich für den Jazz begeistert, ich habe mir ihre Kompositionen fürs Piano notiert, also als Jazzmusikerin, als Pianistin angefangen. Die Jazztradition, den Swing von Duke Ellington, Shirley Horn, das alles liebe ich.

Nach dem Studium am Berklee College of Music bist du nach Paris und London, warum?

Ich bekam einen Vertrag beim Label Impulse!, von Jean-Philippe Allard, der es 2014 in Paris für Neuveröffentlichungen reaktiviert hat. Da hatte ich bereits ein Album gemacht, „We Could Be Lovers“ und gerade meinen Manager, Burkhard Hopper, getroffen, der in London lebt. Zwei sehr gute Gründe für Europa also.

Eins deiner Alben heißt „Paris in the Rain“. Was verbindet dich mit Paris?

Ich komme aus einem relativ jungen Land und war überwältigt, als ich nach meinem Studienabschluss in Paris ankam. Stéphane Grappelli, Dexter Gordon, Quincy Jones und viele andere mehr haben zeitweilig dort gelebt. Ich saugte alles auf, und das kam in meiner Musik zum Ausdruck. In Paris habe ich auch Michel Legrand für mich entdeckt. Sein Werk ist tief verwurzelt in der europäischen Musikkultur, seinen Einfluss auf mich spüre ich immer noch.

In deinem Piano-Spiel hört man George ­Shearing heraus …

Ich liebe die Musik von Shearing, seine Blockakkorde. Man muss über eine phantastische Technik verfügen, um in einer kleinen Band wie ein Orchester zu klingen.

2011 ist dein erstes Album erschienen, jetzt „Secrets of My Heart“ (Normandy Lane), dein fünftes. In deinem Alter eine beachtliche Anzahl. Was unterscheidet das neue Album von denen davor?

Auf dem neuen Album sind wesentlich mehr eigene Titel, ich bin also viel präsenter als Songschreiberin. Öfter werde ich mit Diana Krall verglichen. Ich mag sie sehr und sie ist erfolgreich. Andererseits möchte ich keine Diana Krall zwei sein. Ich schreibe meine eigenen Songs, in denen es um meine eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten geht.

Spielt das Klavier jetzt nicht eine größere ­Rolle noch?

Ja, das stimmt. Alles steht für sich: das Pianospiel, die Stimme, die Songs. Für mich ist es wichtig, immer dazuzulernen. Musik ist eine lebenslange Reise. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich mit 31 nicht unbedingt perfekt sein muss, nicht, solange ich lerne, solange ich im Werden bin.

Auf der neuen CD findet sich ein Medley aus George und Ira Gershwin-Songs …

George Gershwin bedeutet alles für mich. Mitte der 1920er-Jahre war er in Paris. In dieser Zeit schrieb er auch „Ein Amerikaner in Paris“. Er war seiner Zeit weit voraus, ist früh gestorben, hat aber viele Stücke und Songs geschrieben. Er hatte seinen eigenen Stil und war ein phantastischer Pianist. Das Medley ist meine Hommage an ihn.

Du wagst dich auch an „You Only Live Twice“ aus dem fünften James Bond-Film, damals gesungen von Nancy Sinatra. Kann man den Song besser singen als sie?

Die Bond-Filme sind sexistisch, das gefällt mir nicht. An sich kann man das Original nie übertrumpfen, man kann nur eine eigene Variante erstellen. Zwar singe ich nicht besser als Nancy Sinatra, spiele nicht besser Klavier als Gershwin, aber ich kann die Songs auf meine Art interpretieren.

Du singst „Come on Home“ aus dem Repertoire von Dinah Washington. Ein Vorbild?

Ja, sie und Shirley Horn, total. Beide haben das Lied gesungen. So bluesy, so soulful. Ich mag diese Lebensfreude, diese Beseeltheit. Ich mag so viele Sängerinnen, Etta James, Ella Fitzgerald, Peggy Lee …

Was verbindet dich mit Brasilien?

Ich finde die dortige Musik großartig. „Till the End of Time“ und „De Nada“ sind Bossa Nova pur, Ergebnisse einer Brasilienreise. Ich gastierte im Blue Note in Rio de Janeiro und spielte dort mit Musikern aus Antonio Carlos Jobims Band. In einem Hotel gab’s danach noch eine Session, eine der besten, bei denen ich je gewesen bin, mit brasilianischen Songs, aber auch mit einigen Kompositionen von mir.

Du hast Michel Legrand richtig kennengelernt.

Das Album ist eine Hommage an all die großen Musiker, denen ich begegnet bin. Der Song „You Must Believe in Spring“ stammt von Legrand, der Ende Januar verstarb. Pierre Boussaguet, der Bassist meiner Band und mein bester Freund, hat sehr oft mit ihm gespielt. Ich hatte mal die Idee, ein Album mit weniger bekannten Legrand-Songs aufzunehmen, hatte auch ungefähr 24 ausgesucht und arrangiert. Eines Tages kam er in mein Pariser Apartment. Ich spielte ihm „You Must Believe in Spring“ vor und er sagte: „Du hast ein sehr gutes Gespür fürs Stück.“ Beim nächsten Titel, „Watch What Happens“, spielte er mit mir zusammen. Das hatte ich nicht erwartet. Er hat mich getestet und die Harmonien, den Stil etwas verändert. Am Schluss sagte er: „Vielleicht sollten wir die Songs für die CD an zwei Pianos spielen und zusammen singen.“ Es wäre ein Traum für mich gewesen, eine große Ehre.

Gleich sieben Kompositionen auf dem Album stammen von dir.

Dieses Album handelt vom Erwachsenwerden. Im Ausland habe ich meine Familie vermisst, den australischen way of life. Ich bin in einem Alter, wo man erwachsen wird, wo man sich verliebt, eine Familie gründet. Alle meine Songs und deren Texte erzählen eine Geschichte, haben eine Botschaft und eine Prise Hoffnung. Gute Musik sollte nicht depressiv machen, sondern hoffnungsvoll.

Aus welchem Umfeld kommen deine Musiker?

Ich habe einen guten Manager, der mir Musiker vorschlägt. Er hat mir zum Beispiel Pierre vermittelt, einen Schüler von Ray Brown, den ich sehr verehre. Pierre hat bei Legrand und Lalo Schifrin gespielt. Manchmal hat auch der Produzent eine Idee. Für die letzten Alben empfahl er den Schlagzeuger Gregory Hutchinson, den Bassisten Reuben Rogers und den Vibrafonisten Warren Wolf. Manchmal höre auch ich einen guten Musiker und ­träume davon, mit ihm zu spielen, wie etwa Gábor Bolla.

Mit dem Boston Pops Orchestra hast du in der Symphony Hall konzertiert. Ist Weiteres in dieser Größenordnung geplant?

Schon als Kind habe ich die Boston Pops gehört, mit meinem Großvater. Er hat noch Arthur Fiedler erlebt, der das Orchester bis zu seinem Tod fast fünfzig Jahre lang geleitet hat. Gern möchte ich mehr mit Orchestern arbeiten. Aber man muss dafür die richtige Idee und den richtigen Sponsor haben.

Die Aufnahmen zu deinem neuen Album erfolgten in New York (Chris Allen), Melbourne (Chong Lim) und Los Angeles (Harrod Chandler), das Mastering besorgte John Webber in London. Deine Tourneen führen durch die Kontinente. Was ist an dir noch australisch?

Ich trage Australien und meine Familie immer in mir. Meine Wurzeln, meine Seele, mein Herz sind immer dort. Aber meine Musik atmet einen internationalen Geist. Musik ist eine universale Sprache.

Im Konzert singst du gelegentlich den Standard „I’m Oldfashioned“, bist du altmodisch?

Ja, möglicherweise. Selbst als Kind, als ich neun war, habe ich nicht die Spice Girls oder die Back Street Boys gehört. Ich habe Jazz gehört. John Coltrane, Duke Ellington. In diesem Sinne war ich schon immer ein bisschen altmodisch. Ich liebe Kunst, ich liebe die Impressionisten, Monet, Van Gogh. Im Augenblick fühle mich mehr wie 31, mehr wie ich selbst.

In „My True Love Is You“ singst du: „Solange wir leben, können wir nach den Sternen greifen“. Wo hängen deine Sterne?

Für mich ist es wichtig, als ernsthafte Künstlerin wahrgenommen zu werden, mit eigener Persönlichkeit, als jemand, der nicht immer mit anderen verglichen wird. Ich möchte mich weiterentwickeln und so viel gute Musik machen, wie ich nur kann. Solange man lebt, darf man nach den Sternen greifen.