Hildegard Kleeb/Roland Dahinden/Alexandre Babel
Lines

ezz-thetics

Dies ist Woanders-Musik. Sie bringt einen meinetwegen over the rainbow oder jedenfalls in fast unbegangene Landschaften oder staunenswerte, locker aufgetürmte Gebiete mit offenen Räumen, aber auch fremdartigem Geröll. Man muss sich für diese Art Musik Zeit gönnen, massiv viel Zeit unter Umständen, dann dringt sie tief ein, ändert über die Ohrmuschel die Atomstruktur des Organismus; man sollte jede Nuance zu erwischen bereit sein, nicht sofort eine durchschlagende Wirkung erwarten, wie Spotify sie alle Daseins­sekunde verspricht. Dann, wenn man Aufmerksamkeit für 43:37 Minuten einmal und ein zweites Mal hinbringt, gerät man nicht nur woanders hin, sondern handelt und tagträumt bald, o Glück, anders.
Ein Sounds-Konglomerat ist das, mehr jedenfalls als eine klar umrissene, handliche Angelegenheit. Alleine die Zusammenstellung der Instrumente deutet Unbegangenes an. Es stellt sich nämlich ein durch und durch ungängiges Trio hier auf – aus Klavier, Posaune und Vibraphon, aus Hildegard Kleeb, Roland Dahinden und Alexandre Babel, der auch Percussion spielt. (Kleeb und Dahinden sind seit Jahren ein Paar, nahmen sehr oft miteinander auf, das kommt zweifellos der Geschlossenheit zugute.) Die Instrumentenwahl allein deutet auf ein austariertes Konzept hin. Tieftöniges stößt auf hohe Frequenzen; und das Klavier vermittelt, changiert in Zwischenräumen, schlägt sich mal der einen, mal der anderen Seite zu. Mit Berechnung hat das ganz sicher nichts zu tun. Natürlich mag vieles notiert gewesen sein, im Vorfeld eingeübt gar, doch gibt es sich frisch und vom Fixierten gänzlich unbelastet.
Gleich anfangs, in „Riding on a Leaf“, ein Disput – ein Disput, kein Heftigkeitenaustausch, kein Wutausbruch – übers Wieweiter. Ein Soundtrack der Möglichkeiten ergibt sich fortan. Temperament wird angedeutet, doch nie komplett ausgespielt, Engagement ebenfalls; man handelt aber im fundierten Wissen um Ungewiss­heit, die allenthalben auf beiden Erdkugeln und im Menschen drinnen herrscht. Das mag auch einer der entscheidenden Punkte bei dieser Aufnahme sein: Man operiert nie aus gesicherten Stellungen heraus. Meint nie: Dies ist der Pfad zur Wahrheit und sicherem Einkommen. Man forscht und zeigt das Erforschte bloß her. Ohne groß zu werten. Staunt unter Umständen übers Erzeugte genauso wie wir.
Die Stücke führen Geometrie in den Titeln, lines natürlich (vierfach), squares (zwei Mal) und stellen ihnen Natur entgegen: leaf, primroses, trees, birds, hill. Menschengeschaffenes und ohne menschliches Zutun Vorhandenes, des Menschen Opposition?, den Einklang und die Kollision der beiden beschreibt diese Musik sehr gut. Sie ist in ähnlichem Maß kopfgesteuert wie losgelöst von jedweden Zwängen. Steckt irgendwo in einer Nische dazwischen. Verneint herkömmliche Stringenz-Parameter, evoziert eigenen, stolpernden, irritierenden, aber nicht ungelenken und nicht unnachvollziehbaren Rhythmus. Spannkraft allzeit – und, ja, Fortschritt.
Die abbruchhafte Spielweise drängt einen beinahe dazu, die Stücke assoziativ zu behandeln.
„Primeroses and Snow“: ein einziges Rantasten. Klavierakkord. Ein Schub Posaune. Eine Kleinigkeit seitens des Vibraphons. Pausen dazwischen, Stille gestaltet mit – nicht nur in diesem Stück, immer – Wirkung entfaltet sich ohne Eile. „On a Long Thin Line“: Verzögerungen bis zum Stillstand fast, die Spieler abgedockt voneinander, das Klavier: pointillistisch. Zum Nahezu-Verschwinden gebrachte Musik, der Stille näher als dem Klang. Gleich danach: „Songline“. Flatterhaft, sich selbst perpetuummobilhaft mit Unruhe ansteckend; Percussion sorgt für Kleinporigkeit, die dem Gesamtgestell gut tut. Harmonie-Tupfer, alles neblig-verschwommen, abseits von Gedanke und Tat. Sogleich hiernach: „Into a Single Line“. Posaune führt. Nein. Sie führt nicht, sie rennt sich fest – aber mit Behagen. Dreier-Dialoge, doch fern von Rechthaberei. Gleiche Rechte für alle bitte. Man ist unter Gleichgesinnten, ähnlich gutmütig insgesamt. Niemand pocht auf was. Streben lohnt nicht, jedwede Ziele sind für die Katz, so die hierin eingeschriebene Aussage. Hier will niemand was. Oder wohin. Nirgendwo wirklich dringend. Darauf: „Squares and Trees“. Posaune hält dort zunächst den Ton. Bewegung. Weckgeräusche durch Vibraphon. Zurückgenommene Radikalität, wenn das denn ginge. Linearität – gut, ja, aber auch Freiheiten nach allen Seiten. Geht das; darf man das so behaupten; ohne Konsequenzen?
Dies ist eine Musik, die man aus Unvermögen oder Ratlosigkeit oder Feigheit als abstrakt zu bezeichnen versucht wäre. Sie ist nicht passform-genau, schon recht, doch stößt sie Immanentes an. Es gibt keine klaren Statements, Melodik, Harmonik, Rhythmus, wie so oft und wieder und wieder erlebt, fehlen. Fehlen? Fehlen ist wahrscheinlich zu engstirnig ge-
­dacht. Musikparameter werden neu gedacht. Mit anderen, weitschweifigeren, sensibleren Ohren als diesen.
Zuletzt der Titel Nummer 10: „Ink on Paper“. Eine Menge Luftigkeit dort. Nichts wird gesteuert. Hier ein flüchtiger Gedanke, dort noch einer. Man lässt sich vermeintlich gehen, operiert in separaten Einheiten zwar, doch – o Wunder – erschafft einen gemeinsamen Sound. Man ist Individuum und Kollektivwesen zeitgleich.
Ein Wort noch zu Hildegard Kleeb, der namhaftesten Figur dieses herausragenden Trios. Die ist ja eine Marke für Neue Musik. Sie hat auf dem Klavier Cage und Feldman und Braxton und Lucier vorbildhaft eingespielt. Sie ist hier die binden­de Kraft. Wir danken ihr an dieser Stelle. Adam Olschewski