Blick zurück auf 100 Jahre Jazzgeschichte eindrucksvoll dargestellt  von

Vincent Herring in „Jazz – The Story“

Die Konzerte der Gruppe Jazz – The Story um Vincent Herring wurde im New Yorker Birdland stürmisch gefeiert. Die Abende wurden alle aufgezeichnet, jedoch sind für die CD Studiotermine geplant. Das grandiose Projekt mit einer 10-Mann-Gruppe einen jazzgeschichtlichen Abriss zu bieten, entfachte große Begeisterung. An jedem Abend wuchs die Gruppe mehr zusammen, vermochte immer tiefer in das authentische Material einzutauchen, um so die Entwicklung des Jazz, dessen 100-jähriges Bestehen 2017 in aller Welt gefeiert wird, aufzuzeigen. Die Musiker, die durchweg so flexibel sind, dass sie Jazz all dieser Jahrzehnte authentisch spielen können, gewannen zusehends an Überzeugungskraft. Ein solches Projekt in Gang zu bringen und durchzuführen, stemmt nur eine so hochkarätige Staransammlung voll erfahrener, mit allen Wassern gewaschener Musiker, die zum großen Teil noch mit den großen Leitfiguren des Jazz persönlich spielen und das Wissen aus erster Hand bekommen konnten.

So war der jetzt 52-jährige Saxophonist Vincent Herring Partner von Dizzy Gillespie, Art Blakey, Horace Silver, Billy Taylor, Wynton Marsalis. Der 47-jährige hochvirtuose Saxophonist James Carter bewies seit Jahrzehnten sein Verständnis für die Jazztradition, was durch CDs wie „Conversin‘ With The Elders“ oder durch „Chasin‘ The Gipsy“, eine Django-Reinhardt-Hommage dokumentiert wurde, zugleich ist er eine treibende Kraft des freien Jazz, was sich bei ihm nicht nur in eigenen Formationen, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Lester Bowie oder dem World Saxophone Quartet zeigte, und die Partnerschaften mit Wynton Marsalis und Dee Dee Bridgewater schulten zudem sein Verständnis für die Jazztradition.

„Jazz – The Story“ zeigt auch bei den anderen Mitgliedern dieser einmaligen Star-Ansammlung ein hohes Maß an Respekt für die Jazz­tradition, ein umfassendes Wissen über die verschiedensten Stile, bemerkenswerte Fähigkeiten und große Flexibilität um in einem Konzertprogramm von ungefähr 2 Stunden die Jazz-Entwicklung glaubhaft darzustellen. Es gibt beispielsweise nicht allzu viele profilierte Solisten auf der Jazz-Szene, die im Sinne von Louis Armstrong und ebenso wie ein Free-Jazz-Trompeter spielen können. „Das stimmt, ich weiß es auch zu schätzen, dass ich solche Solisten um mich scharen konnte“, bestätigt Vincent Herring. „Wer weiß beispielsweise, dass Jon Faddis wunderbare Armstrong-Soli zu interpretieren versteht, sich im alten Jazzstil so gut auskennt. Und dass etwa James Carter auch Klarinette blasen kann in der Art des Oldtime Jazz, ebenso mit Swingelementen. Wir waren selbst auch unheimlich überrascht, dass unser Schlagzeuger Carl Allen all die frühen Jazzstile so gut zu spielen vermag.“

Durch dieses Projekt, dass Vincent Herring geradezu beflügelt, hat er selbst wieder erneut die Tradition des Jazz schätzen gelernt. „Du erkennst dadurch wie großartig die Musiker anderer Jazz-Perioden zu spielen imstande waren. Das vergisst man allzu leicht. Dieses Projekt öffnete mir meinen Horizont, lehrte mich die Leistung dieser frühen Musiker mehr zu schätzen.“ An nur ganz wenigen Musikhochschulen und Universitäten wird den Studenten die Tradition des Jazz so näher gebracht, dass sie ein Verständnis dafür entwickeln, die Fähigkeiten dieser Jazzpioniere zu schätzen wissen. Vincent Herring lehrt an der William Patterson University und ebenso an der Manhattan School of Music „Jazz Education“. Und dabei geht es vor allem um aktuelle Ausdrucksweisen des Jazz, das ist so gewünscht und nur das interessiert die Studenten. „Wenn ich zum Beispiel frühes Saxophonspiel vermitteln würde, dann käme wohl kein Student in meinen Unterricht, die alten Stile stoßen auf wenig Interesse und Verständnis. Gefragt sind aktuelle Stile“, erklärt Herring.

Die Jazz Education steht zumeist in krassem Gegensatz zu einem Studium Klassischer Musik, bei dem Musik all der großen Komponisten wie Bach, Beethoven und Mozart den jungen Talenten nahe gebracht wird, also Musik vergangener Jahrhunderte, die zeitlos ist, allgegenwärtig. Mit wenigen Ausnahmen starten junge Saxophonisten heute mit John Coltranes Spielweise, entdecken vielleicht erst später die Errungenschaften von Charlie Parker, auf dem der moderne Jazz aufbaute. In den 100 Jahren Jazzgeschichte wird jedoch besonders deutlich, wie sich ein Stil aus dem anderen ergab, eine absolut logische Entwicklung in Gang kam. Und all diese Ausdrucksformen zeigen auch Gemeinsamkeiten. Vincent Herring erklärt: „Zuerst einmal ist der gemeinsame Nenner, das wichtigste Ingredienz von allen die Improvisation, die Möglichkeit sich selbst auszudrücken in der Musik und darin seine Leidenschaft auszuleben. Das ist das ganz Spezielle am Jazz.“

Vincent Herring hat auch von seinen Partnern bei diesem Projekt schon das eine oder andere gelernt, nicht zuletzt hat ihn der Trompeter Jon Faddis, Jahrgang 1953 überrascht. „Jon Faddis ist ja mittlerweile ein elder statesmen und er hat mir klar gemacht, dass man die Töne in den frühen Tagen des Jazz, Mitte der Zwanziger Jahre, noch nicht swingend gespielt hat, sondern ganz straight. Und das gab mir den Anstoß wieder einmal so alte Aufnahmen zu hören und dabei genau auf die Spielweise der einzelnen Musiker zu achten. Dabei fand ich immer wieder die Bestätigung, dass Jon Faddis absolut Recht hatte. Solche Erkenntnisse helfen mir natürlich auch, wenn ich mit so erfahrenen, vielseitigen Musikern ein solches Projekt wie ‚Jazz – The Story‘ am Start habe.“

Es ist merkwürdig, dass die Geburt des Jazz zu dem Zeitpunkt angesetzt wird, an dem eine weiße Dixieland Band, die Original Dixieland Jazzband die erste Schallplattenaufnahme machte. Gut, das ist dokumentiert, es war im Jahr 1917, aber zuvor gab es nachweislich jazzartige Musik, etwa von Buddy Bolden in New Orleans. Darüber lacht Vincent Herring und sagt lapidar: „Das gilt eben als Jazzgeschichte. Wir beginnen unsere musikalische Reise durch 100 Jahre Jazzgeschichte mit afrikanisch anmutendem Trommeln und Worksongs, die zur Geburt des Jazz, der Basis des Jazz führte.“

„Jazz – The Story“ weist ein wohldurchdachtes Programm auf, das unterhaltende, interessante, tiefgründige Musik mit lehrreichen Kommentaren in wohlausgewogener Weise verbindet. Die Narration, die die einzelnen Stile erklärt und schildert, und die hin und wieder eingestreut wird in das musikalische Geschehen – aber nicht gerade dann im Vordergrund steht, wenn sich die Musiker ausgiebig in einem der Stile äußern – hat der Sänger Nicolas Bearde übernommen. Dieser aus Nashville stammende Vokalist besitzt eine breite stilistische Ausdrucksweise, die vom Blues über Jazz Standards sich zu Coltrane-Stücken wie „Naima“ reicht. Seine sehr präsente Baritonstimme, die äußerst emotional und sinnlich und auch kraftvoll klingt, ist auf der 2016 erschienenen CD „Invitation“ zu hören, die in den USA ziemlich weit nach oben in den Jazz Charts stieg. „Ich band ihn ein, um die Narrations zu schreiben, die ich dann etwas ergänzte. Er arbeitet als Professor an der Universität und wir kamen überein, dass er sich bei diesen Erzählungen und Schilderungen an deren Botschaft halten sollte, aber sich die Freiheit nehmen kann, sie je nach Atmosphäre etwas zu verändern, etwas anzufügen. Er macht diese erklärenden Zwischentexte wirklich wunderbar, sie werden genau so vorgetragen, wie ich das gewünscht hatte. Ich bin damit sehr glücklich.“ Bearde gelingt die Balance zwischen Vermittlung von Fakten in verständlicher, lockerer Form, von denen die Zuhörer lernen können, ohne sich belehrt zu fühlen und schlägt damit die Brücke zum unterhaltenden Charakter der Musik. Die Show startet bei der All Star Gruppe im Jahr 1917 mit einem Stück der Original Dixieland Jazz Band und dann geht’s weiter in der Jazzentwicklung durch die Jahrzehnte. Sie führt durch Blues und Ragtime, durch Bebop und Cool Jazz, durch Hard Bop und Modal Jazz, Latin Jazz, Free Jazz und Fusion bis zu World Music. „Wir spielen zuletzt ein paar Stücke, die so gut wie alles des Jazz von heute enthalten. Zuvor richten wir uns an der Entwicklung des Jazz aus, die wir in Dekaden abhandeln. Wir haben für diese Auftritte eine Dauer von mindestens 90 Minuten veranschlagt, es sollte nicht zu ausufernd werden.“

„Jazz – The Story“ wird mit einer Multimedia Performance ergänzt, die durch die 100-jährige Jazzgeschichte anhand von historischen Bild- und Tonaufnahmen führt und das Programm ergänzen wird, aber auch durch den Bezug zu vielen großen Jazzmusikern und deren Spielweise mehr Verständlichkeit für die Jazztradition bringt. Vincent Herring versichert, dass die Gruppe bei ihrer Zeitreise durch 100 Jahre Jazz jeweils ziemlich nahe der Original-Musik bleibt. „Es kann natürlich kein perfektes Abbild der Originale sein, aber es trifft das jeweilige Original ziemlich genau. Wir spielen im Geist der jeweiligen Musiker und Gruppen, erwecken die jeweilige Atmosphäre, aber eine exakte Kopie kann und soll es nicht geben. Wir versuchen die jeweilige Musik zum Leben zu erwecken. In unseren Ensemble-Parts ist das ganz stark der Fall, in den Solos nur bedingt möglich. Ich hatte die Vision, dass unser Projekt eine Verbindung zwischen Hören und Sehen würde und wir werden das auch in einer Multimedia-Performance schaffen. Die Bilder und Narrations werden helfen dem Publikum zu einem umfassenderen Einblick in die Entwicklung des Jazz verschaffen.“

Vincent Herring hegte nie Zweifel daran, dass ihm ein solches Projekt nicht gelingen könnte. „Ich ging das Projekt vom ersten Augenblick an mit dem Gedanken es aus Liebe für die Musik zu tun, und ich bin sehr froh, dass das Endprodukt auch der Musik dient. Gut, der eine oder andere könnte vor dem Gedanken ein solches Projekt durchzuführen, Angst spüren, befürchten, dass er es nicht schaffen würde die Musik so darzustellen wie sie sich in diesen 10 Dekaden vollzog, aber ich fand dafür die geeigneten Mitstreiter.“

Der Jazz ist heute überall auf der Welt zuhause, auf allen Kontinenten gibt es gute Jazzmusiker. In unzähligen Musikschulen und Universitäten werden junge, vielversprechende Jazzmusiker ausgebildet. Der Jazz ging sehr viele sinnvolle Begegnungen mit anderen Musikgenres ein, nicht zuletzt der Klassischen Musik. Aber leider lässt die Anerkennung für diese für die heutige Zeit besonders relevante Musikform zu wünschen übrig, vor allem in ihrem Entstehungsland, den USA. Es hat sich gezeigt, dass die Erklärung des Jazz zum „national treasure“ nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis war. „Ein größeres Publikum ist leider nicht darauf eingestellt, jedoch gibt es Institutionen wie das Lincoln Center, das den Jazz fördert, das ist wirklich bewundernswert. Und es gibt San Francisco Jazz und weitere Institutionen, die den Jazz unterstützen, sowie die vielen Ausbildungsmöglichkeiten für Jazz. Aber für das normale Publikum ist der Jazz nicht von Interesse. Die Leute führen immer das mangelnde Jazzinteresse junger Menschen darauf zurück, dass sie nicht mit dem Jazz in Berührung kommen. Es gibt aber mehrere kulturelle Gründe dafür, man kann es nicht allein damit begründen, dass die Jugendlichen niemals Jazz hören. Auch wenn sie ihn hören würden, wäre es nicht selbstverständlich, dass sie sich dafür interessieren, begeistern würden, ihn lieben lernen würden. Die Popkultur erreicht die Jugend schon in ganz jungen Jahren, sie ist auch überall zu sehen, zu hören, so gut wie in allen Bereichen des Lebens gegenwärtig. Die Jazzmusik ist für die Jugend ‚unhip‘, etwas mit dem man gar nichts anfangen kann und will. Instrumentale Musik sagt ihnen so gut wie nichts. Merkwürdig ist, dass trotzdem immer wieder reiche Leute ihr Scheckbuch zücken und den Jazz, gewisse Programme des Jazz mit großzügigen Spenden unterstützen. Ich bezweifle, dass dahinter viel Wissen oder Liebe für den Jazz steckt. Vielleicht kennen sie ein paar Namen wie John Coltrane, Charlie Parker oder Billie Holiday. Aber hören sie sich wirklich gerne deren Musik an und können sie sie schätzen?!“

Viele Musiker früherer Generationen spürten von Anfang an, dass das Jazzspielen für ihr Leben relevant war. Vincent Herring erinnert sich: „Meine Mutter war Jazzfan, diese Musik war also in meinem Elternhaus immer präsent. Obwohl ich ihr zunächst gar keine Aufmerksamkeit schenkte. Ich interessierte mich mehr für Popmusik, für den Motown Sound und zu jener Zeit kam dann auch der Smooth Jazz auf. Ich stieß auf diesen Sound, hörte diese Musik und lernte sie lieben. Es war rein instrumentale Musik, im Gegensatz zur Popmusik. Ich fand Freude daran und fing an Saxophon zu blasen. Und irgendwann wurde mir klar, dass ich in meiner Jugend schon sehr viele Saxophonisten gehört hatte, denn meine Mutter besaß viele Platten mit Saxophonisten. Für mich war das also eine ganz natürliche Entwicklung, die mich von der Popmusik jener Tage über den Smooth Jazz und Soul Jazz zum echten Jazz führte. Jeder findet auf einem anderen Weg zum Jazz. Als wir mit eigener Band in den 1970er Jahren spielten, etwa ‚Feel so good“ oder ‚Spain‘ oder ‚Mr. Magic‘ und ähnliche Stücke, da hatte ich das Gefühl, dass ich mit dieser Musik groß wurde. Ich fühlte mich so gut wie nie zuvor, viel besser als wenn ich den ganzen Tag Radio hörte.“

Wahrscheinlich sagen sich manche Musiker bisweilen so insgeheim, dass es vernünftiger gewesen wäre einen anderen Beruf als den des Jazzmusikers zu wählen. Doch Vincent Herring bereute es nie, dass er sich für den Beruf des Jazzmusikers entschieden hat. Durch seine Lehrtätigkeit hat er sich auch eine gewisse Sicherheit erworben, die ihm die Existenz sichert. „Wenn du Musik spielst, beispielsweise Jazz, dann musst du schon Opfer bringen für die Liebe zur Musik. Mein Sohn, der im Wirtschafts- und Finanzwesen tätig ist, kaufte jetzt schon als 25-jähriger sein erstes Haus! Er bestreitet seine Existenz nicht mit dem Musikmachen, da wäre das nicht möglich! Du musst dich für etwas entscheiden und dann erfährst du auch schon früh, was zu erwarten ist. Du kennst die Konsequenzen, aber der Verdienst ist nicht immer im Materiellen zu sehen – natürlich sehnst du dich nach Sicherheit – sondern in der Bereicherung und Erfüllung deines Lebens, die vom Musikspielen kommt!“

Text: Gudrun Endress

Foto der Gruppe „Jazz – The Story“ mit v.l.n.r. Mike LeDonne, James Carter, Eric Alexander, Kenny Davis, Vincent Herring, Jon Faddis, Jeremy Pelt, Steve Turre (nicht im Bild Schlagzeuger Carl Allen und Nicolas Bearde, Gesang, Narration): Yuki Tei

Einzelfotos von Vincent Herring und James Carter: Yuki Tei

Auftritte: 25.3. Jazzwoche Burghausen, Wackerhalle, 8.7. Palatia Jazz, Edenkoben, Villa Ludwigshöhe, 11.7. jazz open Stuttgart, SpardaWelt Eventcenter, 13.7. St. Moritz, Festival de Jazz