Louis Armstrong und kein Ende

Veröffentlichung von „The Standard Oil Sessions” aus Louis Armstrongs Schatzkiste

Wie hätte sich der Jazz ohne Louis Armstrong entwickelt? Unumstritten ist er einer der wichtigsten Jazzmusiker, dessen eigenes Leben besonders als unter schwierigen Umständen Heranwachsender in New Orleans durch die Musik geprägt wurde und der seine Erfahrungen immer bereitwillig teilte. Seine Worte „My whole life, my whole soul, my whole spirit is to blow that horn“, finden sich auf den jüngsten Veröffentlichungen aus dem Fundus des Louis Armstrong Archivs in New York, welche die Firma Dot Time Records aus New York im März dieses Jahres in Zusammenarbeit mit der „Louis Armstrong Educational Foundation, Inc.“ in deren „Legends-Serie“ unter der Bezeichnung „The Standard Oil Sessions“ veröffentlicht hat und die im Rahmen eines Schulprogramms von NBC 1950 in San Francisco produziert wurden. 2015 hat Dot Time Records begonnen, mit zuvor unveröffentlichten historischen Aufnahmen, unvergessener Jazzgrößen wie Ella Fitzgerald, Gerry Mulligan, Buck Clayton und anderen die „Legends-Serie“ ins Leben gerufen, die ohne die originale Atmosphäre der Aufnahmen zu verfälschen, restauriert wurden. Produzent Jerry Roche von Dot Time Records schwärmt: „Als ich diese Aufnahmen von Louis Armstrong hörte, war ich völlig überwältigt. Diese Musik zu produzieren bedeutet, dass die Menschen erneut in Kontakt mit Louis Armstrong kommen und die Größe dieses Künstlers vergegenwärtigt bekommen. Ich bin wie auf einer Missionsreise um diese Musik verfügbar zu machen.“ Auch Oscar Cohen, der Louis Armstrongs Tour-Manager nach Joe Glasers Tod 1970 war, und heute die „Louis Armstrong Educational Foundation, Inc.“ leitet, äußert sich: „Louis Armstrong ist der am meisten geschätzte und geliebte Musiker unserer Zeit. Sein Sound, seine Stimme, seine Liebe erreichte und erreicht auch heute die Herzen der Menschen überall in der Welt“. Ein Blick darauf, in welchem Kontext sie entstanden sind, ist nicht uninteressant. Nachdem die legendären Hot Five und Hot Seven Aufnahmen der zwanziger Jahre die Reputation Satchmos unerschütterlich gemacht hatten, während der Ära des Swing schwierige Jahre mit seiner Big Band zu meistern waren, fand er in den vierziger Jahren in kleineren sogenannten All-Star-Besetzungen die ideale Formation, die Musik New Orleans‘ als „Ambassador of Jazz“ in der Welt zu verbreiten. Anfänglich waren Louis Armstrong and his All Stars mit Koryphäen des Jazz besetzt. Mit einigen von ihnen, wie mit an den „Standard Oil Sessions“ beteiligten Posaunisten Jack Teagarden und Pianisten Earl Hines, spielte er schon in den zwanziger Jahren fulminante Aufnahmen ein. Diese Musiker waren Satchmo ebenbürtig und hatten selbst Erfahrung in der Leitung eigener Bands vorzuweisen. Zu den ersten All Stars gehörten auch der Bassist Arvell Shaw, Klarinettist Barney Bigard und Schlagzeuger Cozy Cole. Letzterer kam nach dem Tod von Sid Catlett (Armstrongs Lieblingsschlagzeuger) in die Band. Sie verkörperten den Geist von New Orleans und waren starke individuelle Persönlichkeiten, die den Erfolg Armstrongs mitbegründeten.

Im liberalen Kalifornien war Armstrong (und ist es bis heute) besonders beliebt. Hier verstanden sich seit dem „Great Jazz Revival“ Ende der dreißiger Jahre viele Musiker, Fans und Amateurmusiker in und um San Francisco als „Keeper of the flame“ und fühlten sich dem wiederentdeckten authentischen New Orleans Jazz verpflichtet. Sie waren begierig, die Originale zu hören. Um die Trompeter Turk Murphy (der den Terminus „Dixieland Jazz“ strikt ablehnte und „Traditional Jazz“ bevorzugte) und Lu Watters (übrigens einem der ersten aktiven Umweltschützer und Atomkraftgegner) scharten sich Enthusiasten, die von Haus zu Haus zogen, Jazzplatten ankauften und begannen, die Musik New Orleans‘ zu transkribieren, um sie spielen zu können. Sie verhalfen älteren Jazzmusikern wie Bunk Johnson und George Lewis zum Comeback und machten wie Lehrmeister einem weißen Publikum die Bedeutung des Jazz als Amerikas eigenständigen Kulturbeitrag in der Welt bewusst. In jedem großen und kleinen Ort von San Diego über Pismo Beach bis Santa Rosa gründeten sich im Zuge dieses Enthusiasmus Jazz Clubs. Jazz Festivals wurden ins Leben gerufen, die zum Teil bis heute überlebt haben, auch wenn man die Reste dieser Glanzzeit nur noch in privaten Clubs findet oder beim ursprünglich als „Dixieland Jubilee“ in Sacramento gegründeten und mittlerweile Markt-orientiert umbenannten „Music Festival Sacramento“. Hotspot der Bewegung war in den 1950er Jahren San Francisco, wo sich auch eine San Francisco Traditional Jazz Foundation gründete. Mit besonderen Bildungsangeboten unterstützten die zum Teil wohlbetuchten Mitglieder Schulen und einzelne Talente, die dadurch die Möglichkeit erhielten, in Clubs oder auf renommierten Festivals aufzutreten. So ist es nicht verwunderlich, dass 1950 der Jazz auch im „Standard School Program“ – das älteste von NBC produzierte Rundfunkprogramm für Schulen, welches von der Firma Standard Oil Company California finanziell unterstützt wurde – Beachtung fand. Damit wollte man die Vielfalt der Musik Amerikas an Schulen vorstellen und mittels originaler Aufnahmen erlebbar machen. Im Teil „Musical Story of New Orleans“ des Programms „Music Map of America“ sollte Louis Armstrong, der mit seinen All Stars große Popularität hatte, typische Beispiele des New Orleans Jazz vorstellen. Der Posaunist Jack Teagarden und der Pianist Earl Hines von den All Stars begleiteten ihn. Alle anderen Musiker, so wird vermutet, kamen aus dem Umfeld der San Francisco Jazzszene. Durch das Programm führen Jack Cahill als „Matt the Mapmaker“ und Clancy Hayes als „Jack of all the tunes“. Der Banjospieler, Gitarrist und Sänger Hayes war in jenen Jahren einer der wichtigsten Jazzmusiker in San Francisco, dem zu Ehren 1970 vom Bürgermeister der Stadt der 31. Mai als „Clancy Hayes Day“ proklamiert wurde. Er leitet im Gespräch von Stück zu Stück über und spielt auch in der Rhythmusgruppe. Die Namen des Bassisten und Schlagzeugers werden nicht genannt, wohingegen andere Quellen behaupten, dass es sich durchaus um Cozy Cole am Schlagzeug und Arvell Shaw am Bass handeln könnte. Sie waren wie Klarinettist Barney Bigard Mitglieder der All Stars. Nur Bigard sei von einem lokalen Musiker namens Lyle Johnson ersetzt worden, über den es in der Jazzliteratur keine weiteren Informationen gibt. Wie auch immer, wurden für diese Box vier 16“ Platten darunter eine mit typischen New Orleans Nummern produziert, die zur Verwendung an Schulen verschickt wurden. Im Rundfunk wurden sie nie gespielt. Ricky Riccardi: “… nach der Aufnahmesitzung schickten die Standard Oil Leute die Azetatplatten der gesamten unbearbeiteten Armstrong Aufnahmen inclusive einiger Probenmitschnitte zu Armstrongs Zuhause. Armstrong überspielte sie im Dezember 1950 auf ein Tonband, <…>. Das war’s auch schon. Sie blieben in seinem Haus in Corona, Queens für die nächsten Jahrzehnte bis 1991 diese ins Queens College kamen. Dort lagen sie ebenso bis heute.” Nicht alle Aufnahmen sind allerdings unveröffentlicht. Sechs Titel („Do you know what it means to miss New Orleans“, „Struttin’ with some barbecue“, „Boogie Woogie on St. Louis Blues“, „Panama“, „Up the lazy river“, „Back o’town blues“), kursierten in Sammlerkreisen unlizenziert auf diversen Labels (Ariston AR 12078, Astan 20075, Decca PD 12008, For Discriminated Collector FDC 1017, Giants of Jazz GOJ 1002, Jazz Society 67414 F, Joker SM 3133, SM3764/2) Die nun vorliegenden Aufnahmen stammen von den Azetatplatten aus Armstrongs Besitz und enthalten noch zwei Probenmitschnitte des Titels „Do you know what it means to miss New Orleans”, wobei Satchmo gemeinsam mit Teagarden freundlich bemüht ist, dem Klarinettisten Lyle Johnson dessen Einsatz zu erklären. Eine gesonderte, limitierte „Collector’s Edition“, die nur über Dot Time Records (www.dottimerecords.com/louis-armstrong) angeboten wird, enthält ein 20-seitiges Booklet von Ricky Riccardi, Director of Research Collections im Louis Armstrong House Museum, geschrieben und ist mit raren Fotoaufnahmen geschmückt. Weitere geplante Ausgaben werden Konzerte aus den fünfziger und sechziger Jahren enthalten, darunter befindet sich auch eine Doppel-CD einer Tournee durch Südamerika im Jahre 1957. Armstrong Fans dürfen gespannt bleiben.

Detlef A. Ott