Von guten und von schlechten Tagen

Mike Stern

In den Siebzigern war Mike Stern einer jener jungen Wilden, die es wagten, die Jazztradition mit Einflüssen aus der Rockmusik zum Jazzzrock oder Fusionjazz anzureichern. Der „Bebop-Rocker“ aus Boston/Massachusetts schwärmt bis heute gleichermaßen von Sonny Rollins und Jimi Hendrix, Thelonious Monk und Eric Clapton, John Coltrane und B.B. King, natürlich von Miles Davis, mit dem er Anfang der achtziger Jahre zusammenspielte. Nach dem Studium am Bostoner Berklee College of Music, u. a. bei Pat Metheny, heuerte Stern bei Blood Sweat and Tears an, bis ihn schließlich nach einem Engagement bei Billy Cobham Miles Davis in seine Band holte. Der schätzte ihn besonders ob seines untrüglichen Timings und seines punktgenauen Spiels. Seit 1989 segelt Stern nach diversen Kooperationen u. a. mit David Sanborn, Mike Mainieri und Michael Brecker unter eigener Flagge, wurde sechs Mal für den Grammy nominiert und vielfach ausgezeichnet.

Noch vor kurzem jedoch schien ein abruptes Ende seiner Karriere besiegelt, als er in New York unglücklich fiel und sich beide Schultern brach. Es war ein harter Kampf zurück, aber heute kann Mike Stern mit seinem sympatischen, jungenhaft gewinnenden Lächeln strahlen: „Alles wieder gut, Gott sei Dank!“ Und wie! Obwohl er das Plektrum nach mehreren Operationen vor allem des rechten Armes und der rechten Hand nur mit Hilfe von Tape und Klebstoff halten kann, stellt er mit der für ihn typischen Spielfreude seine brandneue CD „Trip“ vor, die sich mit den good and bad trips, den Aufs und Abs des Lebens beschäftigt und zugleich mit einer ganzen Reihe Mitspielern, darunter Dennis Chambers, Dave Weckl und Tom Kennedy, mit denen er seine jüngste Tour bestritt, Randy Brecker, Lenny White, Bill Evans, Wallace Roney, Will Calhoun und nicht zuletzt Ehefrau Leni Stern der helfenden Kraft der Freundschaft huldigt, abwechslungsreich und aufs Ganze gesehen eher von den good als den bad trips geprägt.

Hallo Mike, ich freue mich sehr, dich gesund und munter anzutreffen …

Ja, das ist leider passiert. Ich bin in New York über einen versteckten Bauschutt gestolpert, der wirklich gut getarnt war. Es sah aus wie eine dieser gelben Linien, die es manchmal auf der Straße gibt. Normalerweise haben sie ja da so Warnbaken stehen, was hier nicht der Fall war. Und so bin ich gestolpert. Im Fallen hab ich versucht, meinen Körper vor den Folgen des Sturzes zu schützen. Dabei bin ich auf die Ellenbogen gestürzt und habe mir beidseitig den Oberarmknochen nahe der Schultern gebrochen. Links konnte der Bruch relativ problemlos heilen, aber rechts musste für längere Zeit Metall eingesetzt werden. Bevor ich ins Krankenhaus kam, muss mit dem Arm etwas passiert sein. Ich weiß nicht genau, was, aber es hat die Sache verkompliziert. Die Nerven waren mit betroffen. Die haben mir nicht den wirklich besten Arzt zugewiesen, schon einen sehr guten, aber eben nicht den besten. Den hab ich jetzt gefunden, einen echten Schulter-Arm-Spezialisten. Der hat mir gesagt: „Schau, ich weiß, dass du spielen musst. Du kannst nicht einfach nur warten, bis das hier besser wird. Es könnte sein, dass es so bleibt.” Er handelte sehr proaktiv. Er sagte: „Du musst spielen.” Er hat mir dann ein Pflaster zwischen meinen Daumen und meinen Zeigefinger gegeben. Damit habe ich dann zweieinhalb Monate gespielt, aber das war wirklich sehr, sehr schwierig. Er hat den Daumen dann mit mehreren Operationen mehr und mehr beweglicher machen könnnen, immer mit dem Risiko, dass das schief gehen kann. Ich brauche immer noch Klebstoff, um das Plektrum halten zu können. Das ist der Trick, den ich rausgefunden hab. Du musst halt irgendwie weitermachen, wie auch immer. So machen das ja auch manche Drummer, damit ihnen die Sticks nicht aus den Händen rutschen … oder Donald Trump mit seinen Haaren… Auch auf der CD hab ich damit gespielt. Das funktioniert. Der Klebstoff verstärkt die Griffigkeit. So weit, so gut!

In den liner notes der CD schreibst du über die good trips und die bad trips …

Die wir alle haben. Ich hatte jede Menge ups und downs in meinem Leben; meine Frau auch. Sie ist eine ganz große Inspiration für mich. Sie hat diesen wunderbaren Spirit. Sie ist Deutsche. Die Deutschen haben was … Sie hat wirklich Spirit; sie hat vor Jahren Brustkrebs überlebt, sie spielt wunderbar Gitarre, sie singt, sie spricht fünf Sprachen. Was immer auch passiert, sie hat eine unglaubliche Energie. Das ist wirklich toll. Wir sind schon seit 36 Jahren verheiratet.

Wenn ich mir die CD anhöre, klingt die Musik eher positiv, optimistisch, mehr nach ups als nach downs.

Das habe ich versucht. Ein eher trauriger Song ist „Gone”. Den habe ich geschrieben über das Gefühl, das du hast, wenn du etwas verlierst, wenn du jemanden verlierst, der nicht hätte gehen sollen. Ich hoffe, es steckt auch ein Funken Hoffnung drin, aber in erster Linie ist es ein trauriges Lied. Es gibt einfach Trauriges in der Welt, das ist nun mal sicher. Menschen gehen: John Abercrombie z. B., das war so ein wunderbarer Mensch. Im Juni sollten wir gemeinsam in der Jury eines Wettbewerb sitzen; Peter Bernstein hat ihn vertreten. Ich wusste also, dass er krank war, aber nicht die Details, bei weitem nicht, wie schlimm es um ihn stand. Ich habe dann Marc (Copland; Anm. d. Verf.) angerufen, weil ich John nicht erreicht habe. Der hat mir dann erzählt, was los war. Wirklich traurig! John war so ein großer Musiker und so ein guter Kerl.

Auf der einen Seite ist die CD sehr Groove-orientiert, auf der anderen Seite auch sehr melodiös. Wie siehst du das Verhältnis von Rhythmus, Melodie und Harmonien.

Gute Frage … Ich glaube, am meisten kommt es auf die Time an. Das ist für mich das Wichtigste in der Musik, wirklich essentiell. Alles ist Time. Es muss kein Groove sein, es gibt auch freie Time. Aber es geht nicht ohne. Sie ist immer da. Wenn du swingen möchtest, ist das sowieso offenkundig: Du musst dir der Time bewusst sein. Du kannst auch um die Time herum spielen. Das musst du für dich herausfinden. Miles hat mich immer „Fat Time” genannt, weil er mein Gefühl für Time sehr schätzte. „Fat Time”, auch weil ich damals so viel Gewicht auf die Waage gebracht habe, aber vor allem wegen meines Gefühls für Time. Das ist meine Art. Ich weiß, dass es Leute gibt, deren Time nicht so stark ist, die lassen es mehr fließen. Aber das ist halt meine Art. Wenn ich Sachen spiele, die mehr funky sind, wie z. B. der erste Titel „Trip”, versuche ich im Solo immer noch zu swingen, mein Vokabular aus Blues, das ich vor langer Zeit gelernt habe, und vor allem Bebop-Linien, bläserartige Linien einzubringen, auch Pianoartiges. Ich transkribiere manchmal Sachen von Herbie Hancock oder McCoy Tyner, auf der anderen Seite von Sonny Rollins oder Sonny Stitt oder auch Miles. Ich füge das meinem Vokabular und meiner Sensibilität an der Gitarre hinzu.

Du wirst immer wieder Mal als „Bebop-Rocker” bezeichnet. Trifft das dein Selbstverständnis?

Ja. Entschieden ja.

„Half crazy” auf „Trip” erinnert mich stark an Thelonious Monk.

Ja, die Brücke bildet Sonny Rollins. Das klingt so monkisch, weil Sonny zuweilen so spielte. Das ist die Zeit, die Periode, in der ich mich zuhause fühle, das ist meine Musik, das höre ich die meiste Zeit. Ich mag fast alles, aber das ist meine Leidenschaft. Bebop, natürlich Sonny Rollins, Miles in dieser Zeit: „Friday Night at the Blackhawk” z. B., das ist eine phantastische Aufnahme. Ich liebe seine elektrischen Sachen natürlich auch. Aber wenn du genau hinhörst: Er hat auch im elektrischen Kontext im Grunde Bebop-Linien gespielt.

Interview: Tobias Böcker
Foto: Christian Pacher