Andreas Schaerer

Das Konzept der drei musikalischen Welten funkionierte bestens in „The Big Wig“

Andreas Schaerer

Der 1976 in Visp im Schweizer Kanton Wallis geborene Andreas Schaerer ist der herausragende Vokalist auf der internationalen Szene der improvisierten Musik. Ihn allein mit dem Etikett des Jazzsängers zu versehen, hieße per definitionem viel zu kurz zu springen. Schaerer ist natürlich auch Jazzsänger, aber darüber hinaus ebenso vokaler Klangmaler, Stimmakrobat oder Human-Beatbox. Mit seiner wunderbar wandelbaren Stimme, die mit spielerischer Leichtigkeit Vokalisen, Crooner-Elemente, Geräuschhaftes, Scat, Rap und Klangflächen gestaltet, lässt er eine Soundwelt entstehen, die ihresgleichen sucht. Als Brüder im Geiste könnte man höchstens noch Theo Bleckmann, Michael Schiefel oder Tobias Christl anführen, die zwar nicht im entferntesten in die musikalischen Dimensionen vorstoßen, in die sich der sympathische Schweizer mit jedem Projekt selbst katapultiert, die aber eine ähnliche Vokalphilosophie wie er pflegen.
Andreas Schaerer hat seine Stimme bislang nicht nur in seiner Stammformation Hildegard Lernt Fliegen erklingen lassen, sondern sie höchst erfolgreich auch in Dialogsituationen mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli (das Duoalbum „Arcanum“ erhielt 2014 den Preis der deutschen Schallplattenkritik und wurde vom französischen Magazin Jazzman zum „Album des Jahres“ gekürt) und dem Bassisten Bänz Oester erhoben. Desweiteren hat er mit dem ARTE-Saxophonquartett plus Bassist Wolfgang Zwieauer gearbeitet und explorative Exkurse unternommen und seit kurzer Zeit mit A Novel of Anomaly (Niggli, Schaerer, Kalle Kalima & Luciano Biondini) eine weitere Band am Start, die – da bin ich mir sicher – noch für gehöriges Aufsehen sorgen wird.
Dass Schaerers Stimmkunst ihren vollen Explorationsgeist nicht nur in kleinem musikalischen Gestaltungsrahmen wirksam zur Entfaltung bringen kann, sondern auch in der strukturierten Mehrdimensionalität eines klassischen Orchesters trefflich funktioniert, durfte man nicht unbedingt erwarten. Die soeben erschienene Einspielung „The Big Wig“, die den Sänger, Hildegard Lernt Fliegen und das Orchester der Lucerne Festival Academy präsentiert, belegt die vielleicht überraschende und sinnspendende Kompatibilität dieser vermeintlich disparaten Protagonisten. Im folgenden Gespräch skizziert Andreas Schaerer die Arbeit an diesem ambitionierten Projekt und nährt die Hoffnung, dass es nicht bei einer einmaligen Aufführung des Programms bleiben wird.

Das Lucerne Festival zählt zu den bekanntesten und renommiertesten Klassikfestivals der Welt. Wie kam es zu der wahrscheinlich auch für dich überraschenden Einladung, für diese Veranstaltung ein Programm zu schreiben?

Der Managing Director des Lucerne Festivals, Dominik Deuber, hatte Hildegard Lernt Fliegen seit einiger Zeit auf dem Radar und war an einer Zusammenarbeit mit uns sehr interessiert. Im Mai 2014 sah der künstlerische Leiter des Festivals, Mark Sattler, Hildegard Lernt Fliegen in der Unterfahrt in München und so kam eins zum anderen. Das Lucerne Festival versieht jede Festivalspielzeit mit einem Motto. Für 2015 hatte man sich auf das Thema „Humor“ geeinigt. Die Intendanz war der Meinung, dass wir dafür die geeigneten Kandidaten seien. Als ich davon erfuhr, war meine erste Reaktion verhalten: Ich stehe nicht so sehr auf „geplanten“ Humor. Schon gar nicht, wenn er plakativ in den Vordergrund gerückt wird. Im Gespräch mit der künstlerischen Leitung wurde mir allerdings schnell versichert, dass dieses Motto durchaus sehr subtil ausgelegt werden dürfte. Nachdem das geklärt war und man mir garantiert hatte, dass ich, was die musikalische Gestaltung des Programms betraf, völlig freie Hand bekommen sollte, konnte ich natürlich nicht widerstehen. Zumal man uns die Lucerne Academy – das Festivalorchester – für dieses Projekt zur Verfügung stellen konnte. Dieser interessanten Herausforderung galt es sich unbedingt zu stellen.

Hattest Du dich denn im Vorfeld dieser Arbeit schon einmal an Orchesterkompositionen versucht?

Für ein kleines Streich- und Bläserensemble und für ein klassisches Holzbläserquartett hatte ich bereits geschrieben. Auch zwei Streichquartette habe ich in der Vergangenheit schon komponiert, aber der höchst anspruchsvollen Aufgabe, für einen großen klassischen Klangkörper zu schreiben, hatte ich mich bis zu dieser Offerte noch nie gestellt. Mit Orchesterinstrumenten wie z. B. der Oboe, dem Fagott, der Harfe, den Pauken oder den Hörnern hatte ich mich bis zur Arbeit an diesem Projekt noch nie intensiv beschäftigt.

Du hast an der Hochschule der Künste Bern neben Gesang und Improvisation auch Komposition bei Klaus König, Frank Sikora und Christian Henking studiert. Inwieweit waren diese Studien bei diesem Projekt hilfreich?

Das Studium war natürlich hilfreich. Trotzdem war die Arbeit an „The Big Wig“ ein Sprung ins kalte Wasser. Aber ich wollte dieses Abenteuer unbedingt wagen. Der Kompositionsprozess für eine Kleinbesetzung oder für ein Sinfonieorchester ist zum Teil recht ähnlich. Die inspirativen Momente, die Prozesse der Ideenfindung, unterscheiden sich meiner Meinung nach bei beiden Arbeiten nicht allzu sehr voneinander. Ganz wesentliche Unterschiede gibt es allerdings bei der Entwicklung der Ideen, wie du sie variierst, um sie an einen Klangkörper anzupassen. Ich habe mich bei meiner Arbeit von zwei bekannten Werken der klassischen Sinfonik inspirieren lassen. Zum einen von Igor Strawinskys Ballettmusik „Le sacre du printemps“ und zum anderen von Claude Debussys sinfonischer Dichtung „La mer“. Desweiteren waren Partituren von Richard Strauss sowie von Béla Bartóks „Der wunderbare Mandarin“ inspirierende Impulsgeber für mich. All diese Kompositionen habe ich intensiv studiert. Habe mir genau angeschaut, was da satztechnisch abgeht, wie die harmonischen Entwicklungen verlaufen und wie sie auf die Orchester übertragen werden. Nennen muss ich ebenfalls das Standardwerk von Samuel Adler „The Study of Orchestration“, das mir sehr gute Dienste geleistet hat. Nicht zuletzt habe ich in mich selbst hineingehört um zu ergründen, was genau mich beim Hören dieser Werke immer wieder aufs Neue tief bewegt. Ich stellte fest, dass es die Klangfarben und bestimmte dynamische Momente waren, von denen diese besondere Magie für mich ausging. Hoffentlich ist es mir gelungen, diese Magie auch in meine Kompositionen zu zaubern. Die Publikumsreaktionen beim Festival und die Pressestimmen zum Konzert waren erfreulicherweise durch die Bank weg äußerst positiv und ich bin auch selber, nun, mit etwas Abstand zum Werk, extrem zufrieden mit dem Ergebnis.

Wie lange hast du an den Kompositionen und Arrangements gearbeitet?

Insgesamt habe ich an den sechs Sätzen fünf Monate gearbeitet. Es musste relativ schnell gehen, weil ich ja mit dem Festivalkonzert einen fixen Termin hatte, bis zu dem alles fertig sein musste.

Drei der präsentierten Stücke entstammen dem bereits existierenden Hildegard-Lernt-Fliegen-Repertoire. Musstest du diese Kompositionen anders angehen als die neuen Stücke, die mit dem Wissen um eine Orchesteraufführung entstanden sind?

Ich musste die Instrumentierung dieser Stücke natürlich verändern. Ihre musikalische Form wurde aber in groben Zügen übernommen. „Seven oaks“, das erste Stück auf dem Album, war von mir in seiner ursprünglichen Fassung bereits sehr orchestral angelegt worden. Damals habe ich versucht, Voicings zu finden, welche die fünf instrumentalen Stimmen von Hildegard Lernt Fliegen wie einen größeren Klangkörper klingen lassen. Der „Zeusler“ wurde für dieses Projekt erheblich mehr von mir verändert. Für diese Nummer habe ich neue Teile geschrieben und sie sozusagen in die Ursprungskomposition implantiert. Auch harmonisch bin ich hier neue, vom Original abweichende Wege gegangen und habe das Stück so auf andere Weise geöffnet. Die finale Nummer, „Don Clemenza“, ist mit der bekannten Version ebenfalls nicht mehr zu vergleichen, weil ich das klangliche Umfeld für die Soli meiner lieben Kollegen auf ihren Wunsch hin neu gestaltet habe. (Wer vergleichend hören mag: „Seven oaks“, „Zeusler“ und „Don Clemenza“ stammen alle vom 2014 bei Enja erschienenen Album „The Fundamental Rhythm Of Unpolished Brains“, d. A.)

Wie bist du das Zusammengehen von Hildegard Lernt Fliegen und dem Orchester angegangen? Ich kann mir vorstellen, dass es für beide Gruppen ein Verlassen ihrer Komfortzone bedeutet hat. Ist ein Improvisieren im Kontext dieses Programms überhaupt möglich?

Es finden zwei verschiedene Formen der Improvisation statt. Zum einen spielt das Orchester komponiertes Material während einzelne Musiker von Hildegard Lernt Fliegen als Improvisatoren darüber spielen. In diesen Momenten funktioniert der Sinfonische Klangkörper manchmal nur begleitend, manchmal aber auch bewusst und gewollt provozierend, oder hat sogar die Funktion den Solisten zu irritieren, ihn anzustacheln, ihm eine Reibungsfläche zu bieten. Zum anderen wollte ich auch unbedingt einen Rahmen schaffen, in dem das komplette Orchester gleichzeitig improvisiert. Ich habe mir überlegt, dass eine „dirigierte“ Improvisation gut funktionieren dürfte. Dieser Ansatz stellte sich dann als adäquat heraus. Ich habe zu diesem Zweck das Konzept der „drei musikalische Welten“ entwickelt. Diese sollen den Musikern als Orientierungshilfe beim Gestalten ihrer Improvisationen dienen. Erste Welt: Tonmaterial, welches keine intonierbare Qualität hat, keine Tonhöhe, wie z.B. das Kratzen eines Geigenbogen auf den Saiten oder geräuschhafte Sounds. Zweite Welt: tonal definiertes Material, das nicht harmonisch definiert ist und als Drittes die harmonisch definierte Welt. Auf vorher festgelegte Handzeichen von mir, wussten die Musiker immer sehr genau, in welcher dieser drei „Welten“ sie sich improvisatorisch bewegen sollten.

Diese Vorgehensweise erinnert mich ein wenig an die Art und Weise, wie Frank Zappa einige seiner Bands einst geleitet hat.

Richtig. Ein wenig mag das an ihn erinnern. Es gibt einige Komponisten, die mit verwandten Konzepten gearbeitet haben. Ich denke zum Beispiel an John Zorn und seine „File-Card Games“, zu denen Stücke wie „Cobra“,„Spillane“ oder „Godard“ zählen. So zu arbeiten ist eine spannende Gratwanderung zwischen totaler Kontrolle und komplettem Loslassen. Diese kollektive Improvisation war einer meiner Lieblingsmomente auf der Bühne. Das ganze Konzert war ein ziemlich aufregender Trip für alle Beteiligten. Wenn man bedenkt, dass wir mit dem gesamten Orchester nur fünf dreistündige Proben zur Verfügung hatten. Dafür ist das Ergebnis wirklich außergewöhnlich gut geraten.

Gab es so etwas wie Ressentiments der Orchestermusiker, die sich gegen euch Jazzmusiker richteten, oder war die Arbeitsatmosphäre eher von einer kollektiven Neugier und Abenteuerlust geprägt?

Die große Mehrheit des Orchesters war von Anfang an mit ganzem Herzen und sehr lustvoll bei diesem Projekt dabei. Einige wenige Musiker standen dem Ganzen zu Beginn ein bisschen kritisch gegenüber, bei denen mussten wir etwas Überzeugungsarbeit leisten. Während des Konzertes war dann für mich aber deutlich zu spüren, dass sich auch die zunächst eher skeptischen Kollegen, der Musik voll und ganz hingaben. Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob du in einem sterilen Probenraum oder in einem vollbesetzten Konzertsaal spielst. Im Konzert herrscht eine ganz andere Energie. Vielleicht hatte auch der ein oder andere Zweifel, ob sich diese Musik im Konzert wirklich so würde umsetzen lassen, wie ich sie intendiert hatte. Als dann alle merkten, dass dies ja ganz trefflich funktionierte, löste sich diese Anspannung, diese Verkrampfung schluss­endlich und die Musik passierte einfach nur.

Das Album trägt den Titel „The Big Wig“. Mal unterstellt, dass Hildegard Lernt Fliegen sich diese Perücke aufgesetzt und somit auch die Gestalt verändert hat, wie beurteilst du diese Veränderung und was hat sie dir vielleicht über die Band offenbart, was dir bislang nicht so klar gewesen ist?

Die Idee dahinter ist, wie du schon richtig vermutest, dass sich Hildegard Lernt Fliegen „eine große musikalische Perücke“ aufsetzt. „The Big Wig“ steht hier, bildhaft gesprochen, natürlich für das Orchester. Im Englischen gibt es außerdem die recht gebräuchliche Redewendung „He’s a big wig“ was ins Deutsche übersetzt, in etwa „Er ist ein echt krasser Macker“ bedeutet. Ich fand diese Doppeldeutigkeit recht schön. Außerdem ist es ein Titel, der kurz und knackig ist und in sich schon mal gut groovt.
Werdet ihr dieses Programm in konzertanter Form auf einer Tour vorstellen können, oder ist dem aus finanziellen Gründen ein Riegel vorgeschoben?

Ich habe dieses Programm ursprünglich ohne den Gedanken an eine eventuell nachfolgende Tournee geschrieben. Die Gelegenheit mit einem Orchester zu arbeiten ergab sich. Ich musste diese Herausforderung ganz einfach annehmen. Mit der Aufnahme bin jetzt nicht nur ich, sondern auch das Lucerne Festival sehr glücklich, und der Konzertfilm, der als DVD im Package enthalten ist, wurde auch richtig toll. Sprich wir „müssen“ mit dem Baby quasi auf Tour gehen, es wär eine Sünde das in der Schublade verstauben zu lassen. Für das Jahr 2017 sind Konzerte in Basel, Schaffhausen, Essen, Bern, Luzern, Potsdam, Jena und Lugano bereits fest gebucht. Möglicherweise kommt auch noch ein Auftritt in Hongkong hinzu. Wir können natürlich keine Tournee mit dreißig, vierzig Stationen auf die Beine stellen, aber für ein so großes Ding ist die Resonanz bislang unheimlich gut. Fünf bis sechs Konzerte werden wir mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra geben und ansonsten auf lokale Klangkörper wie z. B. das Babelsberger Filmorchester oder die Jenaer Philharmoniker zurückgreifen.

Text: Thorsten Hingst
Fotos: Reto Andreoli und Wilfried Heckmann (in action)

CD: Andreas Schaerer & Hildegard Lernt Fliegen meets the Lucerne Academy, ACT 9824-2 CD & DVD Set