Branford MarsalisPlanen behindert die Kreativität

Branford Marsalis

„Das Konzept für die neue CD bestand darin, dass wir einen Sänger für die Band suchten. Wir wollten ein Quartett mit einem Sänger. Jetzt sind wir ein Quintett. Kurt Elling ist wirklich zu einem Mitglied der Band geworden. Das war die Hauptsache. Das war auch Kurt Elling bewusst. Und deshalb suchten wir einen Sänger aus, der zu uns vier Musikern passte“

„Wir sind sehr versierte Musiker, wir können alles spielen, was wir wollen. Und wir spielen das, was die Musik erfordert. Deswegen sind wir auch immer so authentisch. Ich mache keine großen Pläne. Wenn wir eine gute Idee haben, realisieren wir sie. Planen ist gut und schön, aber es behindert die Kreativität, setzt uns unter Druck. Ich habe es am liebsten, wenn die Ideen zu mir kommen, nicht umgekehrt. Und wenn eine gute Idee da ist, dann entscheide ich ziemlich schnell, ob wir sie umsetzen oder nicht“

Im Dezember 2015 hattest du vier Shows in Snug Harbor, am Rande des French Quarter, in New Orleans. Den Club gibt’s seit über dreißig Jahren. Welche Verbindung hast du heute zu deiner Geburtsstadt New Orleans?

Darüber denke ich eigentlich nicht nach. Ich liebe die Stadt und ich bin stolz, aus New Orleans zu kommen. Von Zeit zu Zeit trete ich in der Stadt auf. Ich wünschte mir, dort zu leben. Aber das geht nicht, ich lebe mit meiner Familie in North Carolina. Das ist weit weg.

Im Januar präsentierte in dem Club dein Bruder Delfeayo Marsalis sein Uptown Jazz Orchestra, das Quartett deines Vaters Ellis Marsalis spielte dort, im gleichen Monat stellte dort dein Bruder Jason seine neue CD vor. Dein Vater ist 81, aber noch immer „alive and kicking“. Woher nimmt er die Kraft?

Das weiß ich nicht. Ich würde es gern herausfinden, um es für mich zu nutzen. Mein Vater macht das, was ihm Spaß macht. Vielleicht ist das die Quelle seiner Energie. Ich glaube, ohne Musik wäre er verloren. Das hilft ihm. Und es ist wohl nicht die schlechteste Lebensphilosophie.

Mitte der 1980er Jahre hast du mit ihm zusammen gespielt. Gibt es neue Pläne?

Ja, gelegentlich sprechen wir darüber. Aber wir sind nicht die großen Plänemacher. Irgendwann, wenn es sich ergibt, werden wir wieder etwas zusammen machen, aber momentan gibt es keine konkreten Pläne.

Wie sind die Beziehungen in der Marsalis-Familie, in der „Marsalis-Dynastie“? Gibt es einen Austausch? Wie oft seht ihr euch?

Na ja, eine Dynastie sind wir natürlich nicht! Wir sind nur eine große musikalische Familie. Wir sehen uns viel zu selten. Jeder hat seinen Terminkalender, seine Arbeit, seine Familie. Vielleicht zwei- bis dreimal im Jahr kommen wir zusammen, öfter nicht. Aber es gibt ja noch das Handy und das Telefon. Wir sind schon in Kontakt. Zurzeit kommen wir öfter in New Orleans zusammen als früher, weil uns zunehmend bewusst wird, dass wir eine gemeinsame Verantwortung für unsere Eltern haben. Ab und an brauchen sie unsere Hilfe und Unterstützung bei Problemen, die ihr tägliches Leben betreffen. Letztes Jahr saß ich mit meinem Vater am Küchentisch, und wir sprachen über dies und jenes. Ich sagte ihm, dass es vielleicht an der Zeit sei, einige Sachen zu regeln. Er gab mir Recht. Aber das ist alles nicht ganz einfach. Wir waren ja keine „normale“ Familie. Wynton und ich haben New Orleans verlassen, als wir knapp 20 waren, als mein jüngster Bruder Jason geboren wurde, 1977, war ich in New York. 1979 kam er von Boston nach New York, erst von da an sahen wir uns – zweimal im Jahr. Wir hatten nie die Chance, ein normales Familienleben zu führen, gemeinsam in den Urlaub zu fahren oder so etwas. Erst heutzutage reden wir am Telefon auch über nichtmusikalische Dinge. Als einigermaßen gestandene Musiker müssen wir nicht mehr über Musik reden.

Ende 2005 hast du mit dem Sänger, Pianisten und Schauspieler Harry Cornick Jr. und der internationalen Hilfsorganisation Habitat for Humanity in New Orleans das Künstlerdorf „Musicians‘ Village“ gegründet, um Musiker wieder anzusiedeln, denen der Hurrikan Katrina ihr Heim genommen hatte. 2011 öffnete dort ein Konzert- und Unterrichtsgebäude, das Ellis Marsalis Center for Music. Insgesamt wurden 72 Wohnhäuser errichtet. Wie ist der Stand des Projektes heute?

Die Idee war, obdachlos gewordenen Musikern eine Umgebung zu bieten, in der sie leben und arbeiten können – weil gerade die älteren Musiker so viel für uns getan haben. Als die Häuser gebaut waren, war unsere Arbeit getan. Das Musikerdorf funktioniert, und das ist okay. Ich war im Dezember mal dort zu Aufnahmen und habe mit einigen Musikern gesprochen. Sie sind zufrieden.

Du hast im Snug Harbor die Songs deiner neuen CD vor Publikum „geprobt“, oder weiterentwickelt. Wie waren die Reaktionen?

Wir spielen Musik, zu der die Hörer eine Beziehung finden können. Das größte Problem einer Stadt wie New Orleans sind die Touristen, oder besser gesagt die Touristen, die auf der Suche sind nach dem Happy-Oldtime-New-Orleans-Jazz. Auch im Publikum waren deshalb Touristen, die normalerweise keinen aktuellen Jazz hören. Sie denken immer: „Ah, wir sind in New Orleans, lasst uns etwas Jazz hören!“ Sie haben noch nie etwas von mir gehört, oder von Kurt Elling. Deshalb waren einige etwas verunsichert, während andere klatschten und begeistert waren. Es war nicht für alle die Musik, die sie erwartet hatten. Aber den Leuten aus New Orleans und einigen Musikern im Publikum hat’s gefallen. Ich würde gern mehr für die Einwohner spielen, aber das lässt sich nicht trennen.

Was war die Idee hinter der neuen CD?

Das Konzept bestand darin, dass wir einen Sänger für die Band suchten. Wir wollten ein Quartett mit einem Sänger. Jetzt sind wir ein Quintett. Kurt Elling ist wirklich zu einem Mitglied der Band geworden. Das war die Hauptsache. Das war auch Kurt Elling bewusst. Und deshalb suchten wir einen Sänger aus, der zu uns vier Musikern passte.

Zu deiner Band gehören aktuell der Pianist Joey Calderazzo, der Bassist Eric Revis und der Schlagzeuger Justin Faulkner. Ihr seid eine so festgefügte Einheit, dass du selten mit Gastmusikern zusammenarbeitest. In New Orleans stieg Dee Dee Bridgewater bei „Teach me tonight“ in ein Duett mit dem Sänger Kurt Elling ein, Delfeayo Marsalis spielte in einem Song Posaune, Irvin Mayfield Flügelhorn. Wird davon etwas auf der CD zu hören sein? Oder gibt es andere Musiker, die an der CD beteiligt sind?

Nein, Kurt war genug. Wir brauchten keine anderen Musiker. Wir sind sehr versierte Musiker, wir können alles spielen, was wir wollen. Und wir spielen das, was die Musik erfordert. Deswegen sind wir auch immer so authentisch.

Kurt Elling verbindet bei seiner Interpretation klassischer Jazzstandards Elemente des Croon­ing mit abstrakten Vokal-Improvisationen. ­Nahezu jede seiner CDs war für einen Grammy nominiert, 2010 erhielt sein Album „Dedicated To You: Kurt Elling Sings The Music Of Coltrane And Hartman“ einen als bestes Vokalalbum. Wann, wo und wie habt ihr euch kennengelernt?

Ich kannte Kurt Elling bisher nur von seinen Platten. Das war unsere erste Zusammenarbeit. Natürlich sind wir uns bei verschiedenen Gigs und Veranstaltungen schon mal begegnet, aber richtig kennengelernt haben wir uns erst jetzt.

Auf der neuen CD, die Mitte Juni erscheint, singt er unter anderem „Practical arrangement”, einen Song aus Stings Broadway-Show „The Last Ship”, „Blue gardenia” von Nat King Cole, „As long as you are living” von Abbey Lincoln und „Blue velvet“ von Bobby Darin aus der Feder von Bernie Wayne und Lee Morris. Wer hat die Songs ausgewählt?

Die meisten Songs habe ich ausgewählt, Kurt hat sich „Blue velvet“ ausgesucht, und „From one island to another“. „Mama said“ basiert auf einem Gedicht, das Kurt gefällt. Die Musik ist eine kollektive Improvisation. Und Joey wollte gern „Cassandra“ spielen. Kurt hat einen Text dazu geschrieben. Aber die Entscheidungen lagen letztendlich bei mir.

Wie lange habt ihr an dem Projekt gearbeitet?

Rein praktisch nur die vier Tage in New Orleans. Das waren unsere Proben. Die Abstimmungen zuvor sind übers Internet gelaufen. Ich habe meine Arrangements über die Cloud an Kurt geschickt, er hat sich‘s angehört und seine Stimme draufgespielt. Und Vorschläge gemacht. Alle Arrangements sind von mir, mit Ausnahme von Joeys „Cassandra“.

Am 29. Juni bist du mit deinem Quartett und Kurt Elling zu Gast bei den Opernfestspielen Heidenheim, am 8. Juli beim Sommergarten Open Air im Schloss Neuhardenberg und am 12. Juli beim Festival „jazzopen“ in der Liederhalle in Stuttgart zu hören. Werden die Songs auch in anderen deutschen Städten live zu hören sein? Gehst du mit dem Projekt auf Tournee?

Das hängt nicht von mir ab, sondern von unseren Promotern. Kurt Elling und wir hoffen, dass es noch weitere Termine in Deutschland geben wird.

Du bist bekannt für immer neue musikalische Ideen. Gibt es schon ein Folgeprojekt?

Nein. Ich mache keine großen Pläne. Wenn wir eine gute Idee haben, realisieren wir sie. Planen ist gut und schön, aber es behindert die Kreativität, setzt uns unter Druck. Ich habe es am liebsten, wenn die Ideen zu mir kommen, nicht umgekehrt. Und wenn eine gute Idee da ist, dann entscheide ich ziemlich schnell, ob wir sie umsetzen oder nicht. Wir wollen uns nicht dem Zwang aussetzen, jetzt schon zu sagen, dies oder das machen wir im nächsten Jahr. Das ergibt sich von selbst.

Text: Rainer Bratfisch
Fotos: Branford Marsalis (Manfred Rinderspacher), Kurt Elling (Hyou Vielz)

CD: Branford Marsalis And Kurt Elling „Upward Spiral” , Sony 88985306882