Organische Verbindung von Electronics und akustischem Jazz

Donny McCaslin

Bei seinen letzten Platten hat der energetische Saxophonist Donny McCaslin eine Balance zwischen akustischem Jazz, einem ganz natürlichen Saxophonklang, und elektronischen Elementen gesucht und gefunden. Die sich bietenden elektronischen Möglichkeiten sind dabei in erster Linie Klangerweiterungen. „Zuerst einmal entstehen ganz andere klangliche Landschaften, die die Electronics liefern können. Wenn ich mit Maria Schneider spiele und vor ihrer Big Band improvisiere, gibt es einen von ihr orchestrierten Sound-Rahmen. Darin vollziehen sich die harmonischen Progressionen und die verschiedenen Rhythmen und in diesem Kontext kann ich improvisieren. Mit meiner eigenen Gruppe geht es auch um das Material, das wir in unserer harmonischen Sprache spielen, aber Teil davon sind die Soundwelten der Electronics und die harmonischen und rhythmischen Möglichkeiten, die wir daraus entwickeln können. Ich sehe darin die Erforschung einer Schnittstelle von Electronics und Improvisation. Dinge, die ich stärker auf swingende Weise spiele, scheinen mir in diesem Kontext nicht geeignet. Ich schätze die Herausforderung als Improvisator eine Sprache zu finden, Klänge auf dem Saxophon zu erzeugen, die zu dieser Electronics-Welt passen. Das treibt mich aus meiner ‚comfort zone‘ hinaus, dadurch konnte ich als Musiker weiter wachsen.“

Die Gefahr sich zu wiederholen ist groß, wenn man ständig im selben Kontext spielt. „Meine Ängste dabei sind, dass man das Gleiche immer wieder tut, bei Plattenaufnahmen, Kompositionen und Improvisationen. Ein Grund für meine Lust Electronics zu erforschen, war der Wunsch etwas Neues zu tun. Und David Binney, der ein bewundernswerter Saxophonist und Komponist ist, und ebenso ein großartiger Produzent – er produzierte immer wieder meine Platten – schlug mir vor mit diesen Electronics zu arbeiten, ein solches Album aufzunehmen. Das war zunächst das Album ‚Perpetual Motion‘. Er schickte mir elektronische Musik, die ich intensiv hörte, und dadurch entwickelte ich immer mehr Interesse an der elektronischen Musik und wurde immer stärker involviert. Sie schlug mich in ihren Bann.“

Die elektronische Musik, mit der sich Donny McCaslin beschäftigte, war vorgefertigt. In seiner Gruppe hängt jedoch der Einsatz von Electronics stark vom Moment ab. Dieses aus der spontanen Situation Entstehende steht in krassem Gegensatz zum vorgefertigten Material. „Ironischerweise sind in meiner Gruppe immer noch die Drums und das Saxophon vollkommen akustisch. Anders der Bass, den Tim LeFebvre spielt, er manipuliert den Bassklang mit verschiedenen Pedalen, um verschiedene Texturen von Bass­klängen zu erzeugen. Er ist vor allem wenn es um Klangerweiterung geht ein wichtiger Teil der Gruppe. Und ebenso Jason Lindner an den Keyboards. Diese beiden sind eigentlich verantwortlich für die übergeordnete elektronische Soundlandschaft. Mark Guiliana, unser Schlagzeuger, wird fortwährend von dieser Klangsprache inspiriert, seine musikalische Sprache ist in starkem Maße vom Drum’n’Bass-Background geprägt. Meine Rolle ist dann das Herausfinden dessen, was dazu passt, Sounds auf dem Saxophon zu erzeugen, die in diesem Kontext authentisch klingen.“
Die Ungereimtheiten des Musik-Business
Donny McCaslin wurde im August 50 Jahre alt. Der aus Santa Cruz, Kalifornien, stammende Saxophonist konnte eine lange, fruchtbare Karriere erleben, er arbeitete mit Gary Burton, Gil Evans, George Gruntz, Danilo Pérez und konnte sich bereits Anfang der 1990er Jahre der von Mike Mainieri ins Leben gerufenen Formation Steps Ahead anschließen. Seither tourte er immer mal wieder mit dieser schulemachenden Formation. Auch in diesem Jahr reiste er mit dieser Kult-Band nach Europa. Wie so viele andere seiner großartigen Kollegen hätte er längst einen Preis für seinen unermüdlichen Einsatz für den Jazz, seinen Erfindungsgeist verdient. Doch blieb ihm eine solche Anerkennung von offizieller Seite bisher versagt. Er macht sich auch so gut wie keine Gedanken darüber, dass etwa Musiker wie die aus Lateinamerika stammenden, in die USA ausgewanderten Solisten und Bandleader wie Miguel Zenón oder Daphnis Pietro die höchstdotieren McArthur Fellowships erhielten. „Ich glaube, dass die Organisatoren solcher Komitees die Preise an Musiker vergeben, die für etwas anderes stehen, etwa für eine Heirat zwischen der Musik ihrer heimatlichen Kultur mit der Jazzmusik, dem Brückenschlag zwischen ihrer Folk Music, ihrem heimatlichen Erbe und dem Jazz.“

Wie stehen andere US-amerikanische Saxophonisten zum kometenhaften Aufstieg des zum Publikumsliebling gewordenen Saxophonisten Kamasi Washington, der zwar hoch emotional spielt, aber ganz stark in der Tradition eines John Coltrane oder Pharoah Sanders verwurzelt ist? Kamasis großes Plus ist, dass er Anschluss an wichtige, grenzüberschreitende Persönlichkeiten der afroamerikanischen Musik wie Kendrick Lamar gefunden hat. „Teil der Dynamik des so rasanten Aufstiegs von Kamasi ist, dass er auf dem Label Brainfeeder, das jedoch kein Jazzlabel ist, seine dreiteilige Plattenbox veröffentlichen konnte, das hat einen gewissen Reiz. Der Erfolg ist schwer zu erklären. Sicher ist die Verbindung zu Kendrick Lamar, einem unglaublich populären Künstler auch äußerst förderlich. Zudem wurde unglaublich gute Promotion für ihn gemacht. Für mich ist allein die Qualität in der Kunst entscheidend. Ich suche nach künstlerischen Ausdrucksformen, die mir zwingend logisch erscheinen. Als Künstler bin ich mir der Marketing-Möglichkeiten bewusst, ich weiß um die Gegebenheiten des Business. In erster Linie ist jedoch die Kunst für mich wichtig. Manchmal wundere ich mich über diese unglaubliche Dynamik eines Erfolges, das war jedoch immer wieder einmal so in den vergangenen Jahrzehnten.“
Sonny Rollins bewirkte eine künstlerische Wende
Als Donny McCaslin anfing zu spielen, orientierte er sich ganz stark an den modernen Saxophonisten. Coltrane und Michael Brecker zogen ihn in ihren Bann. Erst danach wurde für ihn Charlie Parker wichtig. Im Elternhaus hörte er viel Musik aus dem Great American Songbook, und spielte auch gerne diese unvergänglichen Melodien, die nicht zuletzt durch die Gestaltungen der Großen des Jazz ihre Gültigkeit behielten. Donnys Vater spielte Klavier und Vibraphon, er bot einst mit seiner Band eine Art Latin Jazz, so ähnlich wie Cal Tjader. Aber auch funky Songs jener Zeit wie „Mustang Sally“, „Feel like making love“ waren in dessen Repertoire. „Der Leiter meiner High School Big Band – der ich von 14-18 Jahren angehörte und die fünf Mal pro Woche zusammenkam – war ein guter Freund des Trompeters Bill Berry, dem langjährigen Mitglied der Duke Ellington Band. Und dieser Ellington-Trompeter hatte viele Kopien von Partituren der Ellington Band angefertigt, die er meinem High School Band Leiter überließ. Ich verbrachte diese vier Jahre in der Band damit Musik von Duke Ellington zu spielen, vier bis fünf Mal in der Woche. Und diese Erfahrung prägte zu einem Großteil meine musikalische DNA.“

Ohne Zweifel können viele Ellington-Melodien von allen möglichen Bands überzeugend gespielt werden, aber es gibt auch unverwechselbare Soundnummern von Ellington, die den individuellen Solisten seiner Band auf den Leib geschrieben waren und deshalb nicht so einfach von anderen Musikern, vor allem jenen, die aus anderen Kulturkreisen stammen und Jahrzehnte später interpretiert werden können. „Ich möchte nicht behaupten, dass alle Ellington-Stücke absolut richtig und mit dem entsprechenden Gefühl dafür nachgespielt werden können. Aber es war für mich als junger Musiker eine überaus lehrreiche Erfahrung diese Songs mit diesen ganz besonderen Voicings spielen zu können. Und es war auch sehr wichtig, dass wir immer wieder Original-Ellington-Musik hörten. Ich spielte beispielsweise das lange Solo in ‚Diminuendo and crescendo in blue‘, das durch Paul Gonsalves‘ viele Tenorchorusse zu etwas ganz Besonderem wurde. Sein Solo war für mich einfach Kult, es hatte starken Einfluss auf mein Spiel, ebenso wie die Spielweise von John Coltrane und Michael Brecker. Während meiner College-Zeit wurde mir dann Joe Henderson sehr wichtig. Ich wuchs in Kalifornien auf, unweit von Hendersons Wohnort. Dann wurden Sonny Rollins, Sonny Stitt meine weiteren Helden. Und mit der Zeit spürte ich, dass ich mehr Wissen über die Tradition für eine ganz persönliche Aussage brauchte. Ich verbrachte dann Jahre damit all die Jazzmasters zu studieren. Aber nicht in chronologischer Reihenfolge, ich beschäftigte mich nicht mit den Musikern der 1930er Jahre und kämpfte mich langsam durch bis zu den aktuellen Saxophonisten. Ich ging vor und zurück, je nach Gusto und Leidenschaft. Einige Zeit hörte ich viel Dexter Gordon, darauf Chu Berry und dann natürlich in meinen High-School-Jahren Johnny Hodges. Sonny Rollins wurde für mich zu einer Erfahrung, die mein Leben veränderte. Ich verzichtete als Anfangszwanziger komplett darauf John Coltrane und Michael Brecker zu hören, denn ich spürte, dass dieser Einfluss auf mich übermächtig wurde. Sonny Rollins und seine besondere Ästhetik der Improvisation hielt mich dafür gefangen. Er ist ein Meister der melodischen Erfindung. Ich hatte mich während meiner Ausbildung immer vorrangig mit Akkorden, Akkordwechseln beschäftigt, die zu komplexen melodischen Ideen führten, aber so langsam erkannte ich, was mir dabei fehlte: Ich hatte mir im Rhythmischen nicht das erforderliche Fundament gebaut. Ich versuchte alles Harmonische zunächst einmal zu vergessen und mich stattdessen auf Melodie und besonders auf Rhythmus zu fokussieren. Sonny Rollins war für mich die Hauptfigur, die mir dafür als Rollenmodell diente. Ebenso bildete Wayne Shorter einen riesigen Einfluss für mich, im Hinblick auf die Entsprechung seiner Kompositionen zu den Improvisationen, die geradezu kompositorische Qualität haben. Er ist ein wirklicher Improvisator. Wenn man sein kompositorisches Werk betrachtet, dann ist das beachtlich. Ja und dann vertiefte ich mich auch in Thelonious Monk und dessen bewundernswerte rhythmische Sprache, seiner unglaublichen Individualität als improvisierender Musiker. Wenn ich mich mit diesen Giganten verglichen hätte, wäre ich in tiefe Depression versunken. Es war mehr so ein Prozess des Verliebens in die Fähigkeiten dieser Großen und das bewirkte, dass ich versuchte all das auf meine Weise zu assimilieren und zu einem Teil meiner eigenen musikalische Sprache werden zu lassen. Ich bin einfach eingetaucht und habe das zugelassen, in der Hoffnung, dass ich das absorbieren könnte auf eine Art, die mir dann mehr Authentizität ermöglichen würde.“

Sich von vielen Großen des Jazz inspirieren zu lassen, ist die beste Art und Weise zu lernen, wenn man jedoch nur einem bestimmten Musiker nacheifert, kann das fatale Folgen haben, dessen Einfluss kann allzu dominant werden und die eigenen Fähigkeiten überschatten. Donny McCaslin hatte das Glück zur rechten Zeit die Notbremse zu ziehen und damit war der Weg zu seiner eigenen Stimme frei. „Die eigene Stimme bildet sich erst mit der Zeit heraus. Ich erlebte immer wieder Momente, in denen Interessantes entstand, und merkte dabei, dass ich das liebte und dann auch weiter erforschen wollte. Es war eine bewusste Wahrnehmung, dass ich etwas Interessantes gefunden hatte und dieser Intuition dann auch folgen konnte, und dadurch meine eigene musikalische Sprache weiter entwickeln, meine ureigenste Weise zu Spielen finden konnte. Ich kann jetzt nicht sagen, dass das alles meine Errungenschaften sind, denn viel von dem, was ich tue, basiert auf den genialen Fähigkeiten anderer. Ich bin immer aufmerksam, ob mir etwas interessant erscheint, und ich mache mir dabei keine Gedanken von welchem Musiker das kommt oder aus welchem musikalischen Genre das stammt. Ich verwende alles, was meine Spielleidenschaft erweckt.“
Stete Informationsquelle Charlie Parker
Der Bebop-Innovator ist noch heute für Donny McCaslin eine Quelle an Information. Schon in jungen Jahren besaß er das Charlie Parker Omnibook und arbeitete es beflissen durch. Doch als junger Musiker erkannte er Charlie Parkers Genie noch nicht umfassend, es war einfach Lehrmaterial für ihn, er versuchte die Noten zu spielen. „Erst später als ich längst aufgehört hatte nach diesem Lehrbuch zu arbeiten, fing ich an Charlie Parkers Musik zu hören, verfolgte seinen Lebenslauf, seine Entwicklung. Es ist überwältigend, wenn ich all das aufzählen müsste, was ich von ihm lernte, auf gewisse Weise alles! Melodie, Rhythmus, Invention – es ist unglaublich. Ich höre immer wieder seine Musik, und sein Erfindungsgeist, die Frische seiner Musik ist einfach bewundernswert. Ich habe mir auch überlegt wie groß der Anteil der Intuition, dem aus dem Unterbewusstsein stammenden in seiner Musik war und wie viel Erarbeitetes, Vorgefertigtes, Intellektuelles er spielte. Es gibt ein Interview, bei dem Paul Desmond Charlie Parker Fragen stellt. Bird spricht da u. a. über das Üben, er behauptet 11 Stunden pro Tag im Durchschnitt zu üben. Das ist eine immense Zeit, das ist erstaunlich! Ich weiß, dass Bird eine Menge Mühe und Arbeit auf seine Musik verwendete. Ich war auch erstaunt über seine Aussagen, dass er Hindemith und Bartók liebe. Manchmal wird Charlie Parker einfach in die ­Kategorie ‚Bebop‘ gesteckt, natürlich trifft das zu, er war auch einer der Gründungsväter des Bebop, aber gleichzeitig spielte er Latin Jazz, er arbeitete mit Orchestern, mit Streichern. Wenn er länger gelebt hätte, und nicht diese Schwierigkeiten durch seine Sucht gehabt hätte, wäre es unglaublich zu sehen, was er alles noch hätte tun können – ausgehend von seiner Aufgeschlossenheit für andere Musikarten. Er hätte sicherlich die einmal eingeschlagenen Wege weiter verfolgt, weiter mit Streichern, mit Kammermusikensembles, mit Orchestern gespielt. Was er uns hinterließ, ist aber auch so schon unglaublich viel.“

Musiker heutzutage sprengen oft bewusst die Genre-Grenzen um sich selbst herauszufordern, mit neuen Projekten Aufmerksamkeit zu bekommen, dadurch bessere Arbeitsbedingungen zu finden hoffen. Andere wiederum – nicht zuletzt auch Sonny Rollins – bleiben in dem gesteckten Rahmen und treiben im Detail ihre Musik voran. „Rollins hat im Lauf der Jahre eine Entwicklung durchlaufen, das kann niemand bestreiten. Es gibt Aufnahmen aus dem Jazzclub Montmartre, in denen er ‚Four‘ über 20 Minuten lang spielt. Ich meine, dass Kenny Drew am Piano ein paar Chorusse beisteuert, aber im Mittelpunkt steht die Tour de force von Rollins. Ich hätte gerne einmal Rollins mit einem afrikanischen Percussionsensemble gehört, es wäre bestimmt interessant, oder mit einem Orchester. Seine hohe Musikalität bringt immer wieder Unerwartetes hervor. Für mich waren die langen Soli von Sonny Rollins und John Coltrane die Manna für mein Spiel, ich war überwältigt von so langen Soli mit so viel Intensität und Substanz. Heute in einer Zeit der Soundbites ist es viel schwieriger Jazzhörer zu finden, die sich an so langen Soli erfreuen. Denn die Fähigkeit der Leute, ja überhaupt die Bereitschaft zuzuhören wird immer geringer. Solche langen Soli zu verfolgen, sind eine Herausforderung für den Hörer. Ich bin mir dessen bewusst, aber deren Soli waren hohe Kunst und das weiß ich zu schätzen.“

Der Bandleader Woody Herman zeigte nicht allzu viel Verständnis für endlos lange Soli von Saxophonisten jüngerer Generationen. Und der 80-jährige Doldinger betonte, dass die zunehmende Intellektualisierung der Jazzmusik zur Folge hätte, dass immer weniger Hörer Interesse an dieser Musikgattung finden, weil sie die Emotion vermissen. Das Publikum kann oftmals den hochintellektuellen Gestaltungen junger, hervorragend ausgebildeter Musiker nicht folgen. Fazit: Es bleibt weg. „Ich verstehe diese Haltung. Aber es ist nicht wahr, dass jeder, der sich exponiert hat, intellektuell, erfindungsreich spielt, die Emotion im Spiel dabei vernachlässigt. Ich komme von Sonny Rollins her, von seinen spontanen Inventionen und von seinem stark rhythmischen Spiel. Ich verbrachte Jahre damit Rhythmus zu studieren, Folklore-Rhythmen von Südamerika zu studieren, von Kuba, Panama, Argentinien und afrikanischer Musik, um damit meiner musikalischen Ausdruckweise ein Fundament, eine Verwurzelung zu schaffen. Und das Fundament ist die rhythmische Sprache. Ich bin kein Experte, aber die Auseinandersetzung mit diesem Prozess half mir sehr. Ich meine dieses Element muss da sein, bei einem Musiker, einem Spieler. Und auch das Emotionale. Ich hörte viel Sonny Rollins, viel John Coltrane, Michael Brecker, Charlie Parker. Ich fühle die Emotion in deren Spiel. Für mich war die Improvisation immer eine Art emotionelle Äußerung und eine Chance für emotionale Katharsis. Ich spiele auf diese Art. Ich verstehe, was Klaus Doldinger moniert. Ich hörte viel Musik, die genau dem entspricht, ich stimme mit ihm überein, wenn er nur Kompliziertheit und Intellekt in der Musik von diesem oder jenem wahrnimmt. Aber es gibt viel Musik von jungen Spielern, die sehr emotionell und rhythmisch grundiert spielen. Das sind die Elemente, die du in deinem Spiel haben musst, vor allem wenn du Leute erreichen willst, die nicht unbedingt Jazzfans sind oder was auch immer, dann muss diese Emotion zu spüren sein, zudem braucht es die rhythmische Basis.“

Schon die erste Generation der Jazzmusiker sprach von Storytelling, nicht nur explizit mit Worten, mit Lyrics wie bei SängerInnen sondern auch bei den Instrumentalisten. Das ist bis heute gültig. „Wenn das Solo startet, dann beginnt eine Art short story. Es ist wie bei einem Schriftsteller, der dir in seinem Buch zunächst jemanden vorstellen möchte. Es hängt dann von ihm ab – in der Musik vom Improvisator – wie er die Geschichte dieser Person fortspinnt, wie er es schafft diesen Charakter umfassend zu schildern, diese Figur für den Leser so interessant macht, dass es gelingt dessen Aufmerksamkeit aufrecht zu halten. In der Improvisation gibt es eine Kombination verschiedener Faktoren, es geht um Emotion – also stark aus dem Unterbewusstsein heraus zu schaffen – aber es geht auch darum sich dessen jeden Moment gewahr zu sein, was sich in der Band vollzieht, in welchem harmonischen Format man spielt und all diese Dinge unter Kontrolle zu halten, so dass der jeweilige Improvisator sich selbst bestmöglich ausdrücken und freier spielen kann.“

Donny McCaslin schwärmte schon als ganz junger Spieler für Mike Mainieris Gruppe Steps Ahead, die Platte „Pools“ wurde zu einer Ikonen-Aufnahme für ihn. Er hörte sie unendlich viele Male, vor allem war er von Michael Breckers Soli fasziniert. „Als ich Mitte der 90er Jahre in der Band von Mike Mainieri mitwirkte, und dieses Material spielte, erwies sich das als Chance meine eigene Stimme zu finden, meine ureigenste Weise diese Songs zu gestalten. Ich hatte wahrgenommen wie grandios Michael Brecker war, konnte aber auch meine eigene Weise entwickeln diese Songs zu spielen, die ich mehrere Tausend Mal gehört hatte, und dabei authentisch klingen.“

Wenn McCaslin mit Steps Ahead auftritt, dann wird oftmals die Don-Grolnick-Nummer „Pools“ geboten, der bekannte Song von der gleichnamigen Platte. „Ich habe Mitte der 90er Jahre ein paar Jahre mit Steps Ahead gespielt, dann habe ich vor 7 Jahren mit ihnen eine Tournee absolviert und dieses Jahr im Sommer wieder eine Europagastspielreise. Am Beginn der erneuten Zusammenarbeit habe ich mich wieder gefreut ‚Pools‘ und ‚Islands‘ und diese Songs zu spielen, an die ich mich so gut erinnere. Es macht mir auch Spaß in meine eigene Richtung zu gehen und zu sehen, was sich da tut.“
„Blackstar“ mit David Bowie
Viel Publicity erhielt jüngst Donny McCaslin durch seine Zusammenarbeit mit David Bowie, die Aufnahmen zu Bowies letzter Platte „Blackstar“. Der Kontakt mit dem Genre-Breaker Bowie, der vermeiden wollte ein Rock’n’Roll-Album zu machen, sich eher dem Jazz zu nähern, kam durch Maria Schneider zustande, in deren Band der Saxophonist seit einem Dutzend Jahren spielt. Sie kollaborierte mit Bowie bei einem Song, bei „Sue – Or in a season of crime“, den er mit ihrer Hilfe geschrieben hatte und denn sie dann auch für die Aufnahme orchestrierte. „Maria sprach mit mir darüber und sagte, dass ihr regulärer Drummer leider bei den Aufnahmen nicht dabei sein könne. Ich empfahl ihr den Schlagzeuger meiner Band ‚Fast Future‘ Mark Guiliana zu nehmen. Denn mir war klar, dass Guiliana für die musikalische Sprache dieser gemeinsam mit Bowie geschriebenen Musik perfekt war. Sie legte dann David ans Herz, er solle doch einmal etwas mit mir machen und spielte ihm einen Ausschnitt aus meiner Ende 2012 erschienenen Platte ‚Casting For Gravity‘ vor. Sie schaffte es dann, dass er zu einem Gastspiel meiner Gruppe in die ‚Fifty five bar‘ in New York kam. Das war Anfang Juni 2014. Bereits nach einer Woche hatten wir die erste Workshop-Probe für die Zusammenarbeit mit David Bowie und Maria. Bei dieser Probe war auch Mark Guiliana dabei, dann auch Jay Anderson, Marias Bassist, und Tony Visconti, ein langjähriger Freund und der Produzent von Bowie. Da trafen wir uns zum ersten Mal, wir wechselten ein paar Worte und ich gab ihm meine E-Mail Adresse. Ein paar Tage später machte er mir per E-Mail den Vorschlag, dass wir Weiteres zusammen machen sollten. Dann hatten wir einen zweiten Workshop und dazu nahmen wir den Gitarristen Ben Monder. Wir nahmen das alles Ende Juli 2014 mit Maria Schneiders Big Band auf. Im Herbst darauf schickte mir David Demos, die er zuhause gefertigt hatte. Die ersten Aufnahmen mit Bowie fanden dann in der ersten Januar-Woche 2015 statt. Am Ende der Woche, nachdem wir schon ein paar Songs aufgenommen hatten, meinte er, dass wir noch mehr Songs gemeinsam machen sollten. Wir legten dafür den Termin auf die erste Februarwoche. In der Zwischenzeit, schickte er mir Demos von den Songs. Sie waren wunderbar für meine Band geeignet, die eine sehr geschlossene Einheit bildet und stilistisch sehr flexibel ist. Wir hatten zwar die Demos, aber ich wusste nicht, welchen Prozess David damit in Gang bringen würde. Wie viel Improvisation er von mir erwartete, war mir auch nicht klar. Ich bereitete mich darauf vor und versuchte mich in die Songs total einzubringen, so dass ich fühlte, dass ich darin in jede Richtung gehen konnte. Meine Band kam vor der ersten Aufnahmesitzung noch einmal zusammen, um die Songs durchzuspielen. Und dann gingen wir ins Studio und nahmen alles recht schnell auf. David und Tony waren beeindruckt von unserer Fähigkeit das Material zu spielen und dabei einen persönlichen Sound zu entwickeln. Ich möchte mich jetzt nicht großtun, aber ich meine, dass der Grad an Musikalität, den wir erreicht haben, uns befähigt diese Songs schnell zu verinnerlichen und etwas Persönliches  hinein zu bringen. Manchmal waren bei dem einen oder anderen Song die Lyrics noch nicht ganz fertig, ein anderes Mal war die Melodie des Songs nicht wirklich beendet. Und manchmal experimentierte er mit dem, was wir einbrachten. Es war ein starkes Vor und Zurück als wir zusammen spielten. Sein Gesang war sehr intensiv und emotional, er besitzt diese einmalige Präsenz in seiner Stimme. Wir erhielten davon viele Anregungen und ich bin mir sicher, dass auch wir ihn mit Energie fütterten. Es war eine sehr angenehme Kommunikation bei den Aufnahmen.“
Hommage an Bowie
Natürlich hat dieses Erlebnis mit David Bowie den Saxophonisten nachhaltig befruchtet. So war es ihm auch ein Bedürfnis für seine aktuelle Platte „Beyond Now“ zwei Songs aufzunehmen, die Bowie mit Brian Eno aus der Taufe hob, „A small plot of land“ von der Platte „The Outside“, das eine starke Electro-Version wurde und bereits als Single ausgekoppelt wurde, und „Warszawa“ von der Platte „Low“. „Im Sommer 2015 hatte ich Zeit Musik zu schreiben, und merkte, dass sie aus dieser Erfahrung mit Bowie heraus entstand. Erst als wir die Aufnahmen gemacht hatten, merkte ich, wie stark meine Kompositionen von dieser Zusammenarbeit mit Bowie inspiriert waren. Und ich fand es auch angemessen, Versionen seiner Songs zu spielen, die durch unsere Bearbeitung wieder interessant werden. Mein Song ‚Beyond now‘ ist direkt inspiriert von einem Song, den wir bei den ‚Black Star‘-Aufnahmen machten. Mit dem Album ‚Beyond Now‘ wollte ich die Erfahrung ausdrücken, die ich in der Zusammenarbeit mit Bowie machte und was sie für mich bedeutete, sie ist also eine Widmung an ihn und zugleich ein Dank für seine Inspiration. Wir nahmen die Platte im April dieses Jahres auf und viel davon ist durch die Begegnung mit ihm geprägt und natürlich ist sie ihm gewidmet. Er war einer derjenigen, der die Musik transzendierte, er war auch eine Mode-Ikone, es war ein Segen für mich ihn persönlich erleben zu können. Immer wieder gestehen mir Leute, wie sehr er ihr Leben verändert hätte, obwohl sie ihn niemals persönlich getroffen hätten. Das hat jedoch seine Kunst bewirkt, seine Persönlichkeit. Er hatte einen riesigen Wirkungskreis. Bevor ich ihn persönlich traf, wusste ich, dass er ein Riesenstar war. Ich war seit langem einer seiner Fans, kannte jedoch seine Persönlichkeit nicht. Was mich auch überraschte war seine Menschlichkeit, das war sehr beeindruckend. Er war ein bescheidener, smarter Mensch, der die Musik über alles liebte. Er liebte Jazz, aber auch noch viele andere Musikarten und war sehr belesen. Ein Mensch, der ganz in der Kunst lebte. Das erwies sich als eine ungeheure Inspiration für uns, aber auch für viele andere Menschen. Ich bin familiär sehr eingespannt, muss das Geschäftliche meines Jobs auch selbst regeln, da bleibt nicht mehr so viel Zeit der Kunst zu leben.“

Es ist ja nicht so, dass auf der neuen CD steht, sie wäre eine Hommage an David Bowie, aber die sozialen Netzwerke und viele andere Medien nehmen diese Platte mit Interesse wahr, so dass es sich auf den Verkauf positiv auswirken wird. „Ich hoffe, dass sich jede meiner Platten gut verkauft, jede besser als die vorhergehende. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es besonders schwer geworden Tonträger abzusetzen. Ich versuche immer die beste Musik zu spielen, die ich kann, immer ein ganz persönliches Statement zu machen und alles zu tun, um meine Musik den Hörern nahe zu bringen.“

Text: Gudrun Endress

Fotos: Jimmy King, Foto am Instrument: Gerhard Richter

CD: Donny McCaslin „Beyond Now“, Motéma 234310