Sheila Jordan veredelt die

Lines for Ladies

Die Liebe zum Straight ahead Jazz, vor allem zum Bebop, und die Freude am Vocalese, dem Singen von wichtigen Improvisationslinien einiger Großen des Jazz und die Fähigkeit sie mit passenden Texten zu versehen oder zu scatten, darüber zu improvisieren und sie zu ihren eigenen zu machen, schweißt die Lines for Ladies zusammen. Sie sind charmante, hochtalentierte, willensstarke Powerfrauen, die an einem Strang ziehen, die schwesterlich miteinander umgehen im Dienste der Musik. Sie alle sind darauf bedacht sich gegenseitig zu unterstützen, zu inspirieren, gut klingen zu lassen, durch spontane musikalische Aktionen heraus zu fordern, mit dem Ziel ein immer noch qualitativ besseres, lebendigeres, überraschenderes Ergebnis zu erzielen. Das Potential ist da, ohne Zweifel. Die Bassistin und Sängerin Kristin Korb gesteht: „Nichts fühlt sich so an wie wenn man vier Vierteltöne in einer Reihe stampfend swingt. Straight ahead Jazz bewirkt, dass du mit den Füßen im Rhythmus wippst und ein Lächeln auf dem Gesicht hast.“ Auch die stilistisch vielseitige Pianistin Laia Genc gesteht: „In so einer Formation Straight ahead Jazz spielen zu können, bedeutet pure Freude. In dieser Art des Jazz liegt so viel Kraft, in tonaler und harmonischer Hinsicht und ebenso im rhythmischen Bereich.“ Und Sabine Kühlich fügt an: „Guter Swing hat auf meinen Körper eine Auswirkung als ob ich verliebt bin.“
Initiatorin vieler Vocal Jazz Workshops
Ohne durch die Begegnung mit Sheila Jordan hätte es wohl die Lines for Ladies nie gegeben. Sabine Kühlich lernte sie schon vor Jahren bei einem Jazz Workshop kennen und machte dann auch mit ihr Aufnahmen. Sie hat schon vor fast 4 Jahrzehnten angefangen mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen ihr Können und Wissen in Jazz Workshops zu vermitteln, half auch früh an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz einen Lehrplan für Jazzgesang aufzubauen und ihn auch in den Jahren danach zu gestalten und auszuarbeiten, immer wieder war sie als Gastprofessorin an der KUG tätig. Dafür wurde sie als Ehrenmitglied der KUG in diesem Jahr ausgezeichnet. Diese hohe Anerkennung kam für sie recht überraschend, für diese Würdigung fühlt sie sich unheimlich geehrt: „Meine Bestimmung im Leben war es über meine Lebenserfahrungen zu ­singen und sie mit anderen SängerInnen und ­InstrumentalistInnen zu teilen. Ich initiierte so einige Workshops. 1978 startete ich Jazzgesangs-Workshops am City College of New York aufgrund insistierenden Einsatzes von Ed Summerlin und John Lewis (vom Modern Jazz Quartet). Sie wurden sehr erfolgreich und waren eine der ersten – wenn nicht der erste Workshop dieser Art überhaupt. Ich rief auch einen einwöchigen Sommer-Jazzgesangsworkshop im Vermont Jazz Center in Putney, Vermont ins Leben. Ich begann auch für jeweils zwei Wochen im Juli an der University of Massachusetts in Amherst zu unterrichten, dafür setzten sich Dr. Billy Taylor und Max Roach ein. In erinnere mich an das Sprichwort: ‚Um etwas zu behalten musst du es weitergeben.‘ Und diese Lebensweisheit blieb mir die letzten 60 Jahre im Gedächtnis. Meine Prinzipien beim Unterrichten von SängerInnen sind: ‚Lerne die Melodien so wie sie geschrieben wurden, denn die Originalmelodien der Songs sind die weiteren Stufen zur Improvisation. Lerne die Melodien nicht von den SängerInnen, die sie schon aufgenommen haben. Du singst sie sonst wie sie und das entspricht nicht deiner Art diese Songs zu singen. Forciere auch nicht Verbesserungen wenn du singst, lasse alles ganz organisch wachsen.‘“ Wer einmal bei einem Gesangsworkshop von Sheila Jordan zugegen war, weiß mit wie viel Einfühlungsvermögen und Geduld sie versucht junge Talente auf den richtigen Weg zu bringen. Sie übt niemals harsche Kritik, sondern macht positive Vorschläge, wie man etwas besser, ja für die jeweilige junge Sängerin passender machen könnte, vermeidet alles, um jemand zu entmutigen. So wird es auch während der Tournee der Lines for Ladies im Mai Workshops in Trier, Stuttgart, Hildesheim und Aachen geben.
Rollenmodell, Mentorin, spirituelle Mutter
Sheila Jordan mit all ihrer Erfahrung im Leben und in der Jazzmusik ist für die um zwei Generationen jüngeren Musikerinnen, sprich Sängerinnen ein Rollenmodell für Scat-Gesang, perfektes Timing, großartige Interpretation, für ehrliches Gestalten, musikdienliche Präsentation, und sie erzählt in dem einen oder anderen Blues ihre bewegte Lebensgeschichte. Anne Czichowsky bezeichnet Sheila als ihre spirituelle Mutter. „Sie gibt mir eigentlich mit jedem Ton, den sie singt, eine Lektion“, ergänzt Anne. Kristin Korb war schon früh begeistert von den Aufnahmen, die Sheila Jordan im Duo mit einem Bassisten machte. Und durch die Zusammenarbeit mit dieser so natürlichen, herzlichen, liebenswürdigen Grande Dame des Jazz, spürte Kristin die Urkraft dieser junggebliebenen 87-jährigen Sängerin, die ein Gutteil Jazzgeschichte verkörpert. „Ich denke nicht in Noten, wenn ich mit ihr spiele. Es geht einfach darum total präsent zu sein und in die Konversation einzusteigen. Ich liebe es auch, wenn Sabine und Anne sich in verschiedene Boplinien hinein und wieder heraus bewegen. Ihre Interaktionen sind geradezu explosiv.“ Sabine, die schon vor Jahren mit Sheila Jordan zusammenarbeiten konnte, schwärmt: „Wenn sie dabei ist, fühle ich mich zuhause – musikalisch und auch als Mensch. Ihr Scat-Gesang hebt mich in den Himmel. Ihre Balladeninterpretationen sind lebensweise und können einem fast das Herz brechen.“
Offenheit und Verständnis
Die so warmherzige, umgängliche amerikanische Sängerin sagt: „Ich fühle mich geehrt Teil dieser Gruppe von Musikerinnen, Sängerinnen zu sein. Ich gebe darin, was ich immer gebe: mich selbst und niemand anderes! Ich habe immer gelernt gegenüber anderen SängerInnen und InstrumentalistInnen offen zu sein. Ich vergleiche mich nicht mit ihnen auf irgendeine Art und Weise. Ich möchte mich an einer musikalischen Konversation beteiligen ohne die gesamte Konversation an mich zu reißen. Wenn wir uns alle miteinander verbunden fühlen, dann wird es zu einem großartigen Treffen musikalischer Köpfe. Es gibt dabei keinen Platz für negatives Denken, um die Ansicht wer die Beste oder wer die Schlechteste ist. Es hat überhaupt nichts damit zu tun. Es geht um die Liebe zur Musik und darum sie am Leben zu halten.“

Sängerinnen mit einem allzu großen Ego – und davon gibt es so einige – sind nicht unbedingt die größten Talente, viele schielen nach Publikumserfolgen, sind allzu schnell bereit ihre musikalische Überzeugung deshalb zu verwässern. Es macht ja nicht viel Sinn, wenn Sängerinnen gegeneinander in einen Wettstreit eintreten, bei denen die eine die andere ausstechen möchte. Anders verhält es sich bei Vokalistinnen, die sich gegenseitig schätzen, deren Ausdrucksradius von Straight ahead Jazz und Bebop geprägt ist und in den Scat-Gesang Herz und Seele einbringen, um der Musik zu dienen. Für Anne Czichowsky erfüllte sich ein Traum als sie Sabine das erste Mal persönlich traf, deren Gesang aber längst lieben gelernt hatte. Ihr Miteinander übertraf von Anfang an ihre Erwartungen und erweckte in beiden den Wunsch ein gemeinsames Projekt zu machen. Und dazu wollten sie weitere Jazzerinnen holen. Sabine Kühlich schlug die Pianistin Laia Genc vor, Anne Czichowsky versuchte die Bassistin Kristin Korb für das Projekt zu gewinnen. Ihr gefielen die Aufnahmen der Amerikanerin, die sie mit dem Ray Brown Trio gemacht hatte, sowohl ihr swingendes Bassspiel als auch ihr Gesangsstil, und vor allem ihr unschlagbares Timing. Und da Kristin Korb der Liebe wegen nach Kopenhagen übersiedelte, waren die größten Hindernisse beseitigt. Dass dann ihre gemeinsame Formation „Lines for Ladies“ getauft wurde, kam durch einen Zufall. Als Anne und Sabine miteinander Gerry Mulligans Tribut an den Veranstalter des Monterey Festivals, Jimmy Lyons sangen, und dabei mit ihren Gesangslinien improvisierten, entstand der Begriff der „Lines for Ladies“. Ein trefflicher Name, der zugleich Programm ist.
Bird lives on!
Mit Sabine Kühlich und Anne Czichowsky fühlt sich Sheila Jordan besonders verbunden. Über Sabine sagt sie bewundernd: „Ich schätze ihre Liebe zur Musik und ihre Hingabe an die Musik sehr. Sie besitzt ein wunderbares Talent und teilt es warmherzig und ehrlich mit ihrem Publikum und ihren Kolleginnen der Lines for Ladies.“ Und an Anne Czichowsky schätzt sie vor allem die Tatsache, dass „Anne meine Liebe und meine Verbindung zu ihr und den anderen Ladies der Gruppe kennt. Wir alle kommunizieren und verstehen uns großartig. Sie ist ein sehr wichtiges Bindeglied. Das ist Beweis genug, dass sie nicht auf einem Egotrip ist sondern das Beste für die Musik will, die wir alle teilen. Wir teilen alle unsere Ideen miteinander. Sabine kennt meine Liebe zu Charlie Parker und meine Auslegung von Bebop-Stücken der Vergangenheit. Somit scheint das, was ich mit ihnen mache, genau das Richtige zu sein. Sie sind alle mit meiner Lebensgeschichte vertraut. Ich höre auch immer wieder zu und wenn ich den Antrieb spüre einzusteigen in etwas, das über ein Bebop-Stück hinausgeht, fühle ich mich frei das zu tun. Ich singe auch andere Songs neben den Bebop-Stücken, aber meine Basis in dieser Musik ist immer allgegenwärtig. Meine Art zu phrasieren kommt von Bird und anderen Instrumentalisten her und nicht von den großen Sängerinnen der Vergangenheit, etwa von Billie, Sarah, Ella. Wer kann oder möchte wirklich deren Ideen stehlen?! Ich kann nur sagen: Mach dein Ding und swing, swing, swing!“
Aufnahmen geprägt von Liebe und Respekt
Zur Tournee im Mai erscheint eine CD, die bei der letzten Deutschland-Gastspielreise mit Sheila Jordan im Herbst 2014 im domicile in Pforzheim aufgenommen wurde. Trotzdem es kleine technische Probleme gab, die den Sängerinnen zunächst zu schaffen machten, liefen sie zur Höchstform auf, die anfängliche Anspannung wich einer lebensfrohen Leichtigkeit, viele kreative Moment ergaben sich ganz spontan. Schon die Eröffnungsnummer „Ladies‘ show“, die Anne Czichowsky auf Benny Golsons „Killer Joe“ aufgebaut hatte, wurde mit Beifallsstürmen quittiert. Alle zeigten sich stark berührt von Sheila Jordans Blues „I ain’t really gonna sing this blues for you tonight“ und übertrafen im Lauf des Abends wiederholt sich selbst. Auch die ganze Gruppe der Ladies zeigte ein unglaubliches Engagement, wie kaum jemals zuvor.

Der Wunsch von Anne Czichowsky ist nach solch denkwürdigen, unvergesslichen Auftritten klar: Sie hofft, dass die Lines for Ladies in dieser Form noch lange bestehen, dass dieser Straight ahead Jazz, der zeitlos schön und bewegend ist, noch mehr Publikum im In- und Ausland findet.

Sheila Jordan fasst zusammen: „Die Aufnahme der Lines for Ladies ist ein wahres Musterbeispiel für MusikerInnen und InstrumentalistInnen in aller Welt. Die Liebe zueinander und der Respekt füreinander, für jeden Einzelnen, ist immer präsent auf den gesamten Aufnahmen. Sie sind geprägt von Liebe und Respekt. So sollte es immer sein!“

Text: Gudrun Endress
Foto: Nadine Targiel

CD: Lines for Ladies Feat. Sheila Jordan & Kristin Korb „Live”, HGBS B16003 CD