Jazz und Malerei oder – weiter gefasst – Jazz und bildende Kunst, hängen die irgendwie zusammen? Mancher wird sagen: Nein! Denn das eine ist der akustische Reiz von Klang im Raum, das andere ist optischer Reiz auf einer zweidimensionalen Fläche. Doch da hat schon vor Jahren der New Yorker zeitgenössische Komponist Morton Feldman etwas anderes geäußert: „Ich habe mehr von Malern als von Musikern gelernt.“ Auf unsere obige Frage werden aber eben auch viele rufen: Klar, beides sind Künste, die mit spontaner Erfindung einhergehen. Von vielen Malern wird berichtet, dass sie beim Arbeiten im Atelier Jazz­aufnahmen laufen lassen, sogar wenn sie konkrete, streng geometrische Bilder malen, wie mir der Zürcher Jakob Bill von sich selbst verriet. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart hat Querverbindungen dargestellt und dabei neben Malereien, in denen Bands und Musiker Sujets sind, auch den interessanteren Aspekt der bildnerischen Improvisation in Arbeiten von Malern wie Jackson Pollock und K.R.H. Sonderborg thematisiert. Doch der weite Horizont des Interesses von Jazzmusikern an bildender Kunst und nicht zuletzt der ganze umfangreiche Katalog von malenden Musikern wurden ausgelassen. Hier soll nun ein bisschen etwas davon nachgereicht werden.
Stammvater Duke Ellington
Dass Jazzmusiker und ihre Fans etwas für moderne Kunst übrig haben, kann man schon allein an zahllosen LP- und CD-Hüllen sehen, die von bekannteren oder weniger bekannten Malern, Grafikern und Fotokünstlern – nicht selten auch von den Musikern selbst, wie noch zu berichten sein wird – gestaltet wurden. Auf einem ähnlichen Feld, nämlich als Reklamezeichner soll der große Duke Ellington als junger Mann in Washington  D.C. in seinem ersten Job tätig gewesen sein. In seiner Heimatstadt wurde 1974 sogar eine Duke Ellington School of Arts gegründet, in der neben Musikfächern auch „Visual Arts“ unterrichtet werden. Tatsächlich gab es über die Jahrzehnte hinweg eine ganze Anzahl von Jazzmusikern, die nicht nur im Hobby, sondern gleichsam im Zweitberuf als bildender Künstler tätig waren. Ein frühes Beispiel war der im Chicago- und Swing-Stil aktive Schlagzeuger George Wettling (1907-1968), über den wir lesen: „In den 1950er-Jahren war er vor allem als abstrakter (kubistischer) Maler bekannt und beliebt (seine Bilder hängen auch in Museen).“ Das ungegenständliche Gestalten, das etwa im sogenannten abstrakten Expressionismus ganz und gar spontan-gestisch – man kann auch sagen: improvisatorisch – sich vollzieht, scheint Jazzmusikern besonders nahe zu liegen, vielleicht sogar gerade den Schlagzeugern. Der Schweizer Daniel Humair ist zu nennen als gleichwertig anerkannter abstrakter Maler. Ähnliches gilt für den im norddeutschen Viersen lebenden Engländer Tony Oxley. Die Liste der bildenden Künstler unter den Schlagzeugern lässt sich fortsetzen mit Horst Linn, emeritierter Kunstprofessor in Dortmund, mit Ralf Hübner und Joe Hackbarth als Malern sowie dem mit vielfältigen „Visual Arts“ von Moskau und Venedig bis Paris und Chicago hervorgetretenen Russen Wladimir Petrowitsch Tarasov.

Doch gehen wir noch einmal etwas zurück in der Jazzgeschichte! Da gab es den trotz einer gewissen Bekanntheit weitgehend unterschätzten, wie George Wettling aus dem Chicago-Jazz kommenden Klarinettisten Charles Ellsworth „Pee Wee“ Russell, den manche seiner Kollegen für kreativer hielten als den „King of Swing“ Benny Goodman. Russell hatte in typischen Traditional-Bands Chicagos während der 1920er Jahre begonnen, dann in New York gelebt und mehr in Swing-Combos gearbeitet. In seinen späteren Jahren war der stark alkoholabhängige Musiker oft krank und konnte nicht spielen. Dem Rat einer Freundin folgend, begann er – sozusagen als Therapie – zu malen. Mit seinen teils abstrakten, teils figürlichen Malereien, ein wenig an den frühen Kandinsky erinnernd, fand er rasch Anerkennung, wurde er als ­Naturtalent gelobt. Die Hülle einer Schallplatte, die er mit dem New-Orleans-Trompeter Henry Red Allen und einer modernen Rhythmusgruppe um den Pianisten Steve Kuhn aufnahm, ziert eines seiner Bilder. Doch Russell zeigte sich als Musiker noch mehr gegenüber neueren Strömungen offen: Auf dem Newport Festival 1963 trat er mit dem Quartett des Bebop-Meisters Thelonious Monk auf und spielte Stücke von ihm, Originals wie „Criss cross“, „Light blue“ oder „Nutty“. Auf dem – wie es heißt – berühmtesten Jazz-Foto aller Zeiten, im New Yorker Stadtteil Harlem Mitte August 1958 von einem jungen Magazin-Journalisten namens Art Kane aufgenommen, steht in einer Gruppe von 58 Musikern der Stadt auch Pee Wee Russell. Die inzwischen erschienene Video-Dokumentation dieser Foto-Session wird übrigens ergänzt durch eigene Aufnahmen eines der Musiker, nämlich des Bassisten Milt Hinton, der sich selbst auch andernorts viel Anerkennung als Fotograph erwerben konnte. Jazzer in Amerika, die Kunst machten:  Auch von der aus Leipzig, wo sie Graphik studiert hatte, über Frankfurt am Main und seine virulente Jazzszene der 1950er Jahre zu Anerkennung gelangten, dann in die USA übersiedelten Pianistin Jutta Hipp (1925-2003) ist bekannt, dass sie fotografierte, aber auch zeichnete, aquarellierte, damit Ausstellungen bestritt, und von ihr gefertigte Puppen von New Yorker Museen übernommen worden sind.
Kennen Sie Larry Rivers?
Ein kurzer Exkurs ist angezeigt, nämlich von malenden Jazz-Profis weg zu (nebenbei) jazzenden Kunst-Profis: Ein spezieller, hochinteressanter Fall war der New Yorker Larry Rivers (1923-2002), der mal als Maler und Musiker, dann auch als Musiker und Maler bezeichnet wurde. Als Maler ist er einer der  wichtigsten Vertreter der Pop  Art, von dem der ebenfalls malende Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken von BAP – wohl nach Kursen bei Rivers – sagte: „Er ist mein Polarstern“.  Rivers hat sowohl Malerei als auch – an der Juilliard School – Musik studiert, zeitgleich mit Miles Davis, mit dem er bis zu dessen Tod befreundet war. Außerdem kannte er auch Charlie Parker, der für ihn als Saxophonist das Idol war. Der Journalist John Guare schreibt: „Man ging ins ‚Five Spot‘, wo es Lyrik & Jazz gab. An einem typischen Abend würde Mose Allison am Klavier sitzen, Elvin Jones am Schlagzeug, Larry Rivers, ein junger Maler, würde Saxophon spielen.“ Rivers hat übrigens ein Porträt mit dem Titel „The Drummer“ von Elvin Jones gemalt, und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich einmal eine LP gesehen von einer Band des Schlagzeugers mit dem Maler am Tenorsaxophon. Rivers‘ Spiel muss wohl recht individuell gewesen sein, „zur gleichen Zeit spannend und falsch“, wie es einmal beschrieben wurde. Auch um das Thema Jazz kreist natürlich seine hochkarätige Malerei, zum Beispiel in dem provokativen Bild „Umber Blues“ mit einem nackten afroamerikanischen Saxophonisten vor einem Picasso-Gemälde.  Zwei prominente deutsche Maler haben einen direkten Draht zum Jazz: Der „Malerfürst“ Markus Lüpertz spielt Klavier, oft in einer Band mit dem Vibraphonisten Wolfgang Lackerschmid, der Strichmännchen-Maler A. R. Penck alias Ralf Winkler ist ein sehr beflissener Free-Jazz-Schlagzeuger. Ein Galerist verriet mir einmal: „Wo der Penck spielen darf, da kommt er auch zu seiner Vernissage.“ (Penck wird auch in der Ausstellung „I Got Rhythm“ gewürdigt, Anm. d. Red.)

Wohl nicht von ungefähr haben die Vertreter des Free Jazz eine besondere Affinität auch zum bildnerischen Gestalten: Peter Brötzmann und Han Bennink haben beide Kunst studiert, Peter Kowald hat seine Plakate selber gestaltet. Ich konnte einmal in einer Ulmer Ausstellung seiner Arbeiten einen Holzschnitt des US-Altsaxophonisten  Marion Brown erwerben, auch er ein Free Jazzer. Doch in anderen Bereichen des Jazz sind ebenso bildende Künstler zu Hause: Der gebürtige Wiener Hans Koller (1921-2003), einer der wirklich großen, aus dem Cool Jazz kommenden europäischen Jazzmusiker, war ein auch ein anerkannter abstrakter Maler. Sein US-Kollege Lee Konitz suchte ein als konstruktivistisch zu bezeichnendes Bild Kollers für das Cover seiner im Jahr 2000 aufgenommenen CD „Parallels“ aus. Der Gitarrist Volker Kriegel arbeitete erfolgreich als Illustrator und Karikaturist, der Trompeter und Flügelhornist Herbert Joos ist ein brillanter Graphiker, der immer wieder die Titelseiten des Jazz Podiums ideenreich gestaltet, aber auch mit eigenen Ausstellungen ein Kunstpublikum erreicht. Erst spät begann der Jazz-Superstar Miles Davis, sich auch als Maler zu betätigen. Bilder von ihm kamen auch in den Kunsthandel, doch vor allem auf Hüllen seiner CDs kann man seinen Malereistil kennenlernen, so etwa auf den Alben „Star People“ und „Amandla“.
Jasper van’t Hofs Bilder einer Ausstellung
Mit einem anderen interessanten Aspekt von Jazz und Malerei hat der CD-Produzent Siegfried Loch als Kunstsammler aufgewartet. Der Erwerb eines Bildes des abstrakten Malers Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1953 mit dem Titel „Blauklang“ brachte ihn auf die Idee, eine ganze Kollektion von Gemälden zu begründen, in denen die Farbe Blau dominiert, dies bewusst auch in Anspielung auf die jazzbezogenen  Begriffe Blues und „blue note“. Da gibt es zwei der berühmten monochrom blauen Bilder des Franzosen Ives Klein, den man ja  „le bleu“ nannte. Irgendwie einen direkten Jazzbezug zustande bringen Claes Oldenburg mit seinem Gemälde eines „weichen“ Saxophons oder – dank der Titel – Otto Piene mit „Black & blue“ sowie Georg Baselitz mit „Night in Tunesia“. Mit weiteren Ideen konnte der Sammler und Produzent den Kreis schließen: Loch bewegte den Posaunisten Nils Landgren dazu, einen weißen Overall anzuziehen, den der Maler Rolf Rose dann am Körper blau anpinselte. Und Loch regte dann noch verschiedene Jazzmusiker an, Stücke „über“ einzelne Gemälde zu schreiben. Der Pianist Jasper van’t Hof lieferte gleich zwölf an der Zahl ab, die er mit einem Quintett – Hauptsolist war dabei der Saxophonist Bob Malach – für eine CD einspielte.

Natürlich: Jazzer können mit ihrem Spiel, das vielleicht reicher ist an (Klang-) Farben als alle anderen Arten von Musik, trefflich „malen“. Nichts liegt also näher, als dass viele Musiker selbst zum Pinsel greifen und Farben zu Papier oder auf die Leinwand  bringen. Die hier aufgelistete Sezession von malenden Jazzern ist denn auch mit Sicherheit nicht vollständig …

Günter Buhles