Marius-NesetVerbindet schlüssig Improvisation mit Auskomponiertem

Marius Neset

Marius Neset: „Einerseits sehe ich mich als Jazzsaxophonist im kleinen Ensemble, andererseits in orchestralen Besetzungen. Ich bin gleichermaßen Komponist und Saxophonist, tue das, wohin mich die Musik führt. Es war für mich zur jetzigen Zeit sehr natürlich, dieses Projekt mit der London Sinfonietta zu machen. Ich wollte ein Projekt machen, in dem ich mein Jazzensemble in einen orchestralen Kontext integrieren konnte. Zugleich sollte das Orchester nicht nur eine Backing Band sein. Mein Ziel war, dass alle eine Art Orchester bilden“

Es mag mit der Weite und Ruhe seiner Heimat Norwegen zu tun haben, dass für Marius Neset Stille eine besondere Bedeutung, sogar einen Klang, hat. Zur Freude europäischer, inzwischen internationaler, Jazzfans, ist der Saxophonist aber musikalisch meist nicht allzu still. Von jungen Jahren an in sehr unterschiedlichen, multistilistischen Besetzungen aktiv, inzwischen mit mehreren Musikpreisen ausgezeichnet, betätigt sich der Norweger immer mehr als Komponist. Neben kleinen Ensembles tritt er nun mit orchestralen Besetzungen auf, derzeit vor allem mit einer besonderen Kombination seines Jazzquartetts mit der London Sinfonietta. Eines aber ändert sich nicht: Improvisation ist immer.

Mit 31 Jahren ist er ein noch junger Saxophonist, aber schon jetzt einer der bekanntesten norwegischen Jazzer. Marius Neset zählt in seiner Musikergeneration zu denen, die in seiner Heimat die Jazzszene voranbringen – und nicht nur dort. Die Resonanz in Europa für seine Musik, von der Duo-Improvisation bis zum orchestralen Konzert, ist positiv. Auch vom renommierten US-Jazz-Magazin Downbeat gab es dieses Jahr besondere Aufmerksamkeit, der Norweger wurde unter dem Titel „25 for the future“ als einer der wenigen Europäer, zugleich als einziger derzeit in Europa lebender Künstler, zu den besten Jazzern der jüngeren Generation gewählt. In Norwegen erhielt er in den letzten Jahren verschiedene Auszeichnungen, darunter 2004 den Talent Award des Nattjazz Festival, 2013 eine Auszeichnung beim Sildajazz Festival, Anfang 2015 dann den renommierten Spellemanprisen für das Album „Lion“ mit dem Trondheim Jazz Orchestra. Seit knapp zehn Jahren veröffentlicht der Saxophonist Alben unter eigenem Namen, komponiert vielseitige Musik, in der sich Folk-, klassische sowie zeitgenössische Einflüsse begegnen, und, natürlich, Jazz und Improvisation. Denn von dort kommt der Musiker, wie er im Telefoninterview von Kopenhagen aus feststellt, ursprünglich her, darauf bezieht er sich immer wieder, auch wenn er kompositorisch gerade in ganz anderen Welten unterwegs ist. Unterschiedliche stilistische Sphären zusammenbringen, in etwas Neues, Eigenes einfließen zu lassen, ist dem Komponisten Neset eine willkommene Herausforderung. Nicht umsonst sind klassische Musiker seit jeher ein fester Bestandteil seiner Besetzungen. „Als 18-Jähriger schrieb ich Musik für ein großes Ensemble mit 16 Mitspielern, von denen die Hälfte klassische Musiker waren“, erinnert sich der Norweger. „Ich war schon immer fasziniert davon, mit solchen Besetzungen zu arbeiten.“ ­Einige Jahre später, 2008, war auf seinem ersten, eigenen Album, „Suite For The Seven Mountains“, außer jungen Jazzern ein Streichquartett zu hören.

Was sich zuletzt an den klassischen Besetzungen verändert hat, ist, unter anderem, die Größe. Es wird immer orchestraler. Das schlägt sich gleichermaßen musikalisch und in den Ensembles nieder. So wirkte etwa an dem 2014 erschienenen Album „Lion“ das Trondheim Jazz Orchestra mit. Zudem tat sich eine mehr klassisch orientierte Richtung auf. Einer Auftragskomposition für die Oslo Sinfonietta, bei der Neset vor einigen Jahren mit klassischen Musikern, Opernsängern und Jazzern gleichermaßen arbeitete, entsprang schließlich die Idee für eine neue Orchesterarbeit. Ende August wurde die daraus entstandene Einspielung mit der London Sinfonietta unter dem Titel „Snowmelt“ veröffentlicht. Wie schon die letzten Alben erscheint sie beim Münchner Label ACT Music, das erst vor wenigen Monaten das stilistische Kontrastprogramm herausbrachte. Dieses, mit dem Titel „Sun Blowing“, spielte der Saxophonist im Trio mit Bassist Lars Danielsson und Schlagzeuger Morten Lund in einer eintägigen, spontan anberaumten Session ein. Die Musiker hatten vorher nie zusammen gespielt, jeder brachte eigene Stücke mit, einige Stunden später war das Album fertig. An dem Projekt mit der London Sinfonietta arbeitete Neset indes über einen Zeitraum von knapp drei Jahren, ab 2012. Jazzensembles oder Orchester, der Musiker identifiziert sich mit diesen unterschiedlichen Richtungen gleichermaßen, würde, wie er sagt, keiner davon den Vorzug geben wollen. „Ich mache beides gern. Einerseits sehe ich mich als Jazzsaxophonist im kleinen Ensemble, andererseits in orchestralen Besetzungen. Ich bin gleichermaßen Komponist und Saxophonist, tue das, wohin mich die Musik führt. Es war für mich zur jetzigen Zeit sehr natürlich, dieses Projekt mit der London Sinfonietta zu machen. Ich hatte zuletzt in Norwegen viel mit Big Bands und klassischen Orchestern gearbeitet, eine Menge komponiert. Nun wollte ich ein Projekt machen, in dem ich mein Jazzensemble in einen orchestralen Kontext integrieren konnte. Zugleich sollte das Orchester nicht nur eine Backing Band sein. Mein Ziel war, dass alle eine Art Orchester bilden.“

Zu Beginn dieses Vorhabens gab es nur die Musik, ohne konkrete Besetzung. So war Neset anfangs weder klar, dass sein Jazzquartett oder er selbst mitspielen würden, noch hatte er ein bestimmtes Orchester im Sinn. Er schrieb erst mal für „eine Sinfonietta“. Dass das später die London Sinfonietta wurde, „eines der großartigsten Kammerorchester“ weltweit, wie der Saxophonist feststellt, war für ihn freilich eine sehr willkommene Entwicklung. Abgesehen von der gemeinsamen Einspielung im Frühling 2015 wurden für den Herbst 2016 bereits mehrere Konzerte vereinbart, unter anderem beim London Jazzfestival. Anfang 2017 könnten weitere hinzukommen. Das, so der Musiker, ist mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. „Es wäre schon ein wahrgewordener Traum gewesen, nur ein Konzert mit der London Sinfonietta zu spielen.“ Innerhalb einiger Monate hatte er zunächst den Kern der Komposition geschrieben, dann über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder an Einzelheiten gearbeitet. So fand er sich mehr als bei früheren Vorhaben in der Rolle des Komponisten wieder. Nicht unbedingt eine Aufgabe, vor der ein improvisierender Jazzer jeden Tag steht. „Das ist definitiv die am meisten auskomponierte Musik, die ich bisher geschrieben habe“, stellt Neset fest, und ergänzt: „Ich brauchte darin aber einige Räume für Improvisation. Denn das ist es, was ich ursprünglich bin, ein improvisierender Musiker. Das wird immer so sein, daher war mir wichtig, das auf eine natürliche Art mit einzubauen.“ Wie Auskomponiertes und Improvisation am sinnvollsten zu integrieren seien, gerade damit setzte sich der Musiker über längere Zeit intensiv auseinander. „Wenn wir improvisierte Parts spielten, war die Idee, dass alle in dem harmonischen Rahmen bleiben, in dem die Musik geschrieben ist. Es sollte nicht nur ein Jazzsolo sein. Das Improvisieren sollte es ermöglichen, etwas mehr Freiheit in die Musik zu bringen. Aber es sollte dabei im harmonischen Rahmen bleiben.“

Nicht nur für die beteiligten Jazzer – außer Neset selbst seine Quartettmitglieder Ivo Neame am Piano, Petter Eldh am Bass und Anton Eger am Schlagzeug – erwies sich die Zusammenarbeit als spannend. Von den klassischen Orchesterspielern erfuhr der Komponist ebenfalls reichlich Zuspruch. Er zeigt sich seinerseits sehr angetan von der Erfahrung, mit einem solchen Klangkörper arbeiten zu können. „Ich liebe das, wenn es in der Musik überraschende Elemente gibt, es kann großartig sein. Ich mag nicht nur Kontraste in Rhythmen, Tempi und Harmonien, sondern gleichermaßen dynamische Kontraste. Darin sind klassische Orchester großartig, sie haben eine enorme Dynamik, eine erstaunliche Bandbreite, was sie machen können. Es ist toll, wie sie alle zusammen klingen. Damit lässt sich musikalisch viel anfangen.“ So versuchte er im Lauf des gemeinsamen Projekts, alle Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, bestmöglich für die Musik zu nutzen. Das große Engagement aller Beteiligten half dabei, wie er berichtet, und, nicht zuletzt, das von Dirigent Geoffrey Paterson. „Er konnte das Beste aus dem Orchester herausholen, und er verstand die Musik perfekt – fast besser als ich. Das war toll.“ Auf jeden Fall, so Neset, der bei dem Projekt selbst an Tenor- und Sopransaxophon zu hören ist, wolle er diesen Bereich seiner kreativen Arbeit in Zukunft weiterentwickeln. An Einfällen mangelt es ihm nicht. „Ich habe viele Ideen. Die Herausforderung besteht darin, sie in etwas umzuwandeln, das einen Sinn ergibt und musikalisch funktioniert. Derzeit arbeite ich viel an Formen und Strukturen, ich werde darin immer besser. Ich denke, das ist eine lebenslange Aufgabe, es gibt immer Weiterentwicklungen.“

Im Anschluss an die Einspielung von „Snowmelt“ beschäftigte den Norweger zuletzt eine Auftragskomposition aus Deutschland. Die spielte sich zwar in einer etwas kleineren Besetzung ab, brachte aber einmal mehr Jazzer und klassische Instrumentalisten zusammen. „Ich hatte den Auftrag, Musik für ein Neujahrskonzert in der Philharmonie in Köln zu schreiben, ein Repertoire von eineinhalb Stunden. Daran habe ich das ganze letzte Jahr über gearbeitet. Es war eine fantastische Erfahrung, es zu spielen.“ Außer seinem Jazzensemble waren unter anderem Lionel Loueke an der Gitarre, Andreas Brantelid am Cello und Nesets Schwester Ingrid an der Flöte dabei. Inzwischen gibt es eine Einspielung, möglicherweise bald eine Veröffentlichung. Mit seiner Schwester zusammen Musik machen? Das klappt hervorragend, wie der Norweger feststellt. Er kenne ihre Spielweise gut. Tatsächlich ist sie schon auf dem Album „Birds“ zu hören. Eine der nächsten Aufgaben, mit denen sich ihr Bruder dieses Jahr befasst, bringt ihn in die relativ seltene Situation, ein Repertoire zu schreiben, bei dem er nicht mitspielt. Flötistin Ingrid Neset spielt es Anfang nächsten Jahres bei einem Konzert in Kopenhagen mit ihrem Streichquartett. Saxophonist Neset schreibt indes immer wieder mal auch für andere Ensembles Stücke. Bei den meisten seiner Kompositionen schwingt er aber später selbst das Saxophon.

Die Vorstellung von seiner Heimat Norwegen als Ort der Ruhe und Inspiration bewahrheitet sich bei seinem Herangehen ans Komponieren. So entstand das aktuelle Repertoire für die London Sinfonietta teilweise in Kopenhagen, wo der Saxophonist seit seinen Studientagen lebt, zum Teil jedoch in einer abgelegenen Hütte seiner Familie nahe seiner Heimatstadt Bergen an der Südwestküste Norwegens. Wenn er die Zeit hat, so der Musiker, verbringt er dort schon mal einige Wochen. Andernfalls tut es auch die Ruhe eines bestimmten Raumes. „Ich ging in ein Zimmer, wo Zeit und Raum dann erst mal nicht mehr existieren. So kam ich in einen kreativen Zustand, und alles konnte eine Zeit lang einfach fließen.“ Die Naturnähe, mit der Neset aufwuchs, der in jungen Jahren zeitweise ständig in den umliegenden Bergen unterwegs war, beeinflusst ihn bis heute. Sie hinterlässt Spuren in seinen Kompositionen. „In den Bergen dort ist es sehr still, niemand sonst ist da. Man hat das Gefühl, man hätte die ganze Welt für sich. Das ist ein einzigartiger Zustand, ganz in Einklang mit der Natur. Ich habe davon sicher etwas in meine Musik gebracht. Aber ich denke nicht bewusst darüber nach, wenn ich komponiere. Das ist einfach da.“ Grundsätzlich, so der Saxophonist, seien eigene Erfahrungen, das alltägliche Leben, für ihn wesentliche künstlerische Inspirationsquellen. Das gelte gleichermaßen für das Thema Kontraste, das sich hörbar durch viele seiner Kompositionen zieht. „Die Gegensätze in der Natur haben sicher einen Einfluss auf meine Musik, genauso die Gegensätze in meinem Leben. Eine Woche bin ich in einer Hütte in Norwegen, wo sonst niemand ist, in der folgenden Woche bin ich in London. Durch das Reisen gibt es ständig Veränderungen. Es ist gar nicht möglich, davon nicht beeinflusst, und inspiriert, zu werden.“

Zeit seines Lebens war der Norweger, der sich ab dem 17. Lebensjahr sieben Jahre lang am Rhythmic Music Conservatory in Kopenhagen ausbilden ließ, ein vielseitig interessierter Musikhörer. Da waren zum einen seine Idole am Saxophon. Hatte er in jungen Jahren viele Einspielungen von Michael Brecker und Charlie Parker gehört, sich in einer intensiven Phase den Alben seines renommierten Landsmannes Jan Garbarek zugewandt, wecken noch heute immer wieder mal andere Saxophonisten sein Interesse an bestimmten Aspekten ihrer Spielweise. Derzeit, so Neset, höre er etwa viel Stan Getz, und sei fasziniert von dem Sound, der sich sehr von dem seiner früheren Vorbilder unterscheide. Oft wird er auf etwas ältere, US-amerikanische Jazzer aufmerksam, mal lässt ihn Coleman Hawkins aufhorchen, mal Ben Webster oder Dexter Gordon. Seit jeher haben auch verschiedene Rockbands Platz in seiner Musikwelt, und – natürlich – Klassisches und Zeitgenössisches. Gerade faszinierten ihn besonders die Werke von Olivier Messiaen, er studiere intensiv die Partituren. In der Vergangenheit lief zeitweise viel Musik von Gustav Mahler, mal mehr von Béla Bartók, bisweilen von Ludwig van Beethoven oder Johann Sebastian Bach. Bach, so der Norweger, beeindrucke ihn schon wegen der erstaunlich modernen Qualitäten der Werke, die er vor mehreren hundert Jahren komponierte. Wer über Jahre sein Instrument intensiv spiele, und zugleich viel unterschiedliche Musik höre, der entwickle irgendwann fast von allein seine eigene Stimme, so der Saxophonist. Das ist in etwa das, was er sagt, wenn ihn manchmal Leute fragen, wie er das macht, mit all den Originalkompositionen. Zu seinen Studienzeiten erwies sich zunächst Pianist Django Bates als ein wichtiger Mentor, Neset spielte unter anderem in dessen Big Band StoRMChaser. Einige Jahre war er mit der jungen, multistilistischen Gruppe JazzKamikaze unterwegs, mit der er vier Alben veröffentlichte. Dort mischte auch schon der schwedische Schlagzeuger Anton Eger mit, der noch heute in vielen seiner Bands auftaucht. Nesets Saxophon war zwischenzeitlich schon mal in Duo-Besetzungen zu hören, etwa mit dem Tubisten Daniel Herskedal. An einer 2012 erschienenen gemeinsamen Einspielung wirkte außerdem noch ein Chor mit, die Svanholm Singers. Wenn man sich die Entwicklungen der letzten zehn Jahre ansieht, steht jedenfalls nicht zu befürchten, dass dem kreativen Norweger die Ideen ausgehen. Ein ganz wesentlicher Punkt fällt ihm dann noch ein, in Sachen Musikalität. Er konstatiert, dass es bei allem Partituren studieren, Musik hören und üben vor allem aufs Machen ankommt, als Instrumentalist, und als Komponist. Aus nichts könne man mehr lernen, als aus eigenen Erfahrungen. Und: „Letztlich muss man ‚Ohren‘ haben, darauf kommt es in der Musik am meisten an.“

Text: Christina Bauer
Foto: Lisbeth Holten

CD: Marius Neset & London Sinfonietta „Snowmelt“, ACT 9035-2