Rendezvous mit Leonard Bernstein & runder Geburtstag

Nils Landgren

Am 15. Februar wird der schwedische Posaunist Nils Landgren sechzig Jahre alt und wenn man den Begriff des Musikers etwas wohlwollend auslegt, dann hat er mehr als fünf Dekaden davon als Instrumentalist verbracht. Wie seine zwei Brüder spielte Nils zunächst die Trommel im Spielmannszug seines Heimatortes Degerfors, dem sein Vater Karl-Erik als Dirigent und Trompeter vorstand. Die drei Jungen übten viel daheim und der beständig anhaltende Radau der Rudiments – von Mühlen, Wirbeln und Paradiddlen – trieb nicht nur die Kühe des Nachbarn, sondern auch Mutter Margareta bisweilen an den Rand des Wahnsinns. Da sie Fan des Radioorchesters von Thore Ehrling war und dort besonders den Posaunisten Georg Vernon verehrte – Jack Teagarden war ihr zweiter Favorit –, beendete sie kurzerhand Nils Karriere als Trommler und entschied, dass fortan die Posaune das richtige Instrument für ihn sei. Als sich wenig später im April 1969 ein solches Instrument zu Reparaturzwecken im Hause Landgren befand, war es Liebe auf den ersten Ton. Mit viel Talent gesegnet, erlernte Landgren das Spiel auf der Posaune. Erst in der Musikschule in Karlskrona bei Torbjörn Lundquist, später am Musikgymnasium in Karlstad und an der Hochschule in Arvika bei Ingemar Roos. Aber Talent allein genügt nicht, um ein Weltklasseposaunist zu werden. Landgren besitzt auch alle anderen nötigen Eigenschaften, die es brauchte, ihn in diese Position zu bringen. Ohne seine Ausdauer, Disziplin, Mut, Risikobereitschaft und einen enormen Fleiß wäre der Schwede vielleicht nie im Pantheon eines der ältesten voll chromatisch spielbaren ­Orchesterinstrumente angekommen. Hinzu kommt ein Arbeitsethos, das seinesgleichen sucht. Selten absolviert der Posaunist weniger als 250 Termine im Jahr. Mal ist er mit den Formationen Funk Unit und dem Nils Landgren Quartett im eigenen künstlerischen Auftrag unterwegs, mal im pädagogischen Auftrag, in unzähligen Workshops auf der ganzen Welt und als Gastprofessor an der Hochschule in Shanghai bzw. als ordentlicher Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit vielen Jahren unterstützt Landgren Ärzte ohne Grenzen und mit seinem „Funk For Life“-Projekt setzt er sich für eine nachhaltige Verbesserung der Bildungschancen von afrikanischen Kindern und Jugendlichen ein. Des weiteren arbeitet Nils immer mal wieder als Produzent für sein Hauslabel ACT – etwa für Viktoria Tolstoy, Ida Sand, Rigmor Gustafsson, Wolfgang Haffner oder Adam Baldych – und seit 2012 ist er künstlerischer Leiter des traditionsreichen Festivals Jazz Baltica in Timmendorfer Strand/Niendorf, das im vergangenen Jahr sein 25. Jubiläum beging und unter seiner Ägide Zuschauerzuwächse von über 100 % (!) verzeichnen konnte. Erfahrungen im Kulturmanagement hatte Landgren zuvor als Leiter des JazzFest Berlin (2001 und von 2008 bis 2011) sammeln können. Im Januar 2009 verlieh ihm seine alte Alma Mater in Karlstad die Ehrendoktorwürde für seine herausragende musikalische und pädagogische Arbeit. Zum Abschluss ihrer Festrede entließ ihn Cristina Grenholm, Professorin an der philosophischen Fakultät mit den Worten: „Gehen Sie hinaus in die Welt und tun Sie Gutes“. Eine Maxime, die sich Nils Landgren längst zu eigen gemacht hatte. In diesen Tagen erscheint mit „Some Other Time“ eine neue Einspielung des Posaunisten, die ihn mit Vince Mendoza und der amerikanischen Sängerin Janis Siegel zusammengeführt hat. Gemeinsam entdeckt man die Musik von Leonard Bernstein, einem Komponisten, dem, obwohl er selbst dem Jazz immer sehr verbunden und zugeneigt war, die Anerkennung aus diesem Genre heraus bislang weitestgehend versagt geblieben ist. Auf deinem neuen Album „Some Other Time“ hast du dich mit der Musik von Leonard Bernstein beschäftigt. Bernstein, Zeit seines Lebens ausgewiesener Jazzliebhaber und Komponist, in dessen Werken der Einfluss der improvisierten Musik immer spürbar ist, wird, anders als die Komponisten des „Great American Songbook“, selten von Jazzmusikern gespielt. Warum hat Bernstein es bei Jazzmusikern so schwer? Ich habe wirklich keine Ahnung. Vielleicht liegt es daran, dass viele seiner Kompositionen eher sinfonischer Natur sind und Jazzmusiker deshalb keinen Zugang zu seiner Musik finden können. Die Musicals, allen voran natürlich die „West Side Story“, aber auch „On The Town“ oder „Wonderful Town“, bieten meiner Meinung nach genügend großartiges Material, das sich lohnt entdeckt zu werden. Bernstein war einfach ein wunderbarer Melodienschreiber. Viele seiner Kompositionen sind deshalb echte Evergreens geworden. Dann kommt noch hinzu, dass Bernstein durchaus bereit war, in seinem Werk „heiße Eisen“ anzufassen. Nimm die Thematik der „West Side Story“, die gerade in diesen Tagen und Monaten, in denen viele Menschen sich nicht anders zu helfen wissen, als aus ihren Heimatländern zu flüchten, um bei uns Schutz zu suchen, eine neue Aktualität bekommen hat. Schon im Musical, das im weitesten Sinne auf Shakespears „Romeo und Julia“ zurückgeht, beschäftigen sich Bernstein und sein Texter Stephen Sondheim mit den Konflikten zweier rivalisierender ethnischer Jugendbanden, den Jets und den Sharks. Das Ganze endet damit, dass nach dem Tod von Tony (früherer Anführer und Mitbegründer der Jets, d.A.), die beiden Banden die Sinnlosigkeit ihres Handelns erkennen und schließlich die zwischen ihnen schwelenden Konflikte beilegen. Übertragen auf unsere heutige Zeit heißt das für mich, dass wir unbedingt lernen sollten, unsere eventuell vorhandenen Ressentiments beiseite zu schieben und den aus den Krisengebieten flüchtenden Menschen die Hand zu reichen und ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten Zuflucht und Hilfe anzubieten. Bernsteins Klang- und Kompositionssprache ist übrigens sehr modern und zeitlos und wirkt doch nie verkopft oder kompliziert. Oftmals blitzt sogar sein feinsinniger Humor durch. Seine Musik besitzt für mein Dafürhalten eine ganz wunderbare Zugänglichkeit und es wäre schön, wenn es mir mit „Some Other Time“ gelänge, sie ein wenig mehr in den Fokus der Jazzfans zu lenken. Du hast Bernsteins Musik ja nicht einfach nur detailgetreu in deinen Klangkosmos überführt, sondern durchaus auch Veränderungen vorgenommen. „Cool“, eine Nummer aus „West Side Story“, die in der Originalversion sehr von einer ostinaten Figur, tonalen Reibungen und Synkopierungen bestimmt wird, bekommt bei dir ein etwas anderes Gewand verpasst. Wir haben die Nummer gar nicht so stark verändert, ihr aber einen sehr bluesigen Touch verpasst. Wenn ich mich entscheide, ein bekanntes Stück wie jetzt z. B. „Cool“ zu interpretieren, dann sollte ich schon eine gute und überzeugende Idee haben, wie ich dieses Stück zu meinem ganz eigenen Stück machen kann, ohne die Originalkomposition und ihre Aussage zu kompromittieren. Dieser Aspekt ist mir übrigens bei all meinen Coverversionen immer sehr, sehr wichtig. Die Idee, „Cool“ in ein lässig-bluesiges Klangkonzept zu kleiden, kam mir zusammen mit meinem Pianisten Jan Lundgren und ich denke, uns ist da eine sehr stimmige Version gelungen. Wie bist du an die Entwicklung dieses Albumprojekts herangegangen? Hast du dich vielleicht monatelang ins Werk Bernsteins vergraben, es analysiert und seziert oder gar Recherchearbeit vorort in New York betrieben? Ich muss gestehen, dass die Ursprungsidee, ein Album mit der Musik von Leonard Bernstein aufzunehmen, nicht von mir, sondern von Siggi Loch kam. Je mehr ich mich mit dieser Idee beschäftigte, desto reizvoller und interessanter erschien sie mir. Ich begann mir Aufnahmen seiner Werke zu kaufen und sie intensiv zu studieren. Dabei waren die vielen Alternativeinspielungen von besonderem Interesse für mich, weil mir durch sie meine eigenen gestalterischen Möglichkeiten deutlicher vor Augen geführt wurden. Als sich dann herauszukristallisieren begann, dass Vince Mendoza und Janis Siegel mit im Boot sein würden, erweiterte sich unser Interpretationsspielraum natürlich gewaltig. Mein Quartett mit Jan Lundgren am Klavier, Dieter Ilg am Kontrabass und Wolfgang Haffner am Schlagzeug sollte quasi als Kernformation der Aufnahme fungieren, die dann gegebenenfalls um die achtzehn Orchestermusiker der Bochumer Sinfoniker erweitert wurde. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine Streicher zu verwenden, sondern hauptsächlich mit Bläsern zu arbeiten, die bei einigen Stücken noch um eine Harfe und zusätzliche Percussionsinstrumente aufgestockt wurden. Die Bläser eines Sinfonieorchesters zu verpflichten, war ebenfalls wohl überlegt, weil wir klanglich vom sinfonischen Sound der Originale eine Brücke hin zum Jazz schlagen wollten. Bläser mit jazzmusikalischem Hintergrund klingen und phrasieren einfach anders, als Kollegen, die aus dem klassischen Bereich kommen. Vince Mendoza hatte eine Wunschliste mit diversen Blasinstrumenten zusammengestellt und so hören wir neben der Tuba auch klassische Orchesterinstrumente wie Horn, Oboe oder Fagott. Für uns alle war die Zusammenarbeit an diesem Album sehr interessant und lehrreich. Wir Jazzmusiker bewegen uns nicht allzu oft auf dem Terrain der klassischen Musik und die Klassiker sind so gut wie nie außerhalb ihres angestammten Habitats unterwegs. Nach welchen Kriterien habt ihr die Stücke auf „Some Other Time“ ausgewählt? Wichtigstes Kriterium war, neben einer starken Melodie, natürlich meine persönliche Präferenz. Außerdem waren die Texte der Songs noch von Relevanz, denn wenn Janis oder ich Probleme mit den Lyrics gehabt hätten, dann hätten wir die Lieder nicht so singen können, wie es nötig gewesen wäre. Wir mussten uns also in die Figuren aus den Musicals hineinversetzen können, um in unserem Vortrag wirklich glaubhaft zu sein. Aber es sind ja nicht nur Gesangsstücke auf dem Album gelandet. „Maria“, ebenfalls ein Stück aus „West Side Story“, haben Vince und ich, abweichend vom Original, viel beweglicher gestaltet und mit einer ordentlichen Portion Swing versehen. Diese Nummer war sowohl für die Sinfoniker als auch für mich eine echte Herausforderung. Wie kam Janis Siegel, die ansonsten ja bei Manhattan Transfer zu Hause ist, ins Spiel? Nun, wir hatten bei der Konzeptionierung des ­Albums darüber gesprochen, mit einer Sängerin ­arbeiten zu wollen, und irgendjemand brachte den Namen Janis Siegel ins Spiel. Ich fand die Idee gleich sehr sympathisch, denn ich kannte Janis bereits. Wir hatten uns vor etwa zehn Jahren in Djakarta kennengelernt und Janis erzählte mir damals, dass sie mit meiner Musik vertraut sei, sie sehr liebe und wenn denn einmal eine Gelegenheit käme, sie gerne einmal mit mir zusammenarbeiten würde. Nun war dieser Moment also gekommen. Janis kommt aus New York und kennt sich mit dieser Art von Musik unheimlich gut aus. Darüber hinaus ist sie auch noch mit der Tochter von Leonard Bernstein sehr gut befreundet. Wenn ihr jetzt im Frühjahr mit dieser Musik auf Tournee geht, werden die Bläser der Bochumer Sinfoniker und Janis Siegel dann mit dabei sein? Leider wird Janis nicht mit dabei sein können, weil sie mit Manhattan Transfer zur selben Zeit in Asien auf Konzertreise sein wird. Ihren Part wird Viktoria Tolstoy übernehmen. Selbiges gilt für die Bläser der Bochumer Sinfoniker, die leider ebenfalls aufgrund anderer Verpflichtungen passen müssen. Allerdings wird die Frankfurter Neue Philharmonie in identischer Instrumentalbesetzung mit von der Partie sein, so dass ich garantieren kann, dass wir das Klangbild der Platte auf der Bühne werden reproduzieren können. Eine letzte Veränderung zum Album wird auf der Position des Schlagzeugers zu verzeichnen sein. Hier wird mein langjähriger Freund und musikalischer Partner Rasmus Kilberg aushelfen, da Wolfgang Haffner zum selbigen Zeitraum mit seinem All Star Quartett unterwegs sein wird. Nach der Tournee in Deutschland gehen wir dann nach Schweden und werden dort von den Stockholmer Philharmonikern, den Malmöer Sinfonikern und den Göteborger Sinfonikern begleitet. Nils Landgren ist fast so etwas wie ein Getriebener. Der Schwede hat einen dermaßen vollen Terminkalender, dass es regelrecht schwierig ist, ihn einmal, wie gerade zum Zeitpunkt unseres Gesprächs am 28. Dezember, ohne weitere Verpflichtungen anzutreffen. Mitte Januar standen Konzerte im Schauspielhaus Bochum mit den Bochumer Sinfonikern an, die allerdings nicht das Programm des gemeinsamen Bernstein-Albums präsentierten, sondern einen Karriererückblick zum Thema hatten. Die Premiere des Bernstein-Programms fand wenige Tage später, am 19. Januar zusammen mit den Berliner Philharmonikern in Berlin statt. Bevor die Tournee zu „Some Other Time“, die Nils Landgren durch zahlreiche deutsche Städte führen wird, am 2. März in Dortmund offiziell beginnt, stehen noch Termine mit Jessica Pilnäs, Ray Parker jr., der Tuna Brass Big Band, Viktoria Tolstoy und Jan Lundgren auf seinem Programm. Dieser permanent hochtourig fahrende Arbeitsrhythmus ist seit vielen Jahren selbstverständlicher Bestandteil des Lebens des sympathischen Schweden. Allerdings haben sich auch engste Freunde, wie z. B. Bengt-Arne Wallin, der große schwedische Komponist, Arrangeur, Trompeter und Flügelhornist, der am 23. November 2015 im Alter von 89 Jahren verstorben ist, so ihre Gedanken ob seines Lebens auf der Überholspur gemacht. Als Nils ein Jobangebot der NDR Bigband bekam, fragte er Bengt-Arne um seinen Rat und dieser erzählt in dem Buch „Red & Cool“ von Rainer Placke und Ingo Wulff, er habe „Nils‘ Lebensstil bis dahin aus der Ferne betrachtet. Und mir war Angst und Bange! Ich bin ernsthaft in Sorge, wie sehr sein Leben zu einer Hetzjagd geworden ist. Er und Bea (Nils Ehefrau, d. A.) fragten mich nach meiner Meinung. Ich sagte ohne Umschweife, er solle das Angebot annehmen, um aus seiner Tretmühlen-Situation herauszukommen.“ Nils nahm schlussendlich das Angebot des NDR an, auch weil ihm der Vertrag im Jahr genug Zeit einräumte, weiterhin eigene Projekte verwirklichen zu können. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Bengt-Arnes Nachfolger in Stockholm, Örjan Fahlström, arbeitete damals sowohl als Arrangeur, wie auch als Komponist und Dirigent öfters mit der NDR Bigband zusammen. Örjan hat mich dann einmal eingeladen, mit ihm nach Hamburg zu kommen, und so entstand mein Kontakt zu der Band. Örjan wurde später übrigens für drei Jahre (2008-2011, d. A.) Leiter der hr-Bigband. Als bei der NDR Bigband die Stelle eines Posaunisten frei wurde und mir ein Angebot unterbreitet wurde, habe ich Bengt-Arne, der ein wirklich enger Freund und sogar Mentor von mir war, gefragt, ob ich diese Offerte annehmen soll. Und er riet mir unbedingt zu. Seine wirklichen Beweggründe für diesen Rat – die Entschleunigung meines Lebensrhythmus – kannte ich damals natürlich noch nicht. Aber ich bin mir sehr sicher, dass dies nicht der alleinige Grund für seine Empfehlung gewesen ist. Bengt-Arne hatte sicherlich mehr meine künstlerische und persönliche Weiterentwicklung im Kopf, als er mir empfahl, nach Hamburg zu gehen. Und er lag mit seinem Rat mehr als richtig. Bengt-Arne Wallin gilt als der Komponist und Arrangeur, der es als erster meisterhaft verstanden hat, schwedische Volksmusik und Jazz so miteinander zu verbinden, dass aus dieser Verschmelzung eine Musik entstand, die ohnegleichen war. Du hast einmal gesagt, dass dir, bevor du anfingst in Deutschland auf Tournee zu gehen, nicht klar war, dass es so etwas wie einen nordischen Klang gibt. Für diesen Erkenntnisgewinn war anscheinend der geographische Abstand nötig. Du kannst natürlich diese Distanz zu dir selbst nicht herstellen, aber dennoch gefragt: findet sich dieser nordische Klang auch in deinem Sound und wie würdest du ihn beschreiben? Als ich anfing in Deutschland zu arbeiten, wurde mir oft die Frage gestellt, warum die schwedischen Musiker immer so melancholisch klingen würden. Ich war über die Frage regelrecht erstaunt, weil ich mir dieser anscheinend ausgeprägt melancholischen Klangsprache gar nicht bewusst war. Sie war ein natürlicher Bestandteil meines Sounds und fiel daheim in Schweden auch nicht weiter auf. Es gibt natürlich viele Erklärungsversuche für diesen Sound und ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt richtig sind. Allerdings scheint mir die geographische Lage meines Landes eine entscheidende Rolle dabei zu spielen. Durch sie sind unsere Winter sehr lang und wir Schweden sind es gewohnt, viele Monate ohne viel Sonnenlicht zu leben. Schweden ist darüber hinaus ein zwar großes, aber sehr dünn besiedeltes Land und das Gefühl von Einsamkeit ist für viele meiner Landsleute ein ständiger Begleiter. Dann gibt es diese wunderbare Natur, die unendlichen Wälder und die Stille, die über weiten Teilen des Landes liegt. Ein anderer, aber nicht unwesentlicher Faktor für den besonderen Sound ist dann noch die schwedische Volksmusik, die, anders als es in Deutschland der Fall ist, noch aktiv gespielt und gelebt wird und die überall in Schweden einen hohen Stellenwert besitzt. Wir schwedischen Musiker wachsen mit dieser Musik auf und ihre Spuren werden sich immer auch in der Musik finden, die wir zeitgenössischen Musiker spielen. Egal in welche Richtung wir uns musikalisch bewegen. Neben Bengt-Arne Wallin muss ich noch den Pianisten Jan Johansson nennen, der leider schon 1968 verstorben ist, der aber die Klangästhetik schwedischer Jazzmusik vielleicht ebenso stark geprägt hat, wie Bengt-Arne es getan hat. Ich bin mir nicht sicher, ob der „nordische“ Sound in der Funk Unit so zum tragen kommt. Ich denke, da stehen andere Einflüsse mehr im Vordergrund meines Spiels. Aber auf den beiden Duo-Alben, die ich mit Esbjörn Svensson eingespielt habe („Layers Of Light“ & „Swedish Folk Modern“, d. A.), und auf „Gotland“ mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko sind diese Einflüsse sehr wohl wahrnehmbar. Ich bin als Kind mit Volksmusik aufgewachsen. Hinzu kam dann die Musik, die mein Vater im Haus hörte. Count Basie, Louis Armstrong, Duke Ellington und Jimmie Lunceford, aber auch Tschaikowsky oder Smetana. Als ich sieben Jahre alt war, traten die Beatles und die Rolling Stones in mein Leben und mein Bruder brachte Alben von Otis Redding, Carla Thomas und Jimi Hendrix mit nach Hause. Sehr viel unterschiedliche Musik hat meinen Ton, meine Klangästhetik beeinflusst und mich zu dem Posaunisten gemacht, der ich heute bin. Übrigens haben viele schwedische Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, eine sehr ähnliche musikalische Sozialisation durchlaufen wie ich selbst. Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern ist ein gutes Stichwort. Du bist ja neben deiner Tätigkeit als Musiker und Bandleader auch als Produzent tätig. Du hast in der Vergangenheit Alben von Viktoria Tolstoy, Ida Sand, Rigmor Gustafsson, Wolfgang Haffner, Adam Baldych, Mo‘ Blow und Julian & Roman Wasserfuhr als Produzent betreut. Worin siehst du deine vorrangige Aufgabe als „Mann im Hintergrund“? Meine Tätigkeit gestaltet sich sehr individuell und ist sehr vom Künstler abhängig, mit dem ich arbeite. Ich sehe mich selbst als ein sehr zurückhaltender Produzent, der sich nur dann einmischt, wenn ich wirklich glaube, z.B . für das Arrangement eines Stückes eine bessere Idee zu haben, als der Künstler oder die Band selbst. Ida Sand hat für ihr letztes Album „Young At Heart“, das ich als Produzent betreuen durfte, sämtliche Ideen selbst gehabt. Von der Stückeauswahl, über das Konzept der Platte und die Arrangements, hatte sie in Eigenregie alles bestens erledigt und vorbereitet. Da blieb mir als Produzent nur zu helfen, ihre Ideen und Visionen für diese Einspielung so gut wie irgend möglich auf Band zu bringen. Allerdings ist es im Studio auch wichtig, der Spontaneität eine Chance zu geben. Oftmals haben Musiker während der Aufnahmen noch Ideen, die keiner zuvor gedacht hatte, und dann ist es wichtig, diese neuen Impulse zu prüfen und eventuell in die Überlegungen mit einfließen zu lassen. Ich bin als Produzent in erster Linie für eine angenehme Arbeitsatmosphäre verantwortlich. Nur aus ihr heraus können beste Ergebnisse erzielt werden. Wenn eine entspannte Grundstimmung herrscht, spielt jeder besser und der Spaß an der Arbeit kommt auch nicht zu kurz. Man sollte beim Musizieren immer Spaß haben. Diesen Satz kann ich nur immer wieder dick unterstreichen. Der Spaß an der Musik ist mein stärkster Antrieb. Sollte ich irgendwann einmal diese Lust, dieses Vergnügen nicht mehr spüren, dann ist der Zeitpunkt gekommen, mein Instrument in den Koffer zu legen und aufzuhören. Aber das wird nicht so schnell passieren, da bin ich mir sehr sicher. Spaß an der Musik hat Nils Landgren nicht nur als aktiver Musiker und Produzent, sondern auch als umtriebiger Netzwerker und Festivaldirektor. „Mein Antrieb ist es, Musik zu schaffen und Möglichkeiten zu erarbeiten“, sagte er einmal. Und das tut er nicht nur im Eigeninteresse. 2008 gründete er zusammen mit dem Leiter der Norbotten Big Band, Mirka Siwek, ein Netzwerk für europäische Big Bands, dem sich damals die schwedische Bohuslän Big Band, die NDR Bigband, das finnische UMO Jazz Orchestra, das niederländische Metropol Orkestra, das dänische Aarhus Jazz Orchestra, die slowenische Radio Big Band und die Norbotten Big Band angeschlossen haben. Mittlerweile sind weitere Orchester, wie das norwegische Trondheim Jazz Orchestra, das Scottish National Jazz Orchestra oder das Orchestre National de Jazz aus Paris dem Netzwerk EMC (European Music Circle) beigetreten. Die Zielsetzung der Vereinigung: „The goal is to form a circle of bands, playing in an orbit around Europe, in each and every country represented in this circle. All bands should widen their field of performance and exchange thoughts and music.” Als künstlerischer Leiter hat Nils Landgren 2001 und von 2008 bis 2011 das JazzFest Berlin betreut und zu großen Erfolgen geführt. Gleiches gelang ihm in Schleswig-Holstein mit der Jazz Baltica in beispielloser Art und Weise. Diesem Festival fühlt sich Landgren besonders verbunden, denn hier spielte er nicht nur seit 1991 – mit einer Ausnahme – jedes Jahr, hier sieht er selbst auch den Beginn seiner außergewöhnlichen internationalen Karriere. Als ich 2012 die Leitung des Festivals übernahm, war die Gesamtsituation von Jazz Baltica besorgniserregend. Das Land Schleswig-Holstein hatte von heute auf morgen sämtliche zugesagten Zuschüsse gestrichen und die Spielstätte in Salzau konnte von uns nicht mehr genutzt werden, weil des Land, dem Schloss Salzau gehörte, es versäumt hatte, den neuen Brandschutzbestimmungen Rechnung zu tragen und diesbezüglich nachzubessern. Wir waren finanziell also kaum in der Lage, das Festival zu stemmen, und einen neuen Veranstaltungsort brauchten wir auch. Der damalige Leiter des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Rolf Beck, sprach mich, nachdem der Vater und Leiter der Jazz Baltica, Rainer Haarmann, sich entschlossen hatte die Weiterführung aus persönlichen Gründen abgeben zu wollen, an, ob ich mir vorstellen könne, die künstlerische Leitung zu übernehmen. Die Aufgabe erschien mir sehr reizvoll und attraktiv, denn ich bin diesem Festival und Rainer in besonderem Maße verbunden und unendlich dankbar. Meine internationale Karriere nahm dort ihren Anfang. Rainer hat mich eingeladen, als mich noch niemand in Deutschland kannte, und er war es auch, der mich Siggi Loch vorgestellt hat, der heute, zwanzig Jahre später, immer noch mein Labelchef und guter Freund ist. Gab es vielleicht einen kurzen Moment des Zweifels, ob du die Leitung des Festivals übernehmen solltest? Gerade auch, weil du so eine tiefe Verbundenheit mit ihm verspürst? Ich habe schon sorgfältig und ein wenig länger, als es normalerweise bei mir der Fall ist, darüber nachgedacht, ob ich die Leitung wirklich übernehmen soll. Die Zukunft der Jazz Baltica war ja mehr als unsicher. Aber die Zusage war letztlich alternativlos für mich. Dieses Festival ist eine echte Herzensangelegenheit für mich. Nachdem wir eine neue Spielstätte in Timmendorfer Strand/Niendorf gefunden hatten und uns auch eine einmalige Anschubfinanzierung aus Berlin zugesagt worden war, konnten wir in die Planungen einsteigen und ich habe es bis heute nicht bereut, diesen Schritt gegangen zu sein. Die Zusammenarbeit mit den sehr engagierten Mitarbeitern des SHMF, den Kommunalpolitikern und nicht zuletzt mit den wundervollen Menschen, die der Jazz Baltica auch in schwierigsten Zeiten die Treue gehalten haben, sind mir guter Beleg für die Richtigkeit meiner Entscheidung. Es scheint so, als könne Nils Landgren seinen Fuß nicht vom Gaspedal nehmen. Vielleicht braucht er einfach die ständige Auseinandersetzung mit der Musik, mit den Freunden und Musikern, den Kreativen und Kulturschaffenden, mit seinem Publikum. Nils liebt ganz einfach die Menschen und das spürt man, wenn man mit ihm ins Gespräch kommt. Die Sängerin Rigmor Gustafsson sagte einmal über ihn, „dass er genau das ist, als was ihn die Leute sehen, nämlich einfach ein netter Mensch“. Dem kann ich nur zustimmen und habe nichts hinzuzufügen! In diesem Sinne: Long may you run, lieber Nils! Und alles, alles Gute zum 60. – auch wenn du mir versichert hast, dass du dich kein Jahr älter fühlst als dreiundzwanzig! Text: Thorsten Hingst Fotos: Landgren mit Posaune (Sebastian Schmidt), mit Janis Siegel und mit Jan Lundgren, Janis Siegel, Vince Mendoza, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner (Lutz Voigtländer), mit Siggi Loch (Sebastian Hartz) CD: Nils Landgren With Janis Siegel „Some Other Time – A Tribute to Leonard Bernstein”, ACT 9813-2