Theo CrokerTrompete, Träume, Tradition, Vision

Theo Croker

Orientierung: Doc Cheatham

Seine Initiation Jazz zu spielen vollzog sich, nachdem Theo Croker mit 11 Jahren seinen Großvater Doc Cheatham in New York Trompete spielen hörte. „Schon einige Jahre vorher, zu einer Zeit, da ich die Musik noch nicht verstand, hörte ich Zuhause Aufnahmen meines Großvaters, nahm seinen Sound, der so klar und sein Spiel, das so präzise und scharf klang, wahr. Er erweckte den Eindruck, dass er völlig unangestrengt blies. Ich hörte ihn auch nie einen falschen Ton spielen oder sonstige Fehler machen. Sein Spiel wirkte nie so, als ob er hart arbeiten würde, es klang relaxed, aber zugleich kraftvoll, selbst als er schon ein alter Mann war und ich 11 Jahre jung. Er führte seine Melodien ganz präzise aus, spielte sie ganz simpel, so dass es leicht war sie zu verstehen, zu verfolgen. Wenn ich das im Rückblick betrachte und längst verstehen gelernt habe, dann muss ich sagen, dass das fortschrittlich war, so simpel und zugleich so schön Trompete zu spielen.“

Doc Cheatham verkörperte einen Gutteil Jazzgeschichte. Schon 1930 kam er als Mitglied des Sam Wooding Orchesters nach Europa und damals spielte er sicherlich noch einen ganz anderen Stil als den, den er später unter dem Einfluss der Nachfolge-Trompeter von Louis Armstrong ausprägte. Er entwickelte sich immer weiter, lernte auch in den 1950er Jahren überzeugend in Latin Bands wie denen von Machito Trompete zu blasen und konnte damit seine Existenz sichern. Dieser Schritt in eine andere Musikwelt war gewiss nicht leicht für ihn. „Da musste er seine ganze Konzeption ändern, anpassen“, bestätigt Theo Croker, dessen erklärtes Ziel es ist immer weiter zu lernen. Er bringt in sein Spiel all das ein, was er gehört und verstehen gelernt hat, ausgehend von der Tradition bis zu modernen Stilformen und Elementen von Rap, HipHop und Electronics. Die Konzeption seiner neuen CD „Escape Velocity“ hat zu einem großen Teil sein Schlagzeuger Kassa Overall mit bestimmt, der auch als Rapper recht erfolgreich ist. „Jeder von uns in der Band Dark Funk ist von HipHop, Rap, electronic music beeinflusst. Kassa und ich arbeiteten das Projekt gemeinsam aus. Wir besuchten das gleiche College und in jener Zeit gingen wir schon zusammen weg, hörten dieses und jenes. Ziemlich schnell produzierten wir damals zusammen Musik. HipHop-Beats und Songs, das alles war jedoch immer extrem jazzig. Wir verbrachten immer wieder viele Stunden damit und als es dann Zeit für diese Plattenaufnahme wurde, meinte ich, dass wir jetzt unsere Fähigkeiten als Produzenten ausloten sollten. Kassa selbst ist ein großartiger HipHop-Produzent und Rapper, und ich bin ein recht guter Komponist geworden und in diesem Sinne auch Produzent. Ich meinte, wir sollten diese beiden Fähigkeiten von uns zusammenführen. Wir näherten uns den Aufnahmen für die Platte aus der Sicht zeitgenössischer, aktueller Produzenten, und nicht von der Warte aus eine Jazzplatte zu produzieren.“

Aus jedem Ton seines flexiblen Trompetenspiels ist jedoch das Verankertsein im Jazz, in der Tradition zu hören. Kassa Overalls Grundlage seines Spiels und Musikverständnisses ruht ebenfalls im Jazz, er orientierte sich an Tony Williams und Billy Hart. „Kassa genoss die gleiche Jazz­ausbildung wie ich. Er erschloss sich aber noch ein weiteres Leben in der HipHop-Welt. Das wurde Teil von ihm. Wir trennen jedoch das eine nicht von dem anderen. Wir nehmen alles in unsere Musik hinein, was uns gefällt. Bei dieser Platte hielten wir uns an keine Regeln, was wir sagen könnten und was nicht.“

Die meisten Musiker denken nicht in stilistischen Kategorien, sie geben ihrem inneren Schaffensdrang nach. Zudem sind die afroamerikanischen Musikformen wie Rap oder HipHop Bastarde des Jazz, der durch die Benutzung des Backbeat die aktuellen Rhythmen anstieß. Es macht Sinn, dass Theo Croker und seine Bandmitglieder Elemente der aktuellen Musik seiner Generation in seine Jazz-Grundlage einbringt. Damit ist auch gesichert, dass sein Publikum nicht nur aus in die Jahre gekommenen Jazzliebhabern besteht, sondern auch junge Leute anspricht, für diese Musik begeistert. „Wenn mein Großvater mich hören könnte, dann würde er zufrieden sein, dass in meiner Musik meine Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, er würde es bestimmt nicht gutheißen, wenn ich versuchen würde jemand anderes zu sein als ich bin.“

Selbst bei einem Tribut an Doc Cheatham würde es sein Enkel vermeiden ihn zu kopieren versuchen. Theo Croker würde bei einer Hommage an Doc Cheatham seine eigenen Vorstellungen und seine Persönlichkeit einbringen. „Eines Tages werde ich einen solchen Tribut aufnehmen“, verspricht der junge Mann lachend.
Ratschlag: Escape Velocity
Das Motto der neuen CD „Escape Velocity“ kann man als Anstoß verstehen, nicht der Zeitkrankheit höher, schneller, weiter anheim zu fallen, sondern sich die Ruhe und Muße zu gönnen, sich immer wieder der essentiellen Werte des  Lebens bewusst zu werden. Theo Croker meditiert gerne, bezeichnet sich als spiritueller Mensch. „Das ist eine Botschaft für alle: Sie sollten ihre Augen öffnen, aber nicht nur demgegenüber, was uns umgibt, was uns bestimmt und prägt, sondern in sich selbst hinein horchen, verstehen lernen, was unsere Existenz ausmacht, wir sollten alle miteinander eine Einheit bilden, nicht fortwährend gegenseitig bekämpfen. Diese Platte ist das persönlichste künstlerische Statement, das ich jemals gemacht habe. Es ist Zusammenfassung all der Lektionen, die ich bisher gelernt habe, auch meiner Wertvorstellungen. Und es kann ein Impuls für uns alle sein, auf einer höheren Bewusstseinsstufe zu agieren. Unser Geist ist durch keinerlei Dimension begrenzt.“
Mentor: Donald Byrd
Ausschlaggebend für Theo Crokers weitere Ausbildung am Oberlin College in Ohio war, da dort der erfahrene Trompeter Donald Byrd unterrichtete. „Donald Byrd lehrte mich so viel, eine Botschaft von ihm besitzt für mich in alle Ewigkeit Gültigkeit: Nämlich immer die Melodie so sehr es geht zu vereinfachen. Und das gleich vom Standpunkt des Komponierens aus, nicht von der technischen Warte. Wenn du also eine Melodie schreibst, dann gehe gleich noch einmal darüber und streiche alles Unnötige weg, versuche es auf das herunter zu bringen, was wirklich nötig für eine Aussage ist. Und sage dann genau nur das. Du bist dabei ganz du selbst und die Stimme in deinem Inneren teilt dir mit, wie du Dinge auf eine bestimmte Art ausdrücken kannst. Und erlaube deiner individuellen Konzeption, dass sie sich über allem erhebt, was populär, angesagt ist oder was die Leute gerade hören möchten.“

Es gab auch eine Zeitperiode, in der Theo Croker Stücke schrieb, die sehr viele Noten enthielten. „Ja sicher und das mache ich immer wieder einmal. Wenn ich Musik schreibe, dann versuche ich erst einmal die Idee heraus zu schälen, die Inspiration dafür zu bekommen. Donald Byrd zeigte mir, wie ich das in eine fein geformte  Botschaft verpacken kann, anhand derer ich weiter wachsen kann. Er erklärte mir, dass eine Menge gemacht werden kann, wenn die Melodie wirklich stark und einfach ist. Simpel ist nicht gleichbedeutend mit leicht! Wenn du kein Musiker bist und du diesen Song hörst, dann solltest du im Moment fähig sein, ihn mir wieder vorzusingen. Er sollte in deinem Kopf verweilen. Wenn diese Melodie jemanden so nahe gebracht werden kann, weil sie so beeindruckend ist, dann erlaubt dir das, dass all das, was um die Melodie herum passiert, recht komplex sein darf.“  Der Song „And the melody lingers on“ fängt genau diese Tatsache ein. Natürlich hat Donald Byrd seinem jungen Schützling auch viele Geheimnisse des Trompetenspiels verraten. „Er lehrte mich viele Dinge, die er von Dizzy Gillespie abgeschaut hatte. Ich habe das jedoch bislang aber noch keinem erzählt! Donald Byrd zeigte mir viel von Dizzys ‚fingering‘, er wies mir Wege, wie ich meinen Sound projizieren konnte. Donald Byrd selbst besaß einen wunderbaren Sound. Er zeigte mir Möglichkeiten mein Mundstück, meinen Ansatz zu öffnen und trotzdem die Kontrolle darüber zu behalten, so dass ich einen voluminöseren Sound entwickeln konnte. Er selbst besaß diesen riesigen Sound, er klang wie ein gewaltiges Schiffshorn das wunderschön tutete. Er verriet mir wie ich meinen Sound als Trompeter weit öffnen konnte. Das sind eigentlich die beiden wichtigsten Dinge fürs Trompetenspiel. Dann gab er mir gute Tipps wie ich mich den oberen Registern der Trompete nähern konnte, wie ich diese Töne wirklich hören lernen konnte. Ich besaß zwar schon die Fähigkeit solche hohen Töne zu blasen, aber ich wusste nicht wie ich es tatsächlich angehen sollte. Er half mir das Verständnis zu entwickeln, dass es mehr auf das Ohr ankommt als auf die Lippen. Er lehrte mich melodisch und improvisierend in diesen Registern zu hören, so dass ich diese Höhen erklimmen kann, und dabei verstehe, um was es da wirklich geht.“

Einen solchen erfahrenen, geduldigen, ja weisen Lehrer wie Donald Byrd zu haben, ist ein Segen für jeden Jazzmusiker. Und das, was Theo Croker bei Byrd lernte, verinnerlichte und weiter entwickelte, ist eine Gabe fürs ganze Leben. Viele große Musiker früherer Generationen fühlten die Verantwortung ihr Wissen und Können an junge Kollegen weiter zu geben. „Eine ganz wichtige Sache, die mir Donald Byrd auch vermittelte, war, dass wenn ich in der Musik weiter voran gehen wollte, ich zunächst einmal zurückblicken müsste. Also verstehen zu lernen, woher all das in der Musik kommt, ja, was die Menschen vor uns entwickelt und geschaffen haben, um dann in vollem Bewusstsein Schritte vorwärts machen zu können, diese Intention zu haben und ihren Zweck zu erkennen. Ich schaue auch immer zurück in der  Musik, in der Kunst, in der Geschichte, um zu verstehen, was zu dem jetzigen Stand der Dinge geführt hat, wie wir aufgrund unseres Engagements in der Gegenwart angekommen sind. Donald Byrd half mir, die Musik als Kontinuum zu begreifen. Sie ist eine Wiederholung von Materialien, verbunden mit einem aktuellen Konzept. Es gibt kein neues Material, keine neuen Töne, es ist einfach ein kontinuierliches Wachstum der Ausdruckmöglichkeiten mit recyceltem Material.“

Donald Byrd lernte von Dizzy Gillespie, Dizzy von Roy Eldridge, Roy von Louis Armstrong. Theo Crokers Großvater Doc Cheatham lernte zunächst von Louis Armstrong. „Ja aber Doc Cheatham lernte auch von Clifford Brown. Da war er schon in seinen 50er Jahren als er sich mit Clifford Brown beschäftigte. Clifford jedoch erst in seinen 20er Jahren. Doc ging in alle Richtungen, um Inspirationen für sein Spiel zu bekommen. Die Entwicklungslinie der Trompeter im Jazz ist wichtig, aber du musst verstehen lernen, dass die Musik nicht hier ist, um dir zu dienen. Der Künstler ist der Botschafter der Musik. Unsere Aufgabe ist es das Kontinuum kontinuierlich weiter zu führen, unter Einsatz unser größtmöglichsten Fähigkeiten.“

Er ist sich bewusst, dass die Musik seit Menschengedenken da war und auch noch existieren wird, wenn seine Generation nicht mehr lebt. „Die Welt wird nicht noch einen weiteren Trompeter vermissen! Die Musik macht dich bescheiden“, sagt Theo Croker mit Nachdruck.
Ratgeber: Marcus Belgrave
Donald Byrd war nicht der einzige Mentor für Theo Croker, auch von Marcus Belgrave lernte er sehr viel. „Marcus brachte mir nachhaltig die Tradition bei. Marcus ist jemand, der dir zeigen kann wie du über einen Song swingen kannst und dich dabei genau richtig an die Musik halten kannst, und er kann dir auch klarmachen wie du über möglichst viele Akkordprogressionen blasen kannst, über unvorstellbar viele verschiedene Beats. Marcus kann sich in alles spielerisch hinein- und hinausweben wie ein Bebop-Master oder er kann darüber verharren und einfach melodische Melodielinien blasen wie Louis Armstrong. Sein spezieller Stil verbindet diese beiden Vorgehensweisen miteinander. Er half mir als Solist vom technischen Aspekt her Harmonien und Rhythmen verstehen zu lernen. Er ermutigte mich loszusagen vom allzu akkuraten Spiel mit Harmonien und Rhythmen, einer allzu starken Betonung des jeweiligen  Beats, so dass ich flüssiger und freier spielen kann. Belgrave spielte um alles herum, was er blies. Er versuchte nie krampfhaft alles passend am Beat, an den Takten auszurichten, er war rhythmisch sehr frei wie Dizzy Gillespie. Er half mir diese Konzeption verstehen zu lernen und einfach loszulassen, aus dem Herzen heraus zu spielen und mit der Trompete zu ‚tanzen‘. Also mehr sich auf einen Austausch mit der Musik einzulassen, anstatt mit der Musik ganz akkurat zu spielen.“
Solche Gestaltungsmöglichkeiten zu verstehen erscheint leicht, aber die Umsetzung erfordert viel Umdenken, Selbstbewusstsein und Gelassenheit. „Ich lerne immer weiter, auch jetzt wieder verstärkt, ich lerne immer noch von Marcus. Denn viele Dinge, die mir Marcus, Donald Byrd und Gary Bartz damals vermittelten, nahm ich auf, aber ich verstand nicht umfassend wie das jeweils angewandt werden kann. Das dauerte einige Jahre. Doch dieser Prozess war jeden Moment allgegenwärtig. Marcus und ich saßen am Piano, wir wechselten wir uns ab zwischen Klavier und Trompete und begleiteten uns gegenseitig. Wir spielten da den einen oder anderen Song über Stunden hinweg immer wieder anders. So dass ich dabei Marcus‘ Vokabular, sein Wissen absorbieren konnte, all seine Rhythmen, seine Phrasierungen und seine Spielkonzepte. Wir sprachen auch viel darüber, wenn wir irgendwo hingingen. Es gab Unterrichtsstunden während meiner Studienzeit, die ich nie besuchte, denn sie waren allzu knapp angesetzt vor meinen Stunden mit Marcus, von denen ich am meisten profitierte. Es war für mich also immer ein fortwährender Lernprozess und er geht endlos weiter.“

Es ist immer wieder interessant von jungen Talenten zu hören, wie erfahrene Jazzgrößen sie unterrichten, fördern, ihnen die Gestaltung von Songs nahebringen. Der junge blinde Pianist Justin Kauflin hatte das Glück von Clark Terry, seinem Mentor und väterlichen Freund, mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen unterrichtet zu werden. Und das erwies sich als die beste Schule fürs Leben. „Es gibt die verschiedensten Jazzgrößen, die sich zwar stark voneinander unterscheiden, doch beim Unterrichten sind sie alle gleich, was die hingebungsvolle Förderung junger Talente betrifft, sie teilen den Geist dieser Musik mit ihnen. Und darum geht es in erster Linie um Kommunikation. Du kannst nicht für dich allein Jazz spielen.“
Förderer: Dee Dee Bridgewater
Eine weitere Jazzgröße, die Sängerin Dee Dee Bridgewater nahm den jungen Theo Croker unter ihre Fittiche. Sie produzierte seine erste Platte „Afro Physicist“ für ihr eigenes Label DDB Records, das dann durch Okeh/Sony vermarktet wurde, sang auch ein wenig darauf und nahm Theo wiederholt mit auf ihre Tourneen. Als sie die Überzeugung hatte, dass er reif war, alles selbst  zu tun, ließ sie los. Ein so ähnlicher Vorgang wie es Art Blakey immer wieder machte, wenn die jungen Musiker seiner Messengers flügge geworden waren, auf eigenen Beinen stehen konnten, sich auf der Szene, im Music Business behaupten konnten. „Das trifft genau die Beziehung mit Dee Dee. Als sie mich aufspürte, machte ich musikalisch gesehen alle möglichen Dinge. Und ich hatte auch schon einen guten Geschäftssinn für den Markt entwickelt, in dem ich drin war. Das erste, was Dee Dee sagte, war, dass ich keine Angst haben sollte mit wem auch immer ich spielen würde und was auch immer ich spielen würde, oder auf welchen Bühnen ich auch spielen würde, neben wem ich auch immer stehen würde. Ich solle versuchen immer mein Bestes zu geben und mich nicht ablenken lassen durch alle möglichen Dinge, die um mich herum geschehen. Das war der erste Ratschlag, als sie sich meiner annahm. Das zweite, was sie mir vermittelte, waren die Gesetze des Business. Sie produziert für ihr eigenes Label, dann werden ihre Aufnahmen von großen Labels übernommen, vermarktet. Es ist eine großartige Position, die sie sich damit geschaffen hat, denn es bringt das Risiko ins Gleichgewicht, hilft dir all deine eigene Musik zu behalten.“

Diese Position garantiert Dee Dee Bridgewater auch ihre künstlerische Freiheit, sie muss nicht auf irgendwelche Vorschläge oder Forderungen von Labels eingehen, sich nicht künstlerisch verbiegen, sondern behält die Kontrolle über alles. Wenn Theo Croker heute von einem großen Label ein Angebot bekäme, müsste er zuerst mal alle Vor- und Nachteile erwägen, wenn er einen Vertrag unterschreiben würde. „Ich würde nie die Kontrolle über meine künstlerische Tätigkeit abgeben, ich würde zusammenarbeiten und die Kontrolle aufteilen. Aber mein Partner müsste eine mächtige Kraft sein, jemand mit der Persönlichkeit von Dee Dee Bridgewater. Wir nähern uns immer mehr der Möglichkeit, dass wir unsere Alben auf Laptops selbst produzieren können. Es geht also nicht in erster Linie um einen Vertrag mit einem Label, vielmehr darum, wie man die Leute mit seiner Musik erreicht. Die Labels werden sich im digitalen Zeitalter immer wieder etwas einfallen lassen, dass ihre Aktivitäten sich rechnen. Ich habe sehr viel davon profitiert bei Okeh veröffentlichen zu können und mit Sony International verbunden zu sein. Die Reichweite für meine Musik ist dadurch sehr groß geworden und das Label hat wirklich einen großartigen Job gemacht, die Musik, die ich ihnen gegeben habe, zu fördern und zu veröffentlichen. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ich weiß aber, dass viele Musiker entsetzliche Geschichten über die Zusammenarbeit mit Corporations und Labels erzählen. Aber wie gesagt, Dee Dee Bridgewater brachte mich in die Plattenszene und hatte mich entsprechend darauf vorbereitet.“
Es versteht sich von selbst, dass die Live-Auftritte mit Dee Dee Bridgewater für den jungen, begabten Trompeter eine Art Lehrzeit waren. „Dee Dee machte mir erst einmal klar, was es bedeutet auf Tournee zu sein, wie man eine Band auf Tournee bringt. Und wie ich meine eigenen Tourneen managen kann, nach den Gastspielreisen mit ihr. Als es Zeit war, mit eigener Formation auf Tournee zu gehen, da wusste ich, was angesagt war. Und jeder in der Band – alle waren mit Dee Dee auf Tournee, sie engagierte die ganze Band – wusste, was man tun musste, denn wir hatten das von ihr gelernt. Wir machen das jetzt auch schon ein paar Jahre selbst. Sie vermittelte uns, wie man diese Musik lebt, dabei sein Herz jeden Abend erneut auf der Bühne ausbreitet. Dass man sich nie zurückhält, sondern alles gibt. Dee Dee singt jeden Song als ob es das letzte Mal wäre. Und das wurde für uns zur zweiten Natur. Wir spielen jeden Song auch so als ob es der letzte Gig für uns wäre. Dee Dee und ich entwickelten eine ganz besondere Beziehung, im menschlichen und musikalischen Bereich. Sie hat mir so viel beigebracht, ich könnte darüber ein Buch schreiben. Sie machte mir klar, dass ich mir Zeit nehmen sollte für alle möglichen Dinge, wie ich musikalisch und im Hinblick auf eine Konzeption mich entwickeln könne und wie ich diese Dinge wirklich korrekt zur richtigen Zeit anpacken könnte. Immer den richtigen Zeitpunkt  zu wählen, um etwas zu tun, etwa ein Album aufzunehmen, die eigene Musik mit der Welt zu teilen, seine Musik zu kultivieren, seine Kreativität auszuloten, sich gewissen Dingen von einem intelligenten Standpunkt aus anzunähern. Ich glaube, dass die Leute sich gar nicht bewusst sind, wie umfassend Dee Dees Kenntnisse sind, die Szene, die Musik betreffend. Die Leute müssen das auch gar nicht wissen, sie sollen sich an ihrer Musik erfreuen.“

Dee Dee Bridgewater bezahlte ihr Lehrgeld, sie entwickelte sich von der Bandsängerin der Thad Jones-Mel Lewis Band zu einer eigenständigen, kreativen Persönlichkeit, zu einer der Spitzen-Jazzsängerinnen. Sie legte viele fantastische Alben wie ihre Tribute an Ella Fitzgerald und Billie Holiday vor, auch ihr jüngstes Album „Dee Dee’s Feathers“ mit aktualisierter New-Orleans-Musik ist fantastisch. Und sie besitzt auch die Fähigkeit das Beste aus ihren Partnern herauszuholen. „Die ersten paar Mal, die ich mit Dee Dee auftrat, waren überschattet von meiner Angst, dass ich zu viel Trompete blasen würde. Du kannst in der Zusammenarbeit mit SängerInnen sowieso nicht allzu viel Trompete blasen, das stört zumeist ihre Kreise. Dee Dee jedoch möchte, dass du so viel spielst wie es deine Musikalität erlaubt. Wenn ich in der Zusammenarbeit mit Dee Dee meine Musik in eine gewisse Richtung führte, verstärkte sie das noch, dadurch lernte ich weiteres. Sie liebt es, wenn ihre Instrumentalpartner wirklich involviert sind, ganz intensiv und kontinuierlich engagiert sind. Ihre Singstimme ist ganz ähnlich einer Trompetenstimme. Ich war zwar nicht der erste Trompeter, der mit ihr in einer Band arbeitete, aber als ich mich ihrer Band anschließen konnte, war ich darin der einzige Bläser. Sie liebt es mit ihren Partnern zu interagieren, manchmal können wir unsere Stimmen so vermischen, dass es wie eine Einheit klingt. Und jeder von uns kann dann in eine andere Richtung führen. Jede Zusammenarbeit mit Dee Dee ist wie eine Lektion, sie ist immer frisch, sie ist immer ganz im Moment da. Dee Dee vermittelte mir diese Dinge niemals in einem Gespräch, das lernte ich alles auf dem Bandstand mit ihr. Bisweilen sprachen wir hinterher über das eine oder andere. Am Anfang unserer Zusammenarbeit stand ich manchmal auf der Bühne und beobachtete sie nur, verfolgte was sie sang, und dabei blieb mir der Mund offen stehen. Ich vergaß, dass ich dabei war, um zu spielen, aber ich war völlig hingerissen von dem, was sie tat. Ich starrte sie einfach an und irgendwann rief sie mir zu, ich solle spielen. Ich war wie benommen und stammelte nur: sorry. Ich war so gebannt von dem was sie tat, bei jedem Auftritt von ihr. Das war wirklich ein Segen für mich, eine große Ehre. Ich meine, dass Dee Dee das Training, das Donald Byrd und Marcus Belgrave  bei mir starteten, fortsetzte und vervollkommnete, so dass ich selbst weitermachen konnte.“

Dee Dee lernte auch in späteren Jahren noch viel von Ella Fitzgerald, verfolgte ihre spontanen Duette mit dem einen oder anderen Instrumentalisten. „Ich meine sie wuchs mit der Musik von Ella Fitzgerald im Ohr auf. Sie sang deren Scat nach als sie noch ganz klein war, bevor sie überhaupt sprechen gelernt hatte. Diese Musik ist ganz tief in ihr verankert. Dee Dee beschäftigte sich in ihrer langen Karriere auch mit Billie Holidays Gesangskunst oder mit der von Abbey Lincoln, aber sie klingt immer wie sie selbst. Sie hat die Musik dieser großen Sängerinnen verinnerlicht, sie erweckt deren Geist, aber dabei ist sie immer sie selbst. Sie ist wie ein Schwamm, sie saugt alles auf, was um sie herum vor sich geht. Manchmal haben wir in der Band mit Absicht etwas verändert, so dass sie sich anders einsetzen musste. Aber wir hatten dabei immer das Gefühl, dass sie das gar nicht beschäftigte, denn sie bewegte sich wie von selbst durch alles, sie hat so unendlich viele Möglichkeiten etwas auszuführen. Aber wenn sie etwas vorgibt, dann ist es nicht etwa ihr Ella-Sound oder ihr Billie-Sound, es ist immer Dee Dee Bridgewater selbst, sie ruht so stark in der Tradition und sie hat so viel Zeit und Energie aufgewandt, das zu hegen und zu pflegen, mit einzubeziehen und weiterzuentwicklen.“
Ein Traum wurde wahr
Auch Theo Croker lernte auf direkte oder indirekte Weise sehr viel von den großen Trompetern des Jazz und konnte das in seine ureigenste Spielweise einbeziehen, damit das Kontinuum der Musik fortsetzen.

Croker betont wiederholt, dass die neue CD das persönlichste Statement von ihm ist, das er bis jetzt vorgelegt hat. Schon „Afro Physicist“ hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ihm in Jazzkreisen einen guten Namen gemacht, ihm ausgedehnte Tourneen ermöglicht. Er selbst hat diesen Erfolg nicht erwartet. „Du weißt nie, wie deine Platten beim Publikum ankommen, ob die Medien dich vorstellen, was überhaupt passiert. Ich habe mir schon als Elfjähriger vorgenommen einmal Platten aufzunehmen, und glauben Sie mir oder nicht, ich hatte mir vorgestellt, dass ich für Sony Music aufnehmen würde. Und ich hatte fest daran geglaubt, dass ich um die Welt reisen und Trompete spielen würde. Jetzt lebe ich diesen Traum! Es ist natürlich nicht so, dass ich ein Album aufgenommen habe und dadurch berühmt geworden bin. Vielmehr ist es ein langsamer Prozess, ich konnte mir eine Reputation verschaffen, durch meine Platten Interesse erwecken und auf Tournee gehen. Wenn du viel auf Reisen bist, dann erkennst du erst wie groß die Welt ist, dann erfährst du wie viele Leute es gibt, die diese Musik lieben. Doch es kostet einige Zeit, dass deine Musik zu deren Ohren vordringt. Es ist ein Prozess, der sich langsam aber stetig vollzieht. Und du musst das kontinuierlich verfolgen und das dein Leben lang machen.“

Er wünscht sich mehr Auftritte in aller Welt, möchte mehr Leute für seine Musik gewinnen, und hat viele Projekte, etwa an bestimmte Orte zu reisen und die jeweilige Musik von dort zu absorbieren und sie mit seinem persönlichen musikalischen Statement zu verbinden. Er würde rasend gerne mit einem Gamelan Orchester spielen, unheimlich gerne mit einem Symphonieorchester arbeiten, möglichst in Berlin oder Wien und diese Musik mit seiner kombinieren.

Abschließend sagt er im Gespräch, dass er froh ist, dass das Erbe seines Großvaters Doc Cheatham auch durch ihn weiterlebt. Er ist dankbar, dass ein so integrer Musiker wie Doc Cheatham in seinem Blut ist und ihm ein Erbe hinterließ, das über so viele wunderbare Beziehungen verfügt, die seinem Enkel so manche Türe öffnete. Dieses Erbe ist wohl mehr wert als ein beträchtlicher Geldbetrag, denn von dem vererbten Talent und der Wertschätzung seines Großvaters kann er sein ganzes Leben zehren. „Ich möchte auch einmal ein solches Erbe denjenigen hinterlassen, die nach mir kommen“, beschließt er das Gespräch.

Text: Gudrun Endress
Fotos: Geordie Wood, Sam Croskery

CDs
Theo Croker „Afro Phycisist“, Okeh/Sony
Theo Croker „Escape Velocity”, Okeh/Sony