Statt einem  „The men I love“-Tribut,  ausdrucksstarke, eigene Nightintales

China Moses

Dee Dee:  Mit ‚Nightintales‘ kannst du auf der ganzen Welt touren

China Moses: „Ich will eine traditionelle Aufnahmekultur bewahren, jedoch hatte Anthony Marshall nie zuvor auf diese Weise ein Album produziert. Es war sehr herausfordernd so zu arbeiten. Ich bin überzeugt, dass dadurch der Sound des Albums ‚Nightintales“ so zeitlos klingt. Ich stellte ihn mir auch so vor“

„Als ich in London im Studio die Aufnahmen für ‚Nightintales‘ machte, war meine Mutter ebenfalls in London. Ich hatte sie gebeten zu mir ins Studio zu kommen. Doch London ist eine riesige Stadt und irgendwie verlief sie sich und verspätete sich dann, nahm schließlich ein Taxi. Sie war mehr als eine Stunde später in der Nähe des Studios, rief an und sagte sie sei so müde, zu nichts mehr zu gebrauchen und würde jetzt lieber ins Bett gehen. Ich hatte mir gewünscht, dass meine Mutter auf dem Stück ‚Blame Jerry‘ scatten würde. Auf allen meinen Platten wirkte sie bislang mit. Und da es bei der aktuellen Platte nicht klappte, sagte sie ‚Vielleicht sollte ich nicht dabei sein! Wahrscheinlich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem du deine Mutter nicht mehr brauchst.‘ Ich hatte Angst ihr die Aufnahmen vorzuspielen. Eines Abends, als sie im Begriff war zu einer Party bei Freunden zu gehen, da sagte mein Mann, jetzt wäre der richtige Augenblick gekommen, ihr einen Titel von den Aufnahmen vorzuführen. Als sie im Mantel herein kam, meinte ich so beiläufig ‚Mom, ich möchte dir mal einen Song vom neuen  Album vorspielen.‘ Sie gab zu Bedenken, dass sie zu spät komme. Ich sagte, sie solle nur in einen Song mal kurz reinhören und spielte ‚Breaking point‘ an. Bei der Hälfte des Songs setzte sie sich hin, zog ihren Mantel aus, bat mich um ein Glas Wasser, und sagte, ich solle noch einen anderen abspielen. Sie hörte sich dann Song für Song an, alle Songs des Albums und sie lobte mich, dass die Texte so gut geworden wären, sie pries die Songs, sagte anerkennend, sie hätten Gehalt. Und fügte an: ‚Mit diesem Album bist du nach Hause gekommen‘. Ich fragte nach ‚was meinst du damit‘? Und sie sagte: ‚Du hast dich endlich selbst gefunden. Damit kannst du auf der ganzen Welt touren, du kannst damit in die USA zurückkehren und dort bleiben, zeigen, wer du wirklich bist. Es kostete dich Zeit dich selbst zu finden, aber du hast es geschafft.‘ Es war für mich das allerschönste Lob. Meine Mutter ist immer ehrlich zu mir, sagt alles gerade heraus. Deshalb hatte ich auch so Angst ihr die Aufnahmen vorzuführen. Einige Zeit später waren wir beide wieder in London und ich überraschte sie bei meinem Auftritt im Ronnie Scott’s Club. Als sie meinen Produzenten und Mitstreiter Anthony Marshall hereinkommen sah, stürzte sie zu ihm, schloss ihn in ihre Arme und sprach Worte des Dankes, dankte ihm, dass er an mich glauben würde.‘ Sie sagte mir, dass sie mich immer genau beobachtet hätte bei der Arbeit mit anderen Musikern und dabei kam in ihr der Wunsch hoch, ich möge doch einmal einen musikalischen Partner finden, der mich das sein lassen würde, was ich bin, mir helfen würde meine Fähigkeiten auszuloten.‘  Eigentlich ist dies mein erster Schritt zu mir selbst, er fiel mir nicht leicht. Ich musste mich befreien, ich machte fünf Platten vorher, und stolperte dann endlich über mich selbst beim sechsten Album. Ich litt zeitweise unter dem musikalischen Erbe meiner Mutter, sie ist eine unglaubliche Ikone, eine musikalische Meisterin. Zudem ist sie ein so wunderbarer Mensch, sie liebt auch ihre Kinder über alles. Meine Mutter wusste wohl auch vor mir, dass ich zu mir selbst finden würde. Der Grund warum ich mich überhaupt der Musik zuwandte, ist sie.“

Aller Wahrscheinlichkeit wurde China Moses ihr Talent schon in die Wiege gelegt. Und sie schaffte es ihr Talent zu hegen und zu pflegen, ihre Fähigkeiten so nach und nach zum Vorschein zu bringen. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, viele talentierte Nachkommen großer Künstler haben nicht den Willen, die Disziplin aus ihrem Talent wirklich etwas zu machen. „Ich wollte mein Talent nicht vergeuden, das war klar, aber ich glaubte nicht daran, dass ich etwas Besonderes, Eigenes zu bieten hätte. Meine Mutter ermutigte mich so weit zu gehen wie es mir möglich ist. Zumindest sollte ich es versuchen.“
Fand über Dinah und Crazy Blues zu sich selbst
Die Alben, die China Moses in den letzten Jahren vorlegte, und mit denen sie sich auf dem Jazzgebiet ziemlich schnell behaupten konnte, zu einer viel gefragten Sängerin wurde, waren mehr oder weniger Tribute an einige Größen von Jazz, Blues und Soul. 2009 legte sie die Hommage „This One’s For Dinah“ vor und danach erschien „Crazy Blues“, eine Huldigung an Blues- und Soul-Ladies. Und dabei erwies sich, dass sie Songs und Jazzstandards so eigenständig auslegen konnte, dass man glauben könnte, das wären ihre eigenen, erzählten von ihrem Leben. Da war es nur ein logischer Schritt, dass sie ihre eigenen Songs schrieb, freilich brauchte sie dazu eine Ermutigung, einen musikalischen Partner, der sie unterstützte und forderte. „Ich fühlte mich als Künstlerin wirklich wohl mich hinter anderen Leuten zu verstecken. Bei meinem ersten Jazzalbum, dem Tribut an Dinah Washington, tat ich alles, um es richtig zu machen. Viele Jazz Festivals öffneten danach ihre Arme für mich, ich konnte damit um die halbe Welt reisen, auf den verschiedensten Bühnen stehen. Die Bühnentätigkeit war mir schon durch meine Schauspielerei geläufig, durch meine Mitwirkung in Musical Theatern, wo ich sang und tanzte. Als ich mit dem Album ‚Crazy Blues‘ tourte und all die Geschichten dieser bewundernswerten Frauen erzählte, da spürte ich zum ersten Mal, dass ich mich hinter deren Stories versteckte. Zugleich merkte ich, dass ich diese Rolle eigentlich gar nicht spielen wollte, sondern erfahren und mitteilen wer ich selbst war. Es kam mir so vor, dass ich gar nicht wusste, wer ich selbst war. Ich versuchte im musikalischen Sinne herauszufinden, was mein Ich war. Ich war jedoch gleichzeitig froh die Storys dieser wunderbaren Künstlerinnen auf meine Weise erzählen zu können. Ich hatte auch große Freude daran mich über Schicksal und Lebenswerk so großartiger Musikerinnen wie Peggy Lee, Dinah Washington, Mary Lou Williams zu informieren. Und dann verglich ich mein eigenes Leben mit dem dieser Künstlerinnen und dabei war mir klar, dass ich dagegen noch ein Kind, ein unbeschriebenes Blatt war. Ich  fragte mich, was ich anzubieten hätte. Eine Freundin, die jetzt in den USA lebt, sagte mir, dass ich es geschafft hätte mich nicht mehr dem Vergleich mit meiner Mutter stellen zu müssen – ich liebe meine Mutter, wir haben auch eine wunderbare Beziehung und sie vermittelte mir auch wie man zu einem independent artist wird. Eine unabhängige weibliche Künstlerin wird. Sie zeigte mir das alles nicht zuletzt auch durch ihre eigenen Aktivitäten, sie arbeitete immer, auch als ich noch ein Kind, ein Teenager war. Sie lebte es mir vor. Und ich respektiere sie deshalb auch sehr. Meine Freundin arbeitet auch auf dem Musiksektor und meinte: ‚Die Leute werden dich nie als selbständige künstlerische Persönlichkeit wahrnehmen, wenn du es nicht wirklich bist. Lass es gut sein mit den Jazz Standards, du hast das gemacht, großartig gemacht, du hast eine tolle Bühnenpräsenz, die Leute kommen und erleben wunderbare Stunden, aber es ist höchste Zeit, dass du als Storyteller deine eigenen Storys erzählst.‘ Ich entgegnete: ‚Was könnte ich erzählen?! Es ist doch keine interessante Geschichte, wenn man jede Nacht Champagner trinkt und beschwipst davon wird!“
Guter Rat einer Freundin, Zusammenarbeit mit Anthony Marshall
China Moses hat – bevor sie sich auf das Jazzsingen konzentrierte – durch ihre Arbeit als Moderatorin, Produzentin, Schauspielerin, Autorin viel Erfahrung sammeln können, sich selbst auszudrücken. Da ist man versucht zu sagen zu den eigenen Songs zu finden, ist ein logischer Schritt. Doch sie ließ sich damit Zeit, spürte erst später den richtigen Zeitpunkt gekommen. „Es ist immer ein großer Schritt einen eigenen Song zu schreiben, nachdem du nur die Songs anderer gesungen hast. Es ist nicht so, dass du auf die Bühne gehst und gleich bewundert wirst, für das, was du zu sagen hast. Das Songschreiben ist ein sehr interessanter Prozess, wenn du dich darin selbst darstellen willst. Der Anstoß für das Album ‚Nightintales‘ vollzog sich in zwei Phasen. Die erste war das Gespräch mit meiner Freundin, die mir klar machte, dass mich auf Dauer niemand beachten würde, wenn ich es nicht schaffen würde, meine eigene Persönlichkeit zu zeigen. Die zweite Phase brach auf einer Geburtstagsparty von mir vor ein paar Jahren an. Anthony Marshall, der Produzent, Komponist und Musiker, mit dem ich seit 15 Jahren bekannt bin, und der normalerweise keinen Alkohol trinkt, aber bei meiner Geburtstagsparty doch einmal mit mir zusammen etwas zu viel trank. Er übernachtete dann bei mir und meinem Mann. Er war dann der erste, der am frühen Morgen aufwachte und sich gleich ans Klavier setzte. Als ich dazu kam, schlug er gleich ein paar gospelartige Akkorde an und sang zu mir gewandt ein paar Worte und ich stieg prompt dazu ein. Anthony kehrte dann zurück nach London, ich sah und hörte eine Weile nichts von ihm. Und als ich meinte ein neues Album aufnehmen zu müssen, hatte ich mir dafür wiederum eine Tribut-CD ausgedacht. Es sollte eine Platte unter dem Titel ‚The Men I Love‘ werden, eine Hommage an von mir bewunderte Künstler, Sänger. Die mahnenden Worte meiner Freundin hatte ich mir längst aus dem Kopf geschlagen, auch gezweifelt, dass ich die Originalität für etwas ganz Eigenes besäße. Ich fragte Anthony Marshall, der ein Gospel-, Blues-, Pop- und HipHop-Produzent ist, ob er interessiert daran wäre mit mir ein Jazzalbum zu produzieren. Er zeigte sich interessiert und kam zu mir nach Hause in Paris. Ich zeigte ihm meine Liste von 25 Songs, aus der wir eine Auswahl treffen und die wir dann arrangieren würden. Und er sagte mir, gut, aber bevor wir diese Songs arrangieren, gehen wir zurück zu ‚Dinah’s Blues‘. Und er fragte mich, ob dieser Song schon vor langer Zeit geschrieben wurde, ich verneinte, und sagte ihm, das sei ein Original von mir, es klänge nur etwas wie ein alter Song, wegen dem Gospelanklang am Ende. Aber da der Jazz da in den Gospel auf ungewöhnliche Art übergeht, ist es eindeutig in der heutigen Zeit angesiedelt. Der Song klingt wie ein Classic. Anthony wollte, dass wir auf eine solche Atmosphäre zurückgreifen sollten. Wir schrieben dann 11 Songs in 5 Tagen. Und kamen überein, dass die Songs total für mich stehen, ich darin ich selbst sein sollte. Mir sagten die Leute immer wieder, dass meine Lebenserfahrung mich für einen solchen Moment vorbereiten würde, ich würde das auch selbst spüren. Ich ging jedoch so durch mein Leben, dass ich nicht daran glaubte, dass ich diesen Punkt jemals erreichen würde.“
„Whatever“ zeigt ihre tiefgründige Ausdruckskraft
Die Ausdrucksskala der neuen CD „Nightintales“ ist weit gefasst. Es gibt fröhliche, Old School Songs wie „Blame Jerry“ aber auch bewegende Songs wie „Whatever“, bei dem ihre stimmlichen Fähigkeiten besonders gut zur Geltung kommen und sich ohne weiteres mit Interpretationen großer Sängerinnen wie Billie Holiday vergleichen lassen. Es befinden sich mehrere Juwelen unter den 11 Stücken, die China Moses mit Anthony Marshall gemeinsam kreierte. „Es war eine echte Zusammenarbeit. Ich kann mich jedoch an Einzelheiten kaum mehr erinnern, wir waren fünf Tage damit beschäftigt. Ich weiß nur, dass mein Mann morgens früh zur Arbeit ging und wenn er abends nach Hause kam, waren wir immer noch am Schreiben und Arrangieren. Und wenn er frühmorgens aufwachte, waren wir immer noch am Arbeiten. Eines ist sicher, es war immer Anthony, der zu Beginn die Akkordfortschreitungen auf dem Klavier spielte, er ist ein Multitalent, spielt Gitarre, Piano. Er begann als Junge Jazz-Schlagzeug zu spielen, hatte aber seit langer Zeit keine Jazzakkorde mehr gespielt. So war es etwa bei ‚Whatever‘, wir sprachen dann darüber welches Feeling diese Akkorde hervorrufen würden. Die Kompositionen, die wir in diesen fünf Tagen für das Album ausarbeiteten, nahmen etwa 30 % unserer Zeit ein. Wir sprachen viel miteinander, er ist ein Freund von mir, er ist schon über 10 Jahre verheiratet, ich bin nur etwas über 3 Jahre verheiratet, und wir thematisierten die bisweilen unguten Gefühle, die wir in einer so engen Beziehung, mit einem Partner, den wir über alles lieben, empfinden. Ich erinnere mich an die erste Auseinandersetzung mit meinem Mann, ich warf ihm vieles vor, wählte hässliche Worte, alles kam mit einem heftigen Gefühlsausbruch aus mir heraus. Ich tobte mich so aus, dass ich völlig erschöpft war, keine Energie mehr in mir spürte. Und diesen Moment gibt der Song ‚Whatever‘ wieder. Es gibt darin kein Vorher und kein Nachher.“

Derartige Gefühlsausbrüche in Musik zu transformieren ist gewiss nicht einfach. „Es ist mein Job, zu versuchen solche Momente in Musik umzusetzen, die für eine längere Zeit Gültigkeit haben. Das ist die Aufgabe des Künstlers.“

„Blame Jerry“ ist ein so fröhlicher Song bei dem man am liebsten gleich mitsingen würde. China Moses erklärt. „Das ist mein Musical Song! Ich wollte schon immer  bei Musicals mitwirken. Und ich träumte davon die Fernsehserie „Desperate Housewives“ als Musical zu machen, da wäre gewiss ‚Blame Jerry‘ ein passender Song dafür. Wir kamen überein ‚Blame Jerry‘ zu einem traditionellen Swingsong zu machen, mit traditionellen Akkordfortschreitungen. Die Arbeit an dem neuen Album dauerte ein Jahr, und  wir erwogen die ursprünglichen Triosongs etwas aufzupeppen. Als mir dann Anthony ein Demo seiner Vocals, seiner Background Vocals für ‚Blame Jerry‘ schickte, war ich begeistert, denn sie zeigten. Dass man so ernste Situationen auf humorvolle Weise auslegen kann.“

Die „Nightintales“ sind sehr ausgewogen, geben verschiedene Beziehungssituationen in verschiedenen Stimmungen wieder. Es macht Freude diese nächtlichen Geschichten zu hören, die in einem Studio in London innerhalb von 6 Tagen aufgenommen wurden. Anthony Marshall suchte die geeigneten Musiker für die Aufnahme aus, die jedoch China Moses nicht kannte. Und dabei wurde wieder einmal  das untrügliche Gespür des Produzenten und Music Mastermind deutlich, die richtigen Musiker im richtigen Moment am richtigen Ort zusammen zu führen. Der dafür vorgesehene Pianist musste in letzter Minute absagen, da er noch seinen Tourneeverpflichtungen nachgehen musste, schickte aber einen Ersatzmann. Das Trompetensolo von Theo Croker, den Dee Dee Bridgewater vor einiger Zeit unter ihre Fittiche nahm, wurde für das Stück „Blame Jerry“ im Nachhinein in Paris aufgenommen. China scherzt: „Eine Art Schrank benutzten wir als Aufnahmekabine für das Trompetensolo und schickten es Anthony nach London. Crokers Einsatz für ‚Lobby call‘ nahm er in Brooklyn in einem Studio auf. Das gesamte Team stammt aus England, das Trio besteht aus Luke Smith, Piano, Orgel, Neville Malcolm, Bass, und Jerry Brown, Drums, sie gehören zu einer Gospelformation. Ich meine sie haben alle jamaikanische Wurzeln. Die Aufnahmesitzung mit ihnen war die magischste Session meines Lebens. Denn alles schien absolut richtig, ohne dass wir uns groß darum Gedanken gemacht hätten, alles vollzog sich bestens wie von selbst. Anthony und ich waren schon im Studio als die Musiker nacheinander kamen, ich gab ihnen die Noten der Songs, die Musiker schauten sie sich an, gingen an ihre Instrumente und dann wurden die Aufnahmen gemacht. Ich will eine solche traditionelle Aufnahmekultur bewahren, jedoch hatte Anthony nie zuvor auf diese Weise ein ­Album produziert. Es war sehr herausfordernd so zu arbeiten. Ich bin überzeugt, dass dadurch der Sound des Albums so zeitlos klingt. Ich stellte ihn mir auch so vor. Ich bin keine Studio-Ratte, ich hasse die Studios geradezu. Da wird die Musik meist nicht richtig ­lebendig, ich habe da nicht viel Spaß daran, ich spüre da den Druck in der Arbeit, alles soll perfekt werden. Was ich am Jazz so liebe, ist dass die Musiker selbst nach einem anstrengenden Gig noch Lust haben zu spielen. Der moderne Aspekt an dem Album ‚Nightingales‘ ist, dass Anthony im Nachhinein den Aufnahmen, die wir im Studio gemacht hatten, noch ein paar extra Dinge hinzufügte, der Musik beimischte. So fügte er etwa etwas Vibraphon hinzu.“

Nach den Aufnahmen waren alle erschöpft, denn teilweise wurde von morgens 10 Uhr bis Mitternacht konzentriert gearbeitet. „Am dritten Tag klagte Anthony, er hätte das niemals zuvor getan, aber er mache das jetzt mir zuliebe, weil ich die DNA dafür einbringe, ich das könne, und wir das jetzt durchziehen würden. Jeden Tag sagten wir uns: Wir können das machen!“

Die Freude, die die Musiker mit China Moses erlebten, die sie zu Höchstleistungen anspornte, ist auf den Aufnahmen zu hören und auf den kleinen Studio-Videos im Internet nachzuerleben. „Was ich immer bei vielen Künstlern erlebt habe, ist dass sie nicht allein auf weiter Flur stehen sondern eine musikalische Bezugsperson haben. Anthony war der Schlüsselpartner für mich, ich einer für ihn. Wir fühlten die Kraft, die in unserer gemeinsamen Arbeit entstand, beim Schreiben der Songs, der Musik, wir empfanden diese Stärke schon nachdem wir zusammen ein paar Songs geschrieben haben. Wir schauten uns an und sagten: ‚Oh mein Gott!‘ Dieses Miteinander erzeugte all diese Musik, die ganze Zeit, non stop. Wir mussten uns selbst anhalten. Er ist ein wunderbarer Produzent, in keinem Moment sagte er zu mir, ich solle so oder so singen. Er wollte, dass ich mich selbst in der Musik äußern sollte. Ich sollte ich sein. Und bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mir nicht getraut, ich selbst zu sein. Ich habe die Tonarten bestimmt und die Songs herausgesucht und als ich bei ‚Lobby call‘ sagte, ob ich es nicht tiefer singen könnte, es sei zu hoch für mich, entgegnete er, ich könne sehr wohl all diese Töne singen! Das sei für mich kein Problem. Vielleicht  würde ich mich darin anfänglich selbst nicht wohl fühlen, weil ich das noch nie zuvor ausgelotet hätte. Und darauf fiel es mir sehr viel leichter. Das war ein großartiger Lernprozess für ihn und für mich.“

Dass es eine Fortsetzung solcher „Nightintales“ gibt, scheint durchaus möglich. Zumal so einige Songs dieser Session noch nicht veröffentlicht wurden, nicht auf „Nightintales“ erschienen sind. Im Moment jedenfalls sind beide Künstler sehr mit anderen Dingen beschäftigt, China Moses mit ihren Konzertauftritten, bei denen sie einige der Songs, die noch nicht von dieser Session veröffentlicht wurden singt, und Anthony Marshall durch die Arbeit mit dem Sänger Craig David, dessen musikalischer Leiter er ist. China Moses überlegt sich noch ob es eine weitere Platte mit den Songs aus der Zusammenarbeit mit Anthony Marshall geben kann, die sie gerne in einer Live-Situation aufnehmen würde. Die Partnerschaft mit dem Pianisten Raphael Lemonnier, mit dem sie zwei Platten aufnahm und zahlreiche Konzertauftritte bestritt, sich auf dem Jazzgebiet etablieren konnte, war recht fruchtbar. Doch die Sängerin hätte sich wohl nicht weiterentwickelt und zu einem unverkennbar eigenen Ausdruck, eigenem Material gefunden, wenn es nicht zu der Zusammenarbeit mit Anthony Marshall gekommen wäre.  Dadurch entdeckte sie, wer sie wirklich ist, wo sie musikalisch verortet ist. Sie sieht sich heute in erster Linie als Singer/Songwriter. Ihr musikalisches Universum, die Art und Weise wie sie Dinge hört und wie sie sie umsetzt, wurde zu etwas unverkennbar Eigenständigem. Der Sound ihres neuen Albums, das musikalische Material, ist einzig jetzt ihr Charakteristikum.  Sie hat dafür gekämpft ihr wahres Ich in der Musik zu zeigen. Und diese Leistung kann ihr niemand mehr streitig machen, damit kann sie, wie ihre Mutter Dee Dee Bridgewater richtig sagte, in aller Welt touren.

Text: Gudrun Endress
Fotos: Hans-Joachim Maquet

CD: China Moses „Nightintales“, MPS Records 0211735 MS1/VÖ Ende März