Josh Redman photographed in Oakland, CA December 13, 2012©Jay Blakesberg

„Jazz hat für mich heute eine globale Dimension“

Joshua Redman

Joshua Redman: „Jazz hat für mich heute eine globale Dimension. Jazz ist heute nicht mehr geografisch zu definieren. Man kann jede Aufnahme von jedem Ort aus jeder Zeit an jedem Ort hören, mit einem Mausklick. Für mich spielt es keine Rolle, ob ich mit einem europäischen oder amerikanischen Musiker spiele. Ich will mit guten Musikern spielen, mich Herausforderungen stellen, von ihnen lernen“

Nichts bleibt so, wie es ist, und im Jazz schon gar nicht. Manches taucht Jahrzehnte später im neuen Kontext wieder auf und bewirkt nicht viel mehr als den sprichwörtlichen Aha-Effekt oder ein „Déjà vu“-Erlebnis. Für das neue Album „Still Dreaming“ des Quartetts Joshua Redman, Ron Miles, Scott Colley und Brian Blade gilt das ganz und gar nicht, auch wenn es sich überdeutlich auf das 1976 gegründete Quartett Old And New Dreams von Dewey Redman bezieht, das in der Tradition des Ornette Coleman Quartets spielte. Joshua Redman setzt damit den Traum seines Vaters fort, der versuchte, den Aufbruchsgeist der Free Jazz- und Avantgarde-Musiker der 1960er-Jahre mit den mehr traditionellen Songstrukturen seines Schulfreundes Ornette Coleman zu verbinden. Alte und neue Träume? Vielleicht eine Fortsetzung des alten Traums mit anderen Mitteln.

Die Affinität beginnt bereits mit der Cover-Grafik von „Still Dreaming“, und bei der Auswahl der Musiker war offensichtlich deren Verhältnis zur Musik Dewey Redmans entscheidend. Der Trompeter Ron Miles war lange Zeit von Don Cherrys Spielweise beeinflusst – der blies die Trompete im Quartett von Dewey Redman. Der Schlagzeuger Brian Blade kommt wie Dewey Redmans Schlagzeuger Ed Blackwell aus Louisiana, Bassist Scott Colley ist ein Schüler Charlie Hadens, der bei Dewey Redman Bass spielte. Joshua Redman selbst war bereits als junger Saxophonist von dem Album seines Vaters beeindruckt. Auf mehreren Alben seines Vaters hat er mitgespielt, zum Beispiel 1992 auf „Choices“, obwohl er sich selbst nach wie vor mehr in der Tradition von Sonny Rollins und Wayne Shorter sieht. Zufall oder Absicht? Ein Tribut an einen anderen Tribut? Remake oder Reminiszenz? Nostalgie oder Wahrung einer wie auch immer zu definierenden Kontinuität? Oder einfach eine Hommage an seinen Vater Dewey Redman? Optimale Voraussetzungen für ein Weiterträumen allemal.

Ein Titel der CD „Still Dreaming“ heißt „It’s not the same“. Das könnte programmatisch gelten für Redman jr., denn seine Musik ist tatsächlich nicht die gleiche, die sein 2006 verstorbener Vater spielte. Joshua Redman nähert sich dem Erbe seines Vaters bzw. der Musik seiner Jugend mit allem Respekt, verfügt jedoch über einen Erfahrungs-Background, der jeden Verdacht auf vordergründiges Epigonentum a priori ausschließt. Auch seine Musik ist voller Energie, aber immer mit einer Prise Humor – und viel Melodie. Sie ist sorgfältig austariert in einem Netzwerk, fein gesponnen aus Beziehungen zum Blues, zum Folk, zu afrikanischer Musik, zum Bebop, aber auch zur Tradition des frühen Jazz.

Joshua Redman: „Die Idee für das Projekt, für die Band bestand darin, die Musik im Geiste von Old And New Dreams, einer Band, zu der mein Vater Dewey, Charlie Haden, Don Cherry und Ed Blackwell gehörten, deren Spielweise zu feiern. Die Band bestand von Mitte der 1970er-Jahre bis zum Anfang der 1980er-Jahre. Als Ausgangspunkt für ihre Musik wählten sie Ornette Colemans Musik, sie hatten alle mit ihm gespielt, und sie kamen zusammen, um seine Musik, aber auch ihre Musik in seinem Geiste zu spielen. Diese Band hat mich sehr beeinflusst, ich habe, als ich jünger war, meinen Vater oft gehört, wie er mit ihnen spielte, von Schallplatten. Als Charlie Haden starb, gab es einen Gedenkgottesdienst für ihn in New York, im Januar 2015, in der Town Hall. Ich war dabei, viele große Musiker auch. Es war ein sehr trauriger, aber zugleich auch ein sehr schöner Abend. Ich habe mit dem Pianisten Kenny Barron, dem Bassisten Scott Colley und dem Drummer Jack DeJohnette gespielt und ein paar Sätze gesagt. Charlie Haden war wirklich sehr wichtig für mich. Ich dachte an meinen Vater, an Charlie, und hörte all die Musik, die sie zusammen gemacht haben damals, und ich verliebte mich aufs Neue in diese Musik. Ich hatte dann die Idee, eine Band zusammenzustellen, die diese Musik pflegt und wieder ins Bewusstsein holt. Ich dachte sofort an diese drei Musiker, also an Scott Colley, Ron Miles, Brian Blade und mich. Ich hatte noch nie zuvor so eine klare Vorstellung von einer Band, zumindest noch nie, was so eine ‚Konzeptband‘ angeht, eine Band, die sich so sehr auf eine andere Band bezieht. Das fühlte sich irgendwie richtig und natürlich an, zumal jeder der Musiker von ‚Old And New Dreams‘ beeinflusst worden war. Der Trompeter Ron Miles orientierte sich lange Zeit an Don Cherrys Spielweise, der in dem Quartett die Trompete blies. Der Schlagzeuger Brian Blade kommt wie der Schlagzeuger Ed Blackwell aus Louisiana, Bassist Scott Colley ist ein Schüler von Charlie Haden. Meine drei Musiker haben die gleiche Freiheit des Geistes, die im Quartett meines Vaters herrschte. Sie kennen keine Grenzen, was das musikalische Material angeht.“

Als Band ist Still Dreaming bisher nur wenige Male live aufgetreten, erstmalig im Januar 2016, aber Joshua Redman hofft, dass sie in dieser Besetzung möglichst lange zusammenbleiben. Vielleicht will er damit zusätzlich zu seinen zahlreichen anderen Bandprojekten etwas Kontinuität in seine Aktivitäten als Musiker bringen … Vier der acht Kompositionen auf dem Debütalbum sind von Joshua Redman, zwei von Scott Coley. „Comme il faut“ stammt von Ornette Coleman, vom Impulse-Album „Crisis“ aus dem Jahre 1972, aufgenommen 1969, „Playing“ hat Charlie Haden komponiert. Live spielt die Band vor allem die Musik von Coleman und Haden, etwa 25 Titel gehören zurzeit zum Repertoire. Joshua Redman: „Aber auch unsere eigenen Titel passen in diesen Kontext. Es ist uns nicht leicht gefallen, acht Titel für das Album auszuwählen. Aber so passt alles sehr gut zusammen. Der Geist, der Gestus entspricht dem Album ‚Old And New Dreams‘. Erst im Frühjahr 2017 haben wir dann intensiver als Band zusammen gespielt und sind dann auch direkt nach den Gigs ins Studio gegangen. Die Aufnahmesessions, im April 2017, haben dann gerade mal anderthalb Tage gedauert.“

Joshua Redman sieht das Album nicht als Hommage, sondern als „celebration“, als eine Feier. Sein Vater ist für ihn nach wie vor ein großer Musiker, einer der kreativsten, seelenvollsten Jazzmusiker, die er je gehört hat. Ansonsten: Er definiert und wertet nicht gern – er liebt ganz einfach seine Musik. Joshua Redman spielt das, was er, wenn er auf der Bühne steht, gerade fühlt. Hauptsache, es ist ehrlich und kreativ und ein Ausdruck seiner selbst und es steht in Verbindung mit den Musikern, mit denen er gerade spielt. „Ich bin von einer Vielzahl von Musik beeinflusst, innerhalb und außerhalb des Jazz. Ich bin nicht so gut darin, meine eigene Musik zu analysieren. Ich spiele lieber meine Musik, als sie zu beschreiben.“

Im August 2018 spielt Still Dreaming beim Newport Jazz Festival. Weitere Termine stehen noch nicht fest. „Wir vier Musiker sind sehr viel unterwegs mit unterschiedlichen Bands. Da ist es nicht so einfach, ein gemeinsames Zeitfenster zu finden. Aber wir hoffen, dass wir mit Still Dreaming auch bald nach Europa kommen werden. Für uns ist es wichtig, dass wir als Band für eine lange Zeit zusammenbleiben. Aber eine kleinere Tour werden wir schon hinbekommen.“ In Europa spielt Joshua Redman in diesem Jahr mit Bugge Wesseltoft und Arild Andersen in Oslo, mit dem Antwerp Jazz Orchestra in den Niederlanden und in Belgien, mit dem Reis Demuth Wiltgen Trio war er im März auf Europa-Tournee. Er denkt allerdings nicht in Kategorien wie „europäischer Jazz“ oder „internationaler Jazz“, er spielt mit kreativen Jazzmusikern, egal, wo sie herkommen. „Jazz hat für mich heute eine globale Dimension. Jazz ist heute nicht mehr geografisch zu definieren. Man kann jede Aufnahme von jedem Ort aus jeder Zeit an jedem Ort hören, mit einem Mausklick. Für mich spielt es keine Rolle, ob ich mit einem europäischen oder amerikanischen Musiker spiele. Ich will mit guten Musikern spielen, mich Herausforderungen stellen, von ihnen lernen.“ Im Mai 2018 spielte Joshua Redman mit den Brooklyn Riders, einem Streichquartett. Der Kontakt kam über den Saxophonisten, Komponisten und Arrangeur Patrick Zimmerli zustande, der für Joshua Redman die Suite „Aspects of darkness and light“ für Saxophon, Streichquartett, Bass und Perkussion geschrieben hat. Zimmerli und Redman nahmen 1991 als Saxophonisten an der Thelonious Monk International Jazz Competition teil. Beide kamen ins Finale, Joshua Redman gewann. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. „Still Dreaming“ wird einer der Höhepunkte des Jazzjahres 2018 werden – live und als CD. Aber Joshua Redman ist immer wieder für weitere Überraschungen gut.

Text: Rainer Bratfisch
Fotos: Jay Blakesberg

CD: Joshua Redman „Still Dreaming“, Nonesuch CD 0755997933086, LP 075597933093