Tingvall Trio

Einladung zur Reise

Tingvall Trio

„Ich finde, dass es auf dem neuen Album tatsächlich gelungen ist, dass man als Hörer durch Wiederholungen und Variationen immer wieder an den Ausgangspunkt zurückgeführt wird, der sich dabei unmerklich verändert. Als Musiker ist das manchmal irritierend“

Sollte es so etwas wie eine Formel dafür geben, wie man mit zeitgenössischem europäischem Jazz auch ein größeres Publikum finden und nachhaltig für sich begeistern kann, dann ist Esbjörn Svensson ihr unerreichter Erfinder und Martin Tingvall mit seinem Trio ihr unermüdlicher Optimierer. Von Hamburg aus konzertierte das multiethnische Ensemble in bislang über 30 Ländern, hat kaum mehr zu zählende Auszeichnungen sowie für jedes bislang veröffentlichte Album einen Jazz Award in Gold erhalten, die Jazzcharts getoppt und Eingang in die Popcharts gefunden. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass beide Pianisten Schweden sind und vorzugsweise im Trio arbeiten bzw. arbeiteten. Die Musik des Tingvall Trios ist ein hoch entwickeltes Amalgam aus vergleichsweise einfachen, mit Reminiszenzen an die skandinavische Folklore gespickten Melodien (die allerdings in deutlich weniger komplexe Auflösungen münden als bei E.S.T.) und einem sehr gut ausbalancierten Groove, der die Stücke in jene Form von Bewegung versetzt, die inzwischen das eigentliche Erkennungsmerkmal dieser handwerklich unfassbar geschliffenen Formation geworden ist. Was Martin Tingvall, Omar Rodriguez Calvo und Jürgen Spiegel besser gelingt als fast allen zeitgenössischen Ensembles ist, diese Bewegung derart suggestiv mit Wohlfühl-Bildern aufzuladen, das man in und mit dieser Musik tatsächlich bereitwillig auf Reisen geht. Wenn eine Klang­sprache einladend sein kann, dann diese. Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums „Cirklar“ sprachen wir mit dem Komponisten und Pianisten Martin Tingvall.
Deine Kompositionen werden gerne als hymnisch bezeichnet. Magst du dieses Attribut?

Für mich bezeichnet eine Hymne zuallererst eine starke Melodie. Deshalb nehme ich das als Kompliment. Denn ich liebe große Melodien. Ich mag daran, dass es um Eingängigkeit geht.
Und um Pathos.
Stimmt. Aber auch das mag ich sehr. Ich höre mir zum Beispiel gerne italienische Sänger an, weil die echte Spezialisten des Pathetischen sind.
Was eure Musik zudem auszeichnet, ist, dass aus einfachen Melodien etwas entwickelt wird, das man als hypnotisch bezeichnen könnte, vermittelt sowohl über das melodische als auch das Rhythmische.
Auch das empfinde ich als Kompliment. Ich finde, dass es auf dem neuen Album tatsächlich gelungen ist, dass man als Hörer durch Wiederholungen und Variationen immer wieder an den Ausgangspunkt zurückgeführt wird, der sich dabei unmerklich verändert. Als Musiker ist das manchmal irritierend. Ich erinnere mich, dass Omar mich beim Opener „Evighetsmaskinen“ gefragt hat, wo das denn musikalisch hingehe? Aber bald war uns klar: Hier wird sich nicht wirklich auf ein Ziel zubewegt. Es gibt hier, anders als bei vielen unserer anderen Stücken, eben keine großen dynamischen Entwicklungen. Auf dem neuen Album verweilen wir manchmal einfach in einer einmal vorgegebenen Atmosphäre.
Wie schreibst du eigentlich deine Melodien?
Das ist letztlich eine Art Fleißarbeit. Allein für das neue Album „Cirklar“ habe ich über 100 Stücke oder Ansätze geschrieben. Ich schreibe wirklich jeden Tag. Das klingt jetzt etwas übertrieben, denn manchmal sind es auch nur ein paar Töne oder Harmonien. Es hat etwas Kindliches, es ist ein sich selbst Freispielen. Ich versuche dabei darauf zu achten, dass ich mich möglichst wenig wiederhole. Denn dieses Problem kennt jeder Komponist und jede Band: Man ist geneigt, das, was einmal funktioniert hat, immer wieder zu variieren.
Wie würdest du eigentlich dein Verhältnis zur Folklore und insbesondere zur Volksmusik deines Heimatlandes Schwedens bezeichnen?
Ich denke, dass man die Einflüsse der traditionellen Folklore generell in der Arbeit schwedischer oder allgemein skandinavischer Musiker deutlich beobachten kann, ganz gleich, ob im Jazz, in der Klassik, denke nur an Grieg, oder in der Popmusik. Man ist einfach von Kindesbeinen an mit dieser Musik vertraut, zum Beispiel durch Schulorchester oder -chöre.
Ihre letzte Form erhalten die Stücke in einem intensiven Prozess des kollektiven Arrangierens. Welche Rolle spielt das Thema Band Leading im Tingvall Trio?
Das Thema Band Leading ist immer ein sehr schwieriges. Es ist nicht einfach, alles immer auf Augenhöhe zu halten. Es kann aber nur funktionieren, wenn jedem genug Platz zukommt. Jeder muss sich wohlfühlen. Deshalb läuft das bei uns auch sehr demokratisch ab. Ich schreibe zwar die Songs, aber Jürgen und Omar müssen dabei mitgehen können. Sie sollen und sie würden nichts spielen, mit dem sie nicht einverstanden sind. Warum auch? Ich komme mit einer Idee, spiele sie vor, und dann bekomme ich auch manchmal zu hören, dass das Schrott ist. Oder dass es nicht zum Tingvall Trio passt. Dann wandert das in die Mülltonne. Sofort. Wir sind da sehr hart. Und ehrlich. Das alles in der Balance zu halten, ist natürlich nicht immer leicht. Denn jeder Musiker braucht, um gut zu sein, auch ein gewisses Ego. Man muss auf die Bühne gehen oder ins Studio, weil man etwas mitteilen will. Man muss diesen Drang ausleben wollen. Dafür braucht jeder genügend Raum – musikalisch und außermusikalisch. Natürlich klappt das nicht immer gleichermaßen gut. Es gibt Ups und Downs. Und nicht jede Band bekommt das über einen so langen Zeitraum hin wie wir, ohne personellen Wechsel.

Das Klavier-Trio zählt zu den häufigsten Formaten im Jazz. Stellst du dir selbst manchmal die Frage, warum ausgerechnet das Tingvall Trio so erfolgreich ist?
Ach, ich glaube einfach, dass es letztlich vor allem eine Frage der beteiligten Personen ist. Wir drei passen unheimlich gut zusammen. Der Mix ist sehr gelungen. Wir sind, glaube ich, ganz gut darin, gemeinsam eine starke Emotionalität in unserer Musik zu entwickeln, die für Hörer leicht zu erreichen und doch irgendwie ein eigenes, aber eben teilbares Universum darstellt. Unsere Musik funktioniert zunächst über ihre Einfachheit, z.B. über manchmal fast kinderliedhafte Melodien. Aber wenn man dann einsteigt, erkennt man, dass es doch im Hören immer tiefer geht. Aber wir verstellen nichts. Wir wollen den einfachen, den offenen Zugang. Auch für Nicht-Jazzhörer. Wir selbst mögen ja auch nicht nur Jazz, sondern AC/DC, Arvo Pärt, Filmmusik, kubanische Musik und vieles mehr. Warum also sollten wir uns in unserer eigenen Musik einschränken und Genre-Klischees bedienen?
Interview: Volker Doberstein
Fotos: Wilfried Heckmann

CD: Tingvall Trio „Cirklar“, Skip Records