Kulturelles Kapital aus der Jazz-Hauptstadt New York

Steven Bernstein

Steven Bernstein: „Unsere Musik wurde stark von Don Cherry und Lester Bowie geprägt. Was ich auch von Don übernahm, war seine Konzeption der ‚endless beginnings‘, also den Song nicht zu beenden, sondern immer wieder erneut aufscheinen zu lassen. Ebenso übernahm ich Don Cherrys Idee frei zu spielen aber auch gleichzeitig stark rhythmisch zu spielen, so dass die Leute ihren Körper im Rhythmus bewegen konnten. Mein Favorit unter allen Platten ist ‚Complete Communion‘ von Don Cherry, die 1966 erschien. Auch Karl Berger sagte, dass er Don niemals wieder so grandios spielen gehört hätte wie auf dieser Aufnahme“

Steven Bernstein: „Das Zusammentreffen mit Ingrid Sertso und Karl Berger bewirkte bei mir in frühen Jahren, dass ich einen anderen Blick auf die Musik entwickelte. Als Teenager erkannte ich bereits, dass es in der Musik etwas Tiefgründigeres gibt als nur Songs und Solos zu spielen“

 

Einer der Höhepunkte des Jazz Festival ­Esslingen, das an verschiedenen Spielorten stattfand und mit mehreren Partner-Veranstaltern arbeitete, war der Auftritt von Steven Bernstein’s Sex Mob im Kulturzentrum Dieselstraße. Das Quartett mit dem Slide-Trompeter Steven Bernstein, dem Saxophonisten Briggan Krauss, dem Bassisten Tony Scherr und dem Schlagzeuger Kenny Wollesen zeigte große Spiellust, die vor allem von Bernstein angefacht wurde. Das Interplay der Musiker der Formation, die seit 22 Jahren besteht und die durch ihre kühn klingenden Versionen von Popsongs und Filmmelodien viel Beachtung fand, ist geradezu traumhaft und wird immer wieder genährt durch spontane Einfälle, die bisweilen recht humorig sind. Die Bühnenpräsentation von Bernstein ist absolut locker und publikumswirksam, überhaupt zeigt die Gruppe, die auf höchstem Niveau musiziert auch ausgesprochene Entertainer-Qualitäten, was von den Besuchern mit stürmischem Beifall quittiert wurde. „Ich bin der Ansicht, wir Musiker sollten zu den Zuhörern sprechen, nicht allen liegt das jedoch. Jeder Musiker sollte sich selbst gegenüber ehrlich sein. Manche Menschen sind ruhig, fast scheu und es macht ihnen Mühe sich selbst zu präsentieren. Ich gehöre zu den lauten, lustigen Typen, ich habe Spaß, wenn ich zum Publikum sprechen kann.“
Quietschlebendig: Sex Mob
Es ist bei der Musik von Sex Mob nicht immer auszumachen, was vorher fixiert wurde und was im Moment entsteht, improvisiert wird. „Ich schreibe sehr gerne für Sex Mob, ich habe viele Stücke für die Gruppe konzipiert, es gibt Stücke, die wir seit Jahren spielen und natürlich genau wissen, wie wir sie angehen. Wir bemühen uns jedes Konzert zu einem ganz speziellen Auftritt werden zu lassen. Keines unserer Konzerte gleicht dem vorausgegangenen. Das eine kann vom anderen sogar völlig verschieden sein, denn Faktoren wie das jeweilige Publikum, die Spielstätte – ob das nun ein Konzertsaal, ein Rock-Club, ein Jazz Club ist oder eine Mischung davon – ist entscheidend. Im Rock Club bist du dem Publikum sehr nahe, in einem Konzertsaal, der eine ernstere, feierliche Atmosphäre besitzt, mache ich weniger Späße in den Ansagen. Der Konzertsaal ist fürs Musizieren geschaffen!“

Bisweilen denkt man bei Steven Bernsteins Ansagen an Dizzy Gillespie, der großartige, virtuose Musik mit spaßiger Bühnenpräsentation verband. Er mixte seine genialen Fähigkeiten mit umwerfendem Humor. „Dizzy zeigte sich so, wie er war, er schauspielerte dabei nicht. Genauso ist es bei mir. Ich spiele gewiss nicht so wie er, aber ich besitze auch diese unbändige Spielfreude.“

Die Musik von Sex Mob hat sich in den 22 Jahren in denen die Gruppe besteht, ziemlich stark verändert. „Wir sind alle älter geworden. Als wir jung waren, gingen wir die ganze Zeit an unser Limit. Wenn du älter wirst, kannst du das nicht mehr tun. Du willst es auch nicht mehr machen. Beispielsweise spielst du häufiger ganz ruhige Passagen, die wunderschön klingen können. Wenn du schon Jahrzehntelang gelebt hast, bleiben auch tragische Erfahrungen nicht aus. Wenn du jung bist, steht der Spaßfaktor im Vordergrund. Doch dann zeigst du in der Musik alle Facetten des Lebens, du reflektierst, zelebrierst, kostest den Moment aus. Schon deshalb hat sich unsere Musik verändert. Wenn du mehr als zwei Jahrzehnte mit einer Gruppe spielst, dann hast du in dieser Zeit sehr viele Erfahrungen gemacht.“
Memories of Don Cherry
Der 1961 geborene Steven Bernstein hat sich zu einem höchst agilen Musiker, Arrangeur und Komponisten entwickelt. Er präsentiert die verschiedensten Bands, schreibt Musik für Filme, Theater und Dance Companies, arrangierte auch für Stars wie Lou Reed, Allen Toussaint, Marianne Faithful, John Lurie und nicht zuletzt für sein 2006 ins Leben gerufene Millennial Territory Orchestra. Dafür bereitete er Musik von Jelly Roll Morton, Fats Waller, Don Redman, Count Basie, Duke Ellington, Hoagy Carmichael bis zu Ornette Coleman auf, ebenso von den Beatles, den Rolling Stones, den Grateful Dead, Sly oder Prince. Und jüngst für einen Auftritt mit seinem Millennial Territory Orchestra innerhalb der Konzerte des Creative Music Studio Series in der Greenwich House Music School Musik von Don Cherry, speziell dessen 1970 konzipierte „Relativity Suite“. Er erinnert sich gerne an Don Cherry, diesen einmalig kreativen Musiker mit einem erstaunlich offenen Horizont. „Ich traf Don als ich noch sehr jung war. Mein bester Freund, mit dem ich zusammen in der Musik aufwuchs, ist Peter Apfelbaum, wir machten seit unserem 12. Lebensjahr miteinander Musik. Don bot ihm an in seiner Band zu spielen und er wirkte dann auch in Peters Band mit. Don verbrachte seine letzten Lebensjahre in San Francisco. Peter und ich gingen miteinander aus, wir waren da so Mitte 20, meine Familie lebte in Kalifornien. Und Don kam dann oft vorbei, brachte einen Sechserpack Bier mit und etwas zum Rauchen. Wir waren viel miteinander unterwegs, hörten gemeinsam Musik. Ich hatte Spaß mit Don. Hin und wieder gestand er, dass er Probleme mit seiner Trompete hätte. Don übte auch nie, er pflegte sein Horn auch nicht. Wiegesagt, das war ein paar Jahre vor seinem Tod, da kamen zwar oftmals noch sehr schöne Musikpaassagen aus seiner Trompete, aber manchmal eben gar nicht mehr. Aber er konnte auch singen. Sein Charisma war unglaublich. Ich hatte Unterricht bei einem älteren, erfahrenen Trompeter und als ich ihm das Problem von Don Cherry schilderte, meinte er, Don könne gerne zu ihm kommen, er würde auch nichts dafür verlangen, wenn er ihm helfen könne. Er liebte Dons Plattenaufnahmen. Aber Don ging nie dahin. Ich spielte nicht wirklich mit Don, ich war auch noch nicht so weit dafür. Er lud jedoch immer mal wieder Musiker ein, mit ihm zu spielen.“

Steven Bernstein verstand und schätzte die Musik von Don Cherry, die stark aus dem Moment lebte. „Das ist die Musik, die wir auch in etwa mit Sex Mob spielen, unsere Musik wurde stark von Don Cherry und Lester Bowie geprägt. Was ich auch von Don übernahm, war seine Konzeption der ‚endless beginnings‘, also den Song nicht zu beenden, immer wieder erneut aufscheinen zu lassen. Wir machen das mit Sex Mob auch gerne, wir beenden dann den Song nicht, sondern überführen ihn in einen weiteren Song. Ebenso übernahm ich Don Cherrys Idee frei zu spielen, aber auch gleichzeitig irgendwelche Rhythmen zu spielen. Don liebte es frei zu spielen und stark rhythmisch zu spielen. Also bisweilen frei zu spielen und danach solche Rhythmen zu spielen, bei denen die Leute ihren Körper im Rhythmus bewegen konnten. Ich lernte so einiges von Don. Seine ‚Relativity Suite‘, die ich mit meiner großen Band wiederholt spielte, hat einige sehr schöne Themen. Ich erweiterte sie, öffnete sie, machte die Suite länger. Ich sehe überhaupt keine Schwierigkeiten darin irgendwelche Stücke zu spielen. Denn jedes Stück hat zuerst einmal ein gewisses Flair, und daraus können die Musiker oftmals Magisches zaubern. Don verstand sich auf das Entfachen dieser Magie. Mein Favorit unter allen Platten ist ‚Complete Communion‘ von Don Cherry, die 1966 erschien. Vor etwa 10 Jahren fingen Karl Berger und ich an diese Musik erneut zu spielen. Ich beschäftigte mich mit dieser Platte seit meinem 16. Lebensjahr, inzwischen ist viel Zeit vergangen. Ich habe in den letzten 25 Jahren die Platte immer und immer wieder gehört. Auch Karl Berger sagte viele Jahre später, dass er Don Cherry niemals wieder so grandios spielen gehört hätte wie auf dieser Aufnahme. Das war einfach einmalig. Durch mein wiederholtes Hören erschien mir das Album wie eine klassische Aufnahme. Ich bin ein Fan, ein Hörer und zugleich ein Musik-Schöpfer. Man kann einen Song spielen, und er klingt nur einmal so, das nächste Mal wieder anders.“

Don Cherry spielte immer wieder andere Themen, Melodien. Da Cherry lange Zeit mit Karl Berger – und auch für einige Zeit mit dem Tenorsaxophonisten Gato Barbieri – zusammen in Europa, sehr oft auch in Deutschland auftrat, übte diese Formation einen großen Einfluss aus. Aus der Distanz sieht Bernstein ebenso prägende Einflüsse auf die europäische Szene, die von Henry Threadgill, Lester Bowie, sprich dem Art Ensemble of Chicago und Anthony Braxton ausgingen. Diese großen Persönlichkeiten wurden auch von vielen Promotern immer wieder durch Europa geschickt. Und dabei suchten und fanden Don Cherry und Lester Bowie immer wieder den Kontakt mit dem Publikum, mit jungen Musiktalenten. „Ich profitiere letzten Endes auch noch davon, denn ich finde seit ungefähr 30 Jahren immer wieder Spielorte in Europa, an denen ich auftreten kann, an denen z. T. Cherry, Bowie und Musiker dieser Generation aufgetreten sind und ein Publikum für diese Musik geschaffen haben.“

1991 gastierte Steven Bernstein auch mit den Lounge Lizards in Berlin, von diesem Auftritt wurde sogar ein Dokumentarfilm gemacht. Doch diese Zusammenarbeit bewirkte nicht, dass Bernstein sich deren Stil annäherte, als er eine eigene Formation gründete. „Ich lernte zwar eine Menge von John Lurie, etwa wie man mit dem Publikum spricht, denn darauf verstand er sich meisterhaft. Wenn du etwas Schwieriges, Komplexes spielst und zu den Zuhörern etwas Spaßiges dazu sagst, dann akzeptieren sie das besser. Man muss seine Musik nicht wie auf einer Akademie präsentieren, sondern am besten beide Faktoren – das Ernste, Anspruchsvolle mit dem Leichtfüßigen, Spaßigen – verbinden.“
Grundlegende Prinzipien in der Musik der Westlichen Welt
Karl Berger, mit dessen Creative Music All Stars Bernstein immer wieder spielt, war und ist eine Schlüsselfigur in der jeweils aktuellen Verbindung von avantgardistischem Jazz und World Music. „Ich lernte viel von ihm, bereits als 15-Jähriger besuchte ich sein Creative Music Studio. Auch Peter Apfelbaum war dabei, wir waren damals beide noch Teenager. Ich war einerseits vorbereitet für diese Musik, zumal ich viel Musik gehört hatte, etwa auch das Art Ensemble of Chicago. Das Zusammentreffen mit Ingrid Sertso und Karl Berger bewirkte bei mir in frühen Jahren, dass ich einen anderen Blick auf die Musik entwickelte. Gut, du kannst das immer irgendwie selbst schaffen, aber zumeist nicht in ganz jungen Jahren. Als Teenager erkannte ich bereits, dass es in der Musik etwas Tiefgründigeres gibt als nur Songs und Solos zu spielen. Ich erkannte, dass die Musik universelle Gültigkeit hat, dass sie eine ganz starke Verbindung zur Natur besitzt.“

Berger äußerte sich früh über die Prinzipien in der Musik, die grundlegend sind und die verschiedensten Genres miteinander verbinden, auch das Kommunizieren mit Menschen der verschiedensten Musikkulturen möglich machen. Steven Bernstein entwickelte eine Theorie, die er „Universal melody“ nennt, und nach der er auch unterrichtet. „Es unterscheidet sich von Karl Bergers Musikverständnis, denn er kommt von der Klassik her, spielte Bebop und dann Jazz-Avantgarde und schließlich World Music. Meine Quellen sind Jazzmusik, Bluesmusik und Folk Music und Pop. Ich ging von der Überzeugung aus, dass all die Musikarten der westlichen Welt viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Wenn du über die Musik von Bach, Charlie Parker oder Little Richard, die Rolling Stones oder Duke Ellington sprichst, dann findest du in all deren Musik einen durchgängigen roten Faden. Es gibt eine universell gültige Art und Weise Musik der westlichen Welt zu spielen. Das schließt aber nicht alle Musik der Welt mit ein, nicht Ragas oder überhaupt Musik des Ostens mit deren Skalen. Die westliche Welt benutzt ein Tonsystem mit Dur und Moll. Du findest es bei Bach, bei Louis Armstrong, bei Charlie Parker, in der amerikanischen Volksmusik. Andere Musikarten, etwa afrikanische unterscheiden sich nicht nur rhythmisch von der Musik der westlichen Welt, sondern auch im Melodischen. Ornette brachte den Unterschied zwischen Jazz- und Rockmusik einst auf den Punkt. Er sagte: ‚Wenn der Drummer mit der Band spielt, dann ist es Jazz. Wenn die Band mit dem Drummer spielt, dann ist das Rock’n’Roll.‘ Diese Aussage ist einfach perfekt, da zeigt sich auch wieder einmal das Genie von Ornette. Das ist alles, was man wissen muss. Denn im Jazz hört der Drummer auf die Bläser, auf den Bass, er bewegt sich immer mit in die Richtung, in die alles führt. Deshalb ist Sex Mob auch nicht wirklich eine Funkband, es ist eine Jazzband, die auch funky spielen kann. Es ist jedoch immer Jazz, der Drummer spielt immer mit im Fluss der Musik, richtet sich an den anderen aus. Kenny Wollesen verfügt über ein bewundernswertes Gehör.“

Steven Bernstein hat hunderte von Arrangements für seine verschiedenen Formationen geschrieben und unzählige weitere für die verschiedensten Persönlichkeiten der Musikszene. Nicht zuletzt auch für Rockstars, für Funk- und Fernsehen. Auch Karl Berger schrieb viele Arrangements, nicht zuletzt die Streicher-Arrangements für Bill Laswell. Bernstein bedauert es, dass es für ihn fast unmöglich ist, einen solch großen Klangkörper wie das Millennial Territory Orchestra auch in Europa vorstellen zu können. „Jetzt habe ich drei große Orchester, ich bin wirklich vielbeschäftigt, neben dem Millennial Territory Orchestra. Ich war an dem Film ‚Kansas City‘ 1996 von Robert Altman beteiligt. Und da war eine Art Territory Band mit dabei. Ich plante damit Musik von Einst zu spielen und zu sehen, was dabei herauskommt, denn wir sind alles Musiker von heute. Das war kurz vor der Jahrtausendwende, der Zeitpunkt, an dem alle Welt anfing mit Computern zu arbeiten. Und da nannten wir uns aufgrund dieser Zeitenwende Millennial Orchestra. Heute spielen wir alles nur Erdenkliche, doch als wir anfingen, spielten wir Songs aus Kansas City, aus Chicago, aus der Jazztradition, aber wir spielten sie nicht so wie sie einst klangen, sondern versuchten einfach mit der Erfahrung von heute etwas Aktuelleres daraus zu machen.“

Mit diesem großen Klangkörper spielt Bernstein seit Jahren alle nur möglichen Stücke, nicht nur aus der Jazztradition stammende sondern auch aus dem Popbereich. Wenn er einen Song hört, der ihm gefällt und dabei spürt, dass er etwas für das Orchestra daraus machen kann, macht er sich ans Arrangieren. „Als wir bei Jazz at Lincoln Center auftraten, hatten wir einen Song von den Grateful Dead im Repertoire, wir spielten ihn aber so als ob es ein Jazzstück wäre. Und das ist wieder eine Bestätigung, dass die Musik von Grateful Dead nach den gleichen Prinzipien funktioniert wie die Musik von Louis Armstrong. Natürlich spielen die Grateful Dead nicht auf die gleiche Weise wie es Armstrong tat, aber wenn du die Musik analysierst, dann erkennst du die grundlegenden Übereinstimmungen. Das ist vergleichbar mit einem Mercedes und einem Volkswagen, es sind zwei ganz verschiedene Automodelle, aber beide haben einen Motor und eine Karosserie. Du kannst eine technisch raffinierte Karosserie über dem Motor aufbauen, den Innenraum elegant stylen, mit viel Elektronik ausstatten, aber trotzdem ist das Auto mit jedem anderen Automodell vergleichbar, auch mit einem Wagen, bei dem du noch die Fenster von Hand herunterkurbeln musst. Der Motor ist das universelle Kernstück, ohne Motor gibt es kein Auto, eine bloße Karosserie ist kein Auto es fehlt der Motor! Dieser universelle Part liegt auch jeglicher Art von Musik der westlichen Welt zugrunde, ob in der Musik von Count Basie oder den Rolling Stones oder John Coltrane. All diese Musik hat wesentliche übereinstimmende Faktoren. Ob das nun ganz raffinierte Musik ist, hoch virtuose oder wie bei manchen Rockbands auf drei, vier Akkorden aufgebaut ist, sie kommt immer von demselben Ausgangspunkt.“

Seit einiger Zeit gehört Steven Bernstein zu den Creative Music All Stars um Karl Berger. Erst kürzlich ging es um das spezielle Programm „In the spirit of Don Cherry“. Zumeist spielen die All Stars ein Konzertprogramm bei dem mindestens zwei Don Cherry Stücke zu hören sind, viele weitere Stücke sind von Karl Berger. Erst kürzlich kam die Pressemeldung, dass Bernstein und Apfelbaum die Nachfolge des Creative Music Studio von Karl Berger angetreten hätten. Doch stimmt diese Presseveröffentlichung nicht. Solange Ingrid Sertso und Karl Berger die Kraft und den Willen haben, werden sie für das Creative Music Studio arbeiten und verantwortlich sein. „Es ist auch kein Music Studio, keine Institution, kein Gebäude, es sind Karl und Ingrid und ihr unermüdlicher Einsatz für kreative Musik. Wenn Karl und Ingrid nicht mehr wollen oder können, dann werden wir den Geist in unserer Arbeit für das Creative Music Studio fortsetzen. Das Creative Music Studio ist eigentlich eine Idee, die immer weiter leben sollte. Dadurch lernen die Leute, dass die Musik sehr viel größer ist, als dass man sich in einem bestimmten Stil ausdrückt, Skalen lernt und anderes.“
Schuf Cultural Capital: Creative Music Studio
Durch das Creative Music Studio, das heute das Glück hat im Vorstand einen Mann gefunden zu haben, dem es immer wieder gelingt Fördergelder für die vielen Aktivitäten aufzutreiben, konnten sich unendlich viele Musiker fortbilden und einen offenen Horizont entwickeln. Es hat sich zu einer Art Schule entwickelt, in der die Idee der World Music, des schöpferischen Gestaltens vermittelt und praktiziert wird. Diese Lehrmethode, die in erster Linie kreatives Musizieren auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist zu einem beachtlichen „cultural capital“ geworden. „Ich habe auch wahrgenommen, dass damit eine jüngere Generation angesprochen wird, die niemals das Glück hatte das Art Ensemble of Chicago, Don Cherry, Jim Pepper oder auch Cecil Taylor live zu erleben. Gut, heute sind viele junge Musiker sehr intellektuell und gut ausgebildet, aber in ihrem Spiel fehlt oft das Mystische, die Schönheit, die die Musik dieser vorausgegangenen Generation auszeichnete. In diesem Zusammenhang muss ich auch sagen, dass Sex Mob nicht wie das Art Ensemble klingt. Es kommen jedoch bei unseren Auftritten immer wieder Leute von unserer Generation auf uns zu, die fragen, ob wir das Art Ensemble viel gehört und davon beeinflusst wären. Sie spüren diese Verbindung mit dem Art Ensemble, obwohl wir nicht wie diese Gruppe spielen. Irgendwie musizieren wir aber in deren Spirit, es ist nicht der Stil, sondern der Spirit. Und wie könnten wir auch so wie das Art Ensemble spielen?! Ich bin ein weißer, jüdischer Musiker aus Kalifornien, die Musiker des Art Ensemble waren Schwarze aus Chicago. Das sind ganz verschiedene Kulturen. Sie drückten sich durch ihre Kultur im Jazz aus, ich in meiner. Karl Berger musizierte aus seiner Kultur heraus, Don wiederum aus seiner. Die jüngeren Generationen müssen erkennen, was ihre Ziele sind. Mir ist oft nicht klar, was sie eigentlich anstreben. Ist es Exzellenz in der Musik? Es gibt aber noch viel Wichtigeres als die absolute technische Meisterschaft, die Virtuosität. Dazu gehört etwa, dass man sich in der Musik wohl fühlt, auch wenn man weiß, man hat nicht die vollkommene Exzellenz und dass man trotzdem in etwas eintaucht und dabei das Risiko auf sich nimmt, dass es vielleicht nicht funktioniert. Und dass man erkennt, dass auch der Ausdruck von Hässlichkeit ein Teil der Schönheit sein kann, genauso wie es auf der Welt ist. Man kann auch die Verunsicherung thematisieren und seinen Hoffnungen Ausdruck verleihen. Die jüngeren Generationen sind sehr modern, wenn man an die digitalen Errungenschaften denkt, an all die Information, die heute zugänglich ist. Doch für sie ist Chaos enervierend. Meine Generation begrüßte dagegen das Chaos, denn wir versuchten auch Mauern nieder zu reißen. Und dabei half uns das Chaos. Die Jungen schreien dagegen: Wir wollen kein Chaos! Ich verstehe das, weil die Welt heute so verrückt geworden ist. Sie möchten eher Ordnung erleben und sie favorisieren Musik, die Ordnung aufweist, klare Regeln.“

Interview: Gudrun Endress
Fotos von Steven Bernstein (Jörg Becker), von Don Cherry (Paul G. Deker), von Karl Berger (Manfred Rinderspacher)

CDs
Sex Mob „Cultural Capital“, Rex Records 001
Steven Bernstein’s Millennial Territory Orchestra „Plays Sly”, Royal Family Records