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Jaimie Branch und ihr satter, nonkonformer Trompetenton kommen gerade groß raus / von Adam Olschewski

„Solang sie big kommt,
ist alles gut“

Breitbeiniger Gang, schwankend, jungenhaft fast, so kommt sie in die Hotellobby. Lässt den kabellosen weißen Kopfhörer den Hals runter gleiten, so dass er auf dem Schlüsselbein zum Halt kommt, die Sonnenbrille bleibt auf; sie wird sie erst im letzten Gesprächsdrittel abnehmen, als sie Vertrauen fasst; ein Käppi verdeckt das wild geschnittene Kurzhaar. Die Trompeterin Jaimie Branch ist eine der Newcomerinnen des vergangenen Jahres. Ihr Debütalbum als Leaderin mit ihrer Fly or Die-Band hat es in die Top Ten 2018 etlicher seriöser Musikzeitschriften geschafft. Wer sie beim letztjährigen Vision Festival in New York gesehen hat, erst mit der Sängerin Fay Victor, dann mit ihrer eigenen Formation, der wusste: Das hier ist eine, die gab es so beim Jazz nicht. Eine Gestalt wie eben von der Straße rein, die spielt und spricht, wie es ihr gerade passt, auf Konventionen pfeift, ­Groove und Melodie und allerhand Abstraktionen gekonnt mixt und ihren handfesten, muskelbepackten Brass-Sound offenbar mühelos produziert. In Stößen, impulsiv, wie nebenher oft, ein Gegenentwurf zu den Proklamationen des Dezenten und ­Filigranen und Durchstrukturierten allerorts und hier.
Es ist ein heißer Sommertag in Wien, einer der letzten. Am Abend wird Jaimie Branch mit ihrem Quartett Fly or Die (sie an Trompete, Chad Taylor am Schlagzeug, Lester St. Louis am Cello, Jason Ajemian am Kontrabass) im Porgy & Bess auftreten, ­einem ihrer Lieblingsklubs. Vor Jahren war sie dort in Europa zum ersten Mal richtig zu sehen. Der Auftritt liegt zwischen zwei Festivalkonzerten, in Saalfelden und in Willisau. Branch ist 35 Jahre alt; gibt sich cool, kumpelhaft, unkompliziert, obwohl ­Unsicherheit, vielleicht aber nur Schüchternheit hinter Flüchen und betont legererem Auftreten durchscheinen. Sie wartet ab, braucht ein wenig Zeit, bis sie warmläuft. Wenn sie lacht, ist es ein raues, gern halbironisches Lachen. Über bestimmte Dinge möchte sie nicht reden; weil sie die Sprache, in der ihre Worte veröffentlicht werden, nicht beherrsche und sich nicht wehren könne, sagt sie. Das Interview passiert auf der Ledercouch eines Designerhotels, eingeklemmt zwischen dem lärmenden Landstraßer Gürtel und den Belvedere-Gärten. Im Loungebereich der Hotelwirtschaft findet sich eine ruhige Ecke; gleich hinter der Bar. Es ist ein Mittwoch, 15 Uhr.