Der pfiffige Holländer

Jasper van’t Hof

Zu seinem 70. Geburtstag legte der Pianist und Keyboarder Jasper van’t Hof, der zudem sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern kann, eine Box mit 4 CDs bei JARO Medien vor – zwei davon bringen Studioaufnahmen zu Gehör, zwei sind Live-Aufnahmen aus verschiedenen Rundfunkarchiven. Sie rekapitulieren die wichtigsten Stationen seiner bewegten Laufbahn. Als die musikalisch befriedigendsten Perioden seiner Karriere bezeichnet er: „Vor allem die mit Pork Pie, aber jedes Projekt, z. B. das Quintett mit Manfred Schoof, war ein wunderbares musikalisches Abenteuer, ebenso die Zusammenarbeit mit Bob Malach im Duo oder mit Alphonse Mouzon all die Jahre, mit John Lee, die Arbeit mit Ernie Watts, Bo Stief und dann natürlich mit Charlie Mariano, Philip Catherine in Pork Pie und das Trio danach, das waren unglaubliche Abenteuer. Dazu auch noch Pili Pili, das war einerseits eine große Herausforderung und andererseits ein total gelungenes Konzept. Die Musiker, mit denen wir zusammengearbeitet haben, erschienen mir wie ­Teile eines Puzzle, die sich sofort organisch zusammengefügt haben.“

Feurige Soße: Pili Pili
Jasper van’t Hof wurde auf einer Tournee durch Afrika dazu inspiriert mit afrikanischen Musikern und Sängern zusammen zu arbeiten. „Als Jazzmusiker bist du sehr der Musik aus Amerika verbunden, aber du weißt auch irgendwo in deinem Hinterkopf, dass sehr viel der afro-amerikanischen Musik von Afrika kommt. Aber für einen Jazzmusiker ist natürlich direkt Amerika sehr wichtig. Die Tournee, die ich mit Philip Catherine und Trilok Gurtu durch Zaire gemacht habe, wurde zu einer Art Gehirnwäsche für mich.“

Im Gegensatz zu den europäischen Musikern, die oftmals sehr kopflastig an die Musik herangehen, gestalten die afrikanischen Musiker sehr viel mehr aus der Emotion heraus. Tanz und Bewegung, Musik ist mehr ihr Alltag. Die orale Tradition wird von einer zur anderen Generation weiter vermittelt. „Ein europäischer Musiker denkt 24 Stunden pro Tag über seine Musik nach, meist an seinem Instrument. Das ist sicherlich eine sehr viel intellektuellere Vorgehensweise als ein Urgefühl. Ich bin ja der Meinung, dass Leute wie Beethoven oder Bach die größten Jazzmusiker waren. Das kam alles aus der Improvisation heraus, niemand schreibt alles sofort auf, was ihm in den Sinn kommt. Man muss da wirklich daran arbeiten und improvisieren. Und erst dann nimmt es Form an und wird als Komposition niedergeschrieben. Die Afrikaner haben‘s mit dem Aufschreiben nicht so, es ist eine andere Kultur, in der wird das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben, von Familie zu Familie. Ich konnte in Ländern wie Nigeria, Ghana, Guinea, Senegal und Mali Erfahrungen sammeln, all deren Musik ist rhythmisch zwar irgendwie aus demselben Ursprungs-Topf doch zugleich völlig anders. Südafrika ist ja kein Schlagzeug-Land, da sind Stimmen vorrangig.“

Pili Pili wurde zu einer packenden, feurigen Melange zweier musikalischer Welten, Jazz und afrikanischer Musik, mit bisweilen geradezu tranceartigem Gestus. Mit ihr konnte sich Jasper van’t Hof ein ganz neues, junges Publikum erobern und sie hatte eine nachhaltige Auswirkung auf Jasper van’t Hofs musikalische Gestaltungen. „Ich weiß nicht, ob es etwas geändert hat bei mir. Als ganz junger Jazzmusiker habe ich das erste Mal mit einem Schlagzeuger und einem Bassisten zusammen wirklich improvisiert. Und da entstand ein fantastisches rhythmisches Spannungsfeld. Die Idee dieser Konstellation kommt von Amerika, wurde aber in Europa vorangetrieben. Den nächsten Schritt in ein ganz anderes Spannungsfeld machte ich mit afrikanischen Musikern, da wird der Rhythmus noch viel stärker betont und entsteht aus einem Urgefühl heraus. Deine Improvisationen in dieser musikalischen Kombination bleiben im Grunde genommen jedoch gleich. Ich habe bei Pili Pili ganz ähnlich improvisiert wie z. B. in dem Quintett von Manfred Schoof oder in der Konstellation mit Alphonse Mouzon oder in Pork Pie.“

Egal ob Jasper van’t Hof allein am Flügel saß und lustvoll alle Möglichkeiten der Dynamik dieses Instrumentes erforschte, oder diverse Keyboards und Synthesizer extrovertiert und energetisch einsetzte oder gar an einer Kirche Orgel saß, ob er im Duo, Trio, Quartett, Quintett oder mit afrikanischen Musikern musizierte, oder in der Association P.C. Elektronik auslotete, in Pork Pie Rockelemente in den Jazz einbrachte oder Ethno-Fusion, World Music wie in Pili Pili auf seine Fahnen schrieb, er war immer er selbst. In den unterschiedlichsten Kombinationen und Genres waren sein eigenständiger Stil von puristisch und lyrisch bis zu berstend intensiv, seine flexible, offene Musikauffassung immer klar erkennbar. „Jemand anderes kann ich nicht sein, mehr kann ich nicht sein! Bei allem musst du ruhig bleiben, besonnen sein. Jeder Mensch ist, was er ist und das sollte er auch akzeptieren und daran arbeiten den Tiefgang seiner Möglichkeiten zu erforschen, heraus zu bilden und zu experimentieren. Du kannst nach so vielen Jahren, ja Jahrzehnten die ganze Schublade deiner Erfahrungen und Möglichkeiten herausziehen, es hört ja dein ganzes Leben nicht auf.“

Spielerisch betätigte er sich neben seinem Hauptinstrument, dem Flügel, mit Synthesizern, verschiedenen Keyboards, jedoch gab er dabei zu Bedenken: „Ein Instrument bestimmt nicht deine Persönlichkeit in der Musik. Die Musik hat ein unheimlich großes Spektrum und ein Instrument ist nur die Brücke zu deiner künstlerischen Befriedigung, zu dem, was du suchst, ausdrücken möchtest, um deine Seele zu beruhigen! Ob es jetzt ein Klavier oder ein Keyboard ist, oder ein Schlagzeug oder eine Posaune, das ist egal. Im Grunde genommen arbeiten wir Musiker alle an demselben Ziel.“
Anstöße durch Archie Shepp und Alphonse Mouzon
Archie Shepp, einer der ganz großen Jazzsolisten, war eine Zeitlang Partner von Jasper van’t Hof. Ihr Miteinander wurde auf der Platte „Mama Rose“ dokumentiert. Diese Begegnung führte Jasper zurück zu den Wurzeln des Jazz. „Du siehst da eine Welt, die amerikanische Welt der Black Music, der Black Musicians. Durch den direkten Kontakt lernst du die Art und Weise, wie sie spielen, wie sie denken umfassender verstehen. Archie Shepp ist zudem ja noch ein Lyriker, ein Intellektueller, er schreibt Texte. Auf den Tourneen kam ich mit Archie Shepp auf seinen Background, seine Familie, seine Herkunft, seine Erlebnisse zu sprechen. Das war auch bei Alphonse Mouzon der Fall. Sie sind sehr sozialkritisch, fühlen sich in vielem betrogen, und das macht ihre Musik auch so stark. Das ist zumindest meine persönliche Ansicht.“

Auf der einen Seite haben es schwarze Musiker in ihrem Heimatland schwer sich in der Gesellschaft zu etablieren, als Künstler anerkannt zu werden, auf der anderen Seite haben sie als Americans in Europe einen beachtlichen Bonus, sie sind gefragt, begehrt und geachtet. Ihr Leben war und ist gezeichnet vom Existenzkampf. Jedoch haben es europäische Musiker, die zwar in die Gesellschaft integriert sind, aber Jazzmusik spielen, gewiss auch nicht einfach. Denn es gilt sich durchzusetzen, sich einen Namen zu machen, um davon die Existenz bestreiten zu können. Jasper van’t Hof fügt hinzu: „Und Organisatoren von Konzerten und Festivals zu finden, die das Risiko eingehen, uns einzuladen. Ich habe da einerseits sehr viel Glück gehabt, andererseits erforderte das alles sehr viel Arbeit und Zeitaufwand, um zu versuchen, etwas zu bewegen. Manchmal klappt es, manchmal auch nicht. Und zudem weiß man als Künstler oftmals nicht wohin mit seinen Ideen, kaum jemand hat dafür ein offenes Ohr! Das ist schon teilweise frustrierend. Aber es ist umso fantastischer, wenn etwas klappt. Die ein, zwei Stunden, die du mit Musikern auf der Bühne verbringst, wo die Chemie stimmt und wo man sich versteht und wo das Spannungsfeld Bühne und Publikum perfekt ist, machen vieles wett. Das sind die glücklichsten Momente, sie entschädigen dich für deine harte Arbeit. Die Neugier ist die Triebfeder in der Musik, sie ist deine Zukunft. Es bleiben jedoch viele Wünsche offen: Ich hätte beispielsweise gerne einmal mit John Coltrane gespielt, aber das waren Tagträume, die leider nicht zu verwirklichen waren.“
Bruder im Geiste: Charlie Mariano
An das spaßigste, verblüffendste Ereignis im letzten halben Jahrhundert, in dem Jasper van’t Hof Musik macht, denkt er gerne zurück: „Ich habe in den 1960er Jahren die LP ‚Mingus, Mingus, Mingus‘ gekauft. Und da war auf der B-Seite ein fantastisches Solo von einem Altsaxophonisten, der hieß Charlie Mariano. 1971 stehe ich auf der Siegesstraße in München und da steht ein Mann neben mir, der ein Bier bestellt. Auf einmal schreit jemand zu ihm herüber: ‚Herr Mariano…‘ Und er dreht sich um und ich schaue ihm ins Gesicht und es traf mich wie ein Blitz, das war Charlie Mariano! Der Mann von der B-Seite der Mingus-Platte! Ich war damals unterwegs mit Stu Martin und Peter Warren. Am nächsten Tag haben wir mit Association P. C. in Freiburg gespielt und dort ist Charlie Mariano ebenso aufgetreten und danach haben wir uns zusammengesetzt und geredet. Das war der Start unseres musikalischen Miteinanders. Die Chemie stimmte auf Anhieb. Es gab diese Übereinstimmung im Denken, der Freude am Spielen. Mich faszinierte auch die Tragik in seinem Sound, der Ausdruck seines Lebensgefühls war, das Spannungsfeld, das zwischen uns herrschte. Es war einfach optimal: melodisch, im Sound, im Ablauf einer Melodie. Es erschien mir wie eine einzige Schule.“

Der Pianist kommentiert dazu verschmitzt, dass die Formation mit Charlie Mariano wohl die erste Free-Jazz-Gruppe war, die es wagte wieder eine emotionale Melodie auf der Bühne zu spielen.

Alphonse Mouzon, der einer der weltbesten Drummer war, beeinflusste Jasper van’t Hof auch nachhaltig. Er erinnert sich: „Alphonse und ich haben uns unglaublich gut verstanden. Wir haben einander geliebt, gemeinsam getourt, gespielt. Er war einer der Spitzentrommler der Welt. Ich weiß nicht, ob es das gibt, aber wenn es das gibt, dann hat Alphonse dafür eine Medaille verdient. Er hat mich so stark motiviert, es war unglaublich, was für einen Drive dieser Mann hatte. Ich habe Alphonse auch auf der Siegesstraße in München getroffen, da war er mit McCoy Tyner unterwegs und ich hatte McCoy noch nie so energetisch gehört, nicht mit Coltrane und nicht mit Elvin Jones oder wem auch immer. Alphonse war ein enormer Trommler.“

Wenn Todesnachrichten von ehemaligen Partnern kommen, die einmalig in ihrer Spielweise waren, ist das besonders traurig. „Es ist sehr schwierig zu verkraften, wenn ein guter Freund, ein großer Musiker stirbt, der dir nahesteht. Den Tod von Charlie Mariano und jüngst Alphonse Mouzon erlebte ich so, als ob ich in ein tiefes Loch fallen würde. Und der Verlust dieser enormen Talente ist nicht leicht zu verkraften. Ein Trost ist dann eine Produktion, die du mit dem jeweiligen Musiker gemacht hast und die du wieder hören kannst. Das ist das Schöne bei Musikern, du kannst immer wieder deren Persönlichkeit auf dem CD-Spieler oder dem LP-Plattenspieler nachempfinden und das versetzt dich wieder zurück in eine bestimmte musikalische Periode und Stimmung.“
Improvisation mit dem Rang einer Komposition
Auf der CD-Box anlässlich von Jasper van’t Hofs 70. Geburtstag und 50-jährigem Bühnenjubiläum ist eine enorme Menge an Aufnahmen enthalten. Außer Aufnahmen von Association P. C., Pork Pie und Pili Pili gibt es Stücke mit Manfred Schoof und Zbigniew Seifert. „Zbigniew Seifert und ich wir waren wie zwei Hände auf einem Bauch. Wir haben ja aus dem Nichts heraus angefangen, er zwar in Polen und ich in Holland. Anfang der 1970er Jahre haben wir uns zufällig getroffen auf einem Festival im Ruhrgebiet. Für die allererste LP, die ich für Chris Hinze machen durfte, lud ich Zbigniew Seifert ein. Er spielte ganz anders als die Geiger, die vor ihm kamen und auch anders als die, die nach ihm kamen.“

Die Box enthält auch eine Aufnahme mit Marilyn Mazur und Charlie Mariano, sehr viele Aufnahmen mit Toto Blanke, Edward Vesala, ein paar Soloklavier-Stücke, auch so einige Rundfunkaufnahmen, die spontan unterwegs gemacht wurden, u. a. auch mit Zbigniew Seifert. „Bei manchen Aufnahmen weiß ich nicht mehr, wo sie herkommen. Sie standen einfach bei mir im Schrank. Ich konnte alles selbst für die Box aussuchen. Ich war oftmals selbst erstaunt, was ich da hörte. Aber es war eine fürchterliche Arbeit. Ich habe fast zwei Monate lang jeden Tag nur mich selbst hören müssen! Wenn du mit Leuten wie Archie Shepp, Charlie Mariano oder Alphonse Mouzon auf die Bühne gehst, dann bist du nicht mehr ganz du selbst, dann gehen fast elektronische Strahlungen von diesen Persönlichkeiten aus, du steckst in diesem enormen Spannungsfeld, kannst über dich selbst hinauswachsen. Diese Jazzgrößen haben eine unglaubliche Persönlichkeit, sie sind einerseits imstande das Maximale aus dir heraus zu holen, andererseits lassen sie dich wissen, wie unglaublich viel du noch an dir arbeiten musst. Bei solchen Musikerbegegnungen ergibt sich eine Frage-Antwort-Konstellation, da geschieht das Wunder, dass man zusammen in der Improvisation eine Art von Komposition schafft. Das ist einmalig.“

Der 70-jährige Jasper van’t Hof will weiter spielen, doch das erfordert eine rege Reisetätigkeit, die ihn zusehends mehr nervt und stresst. Erst wenn Jasper die Bühne betritt, erwacht in ihm lodernde Energie, überschwängliche Spielfreude. „Wenn du auf der Bühne am Klavier sitzt, dann findest du das großartig, dann sind all die Anstrengungen, die du zuvor dafür unternommen hast, vergessen.“ Ein Freund von Jasper van’t Hof hat ein kleines Buch über 50 Jahre von Jasper geschrieben, aber nicht über die Musik, sondern über seinen Alltag, über die vielen Stunden, die vor einem Auftritt stattfinden, die Reisen und Abenteuer, die er dabei erlebte. Dieses Büchlein ist der CD-Box beigelegt und macht den vielseitigen, wagemutigen, pfiffigen Pianisten, Keyboarder und Bandleader noch sympathischer.

Text: Gudrun Endress
Foto: Jörg Becker