Cécile McLorin Salvant

Innerlichkeit und Kommunikation mit der Außenwelt

Eines kann man mit Gewissheit sagen: Cécile McLorin Salvant ist die Jazzsängerin der jungen Generation. Sie fußt in der Tradition von Sarah Vaughan und Billie Holiday, hat aber schon als sie 2010 beim Thelonious Monk Jazz Competition von einer Jury mit u. a. Dee Dee Bridgewater zur Gewinnern gekürt wurde, ein sehr eigenständiges Profil gezeigt. Die damals gerade 20-jährige Vokalistin konnte sich auch bei der anschließenden Jam Session im Kreis von Dee Dee Bridgewater, Al Jarreau, Jane Monheit, Dianne Reeves und Kurt Elling behaupten. Die in Miami geborene Sängerin mit haitianischen Vorfahren hatte damals zwar einen Übernachterfolg, aber den erkannte sie als Ansporn weiterhin diszipliniert an sich zu arbeiten, ihre Gesangskunst im Sinne der Jazztradition mit ihren eigenen Visionen weiter zu entwickeln. Ihre seither veröffentlichten Alben „WomanChild“, „For One To Love“, „Dreams And Daggers“ und jetzt neu „The Window“ machen ihren wunderbaren Wachstumsprozess klar. Cécile McLorin Salvant ist eine starke Persönlichkeit, die genau weiß, was sie will, was sie erreichen will, für was sie steht. Im Jazzgesang hat sie längst ihren eigenen Stil gefunden, dass die 29-Jährige jedoch mit ihrem Outfit experimentiert, ist in diesem Alter durchaus verständlich.

Cécile bevor Ihr Album „WomanChild“ erschien, hatten wir die Gelegenheit miteinander zu sprechen, im Rahmen einer Deutschlandtournee. In den Jahren danach durchliefen Sie eine stürmische Entwicklung sowohl in der Steigerung ihrer Ausdruckskraft, auch dem Erforschen immer weiteren Möglichkeiten Ihrer großartigen Stimme, als auch in der Fähigkeit Jazz Standards so persönlich auszulegen, dass sie geradezu autobiographisch klingen, als selbst Erlebtes und Erfahrenes Ihres Lebens wahrgenommen werden können. Sie arbeiteten über längere Zeit mit dem flexiblen Pianisten Aaron Diehl, jetzt sind in der Zusammenarbeit mit Sullivan Fortner als Duopartner diese weiteren Schritte Ihrer Gesangskunst noch deutlicher geworden. Sie sind absolut überzeugend, Sie ziehen den Hörer vom ersten Ton an in Ihren Bann.

Zuerst einmal gilt es für mich die passenden Songs zu finden, das ist schon einmal sehr wichtig.

Vorausgesetzt Sie haben diesen oder jenen Song für sich entdeckt, merken Sie dann gleich, was Sie damit tun können, wie Sie ihn gestalten werden?

Oh nein, manchmal entdecke ich einen Song für mich, den ich singen möchte und dann kann es 8 Jahre dauern bis ich die Lust verspüre, ihn zu singen. Ich weiß dabei anfangs nicht einmal, ob er für mich wirklich geeignet ist, ob er auch für die Musiker, mit denen ich spiele, passend ist. Manchmal ist es ein langer Weg bis ich mich ­sicher fühle, dass es absolut ein neuer Song für mich wird.

Das bedeutet, dass Sie in Ihrer Schublade eine Sammlung solcher Songs haben, die Sie vielleicht einmal singen wollen, nicht gleich eher Jahre später.

Ja, das ist oft der Fall.

Sie arbeiteten über Jahre mit dem flexiblen, einfühlsamen Pianisten Aaron Diehl zusammen. Jetzt entschieden Sie sich für die Duoaufnahmen von „The Window“ für Sullivan Fortner. Er stammt aus New Orleans und hat nach seinem Debüt „Aria“ das Album „Moments Preserved“ vorgelegt. Als Partner von John Scofield, Peter Bernstein und Roy Hargrove, sowie als Begleiter von Roberta Gambarini hat er sich als ein sehr einfühlsamer Begleiter aber zugleich als ein großartiger Solist erwiesen. Er verfügt über diese beiden Fähigkeiten, springt von einer nahtlos zur anderen. Wie kamen Sie auf ihn? Ist er der perfekte Partner für eine Duokonstellation?

Er ist großartig, ein unglaublich guter Musiker. Wir machten im Juli eine Tournee mit einer Formation, die ich als meine Band bezeichnen kann, mit Piano, Bass und Schlagzeug. Und da wurden wir richtig gute Freunde. Er besitzt unglaubliche Fähigkeiten, ich kann ihn nicht genug loben. Wir führen eigentlich auf „The Window“ Dialoge, unterhalten uns. Wir werfen uns die Ideen zu. Und das auf dem gleichen Level, er steht also gewiss nicht im Hintergrund.

Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen und ist sehr ausgeglichen. Sie haben vor einiger Zeit gestanden, dass Sie sehr selbstkritisch sind und das nachträgliche Abhören Ihrer Gesangsstücke für Sie geradezu eine Plage bedeuten kann. Hat sich das inzwischen verändert, haben Sie die Aufnahmen Ihres neuen Albums „The Window“ mit Freude abhören können?

Das ist das erste Album, mit dem ich voll einverstanden sein kann. Ich habe es nach der Aufnahme einen Monat lang nicht gehört. Aber es sagte mir zu, ich war nicht so ablehnend gegenüber ihm eingestellt, als bei so manchem in der Vergangenheit. Das nahm ich als ein gutes Zeichen für mich wahr!

Was für Gedanken kommen Ihnen in den Kopf, wenn Sie Aufnahmen von sich selbst abhören? Gibt es da für Sie überraschende Momente oder kommt auch einmal so eine Äußerung von Ihnen, dass Sie meinen, Sie hätten dieses oder jenes anders, besser machen können?

Es ist nicht so, dass ich mir sagen würde, ich hätte es eigentlich noch besser machen können, es ist vielmehr so, dass ich mir wünsche, dass jemand anderes diese Songs in diesem Kontext hätte singen sollen. Ich wäre dann der Coach für diese Stimme. Ich bin immer frustriert mich selbst in der Situation zu hören, in der ich Songs singe. Es ist also nicht so, dass ich den Gedanken habe, ich hätte es eigentlich besser singen können, ich meine, dass eine andere Stimme diese Songs singen sollte. Es ist für jemanden sehr schwer etwas wieder abzuhören, wenn sich derjenige dabei solche Gedanken macht!

Ihre Stimme ist ein Geschenk Gottes – so kann man es doch sehen – und mit dieser Gabe können sie anderen Menschen Schönheit und Freude, ja Lebensfreude vermitteln.

Danke für dieses Kompliment. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie das zu mir sagen.
Es bereitet Ihnen doch wohl immer große Freude auf die Bühne zu gehen und zu singen. Wahrscheinlich stellt sich da auch schon zuvor mal etwas Nervosität, ja Lampenfieber ein.

Manchmal bin ich nervös, aber das passiert immer seltener. Am schlimmsten war es für mich als ca. 17-, 18jährige, als ich das erste Mal in einem Club in Aix-en-Provence in Frankreich auftrat vor 5 Besuchern. Das war das schrecklichste Erlebnis aller Zeiten. Ich schaute auf meine Beine und merkte, dass auch sie zitterten, ich war entsetzlich nervös. Diese Nervosität holt mich auch immer wieder einmal ein, wenn ich etwa in einem Konzert vor Publikum singe und einen für mich ganz neuen Song zu Gehör bringe, dann kann ich ganz nervös werden und mein Herz bis zum Hals klopfen spüren.

Wenn ihr Herz klopft und Sie auf der Bühne stehen und etwa einen neuen Song vortragen, kann es dann sein, dass diese Nervosität, dieses Angespanntsein, letztendlich bewirkt, dass Sie über sich selbst hinauswachsen?

Es kann eine große Herausforderung bilden, aber eine derartige Nervosität kann bei einer Sängerin auch bewirken, dass ihre Stimme zittert und sie zusehends atemloser wird. Die Stimme ist sehr gefährdet, zumal sie mit deinem Atem zusammenhängt. Wenn du nervös bist, kurzatmig wirst, dann merkt das Publikum das schnell. Dann kannst du versuchen dich auf deine Mitmusiker zu konzentrieren oder dich etwa nur total in die Worte des Textes zu vertiefen. Dadurch hast du die Chance, dass deine Nervosität verfliegt, weil du dich auf Wichtigeres konzentrierst.

Wie viel ist bei den Songs Ihrer neuen CD festgelegt und wie groß ist die Möglichkeit zur Improvisation, wenn Sie diese Songs live singen?

Es ist alles ziemlich stark improvisiert. Es gibt eigentlich dafür gar keine festen Arrangements. Manchmal schaue ich fragend auf Sullivan, um herauszufinden, was wir noch tun könnten. Es gibt in diesem Duo keinen festen Plan. Wir nahmen die Songs in einer zweitägigen Session im Mai vergangenen Jahres auf. Ich war am ersten Tag ziemlich erkältet und trank Hot Toddies, dieses Getränk mit Rum, Honig, heißem Wasser, Zitrone und was auch immer. Wir nahmen innerhalb einer Stunde 14 Songs auf. Der Grund warum wir so schnell so viele aufnahmen, war der, dass wir alles spontan gestalteten, es gab keine Arrangements dafür. Wir fragten uns gegenseitig, ob wir beide diesen oder jenen Song kennen würden, und dann legten wir los. Ich erinnere mich an einen Moment am zweiten Tag, als wir „J’ai l’cafard“ aufnahmen und am nächsten Tag hatten wir das noch ganz genau im Gedächtnis. Aber eigentlich machen wir alles spontan, es ist als ob alles in der Luft liegt. Wir nahmen auch Stücke auf, die wir schon seit einiger Zeit im Repertoire hatten, anderes war neu für uns. Die Auftritte mit Sullivan sind eigentlich von Entscheidungen in letzter Minute geprägt.

Sie litten nach eigenen Aussagen geradezu an einer Obsession für Sarah Vaughan und ihre Art zu singen. Sie eiferten ihr nach, verglichen sich sicherlich auch mit ihr. Empfanden Sie jemals diese Tradition des Jazzgesangs als Last auf Ihren Schultern?

Ich betrachtete die Tradition nie als Last. Ich finde es spaßig, wenn Leute sich vornehmen einzigartig zu werden, ihre eigene Stimme suchen wollen. Gut, man kann das äußern, aber letzten Endes kann das nur die Musik selbst entscheiden ob dir das gelingt, zu zeigen zu was du fähig bist und tust. Es bringt nichts, wenn du ständig darüber sprichst, es zählt das, was du machst. Als ich startete, wollte ich nicht gleich einzigartig sein, etwas ganz Neues auf die Beine stellen. Anfangs wollte ich wie Sarah Vaughan klingen und nichts anderes. Und ich kümmerte mich nicht darum, was andere meinten, ich wollte es so gut wie möglich schaffen wie Sarah Vaughan zu singen. Ich bildete mir nicht ein, dass ich etwas Wichtiges aussagen könnte, kreativ sei. Ich liebte einfach den Sound von Sarah Vaughans Stimme und ich wollte ihm möglichst nahe kommen. Dabei kannst du nur verlieren! Aber in diesem Prozess des Nachahmens, ja Falschmachens erkennst du, wer du eigentlich bist, was dich ausmacht. Dann begreifst du die Diskrepanz zwischen dem, was dein Idol kann und dem zu was du fähig bist. Du hörst dann viele weitere SängerInnen, nimmst viele Einflüsse in dich auf, machst deine eigenen Erfahrungen. Und dann imitierst du nicht mehr nur SängerInnen sondern auch andere Menschen. Viele mögen aus meinem Gesang heraushören, welchen Einflüssen ich unterlag. Aber glauben Sie mir, ich singe so, wie meine Mutter mit mir sprach oder wie mein Vater mit mir redete. Denn all das wurde zu einem Teil meines Sounds. Es fügt sich dann alles zusammen. Jedoch ist unbestritten, dass mein erster prägender Einfluss Sarah Vaughan war.

Es ist völlig normal und legal zunächst ein Rollenmodell zu haben.

Als ich ganz jung war, da liebte ich vor allem die großen, voluminösen, virtuosen Stimmen, und in diesem Bereich steht ohne Zweifel Sarah Vaughan ganz an der Spitze. Sie besaß eine total präsente, eigenständige Stimme. Eine andere Sängerin, die über diese Stärke verfügte, war Mercedes Sosa. Es verging einige Zeit bis mich Billie Holidays Gesang berührte. Da merkte ich, dass die Stimme nicht so groß und umfassend sein muss, nicht supermenschlich und nicht alles zu tun imstande sein muss. Die Stimme kann auch schwach sein, versoffen klingen, geradezu beschädigt sein und trotzdem berühren. Und durch diese Erkenntnis beschäftigte ich mich mit derartigen Stimmen intensiv, dann auch mit SängerInnen aus der Folkmusic, dem Blues und Country-Blues. Wenn du eine abgerundete Sopranstimme besitzt, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.

Sie möchten Ihre Zuhörer nicht nur erstaunen sondern auch bewegen. Sie wünschen sich, dass sie die Geschichten fesseln, die sie von Ihnen hören.

Ich möchte, dass es so ankommt, als ob ich zu jedem Einzelnen sprechen würde, dass jeder das Gefühl hat, ich richte meine Worte nur an ihn, erzähle ihm ein Geheimnis. Es soll ganz persönlich klingen. Und ich versuche das bei einer Gruppe von Zuhörern zu rekreieren, aber da befinden wir uns in einer ganz anderen Situation.

Sie arbeiten jetzt erstmals mit einer Big Band, dem Clayton Hamilton Jazz Orchestra. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen kleiner Besetzung und großem Klangkörper aus der Position der Sängerin heraus?

Zuerst einmal ist die Lautstärke einer Big Band im Vergleich zu einer kleinen Band völlig anders. Du bist nicht so frei, wie wenn du etwa nur im Duo arbeitest. Es gibt ausgeschriebene Arrangements, dein Part ist mehr oder weniger festgelegt. Ich arbeite jetzt zum ersten Mal mit einer Big Band, da kommt Nervosität auf, ich habe geradezu Angst davor. Der Sound dieser Big Band ist wirklich wunderbar, und ich freue mich auf diese Zusammenarbeit, bin aber trotzdem aufgeregt. Es ist einfach ganz anders als das, was ich sonst mache.

Es ist eine große Herausforderung für Sie, aber solche Dinge regen ein weiteres Wachstum an, Sie werden dadurch flexibler, können ganz andere Aufgaben meistern, vielleicht auch einmal mit einem Sinfonieorchester arbeiten.

Ich sehe das als eine willkommene Gelegenheit zu wachsen.

Wann haben Sie Ihre Identität gefunden?

Ich weiß es nicht wirklich, ob ich bereits meine eigene Identität gefunden habe. Jedes Mal wenn ich zurückblicke, dann stelle ich in Frage, ob da schon meine Identität vorhanden war. Ich meine, dass ein Mensch fast nie fähig ist zu sagen, dass er jetzt seine Identität gefunden hat. Es ist meiner Ansicht nach erst möglich, dass das andere beurteilen können, wenn man schon gestorben ist.

Das ist die musikalische Seite, aber ist es heute nicht umso dringender in einem Land, das so schlecht geführt wird, sich seiner eigentlichen Identität bewusst zu werden, daraus Kraft zu schöpfen?

Jetzt spürt man wie Menschen zurück gestoßen werden. Die Art und Weise wie man Menschen in Kategorien einteilt, kann einerseits sehr aufregend sein, aber andererseits auch äußerst lächerlich. Ich fand es schon immer faszinierend, wie die Identität wahrgenommen wird. Wie wird von anderen Menschen das aufgenommen und beurteilt, was du von dir selbst erzählst?! Was ist die Geschichte deiner Kultur, was bedeutet sie überhaupt, wie stark ist die Authentizität deiner Herkunft. Deine Identität wie deine Authentizität sind eigentlich konstruierte Wesen. Aber zugleich ist das wichtig für die Menschen und sie erzeugt wichtige Fakten, so etwa die Jazzmusik, Kunstformen überhaupt. Ich lehne das einerseits ab, andererseits fasziniert es mich. Ich meine auch, dass Lachen und Humor oftmals aus dem Bewusstwerden deiner Identität resultiert.

War Archie Shepp mit dafür ausschlaggebend, dass Sie auch vermehrt das Vorhandensein von politischer Aussage im Jazz wahrnahmen?

Meine Großeltern mütterlicherseits hatten eine ziemlich radikale politische Einstellung. Sie waren interrassische amerikanische Menschen, Hardcore-Kommunisten, sie reisten viel herum, nach Afrika, nach Kuba, Südamerika, sie retteten Flüchtlinge, sie waren sehr an Politik engagiert. Ich bin auch kritisch gegenüber gewissen politischen Ansichten eingestellt, aber in keinster Weise so engagiert wie es etwa meine Großmutter war. Ich wurde jedoch in dieser Atmosphäre groß. Mein Vater stammte aus einer sehr konservativen Familie aus Haiti und da blieb es nicht aus, das er sich oftmals bei Tisch mit meiner Mutter über Politik austauschte, ebenso mit meiner Großmutter und da gab es natürlich ganz verschiedene Meinungen und Einstellungen, die mit Leidenschaft vertreten wurden. Ich nahm also die oftmals ganz verschiedenen Stellungnahmen seit frühester Kindheit in mich auf. Da die Familie meiner Mutter sehr religiös war, ihren Glauben aus Haiti mitbrachte, und mein Vater aus einer katholischen Familie stammte, gab es richtige Ping-Pong-Ansichten und Austausch.

Marcus Miller nahm die Platte „Afrodeezia“ auf, sie zeichnet die Reiseroute afrikanischer Menschen nach Amerika nach, ihre Musikkultur, die Amerika nachhaltig prägte. Ambrose Akinmusire nimmt auf seiner aktuellen Platte „Origami Harvest“ Stellung zu der Position der Schwarzen in den USA, die zwischen Hoffnung und Furcht schwankt. Anderen Künstlern ist das auch wieder seit geraumer Zeit ein Anliegen, Kendrik Lamars Musik steht für politische Statements und bringt zugleich religiöse Botschaften.

Es ist sehr interessant, was sich da gerade vollzieht. Ich liebe es und bei so einigen Künstlern spiegelt es einen aktuellen Ausdruck ihres Fühlens und Denkens. Es gibt jedoch auch Szenarien, die nicht gerade von Diplomatie sprechen. Bei manchen hat man den Eindruck, sie greifen diese Thematik auf, weil sie gerade populär ist. Bisweilen ist es bedeutungslos, es ist in Mode, manchmal ist es gezeichnet vom kapitalistischen, industriellen Komplex, den wir in den USA erleben. Ich finde es aufregend, aber ich vermisse es nicht, ich denke auch nicht ständig darüber nach. Wenn ich spüre, dass keine wirkliche Idee hinter diesen musikalisch-politischen Aussagen steckt, dann bin ich frustriert. Dann sage ich mir, das ist der Hype ums Geld. Und genau das hasse ich.

Ist es vorstellbar, dass Sie Songs mit einer politischen Botschaft singen, dass Sie in Ihrer Musik beklagen, dass vielen Menschen nicht die entsprechende Würde zu Teil wird, die sie verdienen, diese Ungerechtigkeiten gegenüber schwarzen Menschen in den USA einfach nie aufhören.

Aber sicher, ich meine auch, dass ich zu dieser Thematik in ein paar meiner Songs Stellung dazu beziehe, zumeist in älteren Songs singe ich von dem Leid, das vor allem schwarzen Frauen zugefügt wurde. Und das ist nicht nur die Geschichte von einst, sondern das ist heute genauso brandaktuell. Wir leben in der Illusion, dass es einen Fortschritt geben wird, aber das ist immense Illusion.

Die Hoffnung stirbt zuletzt! Wir alle verlieren nicht den Glauben daran, dass es besser wird, gerechter zugeht.

Da gebe ich Ihnen zu hundert Prozent Recht. Aber es ist schwierig das zu glauben, vor allem in den Strömungen, die wir heute weltweit wahrnehmen. Ich bin ein Mensch, der die Hoffnung nie aufgibt, und diese Hoffnung ist bisweilen meine einzige Antwort auf die derzeitige Situation. Wir alle müssen einmal sterben. Das bedeutet, dass es ein Ende gibt.

Aber bis dahin können Sie Millionen von Songs singen, Ihre Mitmenschen damit erfreuen, ja erheben, sie menschlicher machen. Man darf nicht immer an Ungerechtigkeit und Leid denken. Eine Künstlerin wie Sie, die mit ihrem Gesang so viel Positives in die Welt bringt, vermag vielen Menschen etwas geben, ihnen Optimismus verleihen, ja ihr Leben leichter machen. Genau das brauchen wir heutzutage mehr denn je.

Wir brauchen beides, die Ebbe und die Flut. Ich bin davon überzeugt, dass Musik, überhaupt die Kunst Menschen wunderbare Gedanken und Gefühle vermitteln kann. Es liegt irgendwie alles in der Luft, es ist eine Gabe. Ob man sich als Künstler jetzt gut fühlt oder nicht, ist nicht entscheidend, wichtig allein ist, dass die Kunst weiter existiert.

Interview: Gudrun Endress
Fotos: Mark Fitton
CD/LP: Cécile McLorin Salvant „The Window“, Mack Avenue 0321132