Eroeffnungskonzert enjoyjazz Festival am 2.10.12 auf dem Heidelberger Schloss. Jack de Johnette Group
© Rinderspacher

Sorgt für einen tiefgründigen Groove, über dem andere liebend gerne spielen

Jack DeJohnette

Er ist ein Drummer’s Drummer, der von Generationen von Musikern geschätzt wird, der jetzt 75-jährige Jack DeJohnette. Tausende von Musikern in aller Welt träumen davon einmal mit diesem erfahrenen und sich immer wieder neu definierenden Schlagzeuger zu spielen, der nicht zuletzt als Partner von Miles Davis oder als Mitglied des Keith Jarrett Trios Jazzgeschichte schrieb. Ganz aktuell ist sein Quartett mit John Scofield, Gitarre, John Medeski, Orgel, Larry Grenadier, Bass, das Hudson getauft wurde, weil diese Musikerkollegen, so wie Jack DeJohnette, auch upstate New York wohnen, im Gebiet des Hudson River Valley. Jack DeJohnette hat sich dort schon in den 1970er Jahren mit seiner Frau Lydia niedergelassen, um den gemeinsamen Kindern ein naturnahes Umfeld zu bieten. Er schätzt auch die vielen kreativen Menschen, vor allem die Künstler, die in seinem Umfeld leben, sehr. Auch für Medeski ist diese Wohngegend eine Rückzugsmöglichkeit von der Hektik der Großstadt, den anstrengenden Tourneen in aller Welt. In diesem naturverbundenen Zuhause kann er wachsen und auf die Suche nach weiteren kreativen musikalischen Ideen gehen. Grenadier hat auch gesagt, dass er im Hudson River Valley seine Batterien aufladen kann, die Lektionen, die er im Zusammenspiel mit anderen Musikern in aller Welt gelernt hat, aufarbeiten, seine kreative Energie in dieser Stille ausloten kann. Diese „home base“ der vier Musiker, die eine Art familiäre Einheit bilden, erlaubt ihnen weiter zu experimentieren, an ihrer Musik zu arbeiten, um sie dann immer weiter entwickelt auf die Bühne zu bringen.

Für den Schweizer Trompeter Franco Ambrosetti war es viele Jahre lang ein sehnlicher Wunsch, einmal mit Jack DeJohnette gemeinsam zu spielen. Er ging erst zu Ambrosettis 75. Geburtstag im vergangenen Jahr in Erfüllung, zumal DeJohnette lange Zeit durch die Tourneetätigkeit mit Keith Jarrett und viele andere Aufnahme-Termine nicht zur Verfügung stand. Für Ambrosetti ist Jack DeJohnette der beste Schlagzeuger der Welt und das Miteinander lief unglaublich erfreulich und natürlich. Jack DeJohnette hat ein gesundes Selbstbewusstsein, ist sich seiner Leistungsfähigkeit bewusst. Doch wenn man von ihm eine Antwort bekommen möchte, welche Fähigkeiten – ob sein sensibles Eingehen auf andere, seine stilistische Vielseitigkeit, seine unglaubliche technische Meisterschaft – für dieses Gefragtsein verantwortlich ist, antwortet er nur: „Ich tue, was ich tue, ich liebe, was ich tue und das tue ich mit Leidenschaft.“ Auch über die Disziplin des Übens, die damit verbundene langjährige Arbeit, sagt er ganz beiläufig: „Ich würde es nicht tun, wenn es mir keinen Spaß ­machen würde!“

Nicht weit von seinem Wohnort ist Woodstock gelegen, wo 1969 das erste Woodstock Festival abgehalten wurde, das bis zu 400 000 Besucher anlockte und einen Höhepunkt der Hippie-Bewegung markierte. Ausschlaggebend dafür war, dass sich DeJohnette mit seinen Partnern John Scofield, John Medeski und Larry Grenadier sich mit Stücken so bekannter Popstars wie Jimi Hendrix, Joni Mitchell oder Bob Dylan aus der Woodstock-Ära befassten, die Melodien bisweilen nur kurz anspielten, sich darauf ein intensives Gruppengeflecht entfaltete. Auch beim Creative Music Studio von Karl Berger in Woodstock war DeJohnette als Lehrkraft beteiligt. Und es beruhigt ihn, dass nach dem Führungswechsel das Creative Music Studio weiter fortgeführt wird. Sein Zuhause im Hudson Valley war für ihn schon immer ein Wohlfühlort, an dem er sich regenerieren konnte. Das Quartett Hudson, das seine erste CD auf Motéma vorlegte, ist für DeJohnette das Erfreulichste seit langem. Es geht auch seit einiger Zeit auf Tournee, weitere Termine stehen bis zum Juli nächsten Jahres an. Gleich nach Erscheinen des Albums stieg es in die Billboard Jazz Charts in den USA ein. Die Musik, die Hudson spielt, verändert sich bei jedem Live-Gig. „So wie alles, was ich spiele, sonst hätte ich keine Lust es zu spielen.“ Die Stücke der großen Popstars, die Hudson neben eigenem Material spielt, lassen genügend Freiheiten für Interaktionen, für Alleingänge der Beteiligten. „Die Originals von uns sind entweder kollektive Stücke oder etwa von John Scofield geschrieben, aber da jeder von uns seine klar erkennbare Persönlichkeit besitzt, ist alles recht verschiedenartig. Es gibt auch genügend Raum für freie Improvisation.“

Auf der Hudson-Homepage von DeJohnette sind Ausschnitte von Live-Auftritten zu erleben und dabei zeigt sich, dass es immer wieder Überraschungen durch den Einsatz der Beteiligten gibt oder gar eine unerwartete Richtungsänderung. „Wir überraschen uns gegenseitig, du weißt nie, was die anderen spielen, sie sollen auch das spielen, was wir anderen noch nicht kennen.“

Jack DeJohnette legt großen Wert darauf, dass man sowohl beim Musizieren als auch in anderen Lebensbereichen ganz im Hier und Jetzt ist, also in jedem Moment absolut gegenwärtig. Er vergleicht auch die Improvisation in der Musik mit dem Leben an sich. „Das Leben ist Musik, meist entspricht es nicht einer Komposition sondern ist unvorhersehbar wie die Improvisation in der Musik. Es hängt auch vom jeweiligen Individuum ab, ob es jeweils im Moment ganz da ist. Manche Leute versuchen es zu sein, andere wiederum wollen genau wissen, was in jedem Moment geschieht. Die Leute wollen verschiedene Dinge, manche lieben die Spontaneität über alles. Ich zähle zu denjenigen, die Spontaneität in der Musik, im ganzen Leben bevorzugen, dazu gehört eine gewisse Energie.“
Es ist ein Who is Who des Jazz, mit dem Jack DeJohnette gespielt hat, und dadurch hat er viel gelernt. So sagte etwa Miles Davis über seinen Schlagzeuger: „Jack gibt mir einen bestimmten tiefgründigen Groove, über den ich liebend gerne spiele.“ „Ich lernte von allen, ob von Miles Davis, Keith Jarrett, Sonny Rollins oder Bill Evans. Von Miles lernte ich das zu spielen, was ich noch nicht weiß. Er vertraute mir, was immer ich tat. Wir lernten dabei das zu spielen, was wir noch nicht wussten. Von Sonny Rollins lernte ich wirklich im Moment zu sein, auch etwas Unerwartetes zu spielen. Das erwarten wir eigentlich von jedem Musiker. Ich lernte auch die jeweiligen Vibrations wahrzunehmen, erfuhr, dass Musik eine heilende Wirkung hat, dazu verhilft ein besseres menschliches Wesen zu werden. Musik kann den Menschen helfen ihre innere Ruhe zu finden, Erleichterung zu spüren. Die Musik dringt sowohl ins Bewusstsein als auch ins Unterbewusstsein ein. Das heilende Element in der Musik ist etwas Organisches. Es ist dann gegenwärtig, wenn es zwischen dem Künstler und dem Hörer einen Austausch gibt.“

Auf dem kleinen Video auf der Homepage der Formation Hudson spricht DeJohnette von dem sich ganz organischen Öffnens eines Kanals beim Musikmachen. Was bricht sich da Bahn – die Kreativität des Musikers, die Energie?! DeJohnette fühlt dabei die Verbindung mit allem, was er gelernt und erfahren hat in seinem langen Leben.

1962 konnte Jack DeJohnette als Ersatz für Elvin Jones im John Coltrane Quartet in Chicago einspringen. Er bestreitet, dass er davor Angst gehabt hätte. „Das war ein Wendepunkt in meiner Karriere, mein Selbstvertrauen war damals schon recht gut entwickelt. Ich wusste da schon über die Musik gut Bescheid, ich konnte mich ganz einbringen, meine Leidenschaft für die Musik war stärker als alles andere. Ich bin bis zum heutigen Tag immer freudig erregt, wenn es ans Spielen geht. Die Musik ist mein Leben, sie ermöglichte mir immer eine Existenz, in ihr konnte ich meine Kreativität ausleben.“

Die erste musikalische Lernphase war für Jack DeJohnette das klassische Klavierspiel. Kurze Zeit später schulte er sich in Eigenregie zum Schlagzeuger und wechselte in den Jazz über. Für ihn gab und gibt es nicht voneinander getrennte Musikgenres, er begreift die Musik als eine Einheit. Ob er Jazz mit einem stärker betonten Rock-Beat spielt oder straight ahead Jazz oder freien Jazz oder World Music – all das hat für ihn nichts Trennendes, sondern Gemeinsames. Das klassische Klavierspiel hat bewirkt, dass er die melodischen Möglichkeiten des Schlagzeugs erforschte, was mit für seine Einmaligkeit verantwortlich ist. „Das Piano und das Schlagzeug gehören zur Familie der Perkussionsinstrumente. Die Leute sehen das immer als völlig verschiedene Instrumente, aber das sind sie nicht. Zur Familie der Perkussionsinstrumente zählt auch das Vibraphon, das Marimbaphon. Sie sind alle verwandt und sie bieten rhythmische, melodische und harmonische Möglichkeiten.“

Bisweilen spielt er bei seinen Auftritten auch ein wenig Piano, der totale Wechsel vom Piano zum Schlagzeug fiel ihm schon früher leicht. „Es war für mich leicht zu wechseln, ich bin ein ganz natürlicher Musiker.“ Er wurde nicht auf dem Schlagzeug geschult, gar verschult, sondern sein Musikverständnis half ihm dieses Instrument beherrschen zu lernen, seine Fantasie und Kreativität zu entfalten. „Ich spielte schon anfänglich in Chicago mit vielen Musikern, durch sie lernte ich immer mehr, ich war ständig gefragt, lernte auch eine Menge durchs Leben. Musik ist Leben. Musik spielen und leben ist das Gleiche.“

Im nächsten Frühjahr geht Jack DeJohnette mit dem Oud-Spieler Anouar Brahem, dem Pianisten Django Bates und dem Bassisten Dave Holland auf Europatournee. Dabei wird die Musik gespielt, die auf der ECM Platte „Blue Maqams“ erscheint. Auch dieser ungewöhnlichen Instrumentierung sieht der Schlagzeuger mit Gelassenheit entgegen. „Ich habe schon mit afrikanischen Musikern gespielt, mit Kora und ganz verschiedenen Instrumenten. Für mich ist das alles nur Musik, wenn ihre Qualität gut ist, die Vibrations erfreulich sind, dann ist ein gutes Resultat zu erwarten. Wir Musiker erfreuen uns alle an guter Musik.“

Vor langer Zeit rief Jack DeJohnette ein eigenes Label ins Leben, die Golden Beams Records. Doch er merkte schnell, dass er als vielbeschäftigter Musiker sich nicht auch noch um das Geschäftliche kümmern konnte. „Bei meinen Konzerten verkaufe ich immer meine Platten recht gut. Es ist leicht für einen Künstler eine Platte aufzunehmen, aber nicht so einfach sie dann zu verkaufen. Es verändert sich gegenwärtig alles beim Music Business. Ich habe keine Ahnung wie es in naher Zukunft mit den Tonträgern aussieht. Die jungen Leute vor allem wollen alles umsonst haben, sie informieren sich auch bei YouTube.“

Einen kurzen Ausschnitt der jeweiligen Musik auf der Homepage zu hören, so wie bei Jack DeJohnettes Hudson bietet eine wertvolle Information, die den Hörer zum Kauf der Platte oder zum Download anregen kann. Solche kleinen „Appetizer“ erweisen sich zumeist als erfolgreich, sie nehmen den Musikern nichts weg, im Gegenteil. „Die meisten Musiker müssen sich mit diesem Strukturwandel herumschlagen, er ist zu einer großen Herausforderung geworden. Es wird daran gearbeitet mit legalen Mitteln die Musik im Internet zu vertreiben, irgendwann werden wir Musiker dann doch noch in den Genuss der uns zustehenden Bezahlung kommen, damit den Respekt erhalten für das, was wir alle tun. Das meiste Geld für eine Existenz verdient man mittlerweile durch Live-Auftritte.“

Ganz so neu ist dieser Sachverhalt nicht. Viele Jazzmusiker hatten in einer gewissen Phase ihres Lebens keinen Plattenvertrag. So etwa Buddy Rich in den 1980er Jahren und damals sagte er, dass die weltweiten Konzertreisen ihm und seiner Big Band die Existenz sichern.

Bereits 2010 wurde Jack DeJohnette vom National Endowment for the Arts als NEA Jazz Master ausgezeichnet. Damit ist auch eine beachtliche Summe verbunden. Er sagte damals: „Ich bin wirklich dankbar dafür Teil einer Kunstform zu sein, die mit anderen kommuniziert und eine globale Wirkung hat. Ich glaube, dass davon überall Harmonie ausgeht.“ Anfang Juli erhielt er beim Montreal Jazz Festival den Miles Davis Award, was ihn sehr erfreute. Dieser 1994 eingerichtete Ehrenpreis geht an verdiente Musiker für ihre Leistung und den Einfluss, den sie auf jüngere Generationen ausüben, so dass sich das Jazz-Idiom immer wieder erneuern kann.

Wenn man JackDeJohnette fragt, ob sich sein Spiel im Lauf der Jahrzehnte verändert hat, dann antwortet er: „Ich denke, es wurde immer besser und reichhaltiger! Ich habe immer eine gute Zeit, wenn ich Musik spiele, es macht mir Spaß. Ich achte auch auf eine gute Kondition, ich halte mich mit Übungen fit, meine Frau und ich machen auch Yoga. Mit Hudson spiele ich jetzt wieder frische Musik und diese Kombination mit John Scofield, John Medeski und Larry Grenadier belebt mich. Wir freuen uns immer wieder, wenn wir zusammenkommen. Die Band hat auch jetzt schon einen klar erkennbaren Sound, ihre Musik spricht sowohl eingeschworene Jazzhörer an als auch Leute, die Rockmusik oder Blues lieben. Die Musik deckt ein großes Spektrum ab. Das Konzept an sich ist nicht neu, der Jazz ist eine Weltmusik und er hat sich immer wieder mit anderen Musiktraditionen auseinandergesetzt, das gehört zu seiner Tradition.“

Text: Gudrun Endress
Fotos: DeJohnette (Wilfried Heckmann), Hudson mit John Medeski, Jack DeJohnette, Larry Grenadier und John Scofield (Phil Douthard)

CD: Hudson (Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski, John Scofield), Motéma Music MTM 0228