Songs, die Momentaufnahmen des Lebens sind


Rebekka
Bakken

Vier Jahre hat es gedauert, bis mit „Things You Leave Behind“ in diesen Tagen wieder ein neues Studioalbum von Rebekka Bakken erscheinen wird. Zählt man das mit der hr-Bigband entstandene Opus „Little Drop Of Poison“, auf dem sich die norwegische Sängerin exklusiv mit Tom-Waits-Songs beschäftigte, nicht mit, sind es sogar schon sieben Jahre, seit eine Platte mit eigenen Kompositionen von ihr veröffentlicht wurde.

In der Zwischenzeit hat es wichtige Einschnitte und Veränderungen im Leben der Sängerin gegeben, die nicht unerheblich mit dazu beigetragen haben, dass Jazzchanteusinnen skandinavischer Provenienz wie Ida Sand, Torun Eriksen, Viktoria Tolstoy, Rigmor Gustafsson oder Sinne Eeg seit den frühen 2000er Jahren verstärkt in den Fokus des internationalen Interesses gerückt sind.

Eine dieser Veränderungen im Leben der Rebekka Bakken war der Umzug von Amerika zurück nach Norwegen. Die Sängerin hatte zum zweiten Mal einige Jahre in New York verbracht – ein Großteil der Stücke auf „Things You Leave Behind“ schrieb sie noch in der Hudson-Metropole – sich aber dann doch entschlossen, zurück in ihre Heimat zu ziehen. Heute lebt sie wieder in ihrer Geburtsstadt Oslo.

„In den 90er Jahren hatte ich schon einmal einige Jahre im Big Apple verbracht. Ich zog wieder nach Europa zurück, hatte aber irgendwie das Gefühl, mit der Stadt und ihren Menschen noch nicht abgeschlossen zu haben. Deshalb beschloss ich, noch einmal nach New York zurückzuziehen“, erzählt Rebekka Bakken während unseres Telefonats. Ich erreiche sie in Südschweden, wo sie vor der anstehenden Tournee zum neuen Album in ihrem Sommerhaus noch ein paar Wochen relaxt. „New York City und seine Menschen hatten sich so sehr verändert, dass ich begann, mich total fremd und seltsam zu fühlen. Kurzum: Ich konnte keine tiefere Beziehung mehr herstellen und aus diesen Gefühlen heraus begann ich damit, die ersten Songs für das neue Album zu schreiben.“

„Things You Leave Behind“ ist ein Album, das sich mit Veränderungen auseinandersetzt, mit Neuanfängen und Rückschauen. Es ist die Platte der Bakken geworden, auf der sie sich, wie auf keinem ihrer Werke zuvor, dem Zuhörer schonungslos öffnet und mitteilt.

„Dieses Album ist das Ergebnis eines Reifeprozesses. Ich habe mir mein bisheriges Leben vorgenommen und es mal aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet. Wenn man dabei wirklich ehrlich mit sich ist, dann ist so ein genaues Analysieren der eigenen Vita ein hartes und manchmal sogar schmerzvolles Stück Arbeit. Was ich dabei gelernt habe, ist: Hör auf, dich immer so ernst und wichtig zu nehmen. Fang lieber an, das Leben einfach zu genießen.“

Nicht unbedingt die schlechteste Lebensmaxime. Im nachfolgenden Gespräch gibt Rebekka Bakken über die Genese des für sie vielleicht wichtigsten Albums ihrer Karriere Auskunft und wir erfahren, warum Stilpluralismus ein Indikator für künstlerische Reife ist.

Rebekka, seit deinem letzten Studioalbum „Little Drop Of Poison“ sind vier Jahre vergangen. Warum hat es bis zu deiner neuen Einspielung so lange gedauert?

Vier Jahre sind wirklich eine lange Zeit und ich kann dir gar nicht so genau sagen, warum es dermaßen lange gedauert hat bis zu dieser neuen Platte. Es ist ja nicht so gewesen, dass ich in der Zwischenzeit nicht gearbeitet hätte. Allerdings bin ich ein Mensch, der von seiner Veranlagung her eher zur Faulheit tendiert. Wenn ich keinen Zeitdruck habe, lasse ich es mir lieber gut gehen und genieße das Leben. Diese Auszeiten sind allerdings auch wichtig für meine künstlerischen Belange. Ich brauche meistens sehr lange, um mir Klarheit über die Inhalte einer neuen Platte zu verschaffen. Diesmal hat es wirklich lange gedauert und es hat sogar gleich mehrere Ansätze gebraucht, um zu einem guten Ergebnis zu kommen.
Hinzu kam noch, dass es in den letzten Jahren enorm viele Veränderungen in meinem Leben gegeben hat und ich mich erst einmal selbst wieder zurechtfinden musste. Ich bin bei einem neuen Label unter Vertrag, habe meine Booking-Agentur gewechselt, zog zurück in meine Heimat Norwegen, lebe in einer neuen Beziehung und bin Mutter geworden. Mein Leben musste erst wieder ein wenig zur Ruhe kommen, damit ich die Arbeit für ein neues Album aufnehmen konnte.

Rebekka, lass uns ein wenig über dein Songwriting sprechen. Du wirst von der Presse und von deinen Plattenfirmen gerne in der Jazzschublade abgelegt. Ich habe dich allerdings nie als ausschließliche Jazzsängerin gesehen, sondern eher als Liedermacherin verstanden, die sich, ähnlich wie es Joni Mitchell oder Rickie Lee Jones getan haben, auch einmal des Jazzvokabulars bedient, um ihre Inhalte zu vermitteln. Wie sieht die Arbeit an deinen Songs aus?

Zunächst einmal freut es mich, dass du mich nicht nur als Jazzsängerin siehst, denn auch ich verstehe mich nicht als solche. Sicherlich hat der Jazz eine gewichtige Rolle in meiner Karriere gespielt und es ist nachvollziehbar, dass man mich diesem Genre zugehörig empfindet. In den frühen Jahren meiner künstlerischen Laufbahn habe ich ja viel mit JazzmusikerInnen wie Julia Hülsmann oder Wolfgang Muthspiel gearbeitet und tue es auch noch heute. Mein letztes Album, der Tom-Waits-Tribut „Little Drop Of Poison“, entstand in Zusammenarbeit mit der hr-Bigband und Jörg Achim Keller. Allerdings ist der Jazz nur eine von vielen Farben in meinem musikalischen Malkasten.
Um aber auf mein Schreiben und Komponieren zu kommen: Ich bin sicherlich keine sehr strukturierte Songwriterin, die akribisch Material sammelt, um dann später aus diesen Notizen heraus neue Stücke zu entwickeln. Die einzige Prämisse, die ich für „Things You Leave Behind“ hatte, war, dass ich etwas für mich völlig Neues machen wollte. Sowohl in musikalischer als auch in erzählerischer Hinsicht.

Aber wie muss ich mir den eigentlichen Schreibprozess vorstellen? Notierst du dir sofort kleine Ideen, wenn sie dir durch den Kopf schießen, ohne schon zu wissen, ob und in welchem Kontext du sie einmal verwenden wirst, oder ist es ein eher zielgerichtetes Arbeiten an Texten und Musik?

Mein Songwriting wird sehr stark durch meine Stimmungen beeinflusst. Sie geben in der Regel die Richtung meines Schreibens vor. So könnte ich zum Beispiel nie einen fröhlichen und ausgelassenen Song schreiben, wenn es mir selbst nicht gut geht. All meine Lieder sind also immer Momentaufnahmen meines Lebens und man kann an ihnen ziemlich gut meine Befindlichkeit zur Zeit ihres Entstehens ablesen. Um aber deine Frage zu beantworten: Ich bin eher der Typ, der beständig Ideen und kleine Textfragmente sammelt, um sie später zu einem fertigen Song zusammenzusetzen. Es kommt nur ganz, ganz selten einmal vor, dass ich einen kompletten Text schreibe und mich dann an mein Klavier setze, um die Musik zu entwickeln. Meinem Songwriting wohnt eine gewisse Tragik inne. Ich schreibe zwar fortlaufend sehr viel neue Musik, einen Text auf diese Musik zu setzen, fällt mir allerdings nicht immer leicht. Ich kann dir gar nicht sagen, woran das liegt, aber es fällt mir erheblich leichter, Wörter in Musik zu kleiden als umgekehrt. So kommt es also nur ganz selten einmal vor, dass die Musik der Ausgangspunkt eines neuen Stückes von mir ist.
Meistens nehme ich mir ein paar meiner Textzeilen, setze mich ans Klavier und spiele zunächst einen Akkord, um die tonale Grundfärbung des Stückes zu finden. Wenn ich die gefunden habe, arbeite ich mich langsam voran, entwickle eine Melodie und versuche, Struktur in den Song zu bringen. Oft bin ich vom Ergebnis selbst überrascht. Diese Arbeitsweise mag ein wenig unorthodox anmuten, aber für mich funktioniert sie ganz gut. Allerdings tendiere ich dazu, immer in derselben Tonart zu schreiben. Da muss ich schon ziemlich aufpassen, damit die Songs nicht alle sehr ähnlich klingen.

Du schreibst jetzt seit fünfzehn Jahren die meisten Stücke auf deinen Alben selbst. Hat sich an deinem Schreibansatz in dieser Zeit etwas verändert?

Meine Arbeitsweise hat sich eigentlich nie verändert. Mein Songwriting läuft in der Regel so ab, wie ich es dir gerade beschrieben habe. Vielleicht nicht gerade die professionellste Arbeitsweise, aber für mich funktioniert es.
Die Themen, mit denen ich mich als Songschreiberin heute beschäftige, sind natürlich andere, als noch zu der Zeit, als ich als junge, aufstrebende Musikerin und Sängerin auf der internationalen Bildfläche erschien. Ich bin älter und erwachsener geworden. Mein Leben, meine Erfahrungen, meine Sichtweisen auf Dinge, meine Lebensumstände und nicht zuletzt die Welt, in der wir leben, haben sich sehr verändert und meine Lieder reflektieren und beschäftigen sich mit diesem Wandel. Ein Album ist das Ergebnis eines Reifeprozesses. Man betrachtet das Leben aus verschiedenen Perspektiven, traut sich, es anzuschauen. Je älter ich werde, desto weniger wichtig nehme ich mich sich selbst. Ich nehme gerne Kleinigkeiten, die ich beobachte, als Saatgut, aus dem ich Geschichten und Personen entstehen lasse. Ich bin ich selbst und ich genieße es, mir viele weitere Lebensarten und -weisen vorzustellen.

Bislang konnte ich die neue Platte leider nur streamen und in Form von mp3-Files hören. Auch hatte ich keine Angaben zu den beteiligten Musikern. Die Musik hört sich durchgehend nach einer kleinen Besezung an.

Ich habe das große Glück, auch bei diesem Album wieder mit ganz fantastischen Musikern arbeiten zu dürfen. Mit dem Pianisten Jesper Nordenström verbindet mich bereits seit vielen Jahren eine musikalische Freundschaft. „Things You Leave Behind“ ist allerdings erst unsere erste gemeinsame Studioeinspielung. Johan Lindström, der mit dem ehemaligen Esbjörn Svensson Bassisten Dan Berglund in der Band Tonbruket spielt, bedient die Gitarre und den Bass. Am Schlagzeug sitzt Rune Arnesen, den man aus den Bands von Nils Petter Molvær, Dhafer Youssef und Kristin Asbjørnsen kennt. Bei „Black shades“ sind der legendäre Multiinstrumentalist Knut Reiersrud – fast schon eine Ikone in der norwegischen Musiklandschaft – und der kanadische Pianist Glenn Patcha dabei, der bereits mit Madeleine Peyroux, Roger Waters, Bettye LaVette, Sheryl Crow und Levon Helm gearbeitet hat.
Was die Arbeit im Studio betrifft, habe ich eine ganz besondere Philosophie, die nicht jedem einleuchten mag: Ich liebe es nämlich, mich dort mit Musikern zu umgeben, die nicht zu meiner Live-Band gehören. Meine Bandmitglieder und ich sind so vertraut miteinander, dass wir uns musikalisch kaum einmal richtig überraschen könnten. Deshalb arbeite ich im Studio gerne mit mir nicht so bekannten Musikern, einfach um mich von ihnen überraschen zu lassen. Natürlich sind mir die Qualitäten eines jeden Musikers, den ich einlade, auf einem meiner Alben zu spielen, bekannt. Allerdings habe ich im Lauf der Jahre die Erfahrung gemacht, dass gerade die Musiker, die mit mir nicht so vertraut sind, mir im Studio unbefangener kreative Sound- und Arrangementideen anbieten, die jenseits meiner musikalischen Komfortzone liegen. Diesen Input suche ich ganz gezielt, damit meine Stücke in musikalische Richtungen verschoben werden, die ich nicht vorherplanen konnte und ein frischer Wind durch meine Stücke blasen kann. Diese unkalkulierbaren Überraschungsmomente mag ich sehr und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele meiner Platten gänzlich anders klingen würden, hätte ich sie mit den Musikern aufgenommen, die mich bei meinen Konzerten begleiten.

Interessant ist auch die Tatsache, dass du diesmal nicht wie in der Vergangenheit auf einen renommierten Produzenten wie Malcolm Burn (Bob Dylan, Daniel Lanois, Emmylou Harris, Patti Smith) oder Craig Street (Cassandra Wilson, Lizz Wright, Madeleine Peyroux, Joe Henry) zurückgegriffen hast, sondern selbst in die Verantwortung gegangen bist.

Es gab ganz einfach keinen Produzenten, mit dem ich bei diesem Album gerne zusammengearbeitet hätte. Vielleicht lag es daran, dass ich diesmal bereits eine ungefähre Vorstellung davon hatte, in welche Richtung sich diese Platte musikalisch bewegen sollte. Hinzu kam noch, dass ich die Aufnahmen in völliger Eigenregie, ohne die Hilfe einer Plattenfirma angegangen bin. In der Vergangenheit kam es schon mal vor, dass meine Firma mir, weil sie sich von einem bekannten Namen zusätzliche Publicity versprach, einen Produzenten vorschlug. Ein renommierter und mit Preisen dekorierter Name im Produzentensessel macht natürlich neugierig und verkauft vielleicht ein paar Einheiten mehr. Produzenten wie Malcolm Burn und Craig Street stehen für einen ganz idiosynkratischen Sound, der wie ein Markenname funktioniert.
Auf „Things You Leave Behind“ bin ich sehr stolz. Die Platte ist sicherlich eine meiner stärksten Veröffentlichungen und zeichnet vielleicht das bislang konturschärfste Bild von mir als Künstlerin. Wer mich wirklich kennenlernen will, sollte sich dieses Album genau anhören. Ein wenig erinnert mich „Things You Leave Behind“ an mein erstes Album „The Art Of How To Fall“, bei dem ich die Zügel mehr oder weniger notgedrungen selbst in der Hand halten musste, weil mich kaum jemand in der Szene kannte.
Für die Zukunft kann ich mir allerdings durchaus vorstellen, wieder mit einem Produzenten zu arbeiten. Projektbezogen kann Input von außen sehr viel Sinn machen. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf diese Platte und möchte die Songs meinem Publikum in Konzerten vorstellen.

Das dürfte für alle Beteiligten ein großes Vergnügen werden, denn dieses Album ist das stilistisch vielleicht abwechslungsreichste deiner Karriere. Du hast Blueselemente ebenso verarbeitet wie Soul- und Gospelpartikel. Es gibt eine Klavierballade, eine Ragtime-Nummer, 20er Jahre Cabaretmusik und Americana-Sounds. Ein solcher Eklektizismus kann auch mal schnell richtungs- und orientierungslos wirken und ziemlich in die Hose gehen.

So bin ich ganz einfach. Meine musikalischen Vorlieben und Interessen sind extrem vielfältig und warum sollte ein Album das nicht spiegeln dürfen? Klar, aus Sicht einer Plattenfirma mag sich das ausnehmen wie ein künstlerisches Husarenstück, aber für mich als Musikerin und Songschreiberin ist es die natürlichste Sache der Welt, sich auf unterschiedliche Weise auszudrücken. Alle großartigen Songwriter von Randy Newman, Tom Waits bis hin zu Joni Mitchell und Neil Young haben sich wenig um die Kompatibilität ihrer Musik mit den Erwartungen des Mainstreams geschert und sind nur ihrer Eingebung gefolgt. Nicht, dass ich mich mit diesen herausragenden Künstlern vergleichen wollte, aber sie haben seit Jahrzehnten bewiesen, dass man als Kreativer besser nur sich selbst vertrauen sollte. Das erhöht einerseits die Glaubwürdigkeit und andererseits die Profilschärfe.

Interview: Thorsten Hingst
Foto: Andreas H. Bitesnich

CD: Rebekka Bakken „Things You Leave ­Behind“, Okeh/Sony Music 19075876372