Jazzpodium-Titel-15-12Clark Terry und Quincy Jones brachten das junge Pianotalent auf den Weg

Justin Kauflin

Der junge, blinde Pianist Justin Kauflin wurde einem größeren Publikum durch den Film „Keep On Keepin‘ On“ bekannt, den sein Studienkollege an der William Paterson University in New Jersey, Alan Hicks, drehte und der von Quincy Jones ko-produziert wurde. Darin sagt der fast ganz erblindete, altersschwache Trompeter Clark Terry in einem bewegenden Moment zu seinem Schützling Justin Kauflin: „I believe in your talents, I believe in you“. Eine wunderbarere und nachhaltigere Bestätigung und Ermutigung aus diesem berufenen Munde könnte man sich gar nicht vorstellen. Auch Quincy Jones lobte den jungen Pianisten: „Einfach ein wunderbarer Musiker das kannst du in jeder Note, die er spielt, empfinden.“ Auch Mulgrew Miller, der half das Talent des jungen Pianokollegen zu schulen, meinte: „Er spielt wurderschön. Sein Spirit und seine Spiritualität scheinen durch sein Spiel hindurch.“ Der 1986 geborene, hochtalentierte Musiker mit dem schweren Schicksal, hat einen unerschütterliche Glauben an das Positive, er sagt mit Überzeugung: „Es gibt immer Wege alles zum Funktionieren zu bringen. Man kann sich an alles anpassen.“
Geduldiger Mentor: Clark Terry
Clark Terry, der großartige Trompetenindividualist, dessen Liebe zu seinen Mitmenschen und dessen Selbstlosigkeit sprichwörtlich war, brachte Justin Kauflin, der mit vier Jahren anfing Geige zu spielen, mit elf Jahren aufgrund einer Ablösung der Netzhaut erblindete, und zum Klavier überwechselte, auf den richtigen Weg. So ergibt es sich wie von selbst, dass in einem Gespräch mit Justin Kauflin früher oder später die Rede auf Clark Terry kommt, der unendlich viele Male in Deutschland auf Tournee war, ob mit eigenen Gruppen, seiner Big Bad Band oder auch in Formationen wie den Trumpet Kings, zu denen Dizzy Gillespie zählte. Als ihn Justin Kauflin erstmals während seiner Studienzeit an der William Paterson Universität in New Jersey traf, war ihm die Lebensleistung von Clark Terry nur unzulänglich bekannt. „Ich wusste, dass er eine wichtige Rolle in der Jazz-Geschichte spielte, in den Big Bands von Duke Ellington und Count Basie arbeitete, aber mir war die Bandbreite seiner Karriere nicht bekannt. Das ist eigentlich eine Schande, aber ich meine das ist überhaupt ein Generationsproblem, denn Musiker meiner Altersgruppe wissen mehr über Trompeter wie Roy Hargrove Bescheid oder über Nicholas Payton, Wynton Marsalis. Aber all diese Trompeter respektierten Clark Terry. Und ich wunderte mich darüber, warum meine Generation so wenig Kenntnis von Clark Terry hat. Wir haben dieses Bewusstsein für die früheren Jazzgenerationen verloren, den Respekt vor ihrer Lebensleistung.“ Bekanntlich hat Wynton Marsalis sich vor allem in den letzten Lebensjahren enorm für Clark Terry eingesetzt, ihm geholfen die richtigen Ärzte für sein Rückenleiden zu finden, und ihn noch kurz vor seinem Tod mit einigen Musikerkollegen besucht und ihm an seinem Krankenbett ein Ständchen dargebracht. Wahrscheinlich hat Marsalis auch finanziell ausgeholfen, denn obwohl Clark Terry weltbekannt wurde, war er nie ein reicher Mann, so kostete ihn seine Big Bad Band auch ein kleines Vermögen. Geld war für Clark Terry auch nie ein Thema. Das hat auch Justin Kauflin erlebt: „Er hatte zwei Leidenschaften: Musik und Mitmenschen. Dafür lebte er. Clark besaß die Gabe, dass sich jeder in seiner Gegenwart wohlfühlte. Als ich ihn persönlich traf, war ich überrascht wie warmherzig er mich vom ersten Moment an behandelte. Schon die Umstände unseres Kennenlernens waren einmalig. Er drohte aufgrund seiner Diabeteserkrankung zu erblinden. Mein Freund, der Drummer Alan Hicks, sagte mir: ‚Komm ich bringe dich rüber zu Clark Terry, du bist der Richtige, der mit ihm über seine drohende Erblindung sprechen und dem du seine Angst etwas nehmen kannst.‘ Und so traf ich Clark Terry das erste Mal. Ich konnte ihn auch ein wenig ermutigen, ihm erzählen, wie ich das damals empfand, als ich mit 11 Jahren mein Augenlicht verlor. Ich hoffte, dass er dadurch eine bessere Perspektive auf seine schleichende Erblindung bekommen würde. Ich versicherte ihm glaubhaft, dass damit sein Leben nicht am Ende wäre. Und genau das wollte er auch hören, denn er hatte Angst vor der ewigen Dunkelheit, die ihn erwartete. Bei unserem ersten Treffen war das zunächst ein Thema, danach sprachen wir über Musik und schließlich machten wir gemeinsam Musik. Er fragte mich beispielsweise: ‚Kennst du dieses Stück?‘ Das konnte etwa eine Duke Ellington Melodie oder sonst etwas Bekanntes sein. So fing er dann auch immer meine weiteren Unterrichtsstunden an. Er spielte oder sang dann das eine oder andere Stück. Und ich spielte gleich am Keyboard die Begleitung dazu. Es stellte sich auf Anhieb ein Gefühl ein, als ob wir schon seit langem Freunde wären. Überall hatten Menschen, die ihn trafen dieses Gefühl des Vertrautseins. Er besaß diese bewundernswerte Eigenschaft. Das besondere an der Art und Weise wie Clark unterrichtete, war die totale Hingabe an die Musik, er konnte in jedem Moment, aus dem Augenblick heraus immer intuitiv richtig agieren, wie das bei Jazzmusikern oftmals der Fall ist. Bei Clark war das einzigartig. Wenn ihm ein Stück in den Sinn kam, das er aber nicht zuvor geplant hatte zu spielen, dann sagte er: ‚Ist dir das Stück bekannt?‘ Manchmal kannte ich es, bisweilen aber nicht. Wir spielten es dann, und ich lernte dadurch es auf ganz spontane Art zu tun, wenn er mir einen Song, eine Melodie nahe brachte, dann etwa zunächst die Basslinie davon sang. Darauf blies er den Song auf der Trompete, und dann spielten wir ihn zusammen und ich fand dabei die passenden Akkorde heraus, bisweilen sagte er sie mir auch. Ich lernte alles durchs Gehör, das war seine Art mir Musik zu vermitteln. Er improvisierte dann ein Solo und dabei konnte ich die Akkordwechsel erkennen. Ich lernte in diesem einfachen Prozess so viel, ich lernte ganz aus dem Moment heraus Musik zu machen, flexibel zu sein, auch eine gewisse Routine zu erreichen. Ganz wichtig war es für mich die Bedeutung einer Melodie richtig zu erkennen. Wenn auch nur eine einzige Note nicht so ganz an ihren richtigen Platz kam, dann sagte er: ‚Nein, das ist nicht richtig‘ und ging noch einmal zurück. Es ist nicht hoch genug zu schätzen auf diese Weise zu lernen. Er besaß auch einen großen Respekt den jeweiligen Komponisten der Songs gegenüber. Das haben leider die meisten Musiker nicht, sie wollen gleich über die Melodie improvisieren und sich selbst damit darstellen. Das, was mir Clark Terry klarmachte und beibrachte, werde ich niemals vergessen. Er sagte nie mit Nachdruck: ‚Du musst die Melodie lernen.‘ Er vermittelte sie mir geradezu spielerisch.“
Die Kniffe des Ensemblespiels
„An der Universität lehrte Clark Terry Ensemblespiel, er leitete sechs- bis siebenköpfige Formationen. Da arbeitete er einmal am Repertoire und lehrte uns sein Konzept des Spielens in kleinen Gruppen, praktisch die Mechanik des Funktionierens im Ensemble. Er sagte beispielsweise: ‚Lasst uns zusammen an einer Intro für diesen Song arbeiten.‘ Und wir überlegten uns eine Intro für die Band, eine für die Rhythmusgruppe und dann arbeitete er mit den Bläsern, an deren Artikulation, an der korrekten Ausarbeitung der Melodie und schließlich machten wir alles gemeinsam. Er kam aus den zwei wichtigsten Big Bands der Jazzgeschichte, wusste also den Bläsern Dynamik, Phrasierung zu vermitteln. Und dann ging es an die Soli. Da kam zuerst einmal die Arbeit mit der Rhythmusgruppe, deren Spiel hinter einem Solisten. Etwa, dass sie eine bestimmte Figur spielten. Eines seiner Lieblingsthemen war ‚Charleston‘, und dabei tanzten seine Füße zum Spiel der Rhythmusgruppe. –Besonders in der ehemaligen Gruppe von Clark Terry und Bob Brookmeyer gab es diese besondere Interaktion der Bläser mit der Rhythmusgruppe. – Dann arbeitete er mit dem Saxophonisten an einem Solo, danach vielleicht mit dem Trompeter und schließlich noch mit dem Posaunisten, die dann auch gemeinsam als Background eine bestimmte Figur spielten. Das sind alles aufschlussreiche Dinge, die aus seinem enormen Erfahrungsschatz stammten. Er vermittelte uns also all das in ‚real time‘.“
Ein begnadeter Performer
„Clark Terry war für mich der beste Performer, den ich jemals erlebte. Es geht nicht nur darum als Musiker sehr gut zu sein, auch die Performance, die Bühnenpräsentation ist maßgebend. Du musst das Publikum mit einbeziehen können. Du kannst nicht nur komplizierte Musik auf hohem Niveau anbieten. Das ist oftmals nicht das, was das Publikum hören möchte. Die Hörer möchten etwas erleben, zu dem sie Kontakt finden. Ich erlebte Clark Terry lachend, Späßchen machend, lustige Stories erzählend, so dass das Publikum hörbar Freude daran hatte zugegen zu sein. Und zudem war er bei allen unterhaltenden Qualitäten ein großartiger Musiker. Diese beiden Dinge zu kombinieren wird dir kaum jemals an einer Universität gelehrt. Die meisten Studenten nehmen sich vor an diesem oder jenem Punkt ehrgeizig zu arbeiten, um die Hörer damit zu beeindrucken. Sie bilden sich dann ein, alle Welt reißt sich um sie, sie könnten überall auftreten. Die Wahrheit sieht aber so aus, dass sie nicht engagiert werden, denn niemand kennt sie. Sie leben mehr oder weniger in einem Überaum. Du musst bei deinen Auftritten den Leuten etwas bieten, denn sie haben dafür Eintritt bezahlt. Gut, zumeist kann das Publikum deine Leistung schätzen, aber entscheidend ist, wie du sie präsentierst, ob du mit den Hörern eine Verbindung aufzubauen verstehst. Warum sollte man nicht zum Publikum sprechen, freundlich, unterhaltend sein. Das war in der Ära von Clark Terry und all den Musikern mit denen er spielte, ganz wichtig. Ich möchte diesen unterhaltenden Faktor auch in meiner Musik zeigen, denn wenn ich so sehr am Spiel engagiert bin, dann will ich die Hörer dazu einladen, Teil davon zu werden. Das ist meine Konzeption, aber es gibt eine Vielfalt anderer Konzeptionen, das alles hat seine Berechtigung.“
„For Clark“ – ein Dank an Clark Terry
Clark Terry sagte, dass er sich antrainiert hätte auf einer Plattform positiven Denkens zu stehen und von dort aus zu agieren. Und das obwohl er auch eine Menge Ungerechtigkeiten in seinem langen Leben erfuhr. Nicht zuletzt seine Enttäuschung über Miles Davis, als der Clark Terrys Hab und Gut verkaufte, um seine Sucht zu befriedigen. Doch daraus resultierte keine lebenslange Feindschaft, Clark konnte Miles, der wie er aus St. Louis stammte, großherzig verzeihen. Justin Kauflin weiß um all diese Dinge und bewundert Clark Terry umso mehr. „Kurz vor seinem Ableben, als er schon im Hospital lag, kam die Rede auf Miles, und da sagte Clark: ‚He was a sweet cat.‘ Er konnte vergeben.“

Justin Kauflin ist im Internet mit seinem Clark Terry gewidmeten Stück „For Clark“ nachzuerleben. Es beginnt sehnsuchtsvoll, gewinnt dann langsam zusehends an Spannung. Er bringt darin ein paar kleine Phrasen zu Gehör, die an Clark Terrys Spiel erinnern. „Dieses Stück hat sich mit der Zeit stark verändert. Die Melodie bleibt freilich immer die gleiche. Meine Idee war die etwas Einfaches in seinem Gedenken zu spielen. Clark Terry kam immer auf den Punkt. Wenn ich an seine Musik denke, dann ist sie fröhlich und trifft immer auf den Punkt. Alles ist relativ einfach, dahinter steht nicht das Bemühen hip zu sein. Er nahm beispielsweise eine einfache melodische Phrase, die singbar ist, die du sofort summen kannst, und hielt sich daran, baute darum herum nicht viel anderes Zeugs auf, das ist auch gar nicht nötig. Viele Musiker halten so etwas für nicht avanciert, für nicht kompliziert genug. Ich fragte Clark einmal, wie sein Vorgehen beim Komponieren wäre. Er meinte: ‚Versuche eine gute Melodie zu finden, füge die passenden Akkorde dazu.‘ Wir ließen uns in der gemeinsamen Arbeit so einige Songs im Moment einfallen. Sie waren alle einfach und heiter. An solche Momente dachte ich, als ich im Gedenken an ihn einen Song konzipierte. Wenn ich etwas schreibe, dann soll das eine schöne Melodie sein, die sich gleich einprägt. Zu Beginn hatte das Clark Terry gewidmete Stück durchweg einen up beat, es war mehr ein schnelleres Stück. Als ich es dann öfter spielte, vor allem nach seinem Tod, dann wurde es immer stärker zu einer Ballade. So gefällt es mir heute auch besser, denn es lässt mir mehr Raum an ihn zu denken und ihn durch die Töne zu charakterisieren. Und damit meinen Dank an ihn in Musik zu fassen, und gleichzeitig zu zeigen, wie sehr ich ihn vermisse“.

Justin Kauflin lernte sehr viel von Clark Terry und es gibt immer wieder auch Momente auf der Bühne, wo ihm bewusst wird, dass er das, was er gerade spielt, wie er es spielt, von dem erfahrenen Altmeister gelernt hat. „Er ist und bleibt ein großer Einfluss für mich. Ich lernte von ihm viel, ich möchte ihm Tribut zollen mit dem was er mir vermittelte und es dabei zu meinem Eigenen machen. Ich möchte ihm etwas schenken, Clark gewiss nicht kopieren. Manchmal schreiben Musiker einen Song genau so, wie eines ihrer Vorbilder ihn geschrieben hätte.“ Das möchte Justin Kauflin unbedingt vermeiden, aber den Geist seines Mentors, seines musikalischen Vaters darin wiedergeben. Zudem verändert sich sein Spiel von Nacht zu Nacht, vor allem, wenn er solo auftritt. Er hat die verschiedensten Emotionen, wenn er an Clark Terry denkt, die Musik spiegelt etwa am Anfang die Sehnsucht nach ihm, wenn er dann weiterspielt, wird sein Spiel etwas freudiger, seelenvoller.
Sich nicht selbst im Wege stehen
Justin Kauflin scheint schon in jungen Jahren den Punkt erreicht zu haben, an dem er alles, was ihm beim Spielen in den Kopf kommt, technisch gleich umsetzen kann. „Nein“, stellt er richtig und erklärt: „Es hängt davon ab, ob man wie manche Leute sagen, seine ureigenste Stimme gefunden hat. Meine Antwort wird immer nein lauten. Wenn ich ja sagen würde, könnte ich mit dem Spielen aufhören. Denn was bedeutet es, wenn man nicht mehr der Überzeugung ist, dass man immer weiter wachsen kann. Ich glaube, dass ich einen Punkt erreicht habe, an dem ich mich bei diesem Prozess sehr viel wohler fühle. Ich spüre auch nicht mehr den Zwang, dass ich, wenn ich hier bin, dort sein sollte. Ich kann mich daran freuen, was ich jetzt anzubieten habe. Ich bin deshalb gelassener und denke: Ich werde schon noch dahin kommen!“

Der junge Pianist kennt zur Genüge auch jene Momente, in denen er sich nicht mehr selbst als Spieler wahrnimmt, sondern das Gefühl hat, dass die Musik ihn spielt. Und das hält er für die besten Momente. „Ich nehme solche Augenblicke so wahr, dass ich mir nicht mehr selbst im Wege stehe. Der Spirit der Musik – oder wie immer man das erklären will – muss einfach herausgelassen werden. Ich möchte jetzt nicht esoterische Gedanken entfalten, aber ich kenne jene Augenblicke, habe sie oftmals durchlebt. Wir sind in starkem Maße ein Gefäß und wenn man es schafft sein Ego hintanzustellen – denn das ist im Wege – wenn das also gelingt, dann erlebt man die besten Momente. Ich strebe immer danach, aber in der Zwischenzeit übe und spiele ich sehr viel.“

Sein Freund, der Filmemacher Alan Hicks, hat Justin Einblicke in den Terminkalender von Clark Terry aus den 1960er Jahren verschafft. Und da ging’s Tag für Tag los mit Studioterminen am Morgen, kommerzieller Arbeit, dann meist am frühen Nachmittag einem Termin für eine weitere Aufnahme im Studio, gegen später etwa eine zweite Aufnahme und danach kam der Gig um 20 oder 21 Uhr. Seine Tage waren mit Spielen ausgefüllt, er war unglaublich viel in den 1960er Jahren beschäftigt. Und dann schrieb er oftmals nach einem Auftritt in sein Notizbuch: Üben – und das auch oftmals ganz spät in der Nacht. Kauflin zeigte sich sehr beeindruckt von Clark Terrys unermüdlichem Einsatz. „Ich möchte auch niemals den Wunsch verlieren zu üben. Ich meine Clark und seine Generation hatten eine große Leidenschaft für das Spielen. Wenn ein Musiker nicht sein Horn an die Lippen setzt oder am Klavier sitzt, dann weiß der eine oder andere nichts mit seiner Freizeit anzufangen. Ein Musiker lebt durch seine Musik.“
Schützling von Quincy Jones
Quincy Jones hatte den Plan Clark Terry einer jüngeren Generation bekannt zu machen und dabei wurde erwogen Clark Terrys Vocals, seine Mumbles, in irgendeiner Weise mit dem Rap von Snoop Dog zu kombinieren, der wie Clark Terry aus St. Louis stammt. „Er stellte sich die Zusammenarbeit so vor, dass Clark seine Mumbles beisteuern würde und Snoop dazu rappen würde, sie sich vielleicht in einem Blues gegenseitig hochschaukeln würden. Quincy kam mit diesem Plan zu Clark nach Hause und ich war in jenem Moment gerade bei ihm, doch wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nichts von diesem geplanten Projekt. Wir machten gerade wieder einmal Aufnahmen für den Film. Quincy hatte seinen Besuch kurzfristig angekündigt und verlauten lassen, dass er Snoop mitbringen wolle zu gemeinsamen Aufnahmen mit Clark. Wir wunderten uns, was er im Schilde führte. Snoop kann auf andere Weise als ein Jazzmusiker improvisieren, eben mit Lyrics. Snoop konnte dann doch nicht diesen Termin wahrnehmen, er hatte sein Bein verletzt. Quincy erschien darauf alleine, wollte, wie er sagte, einen Tag gemeinsam mit seinem ‚alten Lehrer‘ verbringen. Als Quincy die Filmkameras sah, fragte er was wir denn planten. Wir erklärten ihm, dass wir an diesem Film mit einigen Studenten von Clark arbeiten würden. Ich hatte das Gefühl, dass Quincy zunächst skeptisch war, dass uns dieses Projekt gelingen würde. Denn Alan Hicks ist Australier, war nicht aus erster Hand mit der Jazzgeschichte vertraut. Er verfügte zudem über so gut wie keine finanziellen Mittel, hatte aber sehr gute Ideen und eine Menge Liebe und Mitgefühl für Clark. Wir waren allein dadurch fähig den Film abzudrehen. Quincy half uns dann dabei den Film herauszugeben. Das war meine erste Begegnung mit Quincy, es war ein ereignisreicher Tag, den ich mit Clark und Quincy zusammen verbringen durfte.“

Der Film „ Keep On Keepin‘ On“ half enorm Clark Terry ins Gedächtnis einer älteren Generation zurück zu rufen und gleichzeitig junge Menschen für diesen großartigen Individualisten zu begeistern. Der junge Pianist freut sich über jede Gelegenheit Clark Terry immer mehr Menschen nahe zu bringen. Er ist sehr glücklich über den Film, durch den viele erst auf Clark Terry überhaupt aufmerksam geworden sind und ihn wirklich kennenlernen konnten. Justin Kauflin wird auch sein Leben lang nicht den Moment vergessen, in dem er mit Quincy Jones bekannt wurde. Er saß an Clark Terrys Bett als Quincy hereinkam und Clark stellte ihn Quincy mit den Worten vor: ‚Hast du diesen jungen blinden Pianisten schon kennen gelernt?‘ Quincy fragte ihn nach seinem Namen. Der junge Mann war furchtbar nervös, richtig eingeschüchtert und stellte sich vor: „Mein Name ist Justin Kauflin.“ Und dann meinte Clark: „Quincy du solltest ihn mal spielen hören!“ Darauf wurde ein Keyboard ins Wohnzimmer transportiert und Justin hoffte insgeheim, dass Quincy ihm in irgendeiner Weise Unterstützung zukommen lassen würde. „Quincy durfte eine unglaubliche Karriere erleben, er machte großartige, höchst erfolgreiche Produktionen. Hielt jedoch immer die Verbindung zu Clark Terry. Nachdem er mich spielen hörte, sagte er zu Clark: ‚Dieser Sound geht mir nicht aus dem Kopf!‘ Das war eine wunderbare Bestätigung für mich, denn ich arbeite sehr viel an meinem Sound. Und ich bekam dann auch Unterstützung von ihm, er produzierte meine Debüt-CD, gab uns viele nützliche Ratschläge. Das ist unermesslich viel wichtiger als eine direkte finanzielle Unterstützung. Die Produktion ist ein Joint Venture mit Quest. Der Vertrieb liegt bei harmonia mundi. Ich bin sehr glücklich, dass ich Quincy persönlich treffen konnte, es ist unglaublich wichtig für mich, dass er mich bei diesem Projekt führte und auch nachhaltig ermutigte. Er sagte nicht direkt: ‚Tue dieses oder jenes.‘ Ich wusste vorher nicht, ob er als so berühmter Produzent mir solche Anweisungen geben würde. Er sagte nur zu mir: ‚Ich bin hier, damit zu dein Ding machen kannst.‘ Ich fragte ihn das eine oder andere, etwa nach einer Aufnahme, ob er meinte, dieser Song sei so gelungen wie er sich das vorstellen würde. Er entgegnete dann etwa: ‚Sag deinem Drummer dieses zu tun‘! Also ganz einfache Anmerkungen, aber absolut treffende. Oder: ‚Verändere da das Feel.‘ Oder: ‚Ich denke, dass das für den Song nicht unbedingt das beste Tempo ist.‘ Deshalb ist er so groß geworden als Produzent. Ich hätte es mir niemals träumen lassen, dass sich mir als Jazzmusiker eine solche Chance bieten würde. Ich stamme aus Virginia Beach, Virginia. Dort war ich einer von vielen Nachwuchsmusikern, bekam immer wieder einige Gigs als Sideman. Und ich dachte, dass so mein weiteres Leben verlaufen würde. Die Begegnung mit Clark Terry war schon etwas Einmaliges für mich. Aber ich hätte mir niemals ausmalen können, dass diese Förderung von Quincy Jones auf mich zukäme. Ich bin darüber sehr, sehr glücklich und versuche immer mein Bestes zu geben. Das war unglaublich viel Ansporn für mich, inspiriert mein weiteres Wachstum nachhaltig. Als ich einen Vertrag mit der Quincy Jones Management Company abschließen konnte, mit ihm arbeiten konnte und danach oftmals gefragt wurde, wie es mir denn jetzt gehen würde, da entgegnete ich immer: ‚Am besten ich gehe jetzt nach Hause und übe, übe, übe.‘ Es war ein Segen, dass ich mit Clark Terry und Quincy Jones arbeiten konnte, dafür bin ich unendlich dankbar. Jemandem, dem ich auch sehr dankbar bin, ist Mulgrew Miller, der Pianist. Wenn man solche Chancen geboten bekommt, dann fühlt man auch Verantwortung immer weiter an sich zu arbeiten. Ich hatte das Glück mit ihnen viel Zeit verbringen zu können, und ich sehe es als meine Aufgabe an, diese Haltung, diesen Spirit, dieses Erbe weiter zu vermitteln und die Integrität dieser Persönlichkeiten, die so viel zur Musik beitrugen, hoch zu halten. Und das mein ganzes Leben lang. Jedes Mal, wenn ich Musik mache, denke ich an Clark Terry. Die Erinnerung an ihn verblasst nie, seinen Geist kann ich in jedem meiner Auftritte wiederbeleben, denn er beeinflusste, ja prägte mich in vielerlei Hinsicht. Je mehr ich wachse, umso besser ich werde, desto stärker wird meine Überzeugung, dass er immer in meinem Spiel gegenwärtig ist. Nicht nur meine Musik, auch mein ganzes Leben ist davon geprägt. Es geht um Integrität.“
Harte Arbeit: Komponieren
Dem Pianisten fällt es nicht leicht selbst zu komponieren, der Reifeprozess braucht seine Zeit. Beispielweise fliegt ihm, wenn er am Piano sitzt, eine Idee zu, die ihm gefällt, aber um daraus ein Stück zu machen, muss er viel Zeit dafür aufwenden. „Eine Idee kann alles Mögliche sein, vielleicht startet ein Stück etwa nur mit der Basslinie, ein anderes mit Akkordprogressionen. Manchmal habe ich den Anfangspunkt für einen Song im Kopf, wenn ich beispielsweise nur den Rhythmus, das Tempo habe, dann muss ich mir überlegen, was für eine Melodie dazu passt. Oftmals habe ich erfahren und das halte ich auch für richtig, dass man die Ideen, ganz gleich woher sie kommen, auffangen und verarbeiten soll. Es gibt keine festgelegte Art zu Komponieren. Ich muss ganz offen dafür sein, denn auch beim Komponieren empfinde ich mich zunächst wie ein leeres Gefäß. Ich kann dann Einfälle durch etwas Erlebtes, eine Interaktion mit meinen Partnern bekommen. Der Prozess es auszuarbeiten, zu verfeinern ist das Zeitraubende. Wenn du eine Idee hast, solltest du sie auf eine Weise präsentieren, die wirklich gut ist. Es sollte etwas sein, das zu den Menschen spricht.“
Lebenselixier: Musik und Glaube
Wenn Justin Kauflin ein neues Stück zu seinen Trio­partnern mitbringt, dann verändert es sich durch das gemeinsame Spiel. „Im Aufnahmestudio veränderte sich alles immer mehr. Und Quincy zeigt sich schließlich etwas aufgebracht. Ich hatte ihm zuvor die Noten gegeben, und was er dann hörte, verwunderte ihn. Er meinte: ‚Das ist doch nicht das, was dasteht!‘ Ich sagte dann, wir hätten die Musik verändert, denn wir hätten gemerkt, dass es so nicht optimal funkioniert, wie es ursprünglich geplant war. Für die CD hatte ich als erstes Stück ‚For Clark‘ geschrieben, ich wollte ihm damit meinen innigsten Dank erweisen.“ Außer dieser Widmung an Clark Terry spielte er auf der Debüt-CD noch weitere Widmungen an andere Lehrer, die er als Anfänger bei seinem Jazzunterricht hatte, daher der Name „Dedications“. Aber der Begriff hat auch eine weitere Bedeutung, zeigt seine „dedication“, seine Hingabe an die Musik und ebenso an seinen Glauben, seine Spiritualtität. Als er mit 11 Jahren sein Augenlicht verlor, wurde die Musik zum Fokus seines Lebens. „Wenn du so etwas erlebst, dann weißt du auf einmal was wirklich wichtig ist und was nicht. In jungen Jahren erkannte ich, was für mich lebenswichtig ist: Musik und mein Glaube, meine Familie, meine Freunde. Meine Spiritualität inspiriert meine Musik immer wieder aufs Neue, Musik und Glaube interagieren, denn Musik ist mein Handwerkszeug um Dankbarkeit zu zeigen, ich kann sie mit anderen teilen. Mein Talent ist eine Gabe, die ich von einem höheren Wesen geschenkt bekam. Und ich fühle, dass ich deshalb etwas zurückgeben, andere Menschen damit erfreuen sollte. Ich fühle die Verantwortung meine Gabe mit anderen zu teilen. Musik ist ein Vehikel, mit dem ich das ausdrücken kann, sie ist mein Glaube, mein Gebet, meine Meditation. Und das bietet fortwährende Inspiration für meine Musik. All das ist eng miteinander vernetzt. Ich fühle mich immer noch als Anfänger, ich glaube Musik und Leben fließen zusammen, meine Musik wird durch mein Leben informiert, inspiriert. Wenn du nicht wirklich lebst, an was kannst du dann andere teilhaben lassen?! Ein großer Teil meines Lebens macht die Spiritualität aus. Daher kommt die Musik und ich möchte immer weiter wachsen als Mensch und Musiker, das geht Hand in Hand.“

Wenn er hört, dass andere Musiker sehr erfolgreich sind, dann kommt kein Neidgefühl in ihm auf. Denn er weiß, was letzten Endes für ihn wichtig ist: die Musik. Clark Terry hat ihm auch vorgelebt, dass es in erster Linie um die Musik geht, und dass man damit andere Menschen erfreuen kann. „Deshalb lebte Clark auch so lange, obwohl er schwierige Phasen mit seiner Gesundheit hatte. Aber wenn einer seiner Studenten auftauchte, dann war es, als ob er aufleben würde. Er lebte dafür, sein Wissen, seine Erfahrung zu teilen, junge Musiker wachsen zu sehen. Ich werde immer wieder gefragt, was für Gefühle ich gehabt hätte als Clark Terry mich anrief, um mir mitzuteilen, dass Quincy Jones mich auf eine Welttournee mitnehmen wollte. Gut, natürlich freute ich mich sehr, aber ich vergesse nie, wie froh das Clark Terry machte. Er freute sich unglaublich für mich. Das bewirkte auch, dass ich dieser Tournee richtig entgegenfieberte. Die Freude, die Clark Terry empfand, dass sich etwas in meiner Karriere bewegt, machte ihn unglaublich glücklich. Ich rief dann auch Clark Terry immer mal wieder während der Tournee an und berichtete, was ich erlebt hätte, wo ich aufgetreten wäre. Und jedes Mal spürte ich seine Freude über meine Fortschritte. Ich wollte ihm auch damit Dank sagen, für alles, was er für mich getan hatte. Ich fügte dann immer an, dass ich es überaus zu schätzen wisse, was er für mich bewegt hatte, was ohne ihn gar nicht möglich gewesen. Es ist wichtig, dass wir Musiker eine Community bilden, es geht nicht darum, dass wir ständig miteinander wetteifern. Im Lauf der letzten Jahre hat sich die Szene alles andere als gesund gezeigt, wir müssen das wieder umkehren und uns gegenseitig unterstützen. Es darf kein Verdrängungswettbewerb aufkommen. Wir sollten uns zwar musikalisch aneinander messen, denn das bewirkt, dass jeder viel mehr übt und an seiner Musik arbeitet. Clark, dessen beste Freunde Trompeter wie Roy Eldridge usw. waren, sagte, wenn er etwas Besonderes von diesem oder jenem Trompeter hörte: ‚I’ll be better than that mother…‘ Das bedeutete aber nicht, dass er seine Kollegen beneidete oder gar versuchte an ihre Gigs heran zu kommen, es war für ihn eine ­Inspiration noch besser zu werden. Wir sollten uns ­gegenseitig inspirieren, um eine immer noch bessere L­eistung hervorzubringen.“

Text: Gudrun Endress
Fotos: Justin Kauflin (Gustavo Moritu), Clark Terry (Manfred Rinderspacher)

CD: Justin Kauflin „Dedication“, Jazz Village 579003/harmonia mundi
DVD „Keep On Keepin‘ On“, Film von Alan Hicks mit Clark Terry und Justin Kauflin